Urbane Wälder - Alternative zu traditionellen Grünflächen?

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Fachkompetenz bei der Erhaltung urbaner Wälder reduziert auf Dauer auch Kosten. Fotos: Astrid Hamm

Auch einzelne Bäume wie Bäume in Parkanlagen, Strassen- und Alleebäume sind Teil des urbanen Waldes.

Zeche Rheinelbe im Ruhrgebiet: neue Erholungswälder auf stillgelegten Zechen.

In Anbetracht der weiterhin rapide wachsenden Verstädterung kombiniert mit den Auswirkungen des Klimawandels und den zahlreichen daraus resultierenden Problemen spielen urbane Wälder und Bäume eine zunehmende Rolle als Eckpfeiler der "grünen Infrastruktur" unserer dicht besiedelten Lebensräume. Auch in Bezug auf wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Urbane Wälder als raumübergreifende Gefüge städtischer Erholungsgrünflächen bieten weitaus mehr als die bekannten Wohlfahrtswirkungen. Sie verbessern das städtische Klima und die Luftqualität maßgeblich durch CO- und Feinstaubfilterung, unterstützen die Regulierung des Wasserhaushalts, und fördern den Erhalt der Artenvielfalt, um nur einige ihrer sogenannten Ökosystemdienstleistungen zu nennen. Ungeachtet dessen werden diese Leistungen bisher von politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen. Der Wirtschaftsfaktor Natur wird ökonomisch umgangen. Das jedoch widerspricht einem der grundlegenden Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft, nämlich dem des nachhaltigen Umgangs mit Ressourcen, was sich auch auf Ressourcen wie Land, Wasser und Luftqualität bezieht. Deshalb müssen Ökosystemdienstleistungen zukünftig monetär eingebunden und mit den Kosten abgeglichen werden, um die urbanen, ökonomischen und ökologischen Entwicklungen verbunden mit dem fortschreitenden Klimawandel wirksam zu steuern.

Zu diesem Zweck wurden unterschiedliche Modelle entworfen die zeigen, dass der marktwirtschaftliche Nutzen urbaner Wälder im Vergleich zu dessen Kosten um ein Mehrfaches höher liegt. In Deutschland beklagen öffentliche Verwaltungen bisher jedoch vorwiegend die Kosten urbaner Bäume und städtischer Erholungswälder. Einerseits erwähnen gängige Bewertungssysteme Wohlfahrtsfunktionen von urbanem Grün und Bäumen. Andererseits werden diese, da nicht genau kalkulierbar, auf monetärer Ebene weit unterhalb der Kosten angesetzt, falls überhaupt. Deshalb bedarf es einer grünen Neukonzeptionierung, um Ökosystemdienstleistungen sowie Wohlfahrtswirkungen urbaner Wälder auch auf monetärer Ebene zu evaluieren und in die Kalkulation öffentlicher Verwaltungsbudgets mit einzubeziehen. Ökosystemleistungen müssen in Wert gesetzt werden, vor allem in Hinblick auf die klimatischen Veränderungen und damit verbundenen Negativentwicklungen. Wir brauchen hochleistungsfähige städtische Naherholungsflächen mit Bäumen und Wäldern für gute Lebensqualität in der Zukunft.

Jungbäume überleben städtische Lebensbedingungen ohne fachlich angemessene Maßnahmen nicht.

Zahlreiche Bäume fallen fehlendem oder unzureichendem Baumschutz auf Baustellen zum Opfer.

Fehlende Fachkompetenz bei Verantwortlichen und leere Kommunalkassen führen regelmäßig zu unsachgemäßem Baumschnitt im öffentlichen Raum.

