Exploration mit Studierenden der Landschaftsarchitektur
Gartendenkmalpflege an der Leibniz Universität Hannover
von: Prof. Dr. Inken Formann
Ein Austausch zu diesen Fragen erfolgte zuletzt im August 2025 bei einem Arbeitstreffen "Arbeitstreffen Lehre" an der Hochschule Erfurt, initiiert vom Arbeitskreis Historische Gärten der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur e. V. (DGGL).¹ Auch bei der "Zukunftsschmiede zur Gartengeschichte und Gartendenkmalpflege" in Hannover-Herrenhausen im März 2023 wurden Anschlussfähigkeit und Aufgaben der Disziplin in vielfältigen Impulsvorträgen und Workshops diskutiert. Die Dokumentation unter www.perspektivengartenerbe.uni-hannover.de² zeigt, dass die Erhaltung historischer Gärten und Parks infolge gesellschaftlicher Transformationen und des Klimawandels komplex und herausfordernd ist. Gleichzeitig ist die Förderung des akademischen Nachwuchses für den Gartenerhalt unerlässlich.
Lehrveranstaltung liefert Antworten
Ein im Sommersemester 2025 zweifach durchgeführter, fünftägiger "Kompaktkurs Gartendenkmalpflege" erprobte am Lehr- und Forschungsgebiet Geschichte der Landschaftsarchitektur und Gartendenkmalpflege des Instituts für Landschaftsarchitektur der Leibniz Universität Hannover mit 30 Studierenden verschiedene Zugänge zur Gartendenkmalpflege. Motto des Kurses für die Studierenden war: Ohne Vorwissen in die Erforschung und Planungspraxis des Gartenerbes einsteigen, selber Wissen unmittelbar im Gründenkmal erschließen und wie im späteren Berufsalltag fachliche Schritte gehen. Das Format von fünf mal acht Stunden Lernzeit im Block führte zu raschem Wissensaufbau mit vielfachen Erfolgserlebnissen: Wissen konnte auf unterschiedlichen Lernwegen erworben, unmittelbar angewendet und mithilfe von Selbsterinnerungsstrategien und Feedbackrunden verankert werden.
SUG-Stellenmarkt



Lernort Hannover-Herrenhausen
Bis auf den Einführungs- und Abschlussteil befanden sich alle Lernstationen im Außenraum der Fakultät Architektur und Landschaft. Die aus der Nachkriegsmoderne stammenden Fakultätsgärten, die 2003 hergestellten Rasenpyramiden sowie die Herrenhäuser Gärten mit dem barocken Großen Garten, dem botanischen Berggarten sowie dem landschaftlichen Georgen- und dem Welfengarten bieten dafür eine optimale Lernumgebung. Sie bilden zahlreiche Anwendungsfelder der Landschaftsarchitektur, Gartengeschichtsforschung und Gartendenkmalpflege ab. Anders als bei einer Exkursion an neue Orte war der Orientierungs-, Anreise- und Kostenaufwand für die Studierenden minimal. Der Blick auf das zuvor nur ansatzweise erforschte Umfeld der Universität wandelte sich durch die intensive Beschäftigung mit den Orten: Die Studierenden verankerten individuelle, berufsbildbezogene Erfahrungen in ihrem vormaligen Durchgangsraum.
Bindung durch Lernen im Objekt
Wie gelang der Zugang zum Gartenerbe? Durch Verbindung der Lehrinhalte mit dem Lernort, Übertragung des Wissens in realitätsnahe Planungssituationen und berufliche Anforderungen, Ernstnehmen der Interessen der Studierenden sowie durch Zulassen fächerübergreifender Erfahrungen. Für das Durchstreifen der grünen Orte war zuvor von den Lehrenden³ festgelegt worden, welches Wissen zur Denkmalmethodik und aus der Geschichte der Landschaftsarchitektur an welchen Stationen erworben werden sollte. Diese Inhalte wurden auf unterschiedlichen Lernwegen unter Einbeziehung aller Sinne erschlossen. Es brauchte dazu keine Events, Erlebnisse oder Technik, sondern allein Impulse zur Selbstaktivität, dialogbereite Menschen mit Fachwissen und in Handwagen mitgeführtes Arbeitsmaterial. Das gute Wetter trug zur positiven Lernatmosphäre bei.



Kompetenzerwerb durch Unterstützung zur Selbsthilfe
Hauptziel des Kurses war es, mit Blick auf verschiedene Gartenelemente individuelle Forschungsfragen zu klären und Planungsaufgaben zu identifizieren. So wurde gefragt:
- Was erschließt sich in der Herrenhäuser Allee aus dem Bestand?
