Blaupausen für biodiversitätsfördernde Low-Tech-Mikroarchitektur

Kleingartenlauben neu gedacht

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Kleingartenanlagen gewinnen vor dem Hintergrund gesellschaftlicher, ökologischer und klimatischer Herausforderungen zunehmend an Bedeutung. Sie gelten als wohnungsnahe Erholungsräume, soziale Netzwerke und wertvolle Elemente städtischer Grünstrukturen. In Zeiten hoher Mietpreise und wachsender Individualisierung bieten sie gerade für Menschen ohne Wohneigentum wie junge Familien oder Singles einen Ort zur sozialen Teilhabe, Selbstverwirklichung und Versorgung.
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1 Das interdisziplinäre Projektteam beim Aufbau des Prototyps NARA im BKD-Garten – kurz vor Fertigstellung. Foto: Bernd Hiepe

Für ältere Menschen werden Kleingärten zu einem Ort für Naturkontakt und informelle Begegnung, wenn andere soziale Bindungen im Alter abnehmen. Studien belegen zudem ihre gesundheitsfördernden Effekte, etwa in Bezug auf Bewegung, Stressabbau und seelisches Wohlbefinden¹, ².

Auch für den ökologischen Stadtumbau leisten Kleingartenanlagen einen zentralen Beitrag: Sie regulieren das Mikroklima, speichern Wasser, verbessern die Luftqualität und bieten wichtige Lebensräume für Vögel, Insekten und Kleintiere³. Besonders in verdichteten urbanen Lagen agieren sie als naturnahe Strukturen im städtischen Kontext. Gleichzeitig ist ihre Zukunft nicht gesichert: Der steigende Wohnraumbedarf in Ballungsräumen sowie ein nicht gesetzeskonformer Laubenbestand führen zunehmend dazu, dass Kleingartenflächen in den Fokus städtebaulicher Nachverdichtungsprozesse geraten.

Das Bundeskleingartengesetz (BKleingG) definiert hierzu klare Rahmenbedingungen: Lauben dürfen (bis auf wenige historisch bedingte Ausnahmen) eine Grundfläche von 24 Quadratmetern nicht überschreiten, nicht dauerhaft bewohnt werden und ein Drittel der Parzellenfläche muss der kleingärtnerischen Nutzung, etwa dem Anbau von Obst und Gemüse, vorbehalten sein4. Verstöße gegen diese Vorgaben können langfristig den Bestand einzelner Parzellen oder ganzer Anlagen gefährden und können in der Umwandlung zu Bauland resultieren.

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2 Zwischen Alltagsbedürfnis und Wertvorstellung: Studierende im Dialog mit Kleingärtnerinnen in Brandenburg. Foto: Hermann Weizenegger

Die gestalterische Weiterentwicklung gesetzeskonformer, ökologisch wirksamer und sozial inklusiver Lauben wird damit zur kulturpolitischen Aufgabe. Bereits vor der Covid-Pandemie war die Nachfrage nach Kleingärten deutlich gestiegen; seitdem hat sich der Trend weiter verstärkt. In Großstädten betragen die durchschnittlichen Wartezeiten auf eine Parzelle inzwischen rund fünf Jahre5. Lauben und Parzellen rücken in den Fokus urbaner Gestaltungsstrategien – als mikrokosmische Schnittstelle zwischen Mensch, Mitwelt und Stadtgesellschaft.

Transdisziplinäres Kooperationsprojekt: Laube neu gedacht

Um den Wandel im Kleingartenwesen gestalterisch zu begleiten, wurde 2024 das Kooperationsprojekt "Laube neu gedacht" ins Leben gerufen. Beteiligte Partner waren der Bundesverband der Kleingartenvereine Deutschlands e. V. (BKD), die Fachhochschule Potsdam (FHP) sowie die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE). Ziel war die Entwicklung eines rechtskonformen, zukunftsfähigen Laubenprototyps, der funktional, naturnah und inklusiv zugleich ist.

