Bezüge zwischen den Kulturräumen Zentraleuropa und USA

Internationale Campusanlagen – kulturmagnetische Feldforschung

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Panta rhei. Tempus fugit. Tempora mutantur, nos et mutamur in illis, ließe sich hinzufügen. Auch die Hochschullandschaften unterliegen einer steten dynamischen Veränderung. Wie sieht ein moderner Hochschulcampus heute aus, und wie in der Zukunft? Gibt es mehr globale Unterschiede oder doch eher universitäre Gemeinsamkeiten?
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1 Wer durch das historische Sather Gate der Berkeley University of California den ursprünglich im landschaftlichen Stil angelegten, inzwischen aber weitgehend baulich verdichteten Campus betritt, weiß unmittelbar, dass auf diesem akademisch geweihten Land die nächsten Schritte mit Bedacht gesetzt werden sollten. Hier haben nur Nobel laureates einen eigenen Parkplatz. Foto: Jörg-Ulrich Forner

Um diese Frage schrittweise zu beantworten, soll zunächst der Blick in die außereuropäische, freiheitliche Geschichte, danach in den zentraleuropäischen deutschsprachigen Raum gerichtet werden.

Ungleichzeitige Feldgenese

Für den amerikanischen Kulturraum liegt seit längerem eine vorbildlich herausgearbeitete kulturwissenschaftliche Dokumentation von Paul Venable Turner, mit "Campus - An American Planning Tradition" zu geschichtlichen Projektierungsphasen der historischen Entwicklung der höheren Ausbildungsstätten seit der amerikanischen Unabhängigkeit vor1. Eine methodisch sauber durch Literaturbefragung und Empirie für den deutschsprachigen Raum herausgearbeitete Chronologie der Hochbau- und Freiraumplanung für Ausbildungsstätten gleich welchen Niveaus liegt hingegen nicht vor. Eine aktuelle Literatursynopse ergibt, dass der Themenkomplex von deutschsprachiger Campusplanung quasi erst seit dem Ende der 1990er Jahre behandelt wird, jedoch beschränkt sich die fachliche Betrachtung fast ausschließlich auf die Darstellung von geplanten oder realisierten Um- oder Neubauten, die in Gestaltungspublikationen erscheinen. Eine holistische Chronologie mit konsequenter Dekonstruktion des Gesamtkomplexes in seine Facetten ist dadurch jedoch nicht gegeben2.

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2 Das traditionelle quadrangle-Layout aus dem frühen 19. Jahrhundert, bei dem die Gebäude symmetrisch um eine zentrale rechteckige Fläche angeordnet wurden, beherrscht viele Neugründungen in der Mitte des 19.Jahrhunderts, so auch noch bei der 1891 privat gegründeten Leland Stanford Junior University in Kalifornien. Foto: Jörg-Ulrich Forner
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3 Der Campus der Columbia University ist auch eine städtebauliche Kühlinsel, die auch von Anwohnenden gerne genutzt wird. Foto: Jörg-Ulrich Forner
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4 Columbia University und New York University im Herzen von Manhattan in New York sind eins mit der Stadtstruktur und ihren Einwohner:innen. Foto: Jörg-Ulrich Forner

Dies ist umso erstaunlicher, als dass viele wechselseitige Bezüge zwischen genau diesen beiden zeitgenössischen Kulturräumen Zentraleuropa und den Vereinigten Staaten von Amerika bestehen. So schuf beispielsweise Joseph Jacques Ramée (1764-1842) im frühen 19. Jahrhundert, nach seinem Weggang aus dem revolutionsarchitekturgeprägten Frankreich für potente Hamburger Bürger und Kaufleute mit dem Donners Park und Baurs Park noch heute existierende Parkanlagen im landschaftlichen Stil. In seiner Folgezeit entwarf er in den jungen Vereinigten Staaten von Amerika im Jahr 1813 eine komplexe Campusanlage für das Union College in Schenectady (Bundesstaat NY). Dieser Campus sah ein Ensemble aus Wohn- und Arbeitsstätten für Lehrende und Lernende vor, die in einen landschaftlichen Park eingebettet sind. Dieser Entwurf entfaltete in der Folge für viele Campusanlagen in den USA durch seine anspruchsvolle Komposition von Architekturen und Landschaftsgestaltung eine Vorbildwirkung3.