- Welches Wissen liefern eine spontane Internetrecherche am Handy im Vergleich mit den im Handwagen mitgeführten Büchern und in Archiven aufgefundenen Quellen?
- Welche berufsrelevanten Fragen stellen sich beim Betrachten eines einzelnen Baums?
- Wie verhalten sich unterschiedliche fachliche Sichtweisen zur denkmalpflegerischen Perspektive?
Fragen, die sich im späteren Berufsleben auf eigene Anwendungsfälle übertragen lassen. Notwendigerweise war damit der Aufbau eines Fachvokabulars sowie grundlegenden Wissensvorrats zur Methodik des Denkmalschutzes und der Gartendenkmalpflege verbunden.
Die Konzeption setzte als Basis für die Lern- und Veränderungserfolge auf adaptives, individualisiertes Lernen und Methodenvielfalt, auf Interaktion und Performance Support anstelle eines Präsentierens und passiven Konsumierens von Lerninhalten. Kurzer Wissensinput von maximal 10 Minuten wechselte mit Einzel- und Gruppenarbeit, Dialogen und Gesprächstechniken, die auf dem Prinzip des Fragestellens basieren, um Erkenntnisse zu gewinnen und Verständnis zu fördern. Kurz: Die Aufforderung zum Selberdenken und Anleitung zum Selbertun stand im Fokus.
Ideen aus Forschungsprojekten zu historischen Gärten als Lernorte4, dem (vor-) schulischen Lernkontext und der Montessori-Pädagogik ("Hilf mir, es selbst zu tun") wurden so auf die Erwachsenenbildung und den universitären Kontext übertragen. Anstatt die Aufgaben für die Studierenden zu erledigen und die Antworten von Erkenntnisprozessen bereits zu liefern, leiteten die Lehrenden an, Forschungswege und Planungsfragen selbstständig zu entdecken. Ein Beispiel dafür war, dass die Genese eines grünen Ortes nicht fertig präsentiert, sondern anhand ausgeteilter historischer Karten, Pläne und Ansichten von den Studierenden analysiert und in der Gruppe systematisch zusammengetragen und gewichtet wurde. Der Ansatz reagierte damit auf die zunehmende Rolle von KI, die zwar hilfreich für Planungs- und Wissenschaftsaufgaben sein kann, den Menschen aber nicht entbindet, fragen, werten, einordnen und entscheiden zu können.



Dialog statt Monolog
Anders als bei klassischen Exkursionen und Gartenführungen referierten weder die Lehrenden noch die unterstützenden Gäste monologisierend. Sie waren Gesprächspartner:innen der Studierenden und gaben erfahrungsbasierte Einblicke in Schwierigkeiten bei Forschungs- und Planungsprozessen. Deutlich wurde dabei, dass Wissen wertvoll wird, wenn es praxisnah im unmittelbaren Anwendungsbezug diskutiert wird. Im Hinterfragen aller Arbeitsschritte, Entscheidungen und der gemeinsamen Einordnung des Tuns in die Denkmalmethodik wurden alle Teilnehmenden zu Lernenden. Vorgetragene Sorgen über akute personelle Herausforderungen in der Fachpflege wandelten sich dabei – auch durch die studentische Reflexion – in Empowerment und gegenseitige Ad-hoc-Weiterbildung. Aus Überlegungen zum Sichtbarmachen verlorener Zeitschichten wurde eine Diskussion über Nachhaltigkeit und Materialverwendung. Der Zeitaufwand aller Beteiligten war hoch, entsprach aber dem sonst über ein ganzes Semester verteilten Umfang. Erfreulich: Alle Studierenden arbeiteten die gesamte Zeit aktiv mit.