Den Ausgangspunkt des Projektes bildeten leitfadengestützte qualitative Interviews mit 18 aktiven Kleingärtner:innen aus Berlin und Brandenburg sowie eine Holzbauexkursion der Studierendengruppe in den Bregenzer Wald und nach Leipzig ins Deutsche Kleingärtnermuseum. Die befragten Kleingärtner:innen benannten Bedarfe wie: Stauraum, Schutz vor Hitze und Einbruch, witterungsbeständige Materialien, barrierearme Zugänge und ein Raumkonzept, das Gemeinschaft und Individualität gleichermaßen erlaubt.

Tieferliegende Motivationen wie das Bedürfnis nach Kontrolle, Selbstverwirklichung, Selbstwirksamkeit oder Gemeinschaft wurden ebenso identifiziert. Aufbauend auf diesen Forschungserkenntnissen entwarfen Industriedesignstudierende der FHP unter Leitung von Prof. Hermann Weizenegger und Industriedesignerin Aylin Kayser gemeinsam mit Holzbaustudierenden der HNEE mehrere Konzepte, die von einem Expert:innengremium evaluiert und in einen finalen Laubenentwurf namens NARA – NAturRAum überführt wurden.

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3 Die Studierenden der FHP hatten eingangs vier Entwürfe für eine "nachhaltige Laube" entwickelt. Diese sind in der Sonderausstellung "Kleingartenlaube neu gedacht – die Gartenlaube im Fokus von Nachhaltigkeit, sozialer Offenheit und Biodiversität" im BKD-Bundeszentrum zu sehen. Foto: BKD, Engwert
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4 Das Modell des finalen Entwurfs der Studierenden der FH Potsdam. Foto: Bernd Hiepe

Der anschließende Konstruktionsprozess wurde von der HNEE betreut. Unter Leitung von Prof. Dr. Klaus Dreiner und Holzbauingenieur Philipp Baier entstand die Ausführungsplanung, inklusive Statik, Logistik und Konstruktionsdetails. Die Fertigung übernahm der Holzbaubetrieb Schmidt & Thürmer in Zusammenarbeit mit Studierenden der FHP und HNEE. Das Fine-Tuning erfolgte in den Werkstätten der HNEE in Eberswalde und der Aufbau im Mai 2025 am BKD-Bundeszentrum Berlin-Neukölln durch das Projektteam.

Angesichts der Tatsache, dass die Bauindustrie in Deutschland etwa 40 Prozent aller CO2-Emissionen verursacht⁶, war die integrative Verknüpfung von Nachhaltigkeit und Gestaltung ein zentrales Anliegen des Projekts. Tobias Jänecke, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FHP und Experte für zirkuläres Produktdesign, betont: "Design kann weit mehr als nur formale Ästhetik beeinflussen. Es kann als strategisches Werkzeug zur Transformation hin zu einer ressourcengerechten und treibhausgasneutralen Zukunft dienen."7 Im Rahmen des Projekts führten Studierende vergleichende Lebenszyklusuntersuchungen zu Material- und Fundamentvarianten durch, entwickelten alternative Montagekonzepte und schärften ihr Verständnis für systemische Zusammenhänge.

NARA – NAturRAum & Gartenhaus: Der gebaute Prototyp

Das Ergebnis der Zusammenarbeit ist NARA, ein 16 Quadratmeter großes Laubenmodell mit drei Funktionsbereichen: überdachte Terrasse, lichtdurchfluteter Hauptraum und abschließbarer Stauraum. Charakteristisch ist das modulare Regal-Tragwerk, das tragend, stauraumbildend und gestalterisch einzigartig ist und eine zirkuläre Fassadengestaltung mit Holzresten ermöglicht. Die Konstruktion ist in der Länge erweiterbar auf bis zu 24 Quadratmeter. Gefertigt aus Fichten- und Lärchenholz aus nachhaltiger Holzwirtschaft, verzichtet NARA auf chemische Holzschutzmittel. Stattdessen wird mit konstruktivem Holzschutz gearbeitet, etwa durch überstehende Dachflächen, Schutzbleche, Opferhölzer und Kiesrandstreifen. Alle nichttragenden Elemente können perspektivisch durch Sekundärrohstoffe ersetzt werden. Die Konstruktion orientiert sich am Design-for-Disassembly-Prinzip und ermöglicht eine Demontage sowie eine sortenreine Materialtrennung der Bauteile am Ende ihrer Nutzungsdauer.

