Fachdiskussion zu Geräuschebewertungen von Klanglandschaften

„The sounds in the city“: Den Klang der Stadt gestalten

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The sounds in the city", unter dieser Überschrift diskutierten Expertinnen und Experten in Hannover zu der Frage, was den Klang der Stadt ausmacht, wie wir Geräusche bewerten und wie wir unsere Klanglandschaften besser gestalten können.
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Abb. 1: Erläuterung, Beschäftigung und Ideen werden gebraucht, um zu verstehen, was hier für wen wie erzählt werden soll. Foto: Karin Wallner

Im Stadtraum wird ein spannendes Konzert aufgeführt

    Dazu fanden Freiraumplanerinnen und Architekten, Musikerinnen und Künstler, Immissionsschutzfachleute und Festivalplanerinnen jeweils eine eigenständige Antwort. Trotz der verschiedenen Perspektiven waren sie sich aber auch weitgehend einig, dass das Phänomen bisher zu wenig Beachtung in der Landschaftsarchitektur und dem Städtebau findet. Im Rahmen von Klimaanpassungsmaßnahmen sollte diesem Aspekt in Zukunft mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden, um so lebens- und liebenswerte Klanglandschaften zu gestalten:

    • Zunächst geht es darum, ein anderes Verständnis zum Sound der Stadt zu finden. Wir behandeln Klang meist als Lärm und verkürzen so seine Bedeutung als grundlegende Sinneswahrnehmung. Die brauchen wir, um uns in der Welt zurechtzufinden. Die Verträglichkeit von Laut und Leise kann nicht ausschließlich über Dezibel-Messungen und Grenzwerte bestimmt werden. Dazu muss eine qualitative Analyse und Bewertung der Geräusche treten.
    • Einfache physikalische Regeln sind zu beachten: Rauhe Oberflächen schlucken den Schall, indem dieser vielfach gebrochen wird. Glatte Flächen reflektieren und verteilen den Lärm dagegen weiträumig.
    • In der menschlichen Wahrnehmung unterscheiden wir technische und natürliche Klänge. Ein Gewässer kann genauso laut wie eine Straße sein, wir ziehen den Fluss vor. Mit Brunnen und natürlichen Klängen können wir deshalb unangenehm wahrgenommene Klänge maskieren.
    • Tischtennis, Kinderspiel, Partylärm, Skater und Sport stehen für eine lebendige Stadt. Aber diese Geräusche sind auch immer wieder Anlass für Konflikte. Vorausschauend sollten Klangarten und -richtungen in der Flächennutzungs- und Bauleitplanung eine größere Rolle spielen.

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    Abb. 2: Die Große Allee in Hannover Herrenhausen verbindet den großen Garten mit der Innenstadt. Foto: Karin Wallner

    Draußen wird leicht alles "too much". Wo ist die Stopptaste, wenn alle
    Straßenmusik machen, wenn jedes Café den Bürgersteig beschallt, wenn an jedem Wochenende mehrere Bands gleichzeitig spielen? Im Feld der nachhaltigen Festivalgestaltung gibt es Standards und Auflagen, die hart verhandelt und im Sinne der Lebensqualität für alle auch kontrolliert werden müssen.

    Insbesondere Parks und Grünflächen werden häufig als Kulisse für Konzerte und Veranstaltungen fehlgenutzt, die nichts mit diesen besonderen Orten zu tun haben. Am Tag der Tagung fand zum Beispiel im denkmalgeschützten Georgengarten eine als Demonstration genehmigte Gewerkschaftskundgebung mit Konzert statt.

    Hier wird das Ambivalente der Soundgestaltung deutlich: Einerseits bieten Klangskulpturen und Musikereignisse besondere Erlebnisse, andererseits ist dies mit massiven Störungen verbunden. Besonders für die Zukunft der Innenstädte müssen solche Überlegungen angestellt werden, denn wenn hier wieder mehr Menschen wohnen, müssen die Voraussetzungen dafür stimmen.

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    Abb. 3: Laufgeräusche, Blätterrauschen und Stimmen werden vor Ort ´geerntet´. . . Foto: Karin Wallner
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    Abb. 4: . . . und dann weiterverarbeitet. Foto: Karin Wallner

    Möglicherweise kann man diese Interessengegensätze besser in den Griff bekommen, wenn man vorausschauend ein raumbezogenes Kontingent für Geräusche an dafür empfindlichen Orten festlegt. Ein zentraler Kirmesplatz reicht schon lange nicht mehr aus, es geht vielmehr um eine dezentrale, regionsweit durchdachte Koordinierung von Klangereignissen und -zumutungen.

    Die Stadt ist ein besonderer Klangraum, in dem der Autoverkehr immer noch eine zu große Rolle spielt, insbesondere in autogerecht wiederaufgebauten Städten wie Hannover. Wenn wir diesen Grundpegel grundsätzlich herunterschrauben könnten, gewinnen andere Klänge an Hörbarkeit und könnten den "Geräuschebrei" zu einer spannenden Stadtmusik machen.

