Fünf Fragen an Ute Eckardt

Die Mischung macht`s

Ein Spielplatz in Dresden. Amt für Stadtgrün und Abfallwirtschaft, Dresden

Sie sind seit 1983 beim Gartenamt der Stadt Dresden tätig und beschäftigen sich seit 1990 schwerpunktmäßig mit Spielplätzen. Was hat sich in dieser langen Zeit am meisten verändert, was hat weiter Bestand?
Seit 1983 beziehungsweise nach 1990 bis heute hat sich das Thema Spielplatz komplett verändert. Damals bestanden die Spielplätze fast ausschließlich aus ebenen Flächen mit dem einen oder anderen Stahlrohrspielgerät. Durch die Wende – ich glaube, im Westen war die Situation ein wenig anders – haben wir nach 1990 mit Spielgeräten aus kesseldruckimprägnierten Nadelholz begonnen. Und seit rund zehn Jahren nutzen wir mehr und mehr Robinienholz. Sein Reiz besteht darin, dass es nicht gerade wächst und damit individuelle Spielgeräte ermöglicht. Das ist schon etwas ganz besonderes.

Die Bodenmodellierung stand phasenweise ganz oben auf der Tagesordnung und ist auch heute noch wichtig. Inzwischen entstand eine bunte Mischung aus Materialien und Untergründen. Manches hat sich mehr der Architektur anpasst und manches ist sehr naturnah.

Wie hat sich das Spielverhalten der Kinder geändert?
Ich beobachte schon ein verändertes Spielverhalten. Wenn ich an meine eigene Kindheit denke oder auch an meine eigenen Kinder, die inzwischen längst erwachsen sind, dann waren die Kinder 1990 viel selbstständiger auf den Spielplätzen unterwegs. Das sieht man heute nur noch sehr selten. Heute werden die Kinder in der Regel von den Eltern oder Großeltern begleitet.

Ute Eckardt, 58 Jahre, Ausbildung zur Landschaftsgärtnerin, Studium Garten- und Landschaftsbau in Erfurt, arbeitet seit 1983 für das Gartenamt in Dresden, seit 1990 speziell für Spielplätze. Für die Überarbeitung der DIN 18034 gehörte sie dem DIN-Ausschuss an. Als Nachfolgerin von Frau Dr. Regine von der Haar leitet Ute Eckardt seit Mai 2017 den Arbeitskreis „Spielen in der Stadt“ der Gartenamtsleiterkonferenz (GALK) - www.galk.de Amt für Stadtgrün und Abfallwirtschaft, Dresden

Und man sieht viel mehr kleine Kinder als früher, die mit den Eltern Spielgeräte nutzen, die eigentlich für ganz andere Altersgruppen gedacht sind, und dabei „Hilfestellung“ leisten, was mich gar nicht begeistert.

Und das Verhalten der Eltern?
Man kann das nicht verallgemeinern, aber in meiner Wahrnehmung gibt es heute einen zunehmenden Trend zur Risikovermeidung.

In den vergangenen Jahren wurden auch die Sicherheitsnormen immer wieder verändert
Ja, manches war bestimmt nötig. Die Normen sollen aber eigentlich tödliche Unfälle und dauerhafte Schäden ausschließen. So sicher sollten die Geräte sein, das ist ja unstrittig. Aber nicht jede Normenanpassung, die über die Jahre erlassen wurde, erfüllt auch diesen Zweck. Das ist zumindest mein Eindruck.

Woran machen Sie das konkret fest?
Wenn früher eine Schaukel auf den Rasen gestellt wurde, muss heute ein Fallschutzbelag darunter verlegt werden. Das hat bestimmt nicht mit schweren Unfällen zu tun. Ich kann mir nicht vorstellen, dass viel passiert ist, solange die Schaukel auf dem Rasen stand. Das sind so Kleinigkeiten, die aus meiner Sicht die Kosten stark und die Sicherheit kaum erhöhen.