In den USA verläuft die Entstehung einer Campusplanung in vielen Phasen synchron zu dem Entstehen eines neuartigen demokratischen Staatengebildes. Seit der Kolonisierung durch Spanier, Franzosen und Engländer bestanden in den größeren Siedlungen und städtischen Gebilden, insbesondere an der zuerst besiedelten Ostküste, frühe Colleges. Diese bedienten die elitäre Nachwuchsbildung weniger, begüterter Familien. Der Begriff campus taucht in der amerikanischen Literatur in diesem Zusammenhang erstmals in den 1770er Jahren auf, wo dieser die Außenanlagen des Zentralgebäudes des damaligen College of New Jersey (gegründet 1746), die Nassau Hall der heutigen University of Princeton, NJ beschreibt4. Bis in die 1950er Jahre bezeichnete dieser Begriff die Universitätsanlagen, die in der Mehrzahl außerhalb der damaligen Städte lagen. Diese frühen Colleges waren in landschaftliche Areale ausgegliedert, um eine möglichst vom regen Treiben der Städte störungsfreie Lernatmosphäre zu gewährleisten.

Der 3. Amerikanische Präsident Thomas Jefferson (1743-1826) trat nach seiner präsidialen Amtszeit für eine bundesstaatliche Universität von Virginia in Charlottesville ein, die schließlich auch 1819 gegründet wurde und deren erster Präsident er wurde. Damit konnte Jefferson für die innere und äußere Struktur der Universität maßgeblich richtungs- und auch ortsweisend sein. So unterschied sich seine Campusgestaltung entscheidend von der anderer klassischer amerikanischer Campi dadurch, dass im Zentrum der Anlage keine Kirche, sondern eine Bibliothek stand. Es gab eine gewünschte klare Trennung von Kirche und Staat. Die zentralen Gebäude werden als academic village – akademisches Dorf – bezeichnet und stehen mit ihren zahlreichen unterschiedlichen klassizistischen Gebäuden heute auf der Weltkulturerbeliste der UNESCO. Auch die Studierenden konnten fast uneingeschränkt aus einem vielfältigen Angebot an Lehrveranstaltungen und Fächern wählen. Die Ausbildung des akademischen Nachwuchses war eine politische Agenda.

So wurde mit diesem Sendungsbewusstsein und Eintreten für demokratische Bildungsideale auch der 4. Amerikanische Präsident James Madison (1751-1836) nach seiner politischen Amtszeit der zweite Präsident eben dieser Universität ab 1826. Der überlieferte Campusplan von Benjamin Latrobe (1764-1820), dem zweimaligen Architekten des Kapitolgebäudes in Washington D.C, zeigt ein langes Rechteck (the quadrangle) aus Rasen (the lawn), um das sich einzelne Pavillongebäude beidseitig der Zentralachse aneinanderreihen. Die Allegorie an die griechische Agora ist unmissverständlich und unübersehbar. Die einzelnen Pavillons nehmen Lehrsäle und Studentenunterkünfte, aber auch Essensräume und Arbeitszimmer auf, und sind mit einer einheitlichen, das ganze zentrale Rechteck einfassenden Kolonnadenreihe gesäumt. Die Mittelachse führt zur Rotunda, einem an das römische Pantheon baulich angeglichenen, ikonischen Gebäude, in dem anfangs die Bibliothek untergebracht war. Im Laufe der Zeit erfolgten bauliche Erweiterungen, bei denen sich die Gebäude, durch Gärten voneinander getrennt, um das innere Zentralrechteck gruppierten5.

Die Anlage des Lawn mit der Rotunda hat für mehrere andere Universitäten Modell gestanden, unter anderem für die Entwürfe des Sweet Briar College (1902), der Johns Hopkins University (1902), der University of Minnesota (1910), der Rice University (1910), des Faye and Joe B. Wyatt Center for Education am Peabody College der Vanderbilt University (1915) und dem Killian Court mit dem Kuppelbau des Great Dome am Massachusetts Institute of Technology, MIT (1916). Mehrere Universitätsarchitekten übernahmen das Element einer zentralen parkähnlichen Fläche, die von den Universitätsgebäuden gesäumt wird, so auch Ralph Adams Cram für das Wheaton College bei Boston.

