Drei Kleingartenkolonien in Hamburg-Harburg
Gut abgeschirmt zwischen S-Bahn und Süderelbe
von: Prof. Dr. Hanns-Werner HeisterAls erste Besonderheit fällt auf: In allen drei Kolonien sind die Kleingärten nicht nur durch Hunde und Videoüberwachung abgeschirmt, sondern überdies fast alle durch hohe Hecken, obwohl es, soweit ersichtlich, nicht immer ungewöhnlich viel Schönes und Besonderes oder zum Diebstahl einladende Kostbarkeiten zu sehen gibt. Im zweiten Fall bei der Gartengemeinschaft Neugrabener Moor e. V. mag die relativ große Entfernung von Siedlungen eine gewisse Angst rechtfertigen. Tatsächlich gab es laut Vereinschronik 1995 eine ganze Serie von Einbrüchen.2 (Abb. 1 und Abb. 2)
Die Kolonien gehen mit dem Sichtschutz an die Grenze des für Kleingärten Zulässigen oder darüber hinaus. Sie sind, auch um die Pachtminderungen seitens der Kommune als Eigentümerin zu rechtfertigen, dazu angehalten, die Kleingärten für die Allgemeinheit zugänglich zu machen, wozu nicht nur Fußwege, sondern auch Sichtwege gehören. Wie die Hecken, so sind auch viele Bäume ungewöhnlich, geradezu ungebührlich hoch.3 (Abb. 3)
Die optische Ausladung der Menschen schließt die praktische Einladung der nützlichen und netten Tiere nicht aus. (Abb. 4)
SUG-Stellenmarkt





Gärten statt Moor – Probleme, Biodiversität. Schutz
Die zweite Besonderheit ist nicht psychosozial, sondern topographisch bedingt. Durch die Nähe zur Elbe ist der Untergrund in der Regel moorig, stellenweise als fünf Meter mächtige Schicht. Orts- und Straßennamen wie Moorburg, Moorburger Bogen, Moorweide, Kleinmoor zeugen davon. Zwei der hier vorgestellten Kleingartenvereine tragen das "Moor" im Namen. Die Moor-Frage bedeutet ein gewisses Dilemma: Würde das Moor halbwegs "naturbelassen", wäre der Klimaeffekt durch den Nutzen als Kohlenstoffsenke wohl größer, aber der Nutzen als Erholung und Vergnügen sicher geringer.
Es gibt auf der 10 Hektar großen Dauerkleingartenanlage Gartengemeinschaft Neugrabener Moor e. V. 178 Parzellen mit einer durchschnittlichen Größe von 320 Quadratmetern. (Abb. 5)
Die Website des Vereins ist informativ und stellt vor allem auch die Geschichte der Anlage ausführlich dar. Der Verein wurde 1982 gegründet. "Die Bodenbeschaffenheit ist eine große Herausforderung an den Anbau von Obst und Gemüse, den die Vereinsmitglieder aber mit viel Kreativität und Engagement und unter Berücksichtigung aller Umwelt- und Naturschutzbelange meistern. Eben diese Bodenbeschaffenheit mit seiner besonderen Flora und Fauna hat den Verein bewogen den Lehrpfad 'Feuchtbiotop Neugrabener Moor' aufzubauen. Hier können seltene Wasser- und Feuchtzonenpflanzen, Schattenpflanzen und Grabenrandgräser ganzjährig in ihrem Lebensraum beobachtet werden."4 Als für die Allgemeinheit gezähmte Natur wurde der Lehrpfad 2004 bis 2007 auf dem Vereinsgelände eingerichtet. Das Biotop ist im Kern ein Erlenbruch mit Schwarzerlen. Ein Landschaft- und Wasserschutzgebiet grenzt daran an.