Versuchen Sie im Rahmen des GALK-Arbeitskreises „Spielen in der Stadt“ auch Einfluss zu nehmen bei der Neugestaltung des Regelwerks?
Wir können nur auf solche Trends hinweisen. Das war bisher weniger unser Thema. Die Sicherheitsnorm ist eine europäische Norm mit ganz vielen Einflussfaktoren. Es gibt Länder, die ein ganz anderes Sicherheitsempfinden haben und mit diesen muss letztendlich Konsens erzielt werden.

Sie bedauern, dass die Selbstständigkeit der Kinder verloren gegangen ist?
Ja, vor allen Dingen weiß ich nicht, ob sich das wieder zurückdrehen lässt auf ein vernünftiges Maß. In Gesprächen mit Eltern spreche ihre übertriebene Risikovermeidungsstrategie mitunter an. Eine Mutter hat mir mal gesagt, dass sie sich „nicht als gute Mutter fühlen könnte, wenn sie ihr Kind allein auf dem Spielplatz spielen lassen würde.“ Wahrscheinlich existiert eine Gruppendynamik, der sich die Eltern nur schwer entziehen können.

Sie würden den Kindern gern wieder mehr Freiraum beim Spielen wünschen?
Ja, ich halte es für wichtig, dass die Kinder auch mal unbeaufsichtigt sind beim Spielen. Aber letztendlich kann das nicht unsere Aufgabe in der Verwaltung sein. Das ist viel mehr eine gesamtgesellschaftliche Diskussion, wie man Kinder erzieht, sie behütet und wie viel Freiraum man ihnen lässt.

Was macht in Ihren Augen einen guten Spielplatz aus?
Ein gut angenommener Spielplatz muss einen hohen Spielwert haben. Das würde ich an der Verweildauer der Kinder auf dem Platz festmachen.

Wie gelingt das?
Erreichen lässt sich das mit vielfältigen Angeboten. Einerseits braucht es Spielgeräte für verschiedene Altersgruppen. Es muss immer etwas geben, das Mut und Geschicklichkeit der Kinder erfordert. Ein gewisses Risiko, dem sich die Kinder im Rahmen der Norm stellen können, ist wichtig. Die Kinder brauchen Herausforderungen, denen sie noch nicht gewachsen sind und die zu bestehen sie auf dem Spielplatz trainieren und daran wachsen können.

Was braucht es noch?
Daneben sollte es auch Bereiche geben, in denen die Kinder gestalten können. Also Sand, Steine, evtl. Stöckchen. Auf einem öffentlichen Spielplatz gibt es nicht so viele Möglichkeiten. Und Wasser ist sehr beliebt, insbesondere in der Verbindung mit Sand.

Spielplatz in Dresden. Amt für Stadtgrün und Abfallwirtschaft, Dresden

Spielplatz in Dresden. Amt für Stadtgrün und Abfallwirtschaft, Dresden

Des Weiteren sind Angebote für Rollenspiele gefragt, auch befestigte Flächen, auf denen die Kleinen Dreirad oder Fahrrad fahren oder mit dem Ball spielen können. Das ganze sollte eingebunden sein in eine abwechslungsreiche Bodenmodellierung. Ein guter Spielplatz weist eine Mischung auf: Wiese und Sand, Bäume und Sträucher, Sonne und Schatten.

Wie sieht es in Dresden mit den Haushaltsmitteln für die Sanierung und den Bau neuer Spielplätze aus?
Dresden ist ja schuldenfrei. Dadurch sind die Rahmenbedingungen insgesamt noch ganz gut, die Spielplätze sind in einem guten Zustand, aber der Neubau kann dem Bedarf nicht folgen Es gibt sicher Städte in denen die Haushaltslage viel schwieriger ist. Aber Dresden muss stark haushalten mit dem Geld.

Kreative Spielplatzgestaltung ist aber nicht nur eine Frage des Geldes, oder?
Nein, es muss nicht unbedingt teuer sein. Es lässt sich auch viel erreichen, wenn sich die Ausstattung der Spielplätze im gesamten Quartier abwechselt.

Was sollte man bei der Planung neuer Spielplätze vermeiden?
Ich denke, Design sollte nicht mehr beachtet werden als der Spielwert. Der Spielwert und damit die Interessen der Kinder müssen im Vordergrund stehen. Im Idealfall lässt sich beides gut miteinander verbinden.