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5 Blick vom klar strukturierten architektonischen Campus vor dem imposanten Hauptgebäude der Eidgenössischen Technischen Hochschule / ETH auf das Stadtzentrum von Zürich. Hier wird aktuell der Masterplan umgesetzt, der die einzelnen Fakultäten mit den angrenzenden Quartieren, dem Universitätsspital und Kultureinrichtungen wie dem KunstHaus verzahnen soll. Foto: Jörg-Ulrich Forner
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6 Der Wissenschaftscampus Berlin-Adlershof bringt verschiedene gesellschaftliche Komplexe zueinander, um eine produktive University-Industry-Government- Innovationsstruktur zu bilden. Die unterschiedlichen Gebäude und Einrichtungen profitieren von einer retentionsorientierten, klimaresilienten und nachhaltigen Freiraumgestaltung, die dem sensiblen Umgang mit der Ressource Wasser eine hohe Bedeutung zumisst. Foto: Jörg-Ulrich Forner

Wechselwirkungen von wissenschaftlichen Wahlverwandtschaften

Betrachtet man derweil die Entwicklung der europäischen Universitäten, so werden diese zunächst mit den konfessionellen und profanen Machtstandorten, und meist einem zentralen Kirchengebäude verbunden. Viele frühe Universitäten bildeten sich mittels starker theologischer Fakultäten, die von anderen Fachbereichen wie Jurisprudenz, Philosophie oder Geisteswissenschaften ergänzt wurden. Erst später folgten dann Medizinfakultäten, oder die Zweige der Chemie und Physik. Seit der Renaissance kamen vermehrt künstlerische Fachgebiete wie Architektur, Kunst- und Sprachwissenschaften hinzu.

Die Hochschulanlagen befanden sich daher seit dem Mittelalter städtebaulich begründet innerhalb der befestigten europäischen Stadt. Das Prinzip der Ressourceneffizienz und der Kontrolle diente auch zur Konzentration von Wissen. Die Ausbildungsstätten wuchsen geschichtlich seit der Renaissance über die Jahre und verteilten sich in folgenden Expansionsphasen nach Beendigungen von europäischen Kriegsereignissen wegen der starken städtebaulichen Zentrifugalkräfte – in Deutschland besonders merklich seit der Humboldt'schen Bildungsrevolution sowie der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 – schließlich trotz einer angestrebten räumlichen Konzentration auf einen Hauptcampus auf den ebenfalls wachsenden Stadtkörper. Dieser Prototyp eines Zentralmodells mit seinen Satelliten in der Kernstadt blieb im 20. Jahrhundert bis nach 1945 das vorherrschende europäische Muster bei der Standortentscheidung bzw. -entwicklung. Deutschsprachige Beispiele dafür sind die ehemalige Universität zu Berlin (heute Humboldt-Universität zu Berlin), die Königliche Technische Hochschule zu Berlin (heute Technische Universität Berlin), die Rhein-Universität (heute Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität am Standort in Poppelsdorf im Kurfürstlichen Residenzschloss) oder auch die Eidgenössische Technische Hochschule / ETH im Stadtzentrum von Zürich, Schweiz.

Als gewählte Vorbilder bei wissenschaftlichen Neugründungen im amerikanischen Kulturraum waren im ausgehenden 19. Jahrhundert die gewachsenen deutschen Universitäten in vielen Fällen die puristischen Ideale, die die sehr stark funktionalistischen Gebäude im Stadtkörper verteilten, wie zum Beispiel bei der Clark University, Worcester, MA oder dem Massachusetts Institute of Technology / MIT in Cambridge bei Boston, MA. Ein college-artiges Campusleben wurde hier nicht gewünscht. Das studentische Leben außerhalb des Unterrichts war von Hochschulseiten nicht weiter von Interesse, sondern der Fokus lag auf der Ausstattung, die optimale Lernergebnisse produzieren sollte6.