Der Wille zum Guten und zum Dienst an der Allgemeinheit ist offensichtlich. Der Moor-Rest ist mit einem Steg gut für Besichtigungen erschlossen. Überdies zeigen Schaukästen die Flora und Fauna. Der gute Wille wird leider dadurch an seiner Verwirklichung gehindert, dass der Steg kaputt und das "Biotop" damit nicht zugänglich ist und die Naturbetrachtung nur rudimentär vom begrenzenden Weg aus möglich ist. (Abb. 6)
Der Rest des Moorrands ist immer noch eindrucksvoll. (Abb. 7) Und am Weg lädt ein gut tragender Apfelbaum zum allgemeinen Genuss ein.
Die Wohnungsnot lindert wenigstens für Tiere eine Bauernkate mit bezugsfertigem Storchenhorst samt Vogelhäuschen für "Untermieter". Der dazugehörige "Bauerngarten" ist optisch ansehnlich und begehbar. (Abb. 8)
Beide Anlagen liegen anscheinend in Gegenden, die für Grundstücksspekulationen nicht besonders attraktiv sind – wenig tragfähiger Untergrund für größere Renditeobjekte, durch viel Industrie oder Industriereste und Hafenanlagen in der näheren Umgebung keine "Sahnehäubchen"-Lage und die City mit den üblichen Attraktionen zu weit entfernt. Die Besichtigung des Kleingartenverein 762 ("Bauersweg") zeigte noch ein anderes Problem. Seit 2025 warnt ein Anschlagzettel vor Blindgängern von Fliegerbomben und verbietet das Einschlagen von Pfosten. Insofern sind die Grundstücke der Kleingärtner:innen in ihrem Freiland- und Freizeitasyl einigermaßen vor wirtschaftlichem und staatlichem Zugriff sicher. (Abb. 9)



Der Verein Gartengemeinschaft Neugrabener Moor e. V. ist auch überregional und sogar international "vernetzt". "In Vorbereitung des Bundeswettbewerbes wurden die Müllcontainer ansprechend verkleidet und der Eingang des Bauerngartens mit einem Rosenbogen versehen." Der Verein erhielt 2010 sogar eine Goldmedaille. "2012 – Die Anlage findet durch den gewonnenen Wettbewerb immer mehr öffentliches Interesse. […] 2013 wurde unser Verein von der europäischen Kleingärtnerorganisation, dem Office International du Coin du Terre et des Jardins Familiaux, in Berlin ausgezeichnet."5
Das Nationale und Internationale ist inkludiert in die Pflege der Flora. Von der Fauna aber sollen die meisten draußen bleiben. "2014 [– . . .] Die Tiere sind der Pflanzen Feind, wenn wir von Hummeln und Bienen6 absehen. Am schlimmsten sind ja die ganz kleinen wie Blattläuse oder die mittelgroßen wie Wühlmäuse und Nacktschnecken, aber auch große. Für Rehe, die gern Rosen- oder Fichtenknospen vertilgen, gibt es in der Gegend zu wenig Wald. […] 2018 – Die Wildschweine sind extrem aktiv. Der Jagdpächter konnte ein wenig eingreifen."7
Hier zeigt sich eine direkte Verbindung zu den ortsansässigen Vereinen. In das reiche lokale Vereinsleben ist auch der Kleingartenverein eingebettet. Die Jäger:innen sind mindestens durch Jagdhornbläser würdig vertreten. Der Schützenverband, der Rottweiler-Klub oder der Hegering Neuenfelde und – im Sinn der künftigen pseudo-feministischen Frauenwehrpflicht – der Damenschießclub Fischbek werden sich freilich kaum an Wildschwein- oder Rehjagd beteiligen. Die Showband des Schützenvereins Neugraben und Umgebung von 1894 e. V., auch der Jugendspielmannszug Neuenfelde sowie der Carneval Club Süderelbe, gegründet 1983 sorgen für Unterhaltung mit inkludierter Musik. Eine große Gruppe bilden die Gesangsvereine, in denen wahrscheinlich auch Kleingärtner und Kleingärtnerinnen nach Feierabend mitsingen: Männergesangverein Liedertafel Harmonie Finkenwärder von 1865, Liedertafel "Frohsinn" Francop von 1877, Männergesangverein "Sängerlust Scheideholz" von 1919, Männergesangsverein Moorburg von 1949, Damenchor Hamburg-Neugraben von 1951, Gemischter Chor Süderelbe von 1983, Harburger Frauenchor von 1984.8
Sportbezogene Vereine gibt es in Hülle und Fülle: Von Angeln und Dart über Kegeln, Kickboxen, Leichtathletik, Radeln, Reiten, Rudern, Tennis, Turnen, Segelflug bis zum Wander-Segeln. Die Sporttreibenden schlagen zahlenmäßig die Gesang Betreibenden um Längen. Ungewöhnlich sind sowohl ein Arbeitskreis Internationale Sprache Esperanto als auch ein Islamischer Kulturverein in Neuenfelde und Umgebung e. V.




