Pflasterklinker

Altstadtsanierung auf Schritt und Tritt in Wismar

Wie ein ausgerollter, roter Teppich mit bunten Akzentuierungen erstreckt sich der Pflasterklinker von der Bockhorner Ziegelei entlang der seit dem 13. Jahrhundert bestehenden Konturen der Altstadt Wismar. Foto: Ulrich Hoppe

Im Zuge des 1990 erstellten Stadterneuerungsprogramms der Altstadt Wismar wurden neben der Aufarbeitung von denkmalgeschützten und städtebaulich bedeutsamen Gebäuden auch die Straßen, Wege, Plätze und Grünflächen einer umfangreichen Sanierung unterzogen. Mit Hilfe der Beteiligung von Bund und Land sowie Mitteln aus dem städtischen Haushalt als auch von privaten Eigentümern und Investoren konnte das Stadtbild grundlegend verbessert werden. Ein besonderes Augenmerk fällt dabei auf die Gestaltung der Fußwege durch den Pflasterklinker der Bockhorner Privatziegelei.

Für die Handelsstadt Wismar war der Straßenbelag, der mutmaßlich schon vor rund 300 Jahren in Form von Pflasterklinkern aus Bockhorn Einzug ins Stadtbild hielt, ein Aushängeschild und Zeugnis ihres Reichtums. Geprägt durch die Mitgliedschaft in der Hanse vom 14. bis zum 16. Jahrhundert waren insbesondere die Wirtschaftszweige Brauerei und Bierexport sowie die Wollweberei für den wirtschaftlichen Erfolg der Stadt verantwortlich. In dieser Zeit entwickelten sich zentrale Merkmale des bis heute bestehenden Stadtgrundrisses und dem damit verbundenen Straßennetz.

Straßenzüge optisch verstärkt

Um dieser historischen Bedeutung mehr Ausdruck zu verleihen, hat sich die Stadt im Zuge ihres Stadterneuerungsprogramms darum bemüht, einen Pflasterstein zu wählen, der mit seiner Farbigkeit die bogenförmig angelegten Straßenzüge optisch verstärkt. Mit der "Bunt Sortierung" von der Bockhorner Ziegelei gelang diese Intensivierung. Wie ein ausgerollter, roter Teppich mit bunten Akzentuierungen erstreckt sich der Pflasterklinker entlang der seit dem 13. Jahrhundert bestehenden Konturen der Altstadt Wismar. Die noch ablesbare mittelalterliche Bebauungsstruktur mit den geschlossenen Baufluchtlinien unterstreicht der Pflasterklinker und zeigt eine deutliche Trennung zwischen dem öffentlichem Straßenraum und den einzelnen Blöcken. Insgesamt zeichnet sich die historisch gewachsene Altstadt durch ihre Kleinteiligkeit, die Parzellen- und Blockstruktur aus.

Für die Stadt Wismar wurde ein Pflasterklinker im Format 220 x 108 x 52 Millimeter ohne Fase genutzt. Auf Grund von unterschiedlichen Beanspruchungen ist der Pflasterklinker in seiner Stärke auf 62 und 72 Millimeter nachgerüstet worden.

Dieses Format ist größtenteils im Läuferverband mit einheitlichem Fugenbild flach verlegt worden. Das Pflastermuster hat sowohl gestalterische als auch praktische Anforderungen zu erfüllen. Zuwegungen werden durch einen Wechsel im Läuferverband von flach auf hochkant baulich kenntlich gemacht. Zusätzlich zu dieser optischen Wirkung werden die erhöhten Lasten der verkehrlichen Beanspruchung aufgefangen.

Im Zuge der Attraktivierung der Altstadt konnten bisher 37 Straßen denkmalgerecht und bautechnisch saniert werden. Die farblich einheitliche Pflasterfläche fasst die Gebäude sichtbar ein und bindet so die Altstadt zu einem Gesamtensemble zusammen. Da neben klassizistischen Gebäuden größtenteils einfache Wohnhäuser das Erscheinungsbild prägen, bildet der rote Pflasterklinker einen angenehm warmen Kontrast zur zurückhaltenden Putzornamentik der historischen Bauten.

Jeder Stein ein Unikat

Wie jede Straße als Einzelfall mit Besonderheiten zu betrachten ist, stellt auch jeder einzelne Stein in seiner Farbigkeit ein Unikat dar und führt zu einem Farbspiel der Oberflächen. Der Bockhorner Pflasterklinker weist alle Rotschattierungen bis hin zu Blautönen auf. Diese unregelmäßige Oberflächenfärbung wird nicht nur durch den Brand verstärkt, auch Sonnenlicht ebenso wie Feuchtigkeit lassen die Farbigkeit des Pflasterklinkers in einem immer neuen Licht erstrahlen.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 06/2022 .

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