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5 Fünf Studierende beim Bau des Prototyps NARA an der HNEE . . . Foto: HNEE, Ulrich Wessollek
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6 . . . und bei Schmidt & Thürmer. Foto: Aylin Kayer
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7 Das modulare Regaltragwerk der Laube übernimmt eine tragende Funktion, bietet zusätzlichen Stauraum und ist gestalterisches Alleinstellungsmerkmal. Foto: BKD, Hartleb

Die Laube steht auf nachhaltigen Bestands- oder Schraubfundamenten, die – verglichen mit klassischen Betonfundamenten – bis zu 40 Prozent CO2-Emissionen einsparen8. Je nach Bodenbeschaffenheit, müssen gegebenfalls auch Schaumglas-, Punkt- oder Streifenfundamente aus Beton eingesetzt werden.

Der Idee nach wird der Bausatz per Online-Konfigurator individuell geplant, regional gefertigt, per LKW angeliefert und mittels Plattenwagen zur Parzelle transportiert. Der Idee nach wird der Bausatz mit einem Lkw an die Wunschadresse angeliefert und mit Plattenwagen durch die schmalen Wege der Kleingartenanlage bis zur Parzelle transportiert. Der Aufbau erfolgt durch vier Personen innerhalb von drei Tagen nach Bauanleitung.

Biodiversitätsförderung, Teilhabe und gestalterischer Anspruch

Das Design folgt den Prinzipien des "More-Than-Human Design": Die Laube ist nicht nur für Menschen konzipiert, sondern auch für das Zusammenleben mit Tieren und Insekten. Vertikale Rankhilfen, optionale Insektenhotels, Igelhaus, Nistkästen für verschiedene Vogelarten, Totholzstapel für Käfer und ein nachrüstbares Gründach unterstützen die Artenvielfalt und schaffen Raum für gestalterische Individualisierungen. Die transparenten raumhohen Kunststoffplattenelemente garantieren die Beleuchtung des Innenraums und dienen gleichzeitig als Schutz vor Vogelschlag. (Vogelschlag bezeichnet das meist tödlich endende Kollidieren von Vögeln mit verglasten oder verspiegelten Flächen, das in der Regel vermeidbar ist und unabhängig von der jeweiligen Vogelart auftritt, s. a. Stadt+Grün 06/2025, S. 36–39.)

Gleichzeitig wurde bei NARA auf barrierearme Nutzung geachtet: Eine 90 Zentimeter breite Eingangstür, klappbare Rollstuhlfahrer:innen-Rampe sowie ein 150 Zentimeter großer Wendekreis im Innenraum ermöglichen auch mobilitätseingeschränkten Personen die Nutzung. Zusätzlich können Hochbeete dieser Personengruppe die gärtnerische Teilhabe bieten. Die architektonische Sprache orientiert sich an einer zeitgemäßen Interpretation von Schutzhütten, die sowohl Geborgenheit als auch Offenheit ausdrücken.

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8 Zur Vernissage wurde die Laube einem interessierten Fachpublikum aus der Designwelt, dem Kleingartenwesen und Umwelt- und Naturschutz vorgestellt. Foto: BKD, Engwert

Der 1:1 Lauben-Prototyp im BKD-Bundeszentrum in Berlin

Am 15. Mai 2025 wurde NARA im Rahmen der Berlin Design Week erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Über 100 geladene Gäste aus der Design- und Architekturwelt, aus dem Kleingartenwesen, dem Umwelt- und Naturschutz sowie aus Politik und Verwaltung nahmen an der Veranstaltung teil.

Der 1:1 Prototyp ist noch bis Ende August 2025 im Außengelände des BKD-Bundeszentrums in Berlin-Neukölln zu den regulären Öffnungszeiten zu besichtigen. Die begleitende Sonderausstellung dokumentiert den Entwicklungsprozess – von der Forschung bis zum realisierten Produkt. Sie ergänzt die bestehende BKD-Dauerausstellung "Stadt I Natur I Mensch – Kleine Gärten, große Wirkung".

