Erfahrungen aus den ersten zehn Jahren mit Oasia Hotel in Singapur
Ein Leuchtturmprojekt der Gebäudebegrünung
von: Prof. Dr. Manfred KöhlerDie Initiative ging von Beginn an von dem ersten Präsidenten des Stadtstaats Lee Kwan Yew aus. Also anders als in europäischen Städten, in denen Initiativgruppen von unten her in den 1970er-Jahren Politiker von den Vorteilen begrünter Städte mühsam überzeugen mussten.
Erfahrungen aus den ersten zehn Jahren mit Oasia Hotel in Singapur
Über die Jahre wurden Singapurs Leitbilder der Grünen Stadt mehrfach optimiert, von "Garden City", die sich noch stark an europäischen Gartenstadtmodellen orientierte, zu "City in a Garden" weiterentwi-ckelt. Damit war gemeint, dass eine neue mehrgeschossige Bebauung dann akzeptabel ist, wenn üppige und verbindende Grünstrukturen an und zwischen den Bauten existieren.
Seit etwa 2015 wurde das amerikanische Leitbild "Biophilic City" übernommen. Biophilic beinhaltet neben der Begrünung auch ein Konzept, das die Wohlfahrtswirkung von organischen Materialien und floralen Strukturen berücksichtigt¹. In den letzten fünf Jahren wurde das Leitbild zu "City in Nature" weiterentwickelt. Das beinhaltet einen noch höheren Anspruch an die Begrünung. Bei den auszuwählenden Pflanzen sind lokale Arten zu bevorzugen.
City in Nature ist auch ein stadtplanerisches Konzept, denn alle Stadtbewohner sollen innerhalb einer fußläufigen Entfernung von maximal 10 Gehminuten eine zusammenhängende Freifläche mit lokalen Pflanzenarten erreichen können. Bei einer Flächengröße des Stadtstaates etwa von der Größe Hamburgs, aber mit einer Bevölkerung von 6 Millionen Menschen ist das eine planerische Herausforderung, die nur mit einer konsequenten Einbeziehung von Bauwerksbegrünung möglich wird. Dabei kommt begrünten Dachflächen als verbindende begehbare Grünstrukturen besondere Bedeutung zu. Begrünte Fassaden sind als Biodiversitätshotspots zu bepflanzen, die Gebäudeoberfläche soll konsequent mit Pflanzungen belegt werden.
In diesem positiven Klima zur Stadtbegrünung hat die Auszeichnung herausragender Gebäudebegrünungen eine lange Tradition. Sie begann mit dem IFLA- Kongress 2001. Ein Siegerprojekt war seinerzeit ein Hotel mit einer umfassenden Bougainvillea-Begrünung an den Fassaden. Die optisch ansprechende Gestaltung mit zahlreichen Sorten dieser Art erfüllte aber noch nicht die heutigen Anforderungen an die Biodiversität.



Seit dem Jahr 2008, werden federführend vom CUGE (Center of Urban Greenery and Ecology) Gründachkongresse veranstaltet mit begleitenden Projektauszeichnungen durchgeführt, um Leuchtturmprojekt als nachahmenswerte Vorbilder zu präsentieren.
Die Gebäudebegrünungen werden durch großzügige staatliche Förderprogramme und durch die Begünstigung von begrünten Bauten im Planungsprozess gefördert. So dürfen begrünte Bauten in der Regel höher gebaut werden. Architekturbüros werden ermuntert, kreative Begrünungen zu realisieren.
Als Handeichung für Planer wurde weiterhin ein Pflanzenkompendium von 2700 tropischen Pflanzenarten mit einer besonderen Kennzeichnung von zu bevorzugenden lokalen Spezies vom National Parks Board (Er et al. 2022) herausgegeben. Diese drei Bände, bieten auch eine Auswahl an heimischen Kletterpflanzen. Nach eigener Abschätzung gibt es etwa 500 tropische Kletterpflanzen (Zander 2014), in der genannten Veröffentlichung sind 249 Arten/Sorten für Singapur als möglich abgebildet, mit der Einschränkung, dass nur ein Bruchteil auf der Halbinsel von Singapur heimisch ist.
Mit dieser Information können Projektplaner entsprechend kreativ umgehen und zukünftig die Artenzahl an Fassaden einerseits mit Kletterpflanzen erreichen. Mit Livingwall-Pflanzmodulen ließe sich die Artenzahlen punktuell weiter erhöhen.
