Bildungsangebote helfen vor Ort, den Artenschwund aufzuhalten

Kleingärten als Orte biologischer Vielfalt

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Seit 200 Jahren machen Kleingärten unsere Städte grüner und bunter. Im Laufe ihrer Geschichte haben sie sich dabei immer wieder neuen gesellschaftlichen Herausforderungen gestellt. In Zeiten der weltweiten Biodiversitätskrise erfüllen sie eine besonders wichtige Funktion zum Schutz der Artenvielfalt und urbanen Ökosysteme. Kleingärten bedecken in Deutschland 44.000 Hektar und sind damit flächenmäßig so groß wie die Nationalparks in Bayern¹.
Urban Farming Kleingärten
Abb. 1: Gemeinschaftsflächen können für zusätzliche Strukturelemente wie diesen Benjes-Streifen genutzt werden, wie in der ökologischen Kleingartenanlage Wildkraut in Berlin. Foto: BKD, Sarah Buron

Tiere und Pflanzen finden in Kleingärten ökologische Nischen, die in Stadt und Land selten geworden sind, denn sie weisen eine besonders hohe Strukturvielfalt auf. Kleingartenanlagen sind zudem Verbindungselemente zwischen Lebensräumen, über die sich Arten ausbreiten können. Aber was macht sie so besonders?

Kulturpflanzenvielfalt auf kleiner Fläche

In Kleingärten entsteht die Vielfalt nicht trotz, sondern gerade wegen der gezielten Bewirtschaftung. Laut aktueller Rechtsprechung ist mindestens ein Drittel der Parzellenfläche für den Anbau von Obst und Gemüse zu nutzen. Kleingärten sind als älteste Form von "urban farming" essenzieller Bestandteil einer sich selbst versorgenden Stadt und tragen zur nachhaltigen Stadtentwicklung bei².

Eine 2008 durchgeführte Studie des Bundesverbands Deutscher Gartenfreunde (heute: BKD) und der unter seinem Dach organisierten Landesverbände in Zusammenarbeit mit dem Fachgebiet Agrobiodiversität der Universität Kassel erfasste in den 83 untersuchten Kleingartenstandorten 1813 Zierpflanzen-Arten und 253 Arten essbarer Pflanzen³. Darunter waren auch viele Arten und Sorten, die im Erwerbsgartenbau und der Landwirtschaft nicht mehr anzutreffen sind – die Stichprobe zeigte, dass zwei bis viermal so viele Obst- und Gemüsesorten kultiviert werden wie auf vergleichbaren landwirtschaftlichen Flächen.

Laut Welternährungsorganisation FAO sind in den letzten 100 Jahren etwa 75 Prozent der Agrobiodiversität weltweit verloren gegangen4. Der Anbau alter Sorten im Kleingarten ist daher nicht nur ein Hobby, sondern auch ein Beitrag zur Erhaltung der kulturellen und genetischen Vielfalt unserer Nutzpflanzen.

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Abb. 2: Einige Gemüsepflanzen, die zur Blüte kommen dürfen, sind zusätzliche Nahrung für Insekten, KGA Wildkraut Berlin. Foto: BKD, Sarah Buron

Lebendiger Boden als Klimaschützer

Der Gartenboden – auch Hortisol genannt – war Boden des Jahres 2017. Diese Bodenart ist dort entstanden, wo Menschen über viele Jahre gärtnerisch tätig sind und den Boden pflegen. Das Besondere an ihm ist sein hoher Humusgehalt. Kleingartenböden speichern so größere Mengen Kohlenstoff5 als andere städtische Böden.

Vor allem eine Gartenpraxis mit Kompostierung und Mulchen trägt zudem zu einer guten Bodenbiodiversität bei6. Eine Zürcher Studie über Haus- und Kleingärten kam 2020 zu dem Ergebnis, dass die Anzahl und Vielfalt der Regenwurmarten in Gemüse-Beeten verglichen mit anderen Flächen besonders hoch war7.

Untersuchungen zeigen auch, dass eine große oberirdische Vielfalt an Gefäßpflanzen zu einer großen unterirdischen Vielfalt führt. Eine besonders vielfältige Bepflanzung fördert Aktivität, Biodiversität und Biomasse von Bodenorganismen.8 Also genau das, was in Kleingärten praktiziert wird.

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Abb. 3: In der KGA Wildkraut finden sich zahlreiche Strukturelemente wie diesen Steinhaufen. Auf Zäune zwischen den Parzellen wird ganz verzichtet. Foto: BKD, Sarah Buron

Hohe Strukturvielfalt für die Tierwelt

Im Durchschnitt ist ein Kleingarten 370 Quadratmeter groß. Die einzelnen Parzellen sind je nach Vorlieben der Pächterinnen und Pächter unterschiedlich gestaltet und ergeben als Anlage ein Mosaik mit verschiedenen Lebensräumen. In vielen Bereichen übertreffen sie die Leistungen von anderen städtischen Grünflächen wie Parks. So weisen sie mehr unterschiedlicher Pflanzenarten je Quadratmeter auf9.