Spielplatz in Dresden. Amt für Stadtgrün und Abfallwirtschaft, Dresden

Ute Eckardt, Amt für Stadtgrün und Abfallwirtschaft, Dresden

Wegen des großen Wohnraumbedarfs in den Innenstädten bleibt häufig zu wenig Platz für neue Spielplätze. Können die Pflege und die Erneuerung bestehender Anlagen den wachsenden Bedarf an Spielraum für eine steigende Kinderzahl überhaupt noch decken?
Wir können uns der Verdichtung der Innenstädte nicht verschließen. Die Alternative wäre ja, weitere Flächen am Standrand in Anspruch zu nehmen. Mit steigenden Einwohnerzahlen in der Innenstadt steigt auch der Bedarf – sowohl an Grünflächen als auch an Spielraum für die Kinder. Die wenigen vorhandenen Grünflächen müssen dann mehrere Funktionen erfüllen. Sie sollen zum Beispiel das Klima verbessern, Feinstaub binden, Regenwasser speichern, Lebensraum für Vögel und Insekten sein, die auf dem Lande keine geeigneten Bedingungen mehr vorfinden. Und dann soll auch noch die Aufenthaltsqualität steigen. Bei all dem stehen die Spielplätze irgendwo weit hinten.

Wie können die Spielplätze den Begehrlichkeiten standhalten?
Die Bedeutung des Grüns in der Innenstadt kann gar nicht genug betont werden. Spielplätze müssen gegenüber anderen, stärkeren Interessen besonders verteidigt werden. Deshalb ist es hilfreich, rechtzeitig Spielplatzkonzepte auszuarbeiten, die den Flächenbedarf belegen. So lässt sich besser argumentieren, dass der Spielraum benötigt wird. Man muss auch über Mehrfachnutzung reden, zum Beispiel bei Schulhöfen oder Sportanlagen.

Spielplatz in Dresden. Amt für Stadtgrün und Abfallwirtschaft, Dresden

Wie wichtig ist eine Mitsprache der Kinder bei der Planung neuer Spielplätze?
Ich denke, dass das Erfordernis der Mitsprache und der Mitbestimmung inzwischen in jeder Kommune angekommen ist. Die meisten sind gewillt, Beteiligungsaktionen durchzuführen, aber die Qualität ist doch recht unterschiedlich. Gute Ergebnisse erzielen Städte mit Kinderbüro oder Kinderbeauftragten, die ganzjährig in Kontakt sind und diesen Prozess in den Händen halten.

Und zu welchen Ergebnissen führt die Befragung der Kinder?
Manchmal staunen wir, was dabei herauskommt. Zum Beispiel sollte ein Spielplatz umgestaltet werden, der über eine große, ebene und freie Fläche verfügte. Die Kinder sagten uns, dass sie diese unbedingt brauchen, weil sie die einzige Fläche im weiten Umkreis sei, auf der sie Dreirad fahren und Fahrradfahren lernen könnten. Uns wäre wahrscheinlich nicht aufgefallen, dass im weiten Umfeld keine anderen ebenen Flächen vorhanden sind. Ohne Beteiligung der Kinder hätten wir womöglich alles mit Geräten vollgestellt.

Die Fragen stellte Michael Decker

GALK Arbeitskreis

Der Arbeitskreis „Spielen in der Stadt“ der Gartenamtsleiterkonferenz (GALK) beschäftigt sich unter anderem mit der Durchspielbarkeit der Stadt als einem der wichtigsten Themen der heutigen Stadtgestaltung. Der Ansatz hierzu ist nicht neu, wird aber von den Mitgliedern des Arbeitskreises in ihren Verwaltungen konsequent vorangetrieben und in die Stadtplanung eingebracht. Der Arbeitskreis hat aktuell neun Mitglieder und ist offen für weitere interessierte Kommunen.
www.galk.de bzw. www.galk.de/arbeitskreise/ak_spielen/frm_aksp.htm

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