Verstädterung und Klimawandel

Ungefähr 88 Prozent der Deutschen leben heute in Städten oder im städtischen Umfeld. Unsere Städte wachsen weiter und der fortlaufende Flächenfraß verschlingt täglich eine Fläche von 74 Hektar. Mehr als 80 Prozent der jährlichen Produktion von Öl, Gas und Kohle wird derzeit in den Städten verbraucht. Dies wiederum hat drastische Auswirkungen auf den Fortschritt des Klimawandels im Kontext zunehmender Urbanisierung und dem damit verbundenen Flächenfraß. Viele grüne Naherholungsgebiete mit ihren wichtigen Funktionen fallen diesen Entwicklungen zum Opfer oder werden stark eingeschränkt. Naturschutzorganisationen wie BUND und NABU beklagen, das der Biotop- und Artenverlust noch nie so hoch war wie heute.
Darüber hinaus führt vermehrte Bodenversiegelung dazu, dass Wasser nicht mehr effektiv genutzt wird, und dessen Kühlungseffekt aufgrund wesentlich geringerer Verdunstung, vor allem auch durch große Bäume, verloren geht. Davon beeinträchtigte Wasserkreisläufe wirken sich zudem negativ auf unser Trinkwasser aus.
Neben der Architektur von Gebäuden und Straßen sind Industrieabwärme, Gebäudeheizung und der Kraftverkehr weitere Energiequellen, die zum Wärmeinseleffekt in Städten führen. Langfristig gesehen werden diese Entwicklungen verheerende Auswirkungen auf unsere Lebensqualität haben, insbesondere angesichts der immer stärkeren Negativwirkungen des Klimawandels auf unseren städtischen Lebensraum. Denn der strukturelle Aufbau einer Stadt spielt eine wesentliche Rolle für die städtische Energie- (Hitze, Kälte, Wind) und Wasserregulierung. Anders als auf dem Land beeinflussen in der Stadt vor allem Bauwerke das Klima durch einen veränderten Wärme- und Strahlungshaushalt und ein verändertes Windfeld.4

Urbaner Wald

Urbaner Wald, das sind nicht nur Wälder im städtischen Umfeld. Auch der gesamte Bestand von Einzelbäumen in und um städtische Ansiedlungen gehört dazu.
Urbane Wälder sind nicht nur Erholungsflächen, Lebens- und Kommunikationsräume sowie Naturgebiete für Flora und Fauna. Sie verbessern auch unsere Luftqualität und das Mikroklima in und um Gebäude, verringern den Wärmeinsel-Effekt, reduzieren den Energieverbrauch in Gebäuden und mildern die Wirkung von Temperaturextremen. Des Weiteren bieten sie Schutz vor starken extremen Windbewegungen, und deren Auswirkungen auf die städtische Luftqualität.12
Zudem bieten Bäume Erosionsschutz an Hanglagen und wirken als Schalldämpfer gegen Straßen- und Industrielärm.
In Anbetracht all dessen haben sie einen ausschlaggebenden Effekt auf die klimatischen Entwicklungen im urbanen Umfeld. Nicht zuletzt wird die Attraktivität einer Stadt als Wirtschaftsstandort zukünftig immer mehr von umweltrelevanten und sozioökonomischen Aspekten beeinflusst. Dabei spielen die Qualität und der Zustand städtischer Grünerholungsflächen mit Bäumen als Indikator für Lebensqualität und Wohlstand bei der Standortwahl großer Firmen eine zunehmende Rolle. Wissenschaftler haben festgestellt, dass aufstrebende Städte und Gemeinden, die nicht nur wirtschaftlich, sondern auch im sozialen und ökologischen Bereich florieren, eine bedeutsame Gemeinsamkeit vorweisen: sie alle besitzen Grünflächen mit gut gepflegten Baumbeständen und Naherholungswäldern, im Gegensatz zu ärmeren Städten mit vernachlässigten Grünflächen mit wenig und schlecht gepflegten Baumbeständen.8
Diese Entwicklung gibt es nicht zum ersten Mal in der Geschichte der westlichen Gesellschaft. Blickt man zurück auf die Industrialisierung und postindustriellen Entwicklungen in verschiedenen Ländern Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, kann man durchaus Parallelen zur heutigen Zeit feststellen, gerade auch in Bezug auf öffentliche Grünflächen.
Aber um solche Entwicklungen zu erkennen und entsprechende Tendenzen positiv zu steuern, benötigt es Weitblick bei Politikern und Entscheidern. Und dies gilt auch für die Verwaltung, Pflege und Erhaltung öffentlichen Erholungsgrüns, insbesondere Baum- und Waldpflege.