Der Zentralverband der Kleingärtner und Siedler Österreichs gab eine Studie zur Biodiversität der Wiener Kleingärten (2016–2019) in Auftrag, die zu dem Ergebnis kam, dass auch diese sehr artenreich sind10. Als Indikator für Biodiversität wurden Wanzen und Zikaden gewählt, da sie sehr unterschiedliche Ansprüche an Habitate und Nahrungspflanzen haben. Es zeigt sich, dass eine hohe Vielfalt an verschiedenen Nahrungspflanzen und Strukturen zu einer hohen Wanzen- und Zikadenvielfalt führt.

Dass die Anzahl an Arten im Garten in direktem Zusammenhang mit der Strukturvielfalt steht, zeigte auch eine Untersuchung der Universität Basel von 35 Gärten in der Stadt¹¹. Dabei konzentrierten sich die Forschenden auf nicht-flugfähige, eher versteckt lebende Kleintiere wie Asseln und Laufkäfer. Besonders gut schnitten Gärten ab, die eine Kombination verschiedenster Kleinlebensräume wie Wiesen, Sträucher, Laubhaufen oder Totholz aufwiesen. Wenngleich in Privatgärten gewonnen, sind diese Ergebnisse auch auf die Gestaltung von Kleingärten übertragbar.

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Abb. 4: Die Mischung aus Obst, Gemüse, Kräutern, Zier- und Wildpflanzen sorgt für eine große und bunte Portion Stadtnatur, KGV Flora. Foto: Kristina Rainer

Vielfältige Nektarquellen

Eine britische Studie untersuchte, wo Bestäuber im Stadtgebiet Nektar finden können¹². Dabei zeigte sich, dass die Vielfalt der Nektarquellen für bestäubende Insekten in Gärten höher als in allen anderen untersuchten Landschaftsräumen war. Sie stellen in Städten 85 Prozent des Nektarangebots und weisen die größte Vielfalt der Nektarquellen auf.¹³ Daraus schlossen die Forschenden, dass Gärtnerinnen und Gärtner eine wichtige Rolle beim Schutz der Bestäuber spielen. Darunter sind auch viele exotische Zierpflanzen, die eher die Generalisten unter den Bestäuberinsekten ansprechen.

Gärten mit heimischen Arten weisen meist eine größere Vielfalt und Anzahl an Bestäubern auf. Eine deutsche Studie zeigt, dass heimische Insekten heimische Wildstauden häufiger besuchten (67 % aller Blütenbesuche) im Vergleich zu verwandten Zierformen (24 %) und exotischen, nicht-heimischen Arten (9 %)14. Durch Forschungsprojekte, wie das Bürgerwissenschafts-Projekt Gartenfülle in Haus- und Kleingärten in Braunschweig, werden aktuell weitere Erkenntnisse zu Zusammenhängen von Flora und Fauna gewonnen15.

Für die Vielfalt an Wildpflanzen ist es besonders wichtig, wie mit "Unkraut" umgegangen wird. Im Kleingarten wird in der Regel von Hand gejätet und ein gewisses Maß an Spontanvegetation kann geduldet werden16. Der Einsatz von chemischen Mitteln ist nicht von Nöten und sollte unterbleiben. Viele Kleingartenverbände haben etwa nicht nur ein Herbizit-Verbot erlassen, sondern es gibt inzwischen auch Verbote für Essig und Salz als Unkrautvernichtungsmittel – etwa in Sachsen.

Ein jüngst in der "Natur und Landschaft" erschienener Artikel stellt die These auf, dass "Kleingärten als Modelle gesellschaftlicher Transformation" dienen können. Gärten seien sogar Schutzräume für heimische Pflanzenarten. Regional ausgestorbene oder kritisch gefährdete Arten finden hier Refugien17. Die Autorinnen und Autoren stellen hierfür "Evidenzbasierte Leitlinien zur biodiversitätsfördernden Kleingartengestaltung" zur Verfügung. Dieses Zusatzmaterial kann kostenlos heruntergeladen werden18.

Urban Farming Kleingärten
Abb. 5: Ein Kleingarten kann als grüner Lernort für Schulen dienen, KGV Externberg. Foto: Kristina Rainer
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Abb. 6: Die Kleingartenanlage NW18 in München wurde komplett als Naturgarten zertifiziert und ist ein positives Vorbild für naturnahes Gärtnern. Foto: Michael Ackermann

Fazit

Die Forschung bestätigt also, was Kleingärtnerinnen und Kleingärtner schon lange ahnten: Kleingärten tragen aktiv zum Schutz der biologischen Vielfalt bei. Um das Potenzial noch mehr auszuschöpfen, ist eine ökologische Bewirtschaftung und vielfältige, naturnahe Gestaltung entscheidend.

Viele engagierte Kleingartenvereine, Bezirksverbände und Landesverbände haben sich auf den Weg gemacht und setzen sich für biodiversitätsfreundliches Gärtnern ein. Mit dem traditionellen System der Gartenfachberatung hat das Kleingartenwesen bereits einen großen Trumpf in der Hand: Indem Kleingärtnerinnen und Kleingärtner so qualifiziert werden, dass sie in den Vereinen ehrenamtliche Beratung durchführen können, wird gute gärtnerische Praxis und naturnahes Gärtnern in die Kolonien getragen.

