Das „Nizza“ in Frankfurt am Main, ein mediterranes Gartendenkmal
Ein Hauch von Côte d’Azur
von: Dipl.-Ing.(FH) Thomas Herrgen
Das grüne Idyll zeigt eine reichhaltige Flora, auch mit exotischen Früchten aus dem mediterranen Raum und darüber hinaus. Vor der südexponierten etwa vier Meter hohen Kaimauer – die Stadt liegt hier entsprechend höher – herrscht ein besonderes Mikroklima. Die Sonne wird tagsüber eingefangen, die dunkelrote Sandsteinmauer speichert die Wärme und gibt sie nachts ab. Es war vor allem für Pflanzen der Côte d’Azur – daher der umgangssprachliche Name „Das Nizza“ – sehr gut geeignet. Winterschutz war damals dennoch notwendig und das ist mit Einschränkungen heute noch so.
Nach der umfänglichen Rekonstruktion, Sanierung und Weiterentwicklung der Anlage in den letzten 25 Jahren wurde der empfindliche Kernbereich 2018/19 mit einem Zaun und Toren eingefriedet. Damit kann sie nachts und bei den zahlreichen Veranstaltungen, die inzwischen am Mainufer stattfinden, abgeschlossen und besser geschützt werden, auch vor Vandalismus, Pflanzendiebstahl oder Verunreinigungen aller Art.
Heute, im Klimawandel, herrschen hier für die lokalen Pflanzengesellschaften ironischerweise „optimale“ Bedingungen, Winterschutz bei Frost oder großen Schneeauflagen ist nur noch selten (wie zuletzt im schneereichen Februar 2026) notwendig und der direkt vorbei fließende Main schafft zusätzlich ein ausgleichendes Lokalklima.
Mediterraner Garten am Main
Während die Kais des Mainufer's früher nur für Handel und Fischfang dienten, wurden die Flussufer des Mains im 19. Jahrhundert zu Orten für Vergnügen und Erholung. Gaststätten, Badeanstalten und gepflegte Grünanlagen entstanden und belebten die innerstädtische Flusslandschaft. Das Frankfurter Nordufer wurde nach einer Landgewinnung (Zuschüttung eines Nebenarms des Mains) verbreitert und ab 1860 gärtnerisch angelegt, später umgestaltet und mit exotischen Pflanzen geschmückt, die zum Teil Mitbringsel wohlhabender Bürger aus dem Mittelmeerraum waren.
Nur wenige Menschen konnten sich damals eine Reise zum Inbegriff des Südens leisten. So nannten die Bürger ihre von Palmen bestandene Parkanlage „Nizza“ oder spöttisch die „Côte d’Azur für Arme“. Die besonnte, mikroklimatisch begünstigte Uferseite wurde zum Ersatz für das Promenieren in den Subtropen.



Historische Entwicklung
Im 19. Jahrhundert verfügte die damalige Freie Reichsstadt Frankfurt nur über drei neu geschaffene, öffentliche Grünanlagen, den Palmengarten, die Wallanlagen und das „Nizza“. Die gärtnerische Anlage am Mainufer, die ab den 1870er Jahren mediterran beziehungsweise exotisch bepflanzt wurde, geht bis auf das Jahr 1832 zurück, als das Restaurant „Zur Mainlust“ auf einer länglichen Flussinsel eine Gartenterrasse betrieb, die der spätere Schöpfer des Palmengartens, Heinrich Siesmayer (1817-1900) teilweise mediterran bepflanzt hatte. Der von einer Brücke überspannte Kleine Main (Winterhafen) zur Insel gilt als ideeller Ursprung der heutigen Anlage.
Nach der Verfüllung des Main-Seitenarms ab 1857 wurde auf dem gewonnenen Neuland die dringend erforderliche Bahnverbindung zwischen den neuen Stadtbahnhöfen West und Ost, bzw. West- und Osthafen realisiert. Die Gleise teilten die neue Uferfläche etwa mittig. Ab 1860 bepflanzte Stadtgärtner Sebastian Rinz (1782-1861) das nördliche Mainufer – zuvor hatte er die dort eigentlich geplanten Lagerplätze verhindert – zwischen Untermainkai und den Bahngleisen mit Bäumen, halbkreisförmigen oder ovalen Schmuckbeeten, Rabatten und Einfassungshecken. Die Eingänge aus den anliegenden Straßen wurden dabei hervorgehoben.