Tab. 1: Berechnung des Waldwerts für den Lärmschutz für das Stadtgebiet Remscheid. Quelle: [8]

Tab. 3: Wert der Ökosystemleistungen in der Schweiz. Quelle: [2]

Urbaner Wald und Wirtschaftlichkeit

Die fehlende Anerkennung des Naturkapitals in unserem Wirtschaftssystem fördert die ineffiziente Nutzung und Vernichtung von Biodiversität und führt zu Entscheidungen, die letztlich negative Wirkungen sowohl für das eigene Wohlergehen als auch für künftige Generationen hervorrufen.13 Ein Umdenken bei öffentlichen Verwaltungen ist also gefragt, vor allem in Bezug auf urbane Bäume und Wälder. Denn immer noch betrachten Kommunen städtische Erholungsgrünflächen als finanzielle Belastungen, die keinen ökonomischen Nutzen generieren. Monetäre Erfassung von öffentlichem Grün in Deutschland bezieht sich ausschließlich auf Pflege- und Unterhaltungskosten.
Durch laufende Budgetkürzungen für städtische Grünflächenpflege und -Erhaltung ist deren Qualität in den letzten Jahren dramatisch gesunken. In der Praxis werden deshalb vermehrt radikale Maßnahmen ergriffen. Bäume haben oft keinerlei Überlebenschancen aufgrund schlechter Standortbedingungen und fehlender Fachkompetenz.
Viele alte Bäume werden "vorsorglich" gekappt oder gefällt, um potenzielle Gefahren zu vermeiden, die in der Zukunft auftreten könnten.
Dieses Schicksal erleiden zahlreiche Straßen- und Alleenbäume, obwohl zum Großteil noch in gutem Zustand. Denn sie stehen - wieder einmal - unter Generalverdacht als Gefahr für den Straßenverkehr, und somit für Leib und Leben. Oder es werden alte Bäume in Innenstädten für Stadtplanungskonzepte geopfert, die gänzlich ohne oder mit vernachlässigbaren Grünflächen konzipiert sind. Anstatt bestehende Baumbestände zu integrieren, werden Flächen häufig komplett versiegelt. Dabei sind solche Maßnahmen extrem kurzsichtig. Denn die Vorteile urbaner Wälder und Bäume werden in naher Zukunft aufgrund ihrer Ökosystemdienstleistungen noch viel massiver an Bedeutung gewinnen. Denn ohne Bäume müssen wir die Negativeffekte der Verstädterung und des Klimawandels mittels aufwändiger und kostenintensiver technischer Lösungen bewältigen. Das gestaltet sich um ein Vielfaches teurer und ästhetisch sicher nicht so wohlwollend.