Protagonisten grüner Ausbildungsstätten

Ein besonderer Impulsgeber in der US-amerikanischen Campusplanung war der frühe Landschaftsarchitekt Frederick Law Olmsted (1822-1903). Bereits Olmsted favorisierte bei der Projektierung von neuen Hochschulstandorten eine Mischung zwischen Stadtnähe und akademischer Konzentration. Eine teilweise Erklärung dafür könnte die Bereisung Europas in Jahr 1850 sein, wo F.L.Olmsted neben Frankreich und Großbritannien auch das aufstrebende Deutschland besuchte, um viele einschlägige städtebauliche und quasi sozialwissenschaftliche Impressionen, die auch die Ausbildungsstätten beinhalteten, sammelte. Das Oeuvre Olmsted's ist beeindruckend, da es auch viele Hochschulprojekte umfasst. Prominentes Beispiel seiner Schaffenskraft ist die Leland Stanford Junior University in Kalifornien. Gegründet im Jahr 1891 folgt sie in ihrer Gestaltung dem Zentralquadrat, um das sich die Hochschuleinrichtungen gruppieren. Der gestiftete Baugrund wurde seit 1886 von Olmsted beplant und um die zentrale Campusfreifläche längsseitige Arkadengänge aus rotem Sandstein im Missionsstil, unter azurblauem Himmel und mit seitlichen Lehr- und Wohngebäuden errichtet. Spätere Gestaltungsergänzungen erfolgten schließlich im Beaux-Arts-Stil.

Diese räumlich-konzeptionelle Abwendung von ruraler Isolation hin zur Mitte der Stadt(gesellschaft) vollzog zu ähnlichem Zeitpunkt beispielsweise auch im Jahr 1857 die Columbia University (damals noch ein College), durch ihren Weggang vom Parc Place in Lower Manhattan zur 49th Strasse und Madison Avenue in Midtown Manhattan in New York. Bis heute verschmilzt die Universität dort mit der Stadt. Auch die New York University ist mit ihren in verschiedenen Gebäuden untergebrachten Fakultäten und Colleges gleichfalls ein nicht mehr unterscheidbarer Teil der urbanen DNA geworden.

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7 Die Université Grenoble Alpes bietet moderne Architektur mit hochwertiger Freiraumgestaltung vor einer grandiosen Bergkulisse für Studierende und Forschende. Foto: Jörg-Ulrich Forner
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8 Ein unverstellter Blick ohne physische und psychische Grenzen für Ideen und Weitblick wird durch die ortsmaterielle Verbindung und strukturelle Integration der Gebäude in die weitläufige Campusplanung erzielt. Foto: Jörg-Ulrich Forner
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9 Der Karen Blixen Plads auf dem Campus der Universität Kopenhagen ist fahrradfreundlich gestaltet und grenzt an moderne Ausbildungsgebäude, bei denen die Lehre auf den unteren und die Forschung in den oberen Geschossen stattfindet. Lineare Wasserläufe sammeln Regenwasser und steigern die Aufenthaltsqualität für Studierende, Lehrende und Forschende. Foto: Jörg-Ulrich Forner

Moderne Wechselwirkungen

Ein bemerkenswerter Planungs- und Entwicklungsprozess erfolgte durch die Interpretation von Mies van der Rohe in seinem dynamisch gedachten Masterplan für das Illinois Institut of Technology / IIT in Chicago aus den Jahren 1939-40. Mies entwickelte sehr früh das berühmte 24x24-Fuß-Raster, das dazu diente, vom Basismobiliar über den Raum zum Gebäude und schließlich zum Hochschulgelände eine ganz klare Entwicklungsrichtung anzulegen, wohingegen ein konventioneller Masterplan das endgültige Erscheinungsbild des Hochschulgeländes vorbestimmen würde. Mies' innovative Prozessumkehrung für die Umsetzung des Masterplans ermöglichte spätere Erweiterungen, ohne die grundlegenden, charakteristischen Merkmale des Originalplans zu ändern7.