Bei dem hier ausgewählten Bauprojekt der Woha-Architekturgruppe, Singapur, handelt es sich um ein 190 Meter hohes fast quadratisches Gebäude mit einer rot eingefärbten berankbaren Gitterkonstruktion. Das Gebäude wurde 2016 fertiggestellt. Die eigenen Fotos stammen aus den Jahren 2017, kurz nach der Fertigstellung und einer zweiten Recherche als Hotelnutzer im November 2023. Grundrisspläne und Luftaufnahmen wurden dankenswerterweise von dem Architekturbüro Woha für die Bearbeitung zur Verfügung gestellt.



Projektbeschreibung
Architektur kann Begrünung vielfältig und mutig kombinieren. Bei dem Beispiel des Oasia Hochhauses, das jetzt knapp zehn Jahre alt ist, wurde ein mutiges Begrünungskonzept an dem 190 Meter hohen Gebäudes angewandt. Das Projekt erhielt gleich nach der Bauphase viele Auszeichnungen, siehe Tab. 1.
Dieser Artikel geht der Frage nach, wieviel Grün bei gleichzeitig hoher Nutzungsqualität auf einem Grundstück möglich ist und wie sich dieses Projekt bewährt hat. Die Herausforderung war es, im zentralen Innenstadtbereich ein 27-stöckiges Hochhaus als markanten Solitär auf einer kleinen Grundfläche von nur 40 x 40 Metern mit maximaler Begrünung zu realisieren. Das wäre in Europa die Grundfläche für zwei-Einfamilienhäuser oder eine Stadtvilla.
Die auffällige rote Gitterkonstruktion sollte sich dynamisch in kurzer Zeit in einen grünen Monolithen verwandeln. Der federführende Architekt Wong Mun Sum verfolgte die These einer maximalen Begrünung trotz kleinen Fußabdrucks des Hotels. Es sollte der Eindruck eines tropischen Ferienresorts für die Hotelbesucher entstehen und damit im Kontrast zu typischen Hotels stehen.
Einige Projektkenndaten
Die 27 Geschosse werden durch drei Atrien, als Freiluft- oder Skygärten gegliedert, von denen jeweils bis zu zehn Stockwerke erschlossen werden. Die Gesamtnutzfläche beträgt etwa 19 500 Quadratmeter liegt. Das Gebäude wurde von WOHA Architektur, Singapur, konzipiert.
Die Innenarchitektur wie die Möbel in den Hotelzimmern entstammt dem Studio Patricia Urquiola (Mailand, Italien). Als Bauträger fungierte die Far-East SOHO, Singapur. Die Baukosten betrugen etwa 138 Millionen Singapur-Dollar.
Die gesamte Fassadenfläche von circa 25 500 Quadratmeter wird mit 21 ausgewählten Kletterpflanzen besiedelt. Dazu sind Pflanzkübel in verschiedenen Gebäudehöhen umlaufend innenliegend vor den Fenstern installiert und über Wartungsgänge erreichbar. Zusätzlich ist auf der Spitze des Gebäudes eine Arbeitsgondel installiert.
Weitere, bodengebundene Vegetation in den drei Atriumgärten unterstreichen den pflanzlichen Eindruck eines typischen tropischen Resorts, bereichert um den uneingeschränkten Blick auf die Stadt. Weitere 33 Pflanzenarten bilden das Grundgerüst der tropischen Gärten.
Im Jahr 2017 war etwa 1/3 der Wandflächen bewachsen. Im November 2023 ist die Gesamtfassade von circa 25 490 Quadratmetern zu etwa 2/3 von den Kletterpflanzen eingehüllt. Die Pflanzen sehen gesund und fit aus, sie haben einen mehrfach überlagernden Pflanzenpelz ergeben.



Gliederung des Gebäudes
Die Abfolge der Geschosse dieses achteckigen Turmes gliedert sich wie folgt: zunächst fünf Geschosse Parkdecks, daran schließen sechs Büroebenen an. Die übrigen Stockwerke werden von einem Hotel gefüllt, dessen Empfangsebene im 12. Stock in einem offenen Atrium liegt. Darüber ordnen sich bis zum 27. Stock Hotelzimmer an, die sowohl im 21. Stock als auch im 27. Stock durch Poolebenen aufgelockert werden.