Berechnung des volkswirtschaftlichen Werts von Ökosystemdienstleistungen

Noch beschränken sich politische Herangehensweisen mit geringem Erfolg auf mehr oder weniger freiwillige Reduzierung von Treibhausgasen. Die fachkundige Erhaltung von Bäumen als Hauptdienstleister für den effektiven und umfangreichen Abbau von Schadstoffen und Treibhausgasen in unserer Luft blieb bisher von Politik und Wirtschaft unbeachtet. Daher wird nur selten in solche gewinnbringenden Maßnahmen investiert. Die Quantifizierung dieser Leistungen ist deshalb eine Strategie, um den weltweiten ökologischen Herausforderungen entgegenzutreten und diese gleichzeitig in ökonomische Werte zu übersetzen. So können Leistungen von Ökosystemen wie dem urbanen Wald zukünftig auch effektiv in politische und wirtschaftliche Entscheidungsprozesse integriert werden.
Die ökonomische Bewertung sollte jedoch nicht als Patentrezept, sondern vielmehr als Instrument verstanden werden, das die kostbaren, vielfältigen Güter der Ökosysteme zu konkretisieren und zu quantifizieren vermag. Auch kann sie als Basis für neue ökonomische Konzepte dienen.13
Wälder werden bislang nur bezüglich ihrer Holzproduktion als gewinnbringend eingestuft. Aber auch in Deutschland gab es bereits seit in den 1980er-Jahren Ansätze, die ökonomische Bedeutung der Ökodienstleistungen eines Baumes zu evaluieren.
Zum Beispiel kalkulierte Vester, dass dieser Wert rund 2000-mal höher liegt als der Erlös durch Holzverkauf. 15 Schlitte beziffert den volkswirtschaftlichen Wert eines hundertjährigen Baumes auf bis zu 255 650 Euro. Seine Berechnung berücksichtigt den gesamten ökologischen Wert, von Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit, Stabilisierung des Wasserhaushaltes, die Produktion von Sauerstoff und Schutzfunktion gegen Wind, Lärm und Erosion.6 Zahlreiche weitere Untersuchungen zu dieser Thematik kommen aus dem Schweizer Raum. Kissling-Näf2 beziffern den Wert der Ökosystemleistungen in der Schweiz bei 7,375 Milliarden Euro pro Jahr.
In den USA setzt sich das "i-Tree-Modell" mit der Komplexität städtischer Ökosysteme, vor allem dem urbaner Bäume und Wälder auseinander [5,16]. Es greift auf eine Vielzahl interdisziplinärer wissenschaftlicher Daten, wie etwa die Menge des Kohlendioxids zurück, das durch einen Baum absorbiert wird. Zudem bietet es zusätzliche Informationen wie die Steigerung von Immobilienwerten durch Baumbestand und macht solche Faktoren monetär kalkulierbar. Zum Beispiel hat man mit "i-Tree" berechnet, dass das Nutzen-Kosten-Verhältnis von Bäumen in New York (USA) 5.8:1, und in Lissabon (Portugal) 4.48:1beträgt.10 Demzufolge übersteigt der finanzielle Nutzen städtischer Bäume bei Weitem deren Kostenaufwand. Trotz seiner Komplexität ist "i-Tree" dazu geeignet, von einer Behörde, die für den städtischen Baumbestand verantwortlich ist, übernommen zu werden.
Durch die Weiterentwicklung dieses Systems trifft das inzwischen auch auf unterschiedliche Länder und Standorte zu. Diverse Methoden der Kosten-Nutzen-Analyse wurden inzwischen entwickelt, um zum Beispiel CO2- und Feinstaubbindung, Kosteneinsparungen durch Kühleffekt im Sommer und im Winter monetär zu bestimmen: Zum Beispiel Heizkosteneinsparungen, Anteil an der Regulierung des Wasserhaushaltes etwa bei extremen Wetterereignissen wie Starkregen und Überflutung.
In Deutschland befasste sich die Studie der Waldgenossenschaft Remscheid e. G. mit der monetären "Inwertsetzung von Ökosystemdienstleistungen des Waldes in Remscheid".7 Neben den monetären Gewinnen zahlt es sich im Übrigen auch langfristig aus, in qualitativ hochwertige Baum- und Waldentwicklung zu investieren.
Denn dadurch verlängert man unter anderem auch die notwendigen Pflegeintervalle, also "Wartungskosten" für urbane Wälder. Und das wiederum bedeutet, langfristig gesehen, erhebliche Kostenreduktionen, die das Nutzen-Kosten-Verhältnis noch weiter steigert.

Wir brauchen urbane Wälder für die Lebensqualität unserer Kinder.

Menschen bevorzugen Städte mit hochwertigen Erholungsgrünflächen.

