Anette Freytag im Gespräch über Dieter Kienast

Ästhetische Erfahrung ist Alltagsbewältigung

von

Anette Freytag. Foto: Eke Miedaner

Die 2011 fertig gestellte Dissertation von Anette Freytag "Natur entwerfen. Zum Werk des Schweizer Landschaftsarchitekten Dieter Kienast (1945-1998)" wird mit der Medaille der ETH Zürich für Exzellenz in der Forschung ausgezeichnet. Ausgangspunkt der Forschung war Kienasts Kasseler Zeit als "missing link" zu seiner späteren formbewussten Ästhetik. Die Doktorarbeit wird in erweiterter Form als Buch in Kooperation der Verlage gta und Architectura et Natura (Zurüch/Amsterdamm 2013) erscheinen. Anette Freytag vertritt zurzeit Christophe Girot am Zürcher Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur, den Dieter Kienast aufgebaut hatte. Fragen von Bernhard Wiens.

Hat die Sichtung und Aufarbeitung des Nachlasses von Dieter Kienast Überraschungen für Sie geboten?

Als ich mit dem Forschungsprojekt begann, kannte ich Kienast vor allem als Schöpfer ästhetisch vollendeter Gärten und Innenhöfe. Die Umgebungen von Wohnsiedlungen und Stadtparks, die Kienast im Anschluss an seine Kasseler Ausbildung entworfen hatte, entdeckte ich neu. In diesen frühen Arbeiten setzte sich Kienast mit emanzipatorischer Freiraumplanung auseinander und gestaltete naturnahe Gärten, während ich davon ausgegangen war, er hätte diese Form von Gärten vollkommen abgelehnt. Kienasts Aufgeschlossenheit fand ich auch in seinen Texten, die er ursprünglich mit Comics, Schnappschüssen und Fotos illustrierte. Darüber hinaus habe ich mich mit Kienasts Studienunterlagen, seiner Diplomarbeit und Dissertation auseinandergesetzt und so die Verbindung vom Pflanzensoziologen und Planer verstanden. Das Studium dieser Quellen hat gezeigt, wie wichtig die Eindrücke der 1970er Jahre für Kienasts weiteres Schaffen waren. "Kasseler Spuren" durchziehen sein ganzes Werk.

Was meinen Sie mit "Kasseler Spuren"?

Kienasts Jahre in Kassel waren geprägt von gesellschaftspolitischen Fragen und naturwissenschaftlichen Ansätzen in der Freiraumplanung. In seiner Diplomarbeit erforschte Kienast die Typologien der Siedlungsräume sowie die klimatischen Bedingungen mit Hilfe einer detaillierten Kartierung spontaner Vegetation. Daraus entwickeln sich Vorschläge für die grüne Infrastrukturplanung und für eine extensive Pflege. Mit noch größerer Akribie verfuhr er als Pflanzensoziologe mit dem Schwerpunkt der städtischen Spontanvegetation. Beide Aspekte kehren in seinen späteren Werken in immer neuen Ausprägungen und Aktualisierungen wieder. Ein prägnantes Beispiel ist Kienasts Außenanlage für die Ecole Cantonale de Langue Francaise in Bern. Sie ist auf die Nutzungsbedürfnisse der Schüler abgestimmt und bietet Räume, in denen die Phantasie der Kinder angeregt wird. Die Individualität, die er ihnen zugestand, verkörpert auch die Spontanvegetation, für deren Ansiedlung Kienast in der Anlage Ritzen und Oberflächen mit wassergebundenen Decken und anderes einbaute. Zugleich zeigt dieses Projekt, wie Kienast durch sein Interesse an der spontanen Vegetation der Stadt eine neue Ästhetik für das Gestalten im urbanen Raum entwickelte: Er wollte weder der Blumenschmuckästhetik der Stadtgärtner folgen noch ländliche Vorbilder in der Stadt kopieren. Gemäß der Standortgerechtigkeit verwendete er für die urbanen Gestaltungen "arme Materialien" wie Beton, Asphalt und Stahl und kombinierte dies mit Bäumen, spontaner Vegetation und Selbstklimmern.

