Der Jüdische Friedhof Lauterbourg (F) zerfällt ganz langsam
„Morbider Charme“ im Elsass
von: Dipl.-Ing.(FH) Thomas Herrgen
Nach dem Krieg kamen nur wenige zurück, sodass es fast niemanden mehr gab, der sich um die einst schönen verzierten Grabanlagen mit ihren Symbolen und Zeichen hätte kümmern können. Und der französische Staat ist laizistisch verfasst, sodass hier keine Hilfen zu erwarten waren, diese sogar verboten sind. Der einst schöne Friedhof zerfällt heute langsam, Eisen rostet, Steine fallen um, Sandstein blättert ab und Gras wächst aus Fugen und Ritzen. Er strahlt aber gerade deswegen einen "morbiden Charme" aus, der sich je nach Jahreszeit und Sonnenstand noch intensiviert.
Brennpunkt Grenze
Als nordöstlichste Stadt Frankreichs, direkt am Grenzflüsschen Lauter gegenüber der früheren Bayerischen Pfalz gelegen, hatte Lauterbourg über Jahrzehnte hinweg mit den Folgen des deutsch-französischen Streits um Elsass-Lothringen zu leben und die Auswirkungen davon zu tragen. Seit 1871 (wieder) zum Deutschen Reich gehörend arrangierten sich die Bevölkerung und ihre Religionsgemeinschaften aber mit den neuen Machthabern. Neben der großen Mehrheit der Katholiken waren dies auch die protestantische und die jüdische Minderheit von Lauterbourg. Die jüdische Gemeinde der Stadt zählte 1870 genau 283 Personen, bei einer Einwohnerzahl von damals rund 1700 gesamt entspricht das etwa 17 Prozent. Während die Stadt im Zuge der Industrialisierung und eines Wirtschaftsaufschwungs Einwohner hinzu gewann sind dennoch große Teile der jüdischen Bevölkerung in größere Städte gezogen oder nach Palästina ausgewandert, um ein besseres Leben zu finden. Lauterbourg hatte eine kleine 1760 erbaute Synagoge, die 1852 sogar durch einen Neubau im Stadtzentrum ersetzt wurde.
Die schon seit dem Mittelalter bestehende jüdische Gemeinde verfügte jedoch nie über einen eigenen Friedhof. Sie war in dieser Hinsicht sehr lange auf die benachbarte Pfalz und seit Beginn des 18. Jahrhunderts auf das rund 20 Kilometer entfernte Wissembourg (Weißenburg) im Westen angewiesen, wo die Verstorbenen aus Lauterbourg nach jüdischem Ritus bestattet werden konnten.
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Im Deutschen Kaiserreich
Um die langen Wege abzukürzen und organisatorische Fragen zu vereinfachen hatte die Gemeinde Ende des 19. Jahrhunderts den Antrag für den Bau eines eigenen Friedhofs auf dem Stadtgebiet von Lauterbourg gestellt, die Genehmigung wurde alsbald erteilt. Das neue Reichsland Elsass-Lothringen war damals unmittelbar dem Deutschen Kaiser unterstellt, der einen Reichsstatthalter zur Regelung aller Angelegenheiten vor Ort ernannte. Der jüdische Friedhof entstand um 1875 an der heutigen "Rue de la Chapelle" (Kapellenstraße) östlich der Altstadt, in fast unmittelbarer Nachbarschaft zum christlichen, mehrheitlich katholischen Friedhof. Das etwa 20 mal 50 Meter große Areal (= 10 Ar, ca. 1000 m²) des neuen jüdischen Friedhofs erhielt eine komplette Ummauerung mit einem schmiedeeisernen Eingangstor zur Stadtseite.