Urbaner Wald als Zeichen für Wohlstand

Wirtschaftliche Entwicklung und Urbanisierung waren schon immer eng miteinander verbunden. Aber für eine florierende Wirtschaft bedarf es hocheffizienter, gesunder und ausgeglichener Menschen, die effektiv arbeiten um nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu garantieren.
Dabei entwickelt sich der Faktor "Lebensqualität" heute immer mehr zum globalen Ziel. Denn er entscheidet über die politische, ökonomische und soziale Stabilität künftiger Stadtlandschaften.1
Der Forschungsstand zur ökonomischen sowie zur ökologischen und sozialen Wirkung von urbanem Grün für eine nachhaltige Stadtentwicklung ist in Deutschland noch sehr lückenhaft. Dies gilt insbesondere für internationalen Vergleich, der noch uneinheitlich und aktualisierungsbedürftig ist. Hintergrund für diese Defizite ist unter anderem, dass sich die deutsche und europäische Forschungsförderung beispielsweise zum Klimaschutz in erster Linie auf industrielle Entwicklungspotenziale konzentriert.12
Der Trend hin zur "kompakten Stadt" wirkt sich zwar in Bezug auf umweltfreundliche Mobilität und Technik positiv auf die Stadtentwicklung der Zukunft aus.17 Gleichzeitig fehlt jedoch die Wertschätzung bezüglich Umfang, Ausstattung und Lage von städtischen Grünerholungsflächen und urbanen Wäldern für einen hohen Lebensstandard. Dabei beweisen neue Studien, dass sich gute Unterhaltungs- und Pflegemaßnahmen der Grünflächenämter nicht nur positiv auf das Stadtbild, sondern auch auf den Bodenrichtwert auswirken, also eine ganz wesentliche ökonomische Dimension aufweisen.1
Zunehmender Fachkräftemangel, verbunden mit wachsendem Einfluss der "Work-Life-Balance" potenzieller hochqualifizierter Fachkräfte wird große Firmen in Zukunft noch mehr dazu veranlassen, Standorte bevorzugt in "grünen" Städten zu wählen. Denn Menschen bevorzugen Städte mit qualitativ hochwertiger grüner Infrastruktur im Gegensatz zu denen, die Nachhaltigkeit nur auf technisch-industrieller Ebene umsetzen.
Deshalb bedarf es einer neuen Wertschätzung von urbanen Bäumen und urbanem Wald als öffentlichen Dienstleister. Bäume sind kein Luxus. Sie sind auch nicht potenziell gefährlich. Laubfall ist ein Teil ihres natürlichen Zyklus. Diese "Belästigung" sollte jedoch als geringfügig eingestuft werden, verglichen zu den Dienstleistungen, die sie unserer Gesellschaft erbringen. Urbane Wälder spielen eine bedeutsame Rolle der urbanen Lebensqualität auch in Deutschland. Aber ein Umdenken ist notwendig, um das zu realisieren, was in einigen Ländern schon stattfindet. Zum Beispiel investiert die Regierung von Großbritannien ca. 5,8 Millionen Euro für das Programm Greenstreets,9 um mehr Bäume zur Verbesserung der Lebensqualität in Städten zu pflanzen. Ähnliche Programme gibt es inzwischen auch in anderen Ländern.
In Deutschland benötigen wir neue Konzepte, um gewinnbringend in urbane Wälder zu investieren. Sind Einzelpflanzungen von Bäumen, etwa von Straßenbäumen noch zeitgemäß? Im Zeichen des Klimawandels und seiner ansteigender Negativeffekte sind der Natur nachempfundene Ökosysteme wie Gruppen von Bäumen und Gehölzen unterschiedlicher Arten vielleicht langfristig gesehen überlebensfähiger und kosteneffizienter als die künstlich geschaffenen Landschaften mit Einzelbäumen im öffentlichen Grün. Es bedarf eines grundlegenden Umdenkens für den urbanen Wald von morgen. Holzgewinnung spielt in städtischen Erholungswäldern immer noch eine erhebliche Rolle. Die Kombination von Wirtschafts- und Erholungswald auf kommunaler wie auch regionaler Ebene hat sich in vielen Kommunen bewährt. Warum also nicht Energiewald als Teilkonzept von Erholungswald integrieren, wie es mancherorts schon geschieht? Etwa durch Kurzumtriebsplantagen, die einen positiven Einfluss auf Artenreichtum3 und visuelle Vielfalt demonstrieren, aber doch nur für kurze Zeit präsent sind. Eingebunden als temporäre Elemente im Wechsel von Zeit und Raum bilden sie einen konzeptionellen Gegensatz zum "Dauerwald", der ein Symbol für Stabilität und Nachhaltigkeit darstellt. Diese Variation des Wirtschaftswaldes belebt nicht nur die strukturelle und visuelle Vielfalt eines Erholungswaldes, sondern stellt auch eine weitere Einnahmequelle dar.