Die Skygärten stehen Hotelgästen als auch Mitarbeitern der Büros als Pausenräume zur Verfügung, dadurch vervielfacht sich die eigentliche Grundfläche des Gebäudes deutlich. Der Skygarten im 21. Stock lebt von dem ungestörten Ausblick, während die Poollandschaft im 27. Stock durch Vegetation eher einer Oase gleicht und mit den überhängenden Kletterpflanzen eher ein Gefühl erzeugt, man sei auf ebener Erde. Durch die massive Begrünung ist bezogen auf die Grundflächen ein Grünvolumen von 1110 Prozent vorhanden und damit weltweit ein Spitzenwert.
Dieses Hochhaus ist ein exzellentes Beispiel, wie ein mehrfacher Grünfaktor im Vergleich zur Grundfläche erreicht werden kann. Allein mit dem Dachgeschoss und der dortigen Nutzung (siehe Foto 7) ermöglicht diese Etage eine Nutzung, die einer ebenerdigen Fläche entspricht. Bei der Abwicklung der Fassaden von 4 x 40 Meter Seitenlänge und 190 Meter Höhe sind das 30 400 Quadratmeter begrünbare Wandflächen.
Der Abstand zwischen der Rank-Konstruktion und den Fenstern ersetzt beispielsweise den sonst aufwändigen textilen Sonnenschutz. Die Begrünung beträgt etwa 2/3 der Fassade, also 20 064 Quadratmeter, das ist die 12fache begrünte Fläche im Vergleich zur Grundfläche.
Die drei tropisch bepflanzten Etagengärten entsprechen noch einmal jeweils etwa der Grundfläche. Wie das Infrarotbild Abb. 8 zeigt, ist die Oberfläche dieses Gebäudes fast 8 Grad Celsius kühler als ein angrenzendes konventionelles Hochhaus mit typischer Fassade. Durch die begrünte rote berankbare Außenhülle strömt die Luft und kühlt sich an den Pflanzen ab, ehe sie auf die verschatteten Fensterscheiben trifft.


In einer Stadt, in der die Hitze eines der zentralen Probleme für die Bewohner darstellt, ist das eine beispielgebende Lösung die Temperaturen aufgeheizter Gebäudeoberflächen deutlich abzusenken. Dieses Model kann auch auf andere klimatische Zonen der Welt analog übertragen werden. Durch das Abfangen des Schlagregens kann ein Teil des lokalen Niederschlages direkt zur Bewässerung der Dachgärten genutzt werden und damit über die Verdunstung zur Gebäudekühlung beitragen.
Durch diesen Baustil kann die konventionelle Raumkühlung deutlich gegenüber geschlossenen Hochhäusern reduziert werden.
Die mehr als 50 verwendeten Pflanzenarten erhöhen sowohl die Biodiversität auf der Fläche im Vergleich zur unbebauten Fläche vorher als auch die Biomasse mit ihren Ökosystemdienstleistungen.
Zusammenfassung
Dieses Beispiel eines tropischen Hochhauses verdeutlicht, dass trotz intensiver Bebauung der Grünanteil erheblich erhöht werden kann. Verschattung und Verdunstung zusammen senken die Oberflächentemperatur im Vergleich zur Umgebungstemperatur deutlich.
Das Gebäude veranschaulicht, das vielgeschossige qualitative Bebauung und eine abkühlende Begrünung zusammen möglich sind. Die Auszeichnungen, die dieses Projekt erhalten hat, zeigen auf, dass diese Idee bei Fachleuten gut ankommt.
Zur Verbesserung des Stadtklimas werden vergleichbare Bauvorhaben weltweit dringend benötigt. Dieses Haus ist nicht nur wegen seiner Wandfarbe ein Leuchtturmprojekt ökologischen Bauens, das hoffentlich zur Nachahmung anregt. Der Stadtstaat Singapur will bei diesen Erfolgen nicht stehen bleiben und arbeitet aktuell am Green Plan 2030, unter anderem mit dem Ziel, noch mehr begrünte Gebäude zu ermöglichen².
Anmerkungen
¹ https://stadtundgruen.de/q/?27
² https://www.greenplan.gov.sg/
Literatur
Er, K. Weijing, S., Koboyashi, T., Tang, J., Teo, J., Lian, P.T.C., Teng, L.W. (2022): 1001 Garden Plants in Singapore. Hrsg. National Parks, 3 Bde. 3. Aufl. Aktualisierte online-Version: https://www.nparks.gov.sg/florafaunaweb
Zander, R., Erhardt, W., Götz, E., Seybold S., Bödeker, N. (2014): Handwörterbuch der Pflanzennamen. 19. Auflage, Ulmer. Stuttgart.
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