Alle Grabreihen wurden entsprechend dem jüdischen Brauch mit "Blick" nach Osten ausgerichtet. Traditionell bleiben jüdische Gräber ohne Blumenschmuck, stattdessen werden beim Besuch Steine auf das Grab oder den Grabstein gelegt. Die Grabfläche selbst ist mit Schotter oder Kieselsteinen verfüllt, gelegentlich auch mit einer Grabplatte aus rauem oder poliertem Naturstein abgedeckt. Die Grabsteine aus Granit, Sandstein und Marmor sind häufig mit Inschriften, Symbolen, Tafeln und reichlich Zierde geschmückt oder von Gittern umzäunt und waren so auch Ausdruck lokalen, religiösen Selbstbewusstseins. Die Bepflanzung in den öffentlichen Bereichen, an Wegen vor den Mauern und am Eingang beschränkte sich auf wenige Laubbäume, wahrscheinlich Linden (Tilia platyphyllos, T. Cordata), Eiben (Taxus baccata) und Stechpalmen (Ilex aquifolium).



Zerstörung und Zerfall
Nach dem Ersten Weltkrieg war das Elsass ab 1918 wieder Teil Frankreichs geworden. Zwar herrschte auch dort wieder Glaubensfreiheit, aber Frankreich praktizierte weiterhin die strikte Trennung zwischen Staat und Religion (Laizismus). Im Zuge der Spannungen mit Deutschland seit Beginn der Nazi-Herrschaft ab 1933 und dem Einmarsch der Wehrmacht 1940 in Elsass-Lothringen und weiten Teilen der Französischen Republik reduzierte sich die Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinde Lauterbourgs bis Kriegsbeginn drastisch auf etwa 43 Personen. Viele flüchteten rechtzeitig, andere tauchten unter. Von den verbliebenen Juden wurden Dreiviertel deportiert und die meisten in Konzentrationslagern ermordet.
Zugleich war auch Lauterbourg am Ende des Zweiten Weltkriegs massiv bombardiert und die Stadt zu 90 Prozent zerstört worden. Unter den vernichteten oder ausgebrannten Gebäuden befand sich auch die Synagoge, deren Steinreste später als Baumaterial verwendet wurden. Die Friedhöfe trugen leichtere Schäden davon. Die französische Zivilbevölkerung war rechtzeitig vor den Bombenangriffen in andere Teile Frankreichs evakuiert worden. Im Fall Lauterbourgs war es vor allem das Département Haute-Vienne mit der größten Stadt, zugleich die Präfektur, Limoges, die auch für ihr Porzellan bekannt ist. Sie liegt heute in der Region Nouvelle-Aquitaine in Südwest-Zentral-Frankreich und damit in der damals unbesetzten freien französischen Zone.
Schwierige Nachkriegszeit
Nach Rückkehr der Bevölkerung aus der Evakuierung begann der Wiederaufbau. 1950 zählte die Stadt aber nur noch 10 jüdische Mitbürger:innen. Der Bau einer neuen Synagoge schien deshalb unrealistisch und blieb bis heute unerfüllt. Die jüdischen Glaubensangehörigen nutzten daher die Synagoge in Wissembourg mit. Auch der Erhalt und Unterhalt des Friedhofs wurde immer schwieriger; die Angehörigen waren entweder weit weg, beispielsweise in den neuen Staat Israel ausgewandert, während der Nazi-Zeit ermordet worden, beziehungsweise im oder nach dem Krieg eines natürlichen Todes gestorben. So gibt es bei den meisten Gräbern heute niemanden mehr vor Ort, der sich um die Pflege kümmern könnte.
Ein dunkles Kapitel der Nachkriegszeit waren zudem antisemitische Tendenzen auch in Frankreich. Dies führte 1964 zur Schändung des Friedhofs Lauterbourg und damit zu noch mehr Zerstörung und sich anschließendem Zerfall.