Kleingartenverein Fürstenmoor e. V.
Weiter östlich angesiedelt ist der "Kleingartenverein Fürstenmoor e. V." Er ist laut Eigenlob "bekannt für seine wunderschön gepflegten Gärten und die freundliche Gemeinschaft seiner Mitglieder. Ob Sie ein erfahrener Gärtner oder ein Anfänger sind, der Kleingartenverein Fürstenmoor e. V. bietet eine Vielzahl von Aktivitäten und Veranstaltungen. […] Die Lage des Vereins ist besonders attraktiv aufgrund ihrer Nähe zu lokalen Sehenswürdigkeiten und der natürlichen Schönheit der Umgebung. Der Kleingartenverein Fürstenmoor e. V. ist ein idealer Ort, um der Hektik des Alltags zu entfliehen und die Freude am Gärtnern in einer unterstützenden Gemeinschaft zu genießen. Mit seinen engagierten Mitgliedern und dem Fokus auf Umweltfreundlichkeit trägt der Verein wesentlich zur Förderung eines nachhaltigen Lebensstils bei."
Allerdings hat das werbende Selbstbild Trübungen, beziehungsweise hatte es mindestens 2012. Ein Medienbericht ging auf die damals fünf Jahre zurückliegende Weigerung des Schrebervorstands ein, einem seit 38 Jahren in Deutschland lebenden Türken mit seiner Familie eine Parzelle zu verpachten. Erst auf Nachfrage hätten die Obergärtner zugegeben, dass sie den Bewerbern nicht zutrauten, ihre Scholle mit der nötigen Sorgfalt zu pflegen. 2012 wehten dann jedoch überall ganz offen Flaggen verschiedener Nationen, dazu die Flagge der preußischen Provinz Ostpreußen – Schwarzweiß mit Reichsadler – sowie die Europaflagge.9
Mit Flaggen kann heute auch die Gartengemeinschaft Neugrabener Moor e. V. dienen. Über dem Hinterhof des vorne prächtigen, geräumigen Vereinshauses hängt die Flagge der Bundesrepublik Deutschland. (Abb. 10)
Die Fahnen sind besser als die Blumen und Büsche zu sehen, selbst wenn erstere schlapp am Mast kleben. (Abb. 11)
Der folgende Kartenausschnitt zeigt, wie sehr das Kleingartengelände Fürstenmoor als länglicher, dreieckiger Zwickel eingezwängt ist, im Großraum zwischen Autobahn und autobahnähnlicher Bundesstraße, im direkten Umfeld zwischen Fürstenmoordamm, Moorburger Bogen und Moorburge/Seehafenstraße im Norden und Am Radeland, dann S-Bahn-Linie Harburg-Stade und schließlich Bundesstraße Richtung Buxtehude und Stade. (Abb. 13)
Die vorhin vorgestellte Gartengemeinschaft Neugrabener Moor e. V. liegt weiter westlich jenseits von Waltershofer Straße und Neuwiedenthal mit einem erheblich größeren ländlich anmutenden Umfeld (s.o. Abb. 9).


