100 Jahre Grüne Woche
Berliner Blumenhalle wird zum "Babylon Garden"
von: Dipl.-Ing.(FH) Thomas Herrgen
Doch der Schmuckplatz selbst blieb vorerst erhalten, auch noch in den wilden 1920er Jahren. Dorthin entführte die Internationale Grüne Woche (IGW) 2026 ihre Besucher:innen mit der im Stil der Zeit gestalteten Blumenhalle.
Von kleiner Erzeugerschau zur großen Messe
Schon 100 Jahre lang präsentieren sich jeweils im Januar – 1926 und in den ersten Jahren im Februar – die Landwirtschaft, Erzeugergenossenschaften und der Gartenbau ge-meinsam auf einer Leistungsschau, nach den damals grünen Lodenmänteln der Aussteller schnell als "Grüne Woche" bezeichnet.
Die spätere Messe ging hervor aus einem losen Zusammenschluss einzelner Erzeuger mit der ersten Präsentation auf dem Berliner Kaiserdamm. Danach professionalisierte sich die Leistungsschau immer mehr und zog in den frühen 1930er Jahren in die neuen Berliner Messehallen ein. Dreiviertel der Aussteller zeigten Lebensmittel und ihre Produktion, das restliche Viertel verteilt sich seither auf Gartenbau, Floristik, sowie Garten- und Landschaftsbau.
Nach dem Zweiten Weltkrieg stand dafür eigens die Halle 9 mit der größten Fläche in Bruttoquadratmetern zur Verfügung und war als "Internationale Blumenhalle" ausgewiesen. Hier wurden bereits herausragende Gestaltungen gezeigt, von lebenden Gemälden aus Blühpflanzen über die Inszenierung von Goethes Farbenkreis, über einen kompletten "Thüringer Wald"bis hin zu bepflanzten venezianischen Gondeln im Karnevalsdesign.
Waren früher die Berliner Landschaftsarchitekten Neumann-Gusenburger für Entwurf und Gestaltung der Blumenhalle verantwortlich, übertrug die Messe Berlin GmbH die Aufgabe vor einigen Jahren an die Erzeugergenossenschaft Landgard mit der Initiative "1000 gute Gründe".
Goldene Zwanziger mit "Babylon Garden"
Zum 100. Geburtstag der Grünen Woche 2026 (16.-25. Januar) gestaltete Landgard die Blumenhalle (neuerdings Messehalle 2) in einen "Babylon Garden – Blütezeit der goldenen Zwanziger" um. Sie nimmt damit Bezug auf die antike Weltstadt Babylon, deren Blütezeit zwischen 1800 und 140 v. Chr. lag.
Babylon oder Babel diente in der westlichen Kulturgeschichte als Sinnbild von Neid, Hochmut und Niedergang ("Sündenbabel"). Die Vorstellung geht auf die biblischen Berichte über die Stadt zurück (Turmbau zu Babel, babylonische Gefangenschaft des jüdischen Volkes).
Die TV-Serie "Babylon Berlin" nahm dieses Bild ebenso auf, denn in einer kurzen Phase in den späten Zwanziger Jahren erlebten Berlin und Deutschland einen Aufschwung, relativen Reichtum und damit einhergehend eine geradezu verschwenderische Lust an Luxus, Unterhaltung und Amüsement.
"Babylon Garden" sollte an die Anfänge der IGW in den wirtschaftlich guten und politisch noch halbwegs ruhigen 1920er Jahren erinnern. Die Halle 2.2a der Messe Berlin verwandelte sich dazu in eine "elegante Parkanlage voller Nostalgie und zeitloser Schönheit", so Landgard.
Ab Mitte Dezember waren dafür umfangreiche Bauarbeiten in der Halle erforderlich. So mussten mehr als 300 Meter Winkelstützmauern bis zu 80 Zentimeter Höhe herangeschafft, temporär verbaut und die hergestellten Hochbeete mit Boden und Substrat verfüllt werden. Gepflanzt wurden dann mehr als 30 Großbäume, zahlreiche Sträucher, zehntausende vorgezogene Frühlingsblüher und in der Fläche kam Rollrasen als grüner Teppich zur Ausführung.
Blühender Stadtschmuckplatz
Die Gestaltung lehnte sich an die Schmuckplätze des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts mit strenger Geometrie, Symmetrie und der Pflanze als Werkzeug an. Hinzu kam ein nostalgischer Brunnen in der Mitte mit einem Platz, auch zum Hinsetzen und Pausieren.
Am Rand der einen Seite lag zudem ein Indoor-Wald, auf der anderen konnte man über den "Boulevard entlang glamouröser Häuserfronten flanieren und sich in der Parkanlage vom Messetrubel erholen", so Landgard weiter. Highlight an der östlichen Kopfseite war der florale Nachtclub inklusive Tanzfläche und Revuetreppe, wo Swing auf Glanz und bunt blühende Blumen traf.
Selfie-Stationen sorgten für farbenfrohe und stilechte Erinnerungsfotos in der ganzen Halle, die die Besucher:innen in die verruchte Welt der goldenen 1920er-Jahre entführte. Dazu wurde die Bühne auch mit Musik und Tanz bespielt. Kostüme der Zeit wie Charleston- oder Cocktailkleider, Kopfbedeckungen, Federn, Smoking, Schal und Zylinder machten die Illusion der Goldenen Zwanziger perfekt.
Am Boulevard fanden Besucher:in-nen Schaufenster und Geschäfte der damaligen Zeit und das Pendant zur roten Bühne auf der gegenüber-liegenden Seite bildete ein Spiegelkabinett mit exotischen Blütenpflanzen, wie Orchideen sowie Reiseutensilien.
Die Cabaret-Atmosphäre komplettierte ein "Champagner-Telefon" und das "Rino Rouge", ein kleines Gehege mit einem (künstlichen) Nashorn. Zehn Tage war der "Babylon Garden" in Berlin zu sehen und rund 350.000 Besucher:innen kamen zur Jubiläumsausgabe der Grünen Woche 2026.
Thomas Herrgen
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