Gartenhof für Ernst Basler+Partner, Zürich /1995–96. (Büro Kienast Vogt Partner). Fotos: Anette Freytag

Pausenplatz der Ecole Cantonale de Langue Francaise/Bern. Wettbewerbssieg 1984; Ausführung 1987–89. (Büro Stöckli+Kienast/ Stöckli, Kienast & Koeppel).

Katsurabäume im Gartenhof für Swiss Re, heute Vontobel Bank, Zürich. Planung 1994–95 (Büros Stöckli, Kienast & Koeppel/Kienast Vogt Partner).

Ende der 1970er Jahre kehrte Kienast nach Zürich zurück - in ein ganz anderes kulturelles Klima als die Stimmung in Kassel, die stark von der 68er Bewegung geprägt war. Was erwartete ihn in seiner Heimat?

Es wäre falsch zu sagen, Kienast sei aus dem "wilden" Kassel in die "beschauliche" Schweiz zurückgekehrt. Die Diskussionen, die ihn betrafen, wurden hier teilweise noch heftiger geführt als in Deutschland. Dies gilt besonders für die dominante Naturgarten-Bewegung, die Kienast zunächst als Alternative zur überpflegten Gärtnerästhetik sah, in ihrer Kulturfeindlichkeit aber letzten Endes ablehnte. Zu dieser Zeit werden die "Kasseler Spuren" ideell wichtig: Der Mensch war für Kienast eine wesentliche Planungsgröße - und kein Feind der Natur. Und anders als für die Vertreter der Naturgarten-Bewegung hatte er nichts gegen eine Mischung einheimischer und exotischer Pflanzen, getreu seiner Devise "Friedliche Koexistenz, wenigstens bei den Pflanzen". Hier spricht sowohl der ausgebildete Gärtner als auch der promovierte Pflanzensoziologe aus ihm.

Prägend für sein weiteres Schaffen war die Zusammenarbeit mit einer neuen Generation von Architektinnen und Architekten, insbesondere Herzog&de Meuron, Diener&Diener, Burkhalter Sumi und Gigon Guyer, die wie Kienast nach neuen Ausdrucksformen suchten. Das betraf sowohl die Plangraphik als auch die Raumorganisation nach dem Prinzip der "Transparenz" sowie das Experimentieren mit Materialien, um Oberflächenqualitäten und Atmosphären erfahrbar zu machen.

Sie beschreiben in Ihrer Dissertation die Umdeutungsprozesse im Werk von Dieter Kienast. So entdeckte er den ästhetischen Reiz in Pflanzen, die andere damals als "Unkraut" schmähten.

Durch die Pflanzensoziologie lernte Kienast, über die urbane Spontanvegetation die Räume einer Stadt zu lesen und zu interpretieren, sowohl im Hinblick auf Gestaltung und Materialverwendung als auch, was die Art und Frequenz ihrer Nutzung betraf. Auch klimatische und ökologische Rückschlüsse waren ihm aufgrund der vorgefundenen Pflanzen und ihrer Vergesellschaftung möglich. Dieses Wissen hat er später in seiner gestalterischen Arbeit eingesetzt, bei der es ihm besonders darum ging, einen Stadtraum "lesbar zu machen", wie er immer wieder betonte. Bilder des "Unkrauts", wie Pflasterritzengesellschaften und anderes, tauchten später als Kulturpflanzen wieder auf; die dabei verwendeten Pflanzen hatten eine bestimmte Konnotation. Ein Beispiel dafür sind die wiederholt in Sickerstreifen gesetzten Sumpfiris, die dem Betrachter mitteilen "hier ist es feucht", auch wenn gerade kein versickerndes Regenwasser zu sehen ist. In seinen Höfen und Vorgärten im urbanen Raum wollte Kienast die Bedingungen für das Gestalten mit Natur in der Stadt thematisieren. Die Reduktion der Pflanzenverwendung spiegelt die Künstlichkeit der Stadtsituation wider. Einmal vom Vorwurf der Nachbildung ländlicher Idyllen befreit, kommt den einzelnen Bäumen und Blumen ein hoher Stellenwert in der sinnlichen Erfahrung zu.

Emanzipatorische Freiraumgestaltung, so Ihre streitbare These, verwirklichte Kienast später in Form von Orten, die individuelles ästhetisches Empfinden ermöglichen.