Fazit

Urbaner Wald und urbane Bäume sind Naturkapital. Daher bedarf es, wie bei Sach- und Humankapital, einer monetären Quantifizierung ihrer Ökosystemdienstleistungen. Dies setzt ein Umdenken bei Entscheidungsträgern auf allen Ebenen, aber auch unserer Gesellschaft voraus. Die überwiegende Mehrheit betrachtet Bäume und Wald im öffentlichen Bereich bisher als reine Kostenfaktoren und häufig auch als Ärgernis. Demzufolge erfordert es Weitsicht und die Bereitschaft zu nachhaltigeren Planungskonzepten bei Verantwortlichen, die nicht nur von einem Jahresbudget zum nächsten reichen. Darüber hinaus muss die breite Öffentlichkeit über Ökosystemdienstleistungen und deren monetäre Gewinne für die Gesellschaft informiert werden. Die Waldgenossenschaft Remscheid hat gezeigt, dass dies für städtische Wälder möglich ist. In verschiedenen Kommunen in den USA, Großbritannien, Australien und Spanien wurden auch Ökosystemdienstleistungen städtischer Bäume, zum Beispiel von Straßenbäumen, durch entsprechende Bewertungsmodelle kalkuliert und in öffentliche Budget-Kalkulationen integriert. Wir benötigen in Deutschland eine höhere Wertschätzung von urbanen Bäumen. Denn die Zeiten des unentgeltlichen Zugangs zu Naturgütern wie sauberer Luft, reinem Trinkwasser, und fruchtbaren Böden können bei den derzeitigen Entwicklungen auch bei uns bald knapp werden. Für eine nachhaltige Lebensqualität müssen wir die Ökodienstleistungen urbaner Wälder, die uns mit diesen lebenswichtigen Gütern versorgen, "in Wert setzen".


Literatur

1 Gruehn; D. (2010): Welchen Wert haben Grünflächen für Städte? Der Faktor „Grün“ steigert die Lebensqualität. KOMMUNALtopinform Ausgabe 2/2010.
2 Kissling-Naf, I. (1999): Großer Wert und wenig Geld? Über die Honorierung von Waldleistungen. In: Schweiz.Z.Forstwesen, Heft 750(1999)2, S. 41–48.
3 LWF Merkblatt 19 (2005). Anbau von Energiewäldern. Bayrische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF).
4 Oke, T.R. (2003): Boundary Layer Climates. 2nd edition Routledge, London/NY.
5 Sachs, T.; D. Dujesiefken (2010): I-Tree: Werbung für das Grün in den USA. TaspoBaumzeitung, Haymarket Media, 01/2010, S. 12–13.
6 Schlitte, H. (2003): Vom Wert der Bäume. In: Naturschutz in Hamburg, 3/03, Hamburg.
7 Sieberth, L. (2014) Inwertsetzung von Ökosystemdienstleistungen – Eine objektive Bewertung auf lokaler Ebene – Remscheid. Studie im Auftrag der Waldgenossenschaft Remscheid Eg.
8 Simpson, A. (2008): The place of trees in the city of the future. In: Arboricultural Journal, Vol. 31, S. 97–108, AB Academic Publishers GB 2008.
9 Simpson, A. (2015): What time is this place? Vortrag: European Forum in Urban Forestry & Urban Greening, Brüssel Belgien 2015.
10 Soares, A. et al (2011).: Benefits and costs of street trees in Lisbon, Portugal. Urban Forestry&Urban Greening 10 (2011) S. 69–78. Elseveer B.V.
11 Spiegel online Wissenschaft (08.01.2015): Studie zur Klimaerwärmung: Diese Brennstoffe müssen im Boden bleiben [Zugriff: 12.09.2015] URL: www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klima-wieviel-kohle-erdgas-und-erdoel-darf-nochgefoerdert-werden-a-1011767.html
12 Stiftung ‚Die Grüne Stadt’: Charta Zukunft Stadt und Grün. [Zugriff: 23.09.2015] URL: www.die-gruene-stadt.de
13 Teeb (2010a): Die Ökonomie von Ökosystemen und Biodiversität: Die ökonomische Bedeutung der Natur in Entscheidungsprozesse integrieren – Ansatz, Schlussfolgerungen und Empfehlungen von Teeb – Eine Synthese. The Economics of Ecosystems and Biodiversity: Mainstreaming the Economics of Nature.
14 USDA Forest Service: I-tree – tools for assessing and managing community forests. [Zugriff: 23.09.2015] URL: www.itreetools.org
15 Vester, F. (1985): Ein Baum ist mehr als ein Baum /Ein Fensterbuch. 2. Aufl., Kösel, München.
16 Walchli, G.: Ökosystemdienstleistungen als ökonomische Strategie?i-Tree: ein Instrument für die Wertermittlung von Stadtbäumen. Bachelorarbeit Züricher Hochschule für angewandte Wissenschaften 2012, S. 92–94.
17 Zukunftsinstitut: Urbanisierung: Die Stadt von morgen. [Zugriff: 07.10.2015]. URL: www.zukunftsinstitut.de/artikel/urbanisierung-die-stadt-von-morgen









Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 01/2016 .

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