Entwidmung, bis zur Gegenwart
Der Friedhof wurde schließlich noch im gleichen Jahr (1964) profaniert (entwidmet) und zu einer Art "Niemandsland", blieb jedoch öffentlich zugänglich. Der nördliche Teil ist unbelegt und als Rasenfläche belassen. Bäume und Gehölze in den Allgemeinbereichen sind nur noch rudimentär vorhanden. Im belegten Südteil sind viele Gräber abgesackt, Steine umgefallen oder sie wackeln bereits. Der Friedhof ist mit seinem morbiden Charme zwar eine Art "bizarre" Schönheit, zugleich Mahnung, Ergebnis deutsch-französischer Rivalität, der Naziherrschaft und des Holocaust. In Lauterbourg lebt heute nur noch eine kleine einstellige Zahl jüdischer Bürger, die allein den Erhalt und die Pflege des Friedhofs nicht leisten können. Vor diesem Hintergrund kümmert sich heute die Auscher-Stiftung teilweise um den Unterhalt. Isaac Auscher war ein jüdisches Gemeindemitglied, das vor etwa 170 Jahren in Lauterbourg starb. Sein Vermögen floss in eine Stiftung und die Investitionen tragen bis heute Früchte. Sie werden vom Konsistorium des Département Bas-Rhin (nördliches Elsass) verwaltet. Ein bestimmter Betrag der Zinsen wird ausgezahlt, um einen Teil der Friedhofswartung und -erhaltung zu finanzieren.
Andere absolut notwendige Arbeiten im Umfeld, auch zur Verkehrssicherung, werden von der Kommune durchgeführt. Trotz der Profanierung wurde bis in die jüngere Gegenwart hinein auf dem Friedhof gelegentlich bestattet. Das älteste erhaltene Grab stammt von 1877, das jüngste von 2017. Heute hat Lauterbourg rund 2300 Einwohner, darunter soll es vor wenigen Jahren noch drei (lt. ASIJA – Judaïsme d'Alsace et de Lorraine) Menschen mit jüdischem Glauben gegeben haben. Sie sind (oder waren) die letzten Vertreter einer der ältesten jüdischen Gemeinden des Elsass.
Ausblick mit Fragezeichen
An der Ostseite des Friedhofs, hinter der Mauer, wird inzwischen gebaut. Die neuen Einfamilienhäuser reichen bis auf zwei bis drei Meter an die Friedhofsmauer heran. Die Verwaltungsangelegenheiten zum Friedhof waren zwischenzeitlich von Wissembourg (die Gemeinde ist jetzt aber erloschen) und heute von anderen Gebietskörperschaften der jüdischen Welt aus geregelt. Ob der unbelegte Teil, zurzeit die Rasenfläche, nach der Entwidmung einmal bebaut werden könnte, bleibt abzuwarten. Der Rest-Friedhof bräuchte jedenfalls dringend Spenden, auch aus Deutschland, um wenigstens die notwendigsten, dringendsten Arbeiten erledigen zu können. Sonst verfällt auch das letzte Stück jüdischer Kultur Lauterbourgs in wenigen Jahren und damit würden auch die letzten Spuren jüdischen Lebens verwischen und ins Leere laufen . . .
