Fachliteratur

Der Große Garten zu Dresden 1873-1945

von

Die Geschichte seiner Verwaltung. Staatliche Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen (Hg.), Sandstein Verlag, Dresden 2013.

"Das Herz der Verwaltung war das Dienstbüro des Gartendirektors".

Viele denkmalgeschützte Gärten, deren Präfix "historisch" eine höfische Vergangenheit beschreibt sowie einen besonderen künstlerischen und geschichtlichen Wert zum Ausdruck bringen soll, werden öffentlich verwaltet. Neben der staatlichen Betreuung ist eine in der Öffentlichkeit ausgetragene Sinngebung immanent. Ein Denkmal ist per se eine Unterstellung eines öffentlichen Interesses, Öffentlichkeit ist aber nicht homogen. Diskrepanzen sind also zwingend. Eine Lücke zwischen öffentlicher Aufgabe und Wertschätzung historischer Gärten einerseits und der Bereitstellung notwendiger Ressourcen andererseits stellt die Autorin am Beginn Ihrer Untersuchung fest und lenkt den Blick auf den Regiebetrieb, der gewissermaßen als ein Resultat des Transformationsprozesses verbindend wirken kann und in der vorliegenden Arbeit aus historischer Perspektive befragt werden soll.

Als Gegenstand dient der Große Garten in Dresden, der bereits Anfang des 19. Jahrhunderts in staatliche Hand überführt und ab 1873 mit einer eigenen Gartenverwaltung ausgestattet wurde. Ausführungen zum Stand der Forschung, ein kurzer Überblick zur Geschichte des höfischen Gartenwesens sowie die Vorstellung des Großen Gartens leiten die Arbeit thematisch ein. Im Hauptteil wird dessen Verwaltungsgeschichte mit der Zäsur der Republikgründung archivalisch einheitlich ausgewertet: Öffentliche Interessen und Auftrag, Kompetenzen und Ressourcen, gemeint ist die finanzielle und personelle Ausstattung, und als umfangreichster Teil die Leistungen liegenschaftlicher Natur sowie die Instandhaltungs- und Instandsetzungsmaßnahmen. Die Fülle angeführter Begebenheiten öffnet - im Prisma sich wandelnder Öffentlichkeit - Einblicke in die Geschichte einer Verwaltung in statu nascendi sowie nebenbei in das weite Feld gesellschaftlicher Veränderungen insbesondere auch für aktuelle gender studies.

Südliches Seitenparterre im Großen Garten, Blick Richtung Palaisteich. Repro: Stefanie Krihning

Die erste Phase prägt Friedrich Bouché, der disziplingeschichtlich die Akademisierung der Ausbildung repräsentiert und im Selbstverständnis einer gartenkünstlerischen Fortschreibung der höfischen Vorgeschichte verpflichtet ist, was sich im steten Bemühen zeigt, "Verschönerungen zu treffen" und neue Nutzungen im Sinne eines Volksgarten zu ermöglichen. Der Regiebetrieb organisierte sich unter der Bedingung vergleichsweise niedriger Löhne mit einem bewussten sozialen Ausgleich, indem die Menschen trotz nachlassender Leistungsfähigkeit "weiter beschäftigt und mit leichten Aufgaben betraut (werden), sodass sie noch einen Platz ausfüllen und angemessen Verdienst haben". Die Gartenverwaltung generierte aus den Heu- und Holz-ernten einen hohen Eigenmittelanteil. Dieser wirtschaftliche Aspekt ist typisch für die Struktur einer Domänenverwaltung und führte mittelbar - über die dadurch beförderte Tendenz zu extraktiver Nutzung - zur Degradation vieler Standorte. Am Ende des Jahrhunderts kommt Bouché in einer Art Umwertung des öffentlichen Sinns zu dem Schluss, dass Nutzgraswiesen in öffentlichen Parks völlig unmodern seien.

Großveranstaltungen sind ein eigenes Thema. Trotz negativer Erfahrungen muss auf Druck der Stadt - ein mächtiger Produzent von Öffentlichkeit - die Jubiläumsgartenbauausstellung 1926 genehmigt werden. Dem großen, vor allem auch publizistischen - im Sinne eines Apells an die res publica - Einsatz Bouchés "für die Unverletzlichkeit des schönes Volksparkes" ist es zu verdanken, dass die zahlreichen "temporären" Sondergärten Gustav Allingers wieder zurückgebaut werden.

Nach einer Interimslösung ist ab 1929 Hermann Schüttauf verantwortlich und hat mit den Folgen massiven Stellenabbaus zu kämpfen. Unter seiner Amtszeit rückt die Erhaltung des Gartens als Kunstwerk verstärkt in den Blickpunkt. Die Gehölzpflege, bereits ein Schwerpunkt unter Bouché, wird zum konservatorischen Leitthema. "Die alten Gärten müssen wenigsten in Dach und Fach unterhalten werden", formuliert er 1936 programmatisch. Diese Erfahrung sollte für die nachfolgende Gartendenkmalpflege in der DDR weiter getragen werden und wichtige Kenntnisse in der Regeneration von Gehölzgruppen begründen, die dann mit Namen wie Harri Günther, Ludwig Trauzettel oder Karl Eisbein verbunden sind.

Der Große Garten kann sich in Bouchés Worten am Ende seiner Amtszeit "mit jeder anderen großen Anlage in Deutschland hinsichtlich seiner Pflege und Schönheit messen". Das ist unbestritten sein Verdienst - er hatte in fachlicher Hinsicht weitgehend freie Hand, das gilt als Verantwortung bis heute für alle Gartendirektoren - und zeigt die Qualifizierung, Differenzierung und Tradierung der gärtnerischen Arbeiten unter seiner Führung. Die Autorin sieht im Regiebetrieb zu Recht die entscheidende Voraussetzung für diesen Handlungsspielraum.

Die Arbeit von Stefanie Krihning zeichnet sich durch eine außergewöhnlich sorgfältige und systematische Aufarbeitung umfangreichen Quellenmaterials aus und ist darin in jeder Hinsicht ein vortreffliches Nachschlagewerk. Die deduktive Ordnung der Arbeit und der letztlich streng monographische und wenig vergleichende Ansatz gehen etwas auf Kosten der Les- und Merkbarkeit. Es ist keine Erzählung und die durchaus vielfältig angeführten Kontexte bleiben in den einzelnen Strukturebenen haften. Die Arbeit ist von einem quasi faktenpositivistischen Ethos geprägt. In der Faktenfülle liegt umgekehrt wiederum die unbestreitbare Stärke der Untersuchung.

Prof. Dr. Hartmut Troll

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 12/2013 .

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