Nach der Zäsur des 2.Weltkrieges waren viele der alten deutschen Stadtzentren zerstört. Um ganzheitlich einen Neuanfang zu begründen, wurden nun die Erweiterungen der bestehenden Hochschulen an den Stadtrand in die Suburbanität verlagert. Viele Hochschulen entstanden mit den neuen Angeboten der Fachhochschulen auch komplett auf der "grünen Wiese", wie z.B. München, Nürnberg, Erlangen oder Bochum. Auch in der Schweiz wurde mit der Beplanung des ETH-Standortes in Hönggerberg ein solcher großer Satellit geschaffen, der keinen direkten Bezug mehr zum alten Hauptcampus der ETH und auch keinen Kontakt mehr zum historischen gesellschaftskulturellen Stadtzentrum hatte. Wie im Research Park an der Stanford University sollten sich hier spin-offs, start-ups und andere Forschungseinrichtungen ansiedeln. Ähnlich wurde so die Universität Bremen mit den Fraunhofer- und Max-Planck-Instituten angereichert. Auch Berlin hat in Adlershof einen solchen umfassenden Hightech-Campus, der neben den Technologieunternehmen im Technologiepark zusätzlich auch eine Medienstadt, Freizeitpark, Wohn- und Gewerbegebiet in unmittelbar spürbarer Nachbarschaft zum Campus der Humboldt-Universität umfasst.

Mens sana in corpore sano

Als ein ganz wesentlicher Teil eines gesunden und aktiven Lebens und Alltags auf dem Campus wurde das niederschwellige Angebot für körperliche Aktivität als Ausgleich und Voraussetzung für anspruchsvolle und belastungsfähige geistige Anstrengungen gesehen. Körperliche Bewegung und sportliche Aktivitäten wurden ungefähr in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf amerikanischen Campusanlagen immer populärer und blieben dort seitdem bis in die Gegenwart eine dauerhafte Gestaltungskomponente für die Implementierung eines fairen, regel- bzw. naturgesetzbasierten Leistungsgedankens.

Le Corbusier besuchte bei seinem Aufenthalt in den Vereinigten Staaten in den 1930er Jahren mehrere Colleges und Universitäten, und schrieb in einem sehr überschwänglichen Buch über Amerika ein Kapitel "Everyone an Athlete" über Colleges, in dem er die amerikanischen Collegeanlagen als ausgezeichnete Stätten für athletische Aktivitäten bezeichnete, die nicht nur die sportliche Ertüchtigung ermöglichten, sondern auch das gesunde und aktive Leben der Studierenden auf dem Campus in einer parkähnlichen Natur förderten. Er erkannte dabei das grundsätzlich demokratische und utopische Ideal einer perfekten räumlichen Umwelt als besondere Qualität der höheren amerikanischen Ausbildung:

"Everything in the interest of comfort, everything for the sake of calm and serenity, everything to make solid bodies. Each college or university is an urban unit in itself, a small or large city. But a green city. Lawns, parks, stadiums, cloisters, dining halls, a whole complex of comfortable quarter (…) The American university is a world in itself, a temporary paradise, a gracious stage of life (…)"8.

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10 Der Blick aus den Fenstern vom Wohnheim auf dem Campus der Universität Kopenhagen stellt die Studierenden vor die schwierige Wahl: Sportfläche oder Hörsaal? Der Campus bietet vielfältige Bewegungsangebote und gibt dem modernen Stadtteil auf der Insel Amager eine besondere Identität. Foto: Jörg-Ulrich Forner
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11 Die 1898 gegründete Wirtschaftsuniversität ist eine der größten Wirtschaftshochschulen in Europa und verlegte im Jahr 2013 ihre Ausbildungsstätten komplett an den neuen zentrumsnahen Standort Campus WU am Nordrand des Wiener Pratergeländes. Foto: Jörg-Ulrich Forner
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12 Die modernen und fachgerecht gepflegten Außenanlagen der Wiener Wirtschaftsuniversität bieten grün-blaue Räume, die durch ihr biophiles Design einen Wechsel zwischen Erholung und inspirierender Kommunikation erleichtern. Foto: Jörg-Ulrich Forner