Berufsfeldorientierung und Transdisziplinarität
Eng mit der Motivation der Studierenden verbunden war der wahrgenommene Wert und Nutzen, den die Umsetzung der Lehrinhalte für spätere Berufsfelder mit sich brachte. Den Studierenden wurde zugleich das notwendige Spektrum weiterer Fertigkeiten ersichtlich – fächerübergreifend unter anderem mit Bezügen zu Bodenkunde, Verwaltungsrecht, Pflanzenverwendung oder Naturschutz. Denn die Bewahrung historischer Gärten und Parks ist nicht allein Aufgabe der Gartendenkmalpflege, sondern gelingt nur in einem inter- und transdisziplinären Ansatz. Es müssen nicht nur verschiedene Wissenschaften eng zusammenarbeiten. Die Relevanz des Tuns muss im Sinne des öffentlichen Interesses auch von allen Teilen der Gesellschaft aktiv gefördert (und nicht nur akzeptiert) werden. Heutige Studierende sind als kommende Planer-, Wissenschaftler- oder Kustod:innen-Generation in diesem gesellschaftlichen Prozess wichtige Multiplikator:innen. Sie tragen die Wertschätzung historischer Gärten und Parks weiter. Nötig dafür ist, dass sie selbst vom Wert des Gartenerbes überzeugt sind und den methodischen Rahmen kennen. Dabei sollten und müssen viele Belange und Fachdisziplinen frühzeitig im Planungsprozess Berücksichtigung finden.
Fokus auf gesellschaftliche Relevanz
Hergeleitet wurden auch Wohlfahrtswirkungen und Nachhaltigkeitsdimensionen des gartenkulturellen Erbes.5 Das breite Spektrum der sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Qualitäten der Gärten ermöglichte eine Aktivierung aller Studierenden: Mit Blick auf Biodiversität und Artenerfassung konnten Menschen mit botanischen und faunistischen Interessen für Geschichte und Denkmalpflege interessiert werden. Dafür wurden ortsbezogene Daten aus dem Citizen Science Projekt www.inaturalist.org abgerufen oder Artenschutzaspekte bei stehendem Totholz oder der Mahd von Wiesen diskutiert. Naturwissenschaftlich und technisch geneigten Studierenden gefielen Zugänge zu den historischen Orten durch eine Bodenfingerprobe, Temperaturmessungen oder mit Einblicken in Wasserversorgung und Wegebautechniken. Interessierte formaler Gestaltung wurden beim Zugang über Kompositionsprinzipien oder Bild- und Kunstwerte hellhörig. Hier ordneten die Studierenden Landschaftsgemälde mit vor Ort aus Din A0-Papier geschnittenen Bilderrahmen an. Mit Klimawandelanpassungsthemen6 konnte ebenso Dialogbereitschaft geweckt werden wie mit einer Rekonstruktionsdebatte.



Grün-blaue Infrastruktur für die Zukunft
Statt vorrangig über Gärten mit Geschichte oder "aus der Vergangenheit" zu reden, waren die Gärten plötzlich grün-blaue Infrastruktur der Gegenwart. Die weitreichenden umwelt- und gesellschaftsrelevanten Wohlfahrtswirkungen und die Systemrelevanz des gartenkulturellen Erbes wurden deutlich. Die historischen Gärten sind Orte sozialen Austauschs, der Identitätsbildung und Erholung; Stätten der Kühlung, Kohlenstoffbindung, Grundwasserneubildung und des Artenschutzes mit ökologischem, touristischem, volkswirtschaftlichem und gesundheitlichem Nutzen. An ihrer Erhaltung besteht öffentliches Interesse, das sich auch aus geschichtlichen, künstlerischen oder städtebaulichen Gründen begründet. Mit Blick auf die Denkmalmethodik wurden substanzerhaltend-konservierende Strategien des Umgangs mit dem Erbe genauso lebhaft diskutiert wie zeitgenössische Ergänzungen.
Die Studierenden erlebten Denkmalschutz und -pflege als Zukunftsinstrumente, die Landesdenkmalgesetze und die Charta von Florenz als notwendige Handlungsapparate fachlich-planerischer Mitbestimmung des Aussehens von Stadt und Umwelt und damit von Lebensqualität. Spannend beantworteten die Studierenden die Frage, an welchen Momenten eines der vielfältig behandelten inhaltlichen Themen wirklich "gefühlt" wurde: Gärtnerische Kunstfertigkeit, Herzblut und persönlicher Einsatz der mit den Denkmälern verbundenen Menschen beeindruckte.
Erfahrungen aufbauendes Lernen in der Gruppe
Ermöglicht wurde eine offene und in den Arbeitsprozess integrierte Lernkultur, in der sich die 30 Studierenden durchweg als lernagil, veränderungsoffen und transferstark präsentierten, obwohl dies statistisch nur 20 Prozent der Lernenden zugesprochen wird.7 Verzerrend kann wirken, dass die Gruppe aus Wahlpflichtmodulteilnehmenden bestand. Wenn Teile dieses Lehrangebot ab Sommersemester 2026 in weiterentwickelter Form als Pflichtmodul für das vierte Semester Bachelor erprobt werden, mag die Rückschau anders ausfallen.