Rinz’ Enkel und Amtsnachfolger Andreas Weber (1832-1901) nahm die Idee einer mediterranen Bepflanzung wieder auf und entwarf die Anlage, deren Gestaltungszüge bis heute erhalten sind. Absicht war, das Fernweh nach Sonne und Exotik in die Heimat zu holen, ganz im Sinne des Zeitgeschmacks. Durch die spätere Verlegung der Bahngleise zum Ufer hin und eine Erweiterung der Grünanlage nach Westen gewann das Nizza unter Weber große Flächen hinzu.
Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts fügte Gartenbaudirektor Max Bromme einen Spielplatz ein und schuf das „Kleine Nizza“, die Erweiterung nach Osten. Nach dem Krieg, um 1950, erfolgte ein zeitgenössischer Umbau der Grün- und Wegeflächen und die Aufstellung einer Äquatorialsonnenuhr im mittigen Oval. Ab 1957 wurde das „Nizza“ bis zur Kaimauer hin verbreitert und nach Westen (bis zur Friedensbrücke) erweitert. Heute ist die Anlage ein geschütztes Gartendenkmal.
Bauliches Zentrum
Schon immer hatte das „Nizza“ auch einen baulichen Mittelpunkt. Zur Entstehungszeit war es der „Grindbrunnen“, eine schwefelsäurehaltige, hierher umgeleitete Heilquelle im Zentrum einer zweiläufigen Treppe, die aus den Wallanlagen zum Main hinab führte. Der Brunnen war, wie ein Wintergarten, mit einem Pavillon aus Stahl und Glas überbaut worden, ganz im Stil der Zeit. 1895 gab es dort erstmals ein Gartenhaus-Restaurant mit dem Namen „Nizza“.
Nach Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg beschädigt, trat an seine Stelle ein gastronomischer Neubau. Das zuletzt dort betriebene Chinarestaurant verfiel bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, wurde geschlossen und abgerissen. Gleichzeitig fehlte Geld für die Pflege der Grünanlagen, die Besucher blieben aus und andere, unerwünschte Nutzungen stellten sich ein. Das „Nizza“ verlor seinen ehemals guten Ruf und verwahrloste zusehends. Der Handlungsbedarf war groß und die Diskussion um eine Neubebauung am „Grindbrunnen“ brachte den Stein für einen Neuanfang ins Rollen.




Wiederentstehung einer Gastronomie
Heute bildet ein öffentliches Café und Restaurant wieder das Zentrum am Treppenabgang. Die architektonische Gestaltung ging aus einem 2001 entschiedenen Wettbewerb mit etwa 100 Teilnehmern hervor. Das Frankfurter Büro Köhler. Architekten gewann mit seinem Entwurf aus hellem Stein, Glas und Stahl. Er knüpfte hinsichtlich der Materialien an die Tradition der Eisen-Glas-Pavillons des 19. Jahrhunderts an.
Der Baukörper öffnet sich zum Wasser mit dem grünen Mainufer und schafft Ordnung. Ein Sonnendach in Anmutung eines Flugzeugtragflügels „schwebt“ schützend über dem Holzdeck und der Dachterrasse des Gebäudes. Mit der Reduzierung auf nur noch eine Treppe (Ostseite) ging die Symmetrie am wichtigsten Eingang zum „Nizza“ jedoch verloren. Die alte Sonnenuhr wurde innerhalb des Mainufers versetzt und das ovale Beet musste vor der Gebäudesüdfront etwas zurückweichen und verkleinert werden. Ein Mosaik-Pflasterband markiert heute die ursprüngliche Größe und Lage.
Möglich wurde der im September 2004 fertiggestellte Neubau durch eine Vereinbarung zwischen der Stadt Frankfurt am Main und einem benachbarten Bankhaus (Büroneubau mit Tiefgarage), das ausreichende Stellplätze für Besucher:innen und Angestellte der neuen Gastronomie (privater Betreiber) ausweist.
Im Gegenzug konnte das Geldinstitut im neuen Restaurant sein Kasino einrichten. Die Bank trat als Ausloberin des Wettbewerbs und als Investorin des „MainNizza“ auf, wie der Bau seither heißt. In der milden Jahreszeit wird auf der untersten Ebene rund um das Ovalbeet auch ein öffentlicher Sommergarten betrieben.