Neue urbane Realitäten

Die klosterähnliche, abgeschottete Einbettung von Standorten in die Natur wird heute als nachteilig gesehen (z.B. die monolithischen Lehr- und Forschungseinrichtungen vom Uithof Campus der Universität Utrecht oder das Science City Project der ETH Zürich). Der innerstädtische Campus erfüllt die Erwartungen und Bedürfnisse der Wissensgesellschaft von heute besser wie das Beispiel der Harvard University mit dem Harvard Square und Harvard Yard in Cambridge bei Boston zeigt. Der zeitgenössische Anspruch auf eine hohe Lebensqualität mit work-life-balance in Lehre und Forschung lässt sich auch an einer hohen Gestaltungsqualität, zeitgemäß ausgestatteten Studierendenunterkünften und einer umweltfreundlichen guten Erreichbarkeit der zentralen Campusflächen ablesen, wie bei den seit der Jahrtausendwende umgesetzten Projekte der Université Grenoble Alpes, im Stadtteil Amager an der Universität Kopenhagen und am neuen Campus WU der Wirtschaftsuniversität in Wien. Eine innerstädtische Campusanlage stärkt dabei die Identität der Stadt. Ein suburbaner Campus wirkt hingegen in die Peripherie und kann sogar – ähnlich wie im Fall des kalifornischen Silicon Valley – eine Katalysatorfunktion für eine ganze Region entwickeln. Werden die zerstreuten historischen Enklaven in gewachsenen Städten vielerorts durch die innerstädtische Lage kompensiert, wie beispielsweise im Fall der ETH Zürich, IIT Chicago oder MIT Cambridge, so werden in den jüngsten bundesdeutschen landschaftsarchitektonischen Ideen- und Realisierungswettbewerben die Satellitenstandorte der Nachkriegsentwürfe wieder mit den suburbanen Stadträndern und -quartieren verwoben.

Es besteht aktuell im europäischen Ausland auch parallel die städtebauliche Tendenz, dass sich suburbane Campusstandorte zu Mini-Städten mit allen erforderlichen Funktionen entwickeln, also eher autarke Quartiere werden, die die Eigenentwicklung einer verstärkten Bindung an die Stadt vorziehen.

Sofern das benötigte Land erschwinglich ist für Standortkäufe und Erweiterungen, so dienen auch ehemalige Industrieareale für die Transformation von gewerblichen Produktionsstandorten in Kulturstandorte: ein jüngeres gelungenes Beispiel dafür ist die Bilgi Universität in Istanbul, wo der Santral Campus – ein umgebautes Kraftwerk und ehemaliges Industrieareal – ein Modellprojekt für einen neuen urbanen Campus mit starkem Bezug zur Kunst, quasi ein Tate Modern für die Wissenschaft darstellt. Der Campus der Hochschule in Fulda entstand durch die Transformation eines ehemaligen Militärgeländes.

Aktuell erfährt die weitgehend durch öffentliche Gelder finanzierte Hochschullandschaft in Deutschland starke Budgetbeschränkungen, die Ausbildungsqualität und Innovationskraft senken werden. Die Wissenschaft und ihre Impulse in die Gesellschaft sind jedoch zu wichtig, um sie zu ignorieren. Nach dem Triple-Helix-Modell von Henry Etzkowitz sollen und müssen sich universitäre Nutzungen mit ökonomischen und öffentlichen Funktionen zu einer University-Industry-Government-Innovationsstruktur verbinden, um Wachstum zu fördern und dadurch Stabilität zu erlangen. Daher muss ein moderner Hochschulstandort weltoffen und transparent, vielfältig und klimaresilient, biodivers und stimulierend, einladend und von internationalem Esprit aufgeladen sein, um die kulturellen Austauschpotenziale in einem freien und fairen Spiel der Kräfte wirksam werden zu lassen.

Anmerkungen

1 TURNER, 1984.

2 siehe erweiterte Literaturliste.

3 vgl. TURNER, 1984, S.148-152.

4 TURNER, 1984, S.49.

5 vgl. TURNER, 1984. DOBER, Richard P. 2000: Campus Landscape. Functions, Forms, Features, John Wiley & Sons, Hoboken, NJ.

6 TURNER, 1984, S.163ff.

7 vgl. BLASER, 2002, S.9. OLMSTED, Frederick Law jr.; KIMBALL, Theodora 1922: Frederick Law Olmsted, Landscape Architect 1822-1903. Early Years and Experiences, together with Biographical Notes, G.P.Putnam's Son's, The Knickerbocker Press, New York and London, S.28ff.

8 vgl. TURNER, 1984, S.160-161; vgl. auch LE CORBUSIER 1964: When the Cathedrals Were White, New York, erstmalig publiziert 1937, S.135.

Prof. Dr.-Ing. Jörg-Ulrich Forner
Autor

Beuth Hochschule für Technik Berlin, FG Bautechnik, Bauabwicklung und Projektmanagement

Beuth Hochschule für Technik Berlin

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