Als Zwischenfazit lässt sich festhalten, dass sich Fragetechniken, Reflexion, offene Fehler- und Feedbackkultur und soziale Interaktion als erfolgreicher erwiesen als reine Wissensbeschallung. Selbstwirksamkeit zu erleben und Umwelt in Einzelschritten denkmalmethodisch zu entschichten, könnte helfen, Vertiefungswissen im Bereich Gartengeschichte und Gartendenkmalpflege aufbauen zu wollen und die nötige Planungskompetenz zu entwickeln.
Gartendenkmalpflege ist ein sinnstiftendes und wichtiges Arbeitsfeld. Dies zu erfahren, kann Studierende ermutigen, sich für das Gartenerbe einzusetzen – egal, in welcher Vertiefungsrichtung sie später wirken. Die Ergebnisse der mündlichen Einzelprüfung sprachen jedenfalls für sich: Hier musste eine selbstgewählte historische Gartenanlage vorgestellt und auf Fragen der Denkmalmethodik angewendet werden. Damit standen auch hier transformative Kompetenzen wie Lösungs- und Urteilsfähigkeit sowie (mit der Auswahl von Welterbestätten sogar interkulturelle) Kommunikationsfähigkeiten im Fokus.
Anmerkungen
1 Gastgeber war Prof. Dr.-Ing. Johannes Schwarzkopf in Abstimmung mit dem Vorstand des Arbeitskreises Historische Gärten der DGGL, vertreten durch Dipl.-Ing. Heino Grunert und Dipl.-Ing. Hannes Rother.
2 Institut für Landschaftsarchitektur der Leibniz Universität Hannover: Dokumentation der Zukunftsschmiede Gartengeschichte und Gartendenkmalpflege, in: https://t1p.de/h72nq, aktualisiert: 05.05.2024 (abgerufen am 15.08.2025).
3 Konzeption und Durchführung: Prof. Dr. Inken Formann und Prof. Dr. Michael Rohde. Vor Ort unterstützt durch Michel Eckert und Genia Wackerhahn. Gäste: Prof. Dr. Markus Jager, Sebastian Schwinge, Karin Degenhardt, drei Gärtner der Leibniz Universität Hannover sowie Dörte Eggert-Heerdegen.
4 Vgl. z. B. Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU): 1) Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main / Staatliche Schlösser und Gärten Hessen: Lernort Gartendenkmal: Entwicklung, Implementierung und Evaluation von Vermittlungskonzepten für die fächerübergreifende Erschließung historischer Gärten mit dem Schwerpunkt Biologie, www.dbu.de/projektdatenbank/37868-01 (abgeschlossen); 2) Leibniz Universität Hannover, Zentrum für Gartenkunst und Landschaftsarchitektur: Bildung in historischen Gärten. Geteiltes Erfahrungswissen im Kontext Kulturerbeschutz und Bildung für nachhaltige Entwicklung, www.dbu.de/projektdatenbank/39254-01 (laufend). Vgl. Inken Formann, Bianca Kircher-Limburg: Wissen wächst im Garten – Historische Gärten als Bildungsorte, in: Die Gartenkunst, 02/2024, S. p. 252-265; Dies.: Historische Gärten als Lernorte: Bildungs- und Vermittlungsangebote für Gartendenkmale, in: Christian Antz; Stephan Wittkowske (Hrsg.): Gärten und ihre Gäste – Analysen, Fakten, Trends. München 2021, S. 127–144.
5 Vgl. Michael Rohde, Falk Schmidt (Bearb.)/Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (Hrsg.): Historische Gärten und Gesellschaft: Kultur – Natur – Verantwortung. Potsdam, Regensburg 2020; Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW): GartenLeistungen – Literatur, https://t1p.de/nht2i (abgerufen am 15.08.2025).
6 Als Lehrmaterial wirkte u. a.: Arbeitsgemeinschaft Deutscher Schlösserverwaltungen Fachgruppe Gärten und Stiftung Fürst-Pückler-Park Bad Muskau (Hrsg): Klimaanpassung für Historische Gärten, https://t1p.de/h9ngw (PDF) (abgerufen am 15.08.2025).
7 Vgl. Axel Koch: 70-20-10-Wunschdenken. Zweifel an der Realitätsnähe der Bildungsformel, in: wirtschaft + weiterbildung, 05/2015, S. 18–25, hier S. 24., in: https://stadtundgruen.de/q/?10 (abgerufen am 15.08.2025).
Links aus den Quellen
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