Rund 200 globale Arten
Die Pflanzenwelt im restaurierten Nizza umfasst eine große Sammlung aus Palmen, Bananen, Immergrünen Gehölzen, Kletterpflanzen und Stauden aus allen fünf Kontinenten. Etwa 200 verschiedene Arten sind im Kernbereich des 4,5 Hektar großen, öffentlichen Gartens zu bewundern. Ab 1999/2000 bis 2006 wurde die Anlage Zug um Zug als Pilotprojekt einer mediterranen Bepflanzung in Kooperation von Grünflächenamt (Planung Friedrich Diestelmeier), Gartendenkmalpflege (Barbara Vogt) und einem Fachmann für das botanische Konzept (Rainer Gesell) wiederhergestellt.
Gesell ist privater Botaniker und erforscht seit mehr als vier Jahrzehnten die Verwendung von Mittelmeerpflanzen in unseren Breiten. „Das Frankfurter „Nizza“ kann als der artenreichste, öffentlich zugängliche Mediterrangarten nördlich der Alpen gelten“ meinte er ein wenig stolz, wobei es aber insgesamt um subtropische Pflanzen, auch aus anderen Teilen der Welt gehe. Die südexponierte, windgeschützte Stützmauer des Untermainkais schaffe die lokalen Voraussetzungen. Weitere Faktoren sind die Innenstadtlage (Wärmestrahlung, höhere Grundtemperatur), die niedrige NHN-Höhe und die übergeordnete, milde geografische Lage der Stadt.
Blühaspekte fast ganzjährig
Die Pflanzung ist so angelegt, dass vom zeitigen Februar bis in den späten November immer etwas blüht. Dabei sind „Exoten“ und heimische Arten durchaus vermischt. Das Gerüst besteht aus den am Mainufer typischen Schirmplatanen (Platanus acerifolia), die als Allee oder Baumreihe mit wassergebundenen Wegen das Gelände erschließen. Alte Rosskastanien (Aesculus hippocastanum), Bäume der ehemaligen Insel und sogenannte Widmungsbäume (z. B. „Kaiser-Wilhelm-Eiche“) ergänzen den Bestand. Als Giganten unter den Exoten seien der Mammutbaum (Sequoiadendron giganteum) und das Chinesische Rotholz (Metasequoia glyptostroboides) genannt.
Vertreter des Mittelmeerraumes im „Nizza“ sind zum Beispiel Erdbeerbaum (Arbutus unedo), Olivenbaum (Olea europaea), Feigenbaum (Ficus carica), Faserbanane (Musa basjoo) und Granatapfel (Punica granatum). Sehr typische Wuchsformen wie am Mittelmeer haben die Säulen- oder Toskanazypresse (Cupressus sempervirens), Portugiesische Lorbeerkirsche (Prunus lusitanica), Steineiche (Quercus ilex), Korkeiche (Quercus suber) oder die Hanfpalme (Trachycarpus fortunei).


Für schöne Blüten und Düfte sorgen unter anderem mehrere Schlafbäume (Albizia julibrissin), Oleander (Nerium oleander), Wehrhafter Duftstrauch (Osmanthus armatus), stammbildende Palmlilien (Yucca recurvifolia, Y. gloriosa), die Immergrüne Magnolie (Magnolia grandiflora) oder Kamelien (Camellia spec., Theaceae).
Neben den zuvor genannten tragen weitere Bäume besondere Früchte, wie der aus Ostasien stammende Kakibaum (Diospyros kaki) oder der Japanische Mispelbaum (Eriobotrya japonica). Weitere Gehölz- und Palmenarten aus Asien, Australien, Nord- und Südamerika kommen hinzu, sodass es etwa 200 Arten aus fast allen Weltregionen sind. Insofern relativiert sich der Begriff „mediterraner Garten“, da es sich tatsächlich um eine subtropische Anlage handelt.
Als Unterpflanzung wurden Stauden und Frühlingsgeophyten (z.B. Winterlinge, Blausterne, Märzenbecher), viele Gräser, Efeu, Immergrün und Arten mit silbergrünem Blatt wie Lavendel und Currykraut verwendet. Letztere sind hitzeresistent, robust und verströmen südländischen Duft. Das gestalterisch wichtige Ovalbeet vor dem neuen Café wurde schachbrettartig nach jahreszeitlicher Blühfolge bepflanzt. Von den Jahreszeiten geprägt sind auch die thematischen Bereiche Schatten-, Obst-, Herbst- und Sommergarten.
