Naturschwimmbäder

Die wenig beachtete Alternative

Flachwasserzone im Freibad Mettmann.

Pilzförmige Dü?sen sprühen das Beckenwasser auf den offenen Substratfilter im Freibad Froschloch. Fotos: Prof. Dr. Yvonne-Christin Bartel

Die Entwicklung der Schwimmbäder in Deutschland aber auch in Europa ist darauf ausgerichtet, durch immer neue und aufsehenerregende Attraktionen die Besucher an sich zu binden. So entstanden nahezu flächendeckend sogenannte Spaß- oder Erlebnisbäder, die den Besuchern deutlich machen sollen, dass es hier nicht mehr in erster Linie ums Schwimmen und Baden geht, sondern um Erlebnisse rund um das Thema Wasser, am besten gleich für die ganze Familie. Dass bei dem erwarteten höheren Zustrom in die Bäder auch das Hygiene-Problem und das der Wasseraufbereitung zu lösen ist, ist klar und bezüglich der Antwort scheinbar alternativlos: Chlor.

Dabei hat die Verwendung von Chlor einige erhebliche Nachteile.

  • Chlor ist ein Gift, das bei zu intensiver Verwendung zu Schädigungen der Schleimhäute und zu allergischen Reaktionen führen kann.
  • Die Verwendung von Chlor erfordert die Beachtung einschlägiger Sicherheitsvorschriften, weil auch das Personal bei Fehlfunktionen oder falscher Bedienung der Anlage gefährdet ist.

Doch, wenn auch von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, gibt es Ansätze und Ideen, die Wasserhygiene auf einem hohen Stand zu halten und gleichzeitig auf den Einsatz von Chlor zu verzichten. Das Schwimmbadwasser wird auf natürliche Weise, das heißt ohne Einsatz von giftigen Chemikalien, gereinigt und dem Becken wieder zugeführt.

Studierende der Studiengänge "Landschaftsarchitektur" sowie "Landschaftsbau und Grünflächenmanagement" der Hochschule Ostwestfalen-Lippe, Abteilung Höxter haben anlässlich einer Exkursion zwei dieser Bäder besichtigt und sich mit den Betreibern und den Planern ausgetauscht. Sieht man sich in der Schwimmbad-Landschaft um, so nehmen die Naturbäder einen verschwindend geringen Platz ein. Viele Menschen wollen zwar in Wasser ohne chemische Zusätze baden, gleichzeitig aber auch auf die Klarheit des Chlorschwimmbadwassers nicht verzichten. Möglicherweise misstrauen sie auch den Reinigungsanlagen der Bäder, die so ganz ohne chemische Filteranlagen auskommen und stattdessen die Reinigung über ausgedehnte Substratflächen oder Substratflächen in Kombination mit bepflanzten Wasserbecken bewerkstelligen.

Dabei gibt es an dieser Stelle keinen Grund zu Misstrauen: die Wasserqualität hat sich als stabil erwiesen und die Erfahrung zeigt, dass die natürlichen Filter in Spitzenzeiten auch bei doppelter bis dreifacher Belastung gegenüber den Nutzerzahlen, für die sie berechnet wurden, eine einwandfreie Wasserqualität liefern.

Panoramablick über ein Becken des Freibades Mettmann.

Schilfbewachsenes, technisches Feuchtgebiet im Freibad Mettmann.

Zwei Konzepte scheinen hier besonders erfolgreich. Im Naturfreibad Mettmann wird das Wasser über sogenannte Technische Feuchtgebiete gefiltert. Das sind "...vertikal oder horizontal durchströmte substratgebundene Systeme. Substrat und Pflanzen sind die Elemente der Wasseraufbereitung" (FLL, 2011, S. 41) so die Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau e. V. Dabei wird das Wasser zunächst in drei mit Substrat gefüllte Becken geleitet, in die Sumpfpflanzen mit starkem Wurzel- und Wurzelstock- (Rhizom-) Wachstum gepflanzt sind.

In Mettmann wurde vor allem Schilf gepflanzt, das einen starken Wurzelteppich bildet. Zum Schluss wird das Wasser in eine Flachwasserzone geleitet in der vor allem Substrate und die an ihnen haftenden Bakterien die finale Reinigung vornehmen. Von dort wird das Wasser im Bedarfsfall über eine UV-Lampe in das Schwimmbecken zurückgeführt. Da diese Lampe sowohl die schädlichen als auch die reinigenden Organismen abtötet und damit das System stört, ist der Einsatz von der Wasserqualität abhängig zu machen. Die Umwälzgeschwindigkeit, die unmittelbar von der Besucherzahl abhängt, liegt zwischen 100 und 300 Kubikmeter pro Stunde.