An Deich, Straße und Bahndamm. Kleingartenverein 762 ("Bauersweg")
Bei dem dem Kleingartenverein Fürstenmoor e. V. gegenüberliegenden Kleingartenverein 762 ("Bauersweg") ist die praktisch-antikriminelle und optische Absicherung oft noch stärker. (Abb. 12)
Wo man problemlos etwas sieht, gibt es oft nicht viel zu sehen, manchmal aber doch hübsche Stauden und Büsche. (Abb. 14)
Die Sympathiewerte speziell für diese Kleingärten und die Anerkennung für die wegen der Naturbedingungen oft besonders mühsamen Arbeit würden sicher mindestens auf das allgemeine Niveau des unentbehrlichen und sozial wichtigen Kleingärtenwesens steigen, wenn sie sich der Allgemeinheit noch besser und sichtbarer präsentieren würden.
Anmerkungen
1 In ganz Hamburg gibt es "circa 1400 Hektar Pachtfläche, über 33.000 Parzellen, 312 Vereine, über 43.000 Mitglieder, 9 Bezirksgruppen." (https://stadtundgruen.de/q/?12). "Zu der Bezirksgruppe Harburg gehören 27 Vereine mit rund 3100 Parzellen und circa 1,45 Millionen Quadratmeter bewirtschaftete Fläche." (https://stadtundgruen.de/q/?12 – Abruf 20.7.25)
2 Vgl. https://stadtundgruen.de/q/?12 Abruf 1.6.2025.
3 Bundes- und Landesgesetze drücken sich hierzu meines Erachtens nicht besonders deutlich und konkret aus. S. zum Beispiel. https://stadtundgruen.de/q/?12, https://stadtundgruen.de/q/?12. Überdies gibt es regionale und lokale Abweichungen. Sehr deutlich ist dagegen eine lokale Kleingartenvereinigung. Sie listet überaus detailliert "verbotene Bäume" auf wie Fichten, Tannen, Lärchen, Eiben, Kiefern, Thujen und so weiter https://stadtundgruen.de/q/?12 – Abruf 1.8.25. Generell dürfte die Wuchshöhe der Tendenz nach auf eine Größenordnung von 3 Metern begrenzt sein. Bei Hecken sind die Werte erheblich geringer, zum Beispiel: "Erfolgt die Abgrenzung der Parzellen am Weg durch Zäune oder Formschnitthecken, dürfen diese, um den Einblick in die Parzellen zu gewährleisten, eine maximale Höhe von 1,2 Meter nicht überschreiten. Maximale Höhe bedeutet bei diesen Hecken: vor dem Schnitt – also mit Neuaustrieb. Hecken müssten somit nach dem Formschnitt circa 1 Meter hoch sein." (https://stadtundgruen.de/q/?12 – (Hervorhebung H.-W. H., Abruf 1.8.25). Beide Normen werden in unserem Fall ersichtlich nicht eingehalten.
4 https://stadtundgruen.de/q/?12 – Abruf 1.6.2025.
5 https://stadtundgruen.de/q/?12 – Abruf 1.6.2025.
6 Der Imkerverein Harburg-Wilhelmsburg und Umgebung hat sogar ein eigenes Bienenhaus auf dem Gelände.
7 https://stadtundgruen.de/q/?12 – Abruf 1.6.2025.
8 https://stadtundgruen.de/q/?12 – Abruf 1.6.2025.
9 André Zand Vakili: Kleingärtner des Vereins "Fürstenmoor" zeigen gern Flagge, https://stadtundgruen.de/q/?12 – 20. September 2012. Abruf 1.8.25.
Links aus den Quellen
Fußnote 1: https://www.gartenfreunde-hh.de/ueberuns/zahlen-fakten/ und https://www.gartenfreunde-hh.de/ueberuns/struktur/bezirksgruppen/harburg/
Fußnote 2: https://neugrabener-moor.gartenfreunde-hh.de/chronik/
Fußnote 3: https://www.gesetze-im-internet.de/bkleingg/__3.html -: https://www.gesetze-im-internet.de/bnatschg_2009/BNatSchG.pdf -: https://www.kgv-freundschaft-bergen.de/tipps/verbotene-pflanzen/ -: https://www.lsk-kleingarten.de/wp-content/uploads/2020/11/RKO-Teil-7.pdf
Fußnote 4, 5, 7: https://neugrabener-moor.gartenfreunde-hh.de/chronik/
Fußnote 8: http://hamburg-neugraben.de/freizeit