Mit dem gemeinsamen Verbundprojekt "Kleingärten für Biologische Vielfalt" sind der Bundesverband der Kleingartenvereine Deutschlands (BKD) und der Deutsche Schreberjugend Bundesverband (DSJ) aktiv dabei, die biologische Vielfalt in Kleingärten noch stärker zu schützen und zu fördern19. Das Projekt wird gefördert im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesumweltministeriums.

Der BKD übernimmt die Ansprache von Multiplikatorinnen und Multiplikatoren: Seine Bildungsangebote richten sich im Besonderen an die Gartenfachberatung. Unter anderem gibt es die Möglichkeit, sich bei der Online-Bildungs- und Vernetzungsreihe weiterzubilden und auszutauschen. Beispielweise dazu, wie man einen naturnahen von einem ungepflegten Garten unterscheiden kann20.

Der DSJ spricht mit seinen Angeboten im Speziellen "Gartenneulinge", vor allem junge Familien mit Kindern, an und zeigt ganz praktisch, wie Kleinstbiotope im Kleingarten umgesetzt werden und auch Gartenneulinge einen einfachen Einstieg in die vielfaltsfreundliche Gartenpraxis finden.

Anmerkungen

Wissensplattform: www.kleingaerten-biologische-vielfalt.de

¹ Zeitschrift "Natur und Landschaft", Heft 12 2024 | Artikel "Kleingärten als Modelle gesellschaftlicher Transformation

² Feldmann, F. "Kleingärten als Teil urbaner Landwirtschaft" und Kilousek, T. "Hidden champions" in DER FACHBERATER 1/2025

³ "Artenvielfalt. Biodiversität der Kulturpflanzen in Kleingärten" BDG 2008

4https://openknowledge.fao.org/server/api/core/bitstreams/1c21b500-833d-40b3-9dd6-a69a3f7d743d/content (PDF)

5 Klingenfuß C., Klein D.-P. et al. (2019): Natürliche Kohlenstoffspeicher in Berlin. Ergebnisse des Forschungsprojekts NatKos. Humboldt-Universität zu Berlin. www.hu.berlin/natkos

6 https://kleingaerten-biologische-vielfalt.de/bodenbiodiversitaet-fuer-kleingaerten/ (Kleingärten für biologische Vielfalt)

7https://journals.plos.org/plosone/article/file?id=10.1371/journal.pone.0240061&type=printable (PLOS - PDF)

8 Eisenhauer, N. (2024) "Warum das Bodenleben für den Naturschutz so wichtig ist: Zusammenhänge ober- und unterirdischer Biodiversität – Einblicke aus 20 Jahren Forschung im Jena Experiment" in "Natur und Landschaft" 9/10

9 "Artenvielfalt. Biodiversität der Kulturpflanzen in Kleingärten" BDG 2008

10 "Biodiversität in Wiener Kleingärten" https://www.kleingaertner.at/kleingartenfamilie/news-aus-der-kleingartenfamilie/biodiversitaet (kleingaertner.at)

¹¹ "Städtische Biodiversität: Erstaunliche Vielfalt an Kleinlebewesen in Basler Gärten" https://www.kleingaertner.at/kleingartenfamilie/news-aus-der-kleingartenfamilie/biodiversitaet (kleingaertner.at)

¹² "Quantifying nectar production by flowering plants in urban and rural landscapes" https://besjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/1365-2745.13598 (Journal of Ecology)

¹³ "Quantifying nectar production by flowering plants in urban and rural landscapes" https://besjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/1365-2745.13598 (Journal of Ecology)

14 Home sweet home: Evaluation of native versus exotic plants as resources for insects in urban green spaces https://besjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/2688-8319.12380

15https://www.gartenfreunde-braunschweig.de/news/projekt-gartenfuelle-was-waechst-alles-in-meinem-kleingarten/14832 (Gartenfreunde Braunschweig)

16 "Maßnahmen zur ökologischen Aufwertung von Kleingärten" https://kleingarten-bund.de/blog/2021/02/13/2150-2/ (BKD)

17 Zeitschrift "Natur und Landschaft", Heft 12 2024 | Artikel "Kleingärten als Modelle gesellschaftlicher Transformation

18https://www.natur-und-landschaft.de/fileadmin/user_upload/Natur_und_Landschaft/Seiteninhalt/Zusatzmaterial/2024/2024_12_Zusatz_Staude_978-3-00-154277-9_op.pdf (natur-und-landschaft.de)

19https://stadtundgruen.de/artikel/kleingaerten-als-chance-fuer-die-biodiversitaet-19739 (Stadt und Grün)

20 Dokumentation Online-Veranstaltung "Naturnah oder verwildert" https://journals.plos.org/plosone/article/file?id=10.1371/journal.pone.0240061&type=printable (PLOS - PDF)

 Eva Foos
Autorin

wissenschaftliche Mitarbeiterin

Bundesverband der Kleingartenvereine Deutschlands e. V.
 Sarah Buron
Autorin

Bundesverband der Kleingartenvereine Deutschlands e. V.

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