Das zweite Konzept kommt im Schwimmbad Froschloch bei Dortmund zur Anwendung: Hier wird das Wasser mit Hilfe von Pumpen über eine Schwallwasserkammer geführt. Von dort gelangt es zum unbepflanzten offenen Substratfilter. In dieser Anlage wird das Wasser über pilzförmige Düsen auf das Substrat gesprüht. Dabei wird das Wasser mit Sauerstoff angereichert. Die in dem Substrat lebenden Bakterienkulturen filtern das Wasser und werden durch im Wasser enthaltene Partikel und den Sauerstoff am Leben gehalten. In bestimmten Abständen muss die Beregnung gestoppt werden, und zwar damit das von den Bakterien produzierte CO2 ausgasen kann und um die Pumpen zu wechseln. Die jeweils inaktive Pumpe kann dann von Sedimentablagerungen gereinigt werden. Wie schnell das Wasser durch diese Filter geleitet wird, hängt vom Verschmutzungsgrad des Wassers ab. Dieser wird von Sensoren in den Rohrleitungen gemessen.

Panoramablick über ein Becken des Freibades Froschloch.

Trotz der Unterschiedlichkeit beider Konzepte, gibt es doch eine Reihe von Gemeinsamkeiten. Beide Bäder beziehen ihr Wasser aus Brunnen und nicht aus dem öffentlichen Trinkwassernetz. Hintergrund ist, dass das Leitungswasser einen hohen Phosphatgehalt hat und dieses Phosphat als Pflanzennährstoff das Wachstum von Algen fördert. Nachteil: das Brunnenwasser hat einen so hohen Eisenanteil, dass dieser erst durch Vorfilter reduziert werden muss. Beide Bäder haben zudem das Problem, dass sich durch das fehlende Chlor ein Mikrofilm an Boden und Beckenrand bildet. Dieser kann nur mechanisch und unter hohem personellem Aufwand entfernt werden. Standardisierte Reinigungsgeräte sind allenfalls in der Entwicklung. Im Schwimmbad Froschloch haben sich die Mitarbeiter einen Hochdruckreiniger so umgebaut, dass er für diese Aufgabe geeignet ist. Beim Naturbad Mettmann übernimmt diese Aufgabe ein Saugroboter. Aber auch hier müssen regelmäßige Tauchkontrollen durchgeführt werden.

Die beabsichtigte Naturnähe führt aber auch noch zu einem weiteren Problem: Enten und Gänse fühlen sich in den Becken ausgesprochen wohl und verunreinigen sowohl Badewasser als auch Außenanlagen. Hinzu kommt, dass gerade flache Beckenbereiche, wie der Kinder-Plantsch-Bereich von allen Arten von Singvögeln als Tränke genutzt und dabei ebenfalls verunreinigt werden. Das hat zur Folge, dass bei niedrigen Besucherzahlen diese kleineren Becken abgelassen werden. Im Bereich der Schwimmbecken dagegen werden die Vögel wiederum mit personellem Aufwand vertrieben.

In den auswertenden Gesprächen zogen die Studierenden aus Höxter eine erste, insgesamt positive Bilanz: Die Anlage von Naturschwimmbädern ist sowohl im ökologischen als auch im ingenieursbiologischen Sinne eine Herausforderung und auch mit den genannten Einschränkungen eine Alternative zu den herkömmlichen Chlor-Schwimmbädern. Der Ursprüngliche Ansatz bei beiden Bädern, aus Kostengründen konventionelle Bäder in Naturbäder umzubauen, gab den Anstoß auch die Kosten zu diskutieren. Danach sind die Kosten für Energie und Filteranlagen deutlich niedriger als bei der Chlor-Konkurrenz aber die Personalkosten sind aus den oben genannten Gründen gegenüber den Chlorbädern erhöht. So bleiben diese Bäder bei allen ökologischen Vorteilen ebenso wie Chlorbäder Zuschussbetriebe. Dennoch ist zu hoffen, dass diese beiden Beispiele Schule machen und immer mehr Bäder mit natürlichen Reinigungsanlagen entstehen.


Frederik Elsbroek


Literatur

FLL - Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau e. V. (Hrsg.): Richtlinien für Planung, Bau, Instandhaltung und Betrieb von Freibädern mit biologischer Wasseraufbereitung (Schwimm- und Badeteiche). 2. Auflage, Bonn, FLL, 2011.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 07/2014 .

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