Kleingärten als Lösung für eine klimaresiliente Stadt

Kleingartenlauben sind mehr als Rückzugsorte – sie sind Möglichkeitsräume. Mit NARA liegt eine gebaute Vision vor, wie Lauben der Zukunft gestaltet sein können: ressourcenschonend, anpassungsfähig, sozial durchdacht und ökologisch wirksam. Kleingartenlauben sind keine nostalgischen Artefakte, sondern wichtige Bausteine einer klimaresilienten Stadtentwicklung. Sie bieten Antworten auf zentrale Herausforderungen wie Klimawandel, Biodiversitätsverlust und soziale Fragmentierung.

Die im Projekt entwickelten Ansätze – etwa zur nachhaltigen Bauweise, zur biodiversitätsfreundlichen Gestaltung oder zur transdisziplinären Designforschung ("Research through design") – lassen sich auch auf andere Kontexte übertragen. Denkbar wären beispielsweise Lauben auf Dächern von Supermarkt-, Kommunal- und Wohnungsbauten, schwimmende Varianten in wasserreichen Städten oder saisonale Gemeinschaftsnutzungen im Rahmen urbaner Agrikultur wie beispielsweise auf dem Tempelhofer Feld in Berlin.

Ausblick

Auf Basis des Besucher:innenfeedbacks zum aktuellen Prototyp prüfen einzelne Studierende, die Laube zur Marktreife mit einem Zielpreis von rund 18000 Euro weiterzuentwickeln und eine entsprechende Ausgründung nach dem Studium zu realisieren. Die Ergebnisse der quantitativen Umfrage werden auf der Website des BKD veröffentlicht.

Anmerkungen

1 Johnsrud, M., Goth, U. S., & Skjerve, H. (2024). The Impact of Urban Allotment Gardens on Physical and Mental Health in Norway. International Journal of Environmental Research and Public Health, 21(6), 720. doi.org/10.3390/ijerph21060720

2 Janus, E., Szewczyk-Taranek, B., and Smrokowska-Reichmann, A. (2023). Perceived functions of allotment gardens and their importance during the COVID-19 pandemic in Poland. Folia Horticulturae, 34(1), 51–63, doi.org/10.2478/fhort-2022-0006.

3 Haase, D., & Gaeva, D. (2023). Allotments for all? Social–environmental values of urban gardens for gardeners and the public in cities: The example of Berlin, Germany. People and Nature, 5: 1207–1219. doi.org/10.1002/pan3.10488

4 Bundesministerium der Justiz (2024): Bundeskleingartengesetz (BKleingG), § 3. Online verfügbar unter: https://t1p.de/GII

5 Tagesspiegel (2025): "Wartezeit zwischen fünf und zehn Jahre": Der Run auf Berlins Kleingärten ist ungebrochen. Abrufdatum: 05.05.2025. Online verfügbar unter: https://t1p.de/tsp-kleingarten

6 BBSR (2020). Abrufdatum 05.05.2025: https://t1p.de/bbsr-KL

7 Jänicke, T. (2025)

8 Jensen L. D., Laivys, Laurynas (2022): LCA of screw pile foundation and lightweight constructions in single-family houses. Aalborg University. Abrufdatum: 05.05.2025. Online verfügbar: https://t1p.de/spfalc

Projektdetails:
https://t1p.de/kleingartenlaube

Ausstellungsort:
Bundeszentrum Bundesverband der Kleingartenvereine Deutschlands e. V. (BKD), Hermannstr. 186, 12049 Berlin

Mehr zur Dauerausstellung des BKD:
https://stadt-natur-mensch.de

 Eva Foos
Autorin

wissenschaftliche Mitarbeiterin

Bundesverband der Kleingartenvereine Deutschlands e. V.
 Aylin Kayser
Autorin

Industriedesignerin & Lehrbeauftragte

FH-Potsdam

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