Auch bei Frost und Schnee reizvoll
Auch der Winteraspekt im „Nizza“ hat seine Reize. Die Pflanzen bleiben heute ganzjährig vor Ort (Auswahl entsprechend geändert) und werden bei Frost und Schnee geschützt. Spezielle, ausziehbare „Schneeschirme“ überspannen die zusammengebundenen Palmen, Drahtkörbe mit Laub schützen die Oliven und Bananen und wenn es unter minus 12 Grad gehen sollte, kommt je ein Jutesack über die gesamte Pflanze. Das ist zwar aufwändig, aber preisgünstiger, als Kübelpflanzen hin und her zu transportieren oder, wie es ab 1873 üblich war, die Pflanzen auszugraben und extern zu überwintern. Und geringe Schneemengen auf den belaubten Bäumen, Sträuchern und Palmen sehen sehr reizvoll aus und zaubern selbst im Winter einen Hauch von Exotik an das Mainufer.


Herausforderungen meistern
Neben dem Winterschutz hat das „Nizza“ immer wieder mit Problemen zu kämpfen. Die Lage an der Bundesschifffahrtsstraße im Hochwasserbereich des Mains ist einmalig bei Frankfurter Parks. Die Gestaltung (Rauigkeit der Ufer im Abflussquerschnitt, Hindernisse usw.) war damals zur Planung mit dem Wasser- und Schifffahrtsamt abzustimmen. Größere Hochwässer, die jedes fünfte bis siebte Jahr zu erwarten sind, bringen große Zerstörungen der Pflanzung und vor allem Schlamm mit sich.
Schon Andreas Weber sah ein Jahr nach der Anlage das Nizza in einer Flut untergehen. Es wurde damals sofort wieder neu bepflanzt. Nicht minder war der Verlust durch Diebstahl. Zunächst wurden die Wurzelballen von Neupflanzungen durch eine spezielle Technik so befestigt, dass die Pflanze beim Versuch sie auszugraben zerstört, also nutzlos wurde. Gegen Pflanzendiebe erstattete man auch Anzeigen, mit zunehmendem Erfolg. Der neue Zaun mit Schließzeiten zur Nacht brachte dann Besserung.
Auch große Events, wie das Museumsuferfest, das Mainfest, der Ironman Europe und weitere Sonderveranstaltungen verursachen im „Nizza“ trotz Absperrung immer wieder Schäden, so auch Ballspiele und Unachtsamkeiten der Besucher. Geknickte Zweige, abgerissene Blätter, Müll und Fäkalien in und rund um die Anlage sind die Folgen, die mit Zeitaufwand und Geld beseitigt werden müssen. Die Pflege der Anlage ist indes gesichert. Fachkräfte des Grünflächenamtes kümmern sich, nach fachlicher Einarbeitung in die mediterrane Pflanzenwelt, exklusiv um das „Nizza“.
Die Gesamtkosten der Restaurierung beliefen sich auf etwa 1,2 Mio. Euro, darunter die Liefersumme für mediterrane Pflanzen im direkten Neubauumfeld von rund 100.000 Euro. Für eine internationale Stadt mit zahlreichen Banken, Börse, Flughafen und mehr als 30 Prozent Migranten ist ein öffentlicher Garten mit internationaler Pflanzenwelt sicher ein Glücksfall. Die Öffnung tagsüber (ohne Eintritt und Zugangsbeschränkungen) bleibt, bei einem hohen Pflegeaufwand, auch künftig die große Herausforderung.
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WEITERE INFORMATIONEN
Über das Grünflächenamt der Stadt Frankfurt am Main frankfurt.de/themen/umwelt-und-gruen/orte/gaerten/nizza
FÜHRUNGEN (ALLGEMEIN)
Das Grünflächenamt bietet jährlich Führungen durch das Nizza zu verschiedenen Themenschwerpunkten an. Informationen dazu gibt es unter der Telefonnummer +49 (0)69-212-30991.
FÜHRUNGEN (BOTANISCH)
von Rainer Gesell an verschiedenen Tagen im Jahr (Sa nachmittags 16/17h, So 10h) Treffpunkt am Treppenabgang Untermainbrücke (Nähe U-Bahn „Willy-Brandt-Platz“) Teilnahmebeitrag: 5,00 EUR/Person Tage/Zeiten zu erfragen unter oeffentlichkeitsarbeit.amt67@stadt-frankfurt.de
LITERATUR
„Nizza am Main“, Ingeborg Flagge (Autorin), Ernst Wasmuth Verlag, Tübingen, Sept. 2003 (im Internet oder in Antiquariaten erhältlich); „Gartenkunst in Hessen“, Beitrag ab S. 135, Societäts-Verlag, 1998, Rainer Hein (Hrsg.)
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