Friedhöfe, Synagogen und Museen
"Während der mehr als 800-jährigen Geschichte der Juden sind viele Friedhöfe im Elsass angelegt worden und da jüdische Friedhöfe für "alle Ewigkeit" bestehen bleiben sollen – die Gräber werden nicht überschüttet und erneut belegt – sind viele erhalten. Auch im Holocaust unter der deutschen Besatzung (1940–1944) wurden nur wenige Friedhöfe zerstört. Seit den 2000er-Jahren kommt es jedoch verstärkt zu Schändungen. Einerseits durch Rechtsradikale, die traditionell antisemitisch sind und meist Hakenkreuze hinterlassen, andererseits aber auch durch radikale Islamisten, die den Israelisch-Palästinensischen Konflikt zum Vorwand nehmen und Israel beschimpfen. Nach der Besetzung des Elsass durch deutsche Truppen 1940 wurden viele Synagogen zerstört. Erhalten blieben Gebäude, die zu diesem Zeitpunkt anderen Zwecken dienten, zum Beispiel die Synagoge in Neuwiller-lès-Saverne. Nach dem Krieg wurden viele der zerstörten Synagogen wieder aufgebaut, ihr Weiterbetrieb scheiterte aber oft daran, dass die jüdische Gemeinde im Holocaust ausgelöscht worden war. Nach den Terroranschlägen vom 13. November 2015 in Paris wurde die Bewachung der Synagogen und Schulen verstärkt, in Straßburg zum Beispiel patrouillierten monatelang schwer bewaffnete Militärs um die Gebäude." (Quelle: www.jewiki.net)


Die Zäsur seit 7. Oktober 2023
Mit dem Massaker der Hamas auf feiernde Israelis und der Geiselnahme von mehr als 200 Juden verschärfte sich der Konflikt zwischen Israel und seinen Nachbarn, damit auch in Europa und Frankreich zwischen (immigrierten) Muslimen und (alteingesessenen) Juden. Aus verbalen Attacken werden oft Hass-Schmierereien an jüdischen Gebäuden, israelischen Botschaften oder auf jüdischen Friedhöfen. Ob sanierte und restaurierte Objekte in der derzeitigen Stimmung lange Zeit unbeschadet blieben, darf im Moment (Mitte 2025) zumindest bezweifelt werden.
Jüdisches Leben in Frankreich heute
„Judentum im Elsass – Wo Bilder von Freund und Feind verschwimmen“
So berichteten Änne Seidel und Markus Dichmann schon am 14.06.2014 im Deutschlandfunk. "Die Juden in Frankreich bilden zusammengenommen die größte jüdische Gemeinde Europas und die drittgrößte (nach Israel selbst und den USA) der Welt: In Frankreich leben mehr als 0,5 Millionen Juden (ca. 1 % der Bevölkerung), und besonders stark sind sie traditionell im Elsass verwurzelt. Die Juden hier sind unterschiedlicher Herkunft und das bedingt unterschiedliche religiöse Traditionen. In Straßburg pulsiert das jüdische Leben wie an kaum einem anderen Ort in Europa."
"Zugleich zeigen sich auch hier Bruchstellen der gesamten französischen Gesellschaft: politische, soziale, ethnische und religiöse. Im koscheren Supermarkt begegnen sich europäische und nordafrikanische Juden beim Einkauf, am Abend spielen sie mit jungen Muslimen Fußball auf dem gemeinsamen Bolzplatz, gleichzeitig aber wird ein Rabbi im "quartier chaud" auf offener Straße beschimpft."
"Manche französische Juden wählen heute sogar die rechtspopulistische Partei "Rassemblement National", um so ihrer Abneigung gegen Muslime Ausdruck zu verleihen. Andere wiederum sehen nur noch eine Lösung: auswandern nach Israel. Gewohnte Grenzen lösen sich auf, bekannte Bilder des Anderen gelten nicht mehr. Das Judentum im Elsass ist der Spiegel einer verunsicherten Gesellschaft: Wer ist Freund, wer ist Feind? Das weiß hier niemand mehr so richtig." (Quelle: www.deutschlandfunk.de)
Weitere Informationen und Links:
Links aus den Quellen
Weitere Informationen und Links:
- www.alemannia-judaica.de
- www.alemannia-judaica.de/lauterbourg_cimetiere.htm
- www.consistoire.org/cej/ [Centre Européen du Judaïsme (CEJ)]
- www.culture.gouv.fr [Französisches Kulturministerium]
- www.judaisme-alsalor.fr [Jüdisches Leben Elsass-Lothringen]
- www.judaisme-alsalor.fr/synagog/basrhin/g-p/lauterb/lauterb3.htm
- www.mairie-lauterbourg.fr [Stadt Lauterburg, Rathaus]