Seine intensive Auseinandersetzung mit den Nutzungsgewohnheiten und -bedürfnissen der Menschen und dem Kinderspiel in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren mündete in eine Reihe von Wohnumgebungen und Parkanlagen, die von der emanzipatorischen Freiraumgestaltung geprägt waren. Zugleich zählte Kienast von Beginn an auch die ästhetische Erfahrung zur Nutzung eines Freiraums. Dafür suchte er adäquate Formen. Ein frühes Beispiel sind die Schlittelhügel im Stadtpark von Wettingen, entworfen 1980. Im Planungsprozess löste sich Kienast von der Vorstellung, dass Schlittelhügel "naturalistische" Formen haben müssen und baute den Kindern Pyramiden zum Schlitten fahren. Er wollte damit im wahrsten Sinn des Wortes "spielerisch" gängige Wahrnehmungsmuster durchbrechen und die Wahrnehmung der Nutzerinnen und Nutzer seiner Anlagen erweitern. Mit den Jahren wurde diese Suche nach Erfahrungsmöglichkeiten, die seine Freiräume für das Schauen, Tasten, Riechen, Schmecken und Hören bieten sollten, immer intensiver. Auch ästhetische Erfahrung empfand er als Mittel zur Alltagsbewältigung.

Welche Einflüsse stimulierten diese Umdeutungsprozesse?

Dieter Kienast war ein unglaublich wacher Zeitgenosse, ein Seismograph, der die gesellschaftlichen Entwicklungen im Blick hatte und darauf reagierte. Zugleich war er ein Osmotiker, der kulturelle Einflüsse aller Art aufnahm, weiterdachte und in den schöpferischen Prozess integrierte. Er hat sich von der zeitgenössischen Architektur inspirieren lassen und aus der Geschichte der Gartenkunst geschöpft. Mit dem Symbolgehalt von Pflanzen hat er sich genauso beschäftigt wie mit den Wirkungsstrategien von Sol LeWitt, Carl André und anderen Künstlern. Wie Goethe und Handke die Wahrnehmung von Landschaft literarisch verarbeiteten, interessierte ihn ebenso wie die Persiflage moderner Gärten in "Mon Oncle" von Tati. Kienasts intellektueller Kosmos war groß und voller Facetten. Aus der Fülle dieser Einflüsse hat er über die Jahre sein spezifisches Vokabular für die Landschaft entwickelt.

Friedhof Fürstenwald in Chur. Wettbewerbssieg 1994, Ausführung ab 1995. (Büros Stöckli, Kienast & Koeppel/Kienast Vogt Partner).


Wie sehen Sie Kienasts Verhältnis zur Postmoderne?

Seine Wandlungsfähigkeit zeigt, dass es möglich ist, sich von großen Strömungen inspirieren zu lassen, ohne Epigone zu sein. Die Postmoderne steht heute im Verruf, prätentiös, beliebig und apolitsch zu sein - Kienast war postmodern in seinen Verfahren, aber modern im utopischen Anspruch an die soziale Wirkungskraft seiner Freiräume. Sie spiegeln die Relevanz der Epoche, zu der Foucault genauso zählt wie Beuys.

Kienasts große Qualität war die Ernsthaftigkeit, mit der er sich immer wieder neu auf Orte, deren Geschichte und die Bedürfnisse ihrer Nutzer einließ. Seine Formensprache ergab sich aus einem ständigen Suchen und Finden. Leider ist sie Mode geworden - oft ohne sein Verständnis der Eigenheiten der Orte und der spezifischen Verwendung der Pflanzen erreichen zu können.

Haben Sie ein Lieblingswerk von Dieter Kienast?

Besonders gerne besuche ich den Friedhof Fürstenwald, der außerhalb von Chur an einem Hang mit Äckern und Wäldern liegt. Mich fasziniert die Art, wie sich die Gestaltung von Kienast Vogt Partner zur Umgebung hin öffnet und verschließt. Zugleich schmiegt sich die Anlage an die alpenländische Topographie. Ich empfinde diesen Ort ähnlich tröstlich wie Brahms' Requiem, in dem es nicht nur heißt "Denn alles Fleisch, es ist wie Gras", sondern auch "Tod, wo ist dein Stachel?"

Frau Freytag, vielen Dank für dieses Gespräch.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 01/2012 .

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