    Bewachsene Oberflächen, schallschluckende Mauern und ein kleinräumiges Verständnis für den Raum würden die Atmosphäre klanglich spürbar verbessern. Wände und Straßen, Vegetation und Jahreszeiten, die Enge und Weite der Freiräume bilden eine Art Konzerthaus. Planerinnen und Planer dirigieren das darin spielende Orchester. So könnten wir die Konzerte genießen, die wir alle in den für uns gestalteten Gärten, Straßen und Plätzen aufführen. Orchestrierung bedeutet ein überlegtes Mit- und Nebeneinander der Geräusche durchzusetzen. Dies ist natürlich eine interdisziplinäre Aufgabe.

    In diesem Konzert treten einige Wege und Orte klanglich besonders hervor

    Mithilfe des Walkmans entwischten in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts Audiokonserven aus den Wohnzimmern und Museen. Musik, Wissenswertes, Stimmen und Erzählungen können wir heute per QR-Code während unserer Spaziergänge und Wanderungen vor Ort hören. In Ton und Bild erschließt sich plötzlich die ganze Vergangenheit eines Ortes oder wir werden auf besondere Phänomene aufmerksam gemacht. Dazu kommen künstlerische Angebote, die uns in dafür gestaltete Hörplätze und Klangwolken einladen.

    Umgekehrt sind dokumentierte Hörspaziergänge auch eine Möglichkeit des Empowerments der Bürgerinnen und Bürger, denn als O-Ton bereichern sie die Debatten im Gemeinderat und zeigen, wie ernsthaft zum Beispiel über Kleingärten oder die Entwicklung eines Quartiers gesprochen wurde. So werden auch die Stimmen derer gehört, die sich sonst nicht zu Wort melden würden.

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    Abb. 5: Katrinem und Sam Auinger stellen das Konzept der Stadtmusik Hannover vor. Foto: Karin Wallner
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    Abb. 6: Der Klangraum wird durch aktives Hören neu ausgelotet, Bildbearbeitung Mehrens. Foto: Barb Mehrens

    Die Vielfalt dieses "Hörenden Gehens" wurde von den Studierenden der Hochschule Osnabrück und der Leibniz Universität Hannover ganz praktisch erprobt. Vor dem Hörsaal, für die barocke Große Allee im Georgengarten konzipierten sie Hörspaziergänge, die das Werden der Alleen seit ihrer Entstehung bis heute erläutern. Sie verschaffen uns Aha-Erlebnisse, weil plötzlich klar wird, warum die Linden hier wie einheitliche Klone, dort aber in ganz unterschiedlicher Vitalität wachsen. Dazu treten persönliche Sichten, Erlebnisse und unterschiedlichste Geschwindigkeiten, mit denen die Menschen die Allee nutzen. So wird ein Stadtraum zum Identitätsraum.

    Möglicherweise lenken die vielen Angebote uns aber auch vom Wesentlichen, nämlich dem Klang der Gärten selbst, ab. Hannover besitzt nun einen neuen Klang- und Hörspaziergang, der von Sam Auinger und katrinem für die Tagung konzipiert wurde. Ihre These: Die Stadt selbst ist die Stadtmusik. Oberflächen und Kubaturen fungieren wie Instrumente, die Töne hervorbringen. Dazu kommen dynamische Elemente, zum Beispiel ergibt der Verkehrsfluss, der immer wieder gestoppt und beschleunigt wird, einen Rhythmus.

    Auf besondere Hörenswürdigkeiten wird aufmerksam gemacht. Wind und Geräusche, Stimmen und Laute sind ebenfalls Teil der Musik. Dazu kommen Kirchenglocken, der Weihnachtsmarkt oder ein Motorradtreff. Unterführungen klingen, wenn wir klatschen; mit einem Stöckchen kann man am Abfalleimer und Geländer manchmal eine Melodie spielen.

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    Abb. 7: Die Stadtmusik Hannover kann unter folgendem Link heruntergeladen werden. https://t1p.de/ck653 (Uni Hannover) Foto: Karin Wallner
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    Abb. 8: Dank an die Hörregion Hannover für die Gelegenheit, eine gemeinsame Sprache zum Klang zu finden. Foto: Karin Wallner

    Der Mensch braucht alle seine Sinne und wache Ohren gehören definitiv dazu. Anders als die Augen ermöglichen die Ohren eine Rundumwahrnehmung von 360 Grad, ein – wenn wir das Handy beiseitelegen – vollständiges Sein im Hier und Jetzt, ein Verständnis der Situation durch Zuhören und Hinhören. Zu viele laute und vermischte Geräusche tragen zum Stress maßgeblich bei. Gerade wenn die Sinneswahrnehmungen zudem nicht kongruent sind, kann einem wie bei der Seekrankheit flau oder übel werden.

    Aber Geräusche sind wahrnehmbar, analysierbar und schließlich auch plan- und baubar. Aufschlussreiche Klangexperimente, einzelne Vor-Ort-Termine, fallweise herangezogene Fachleute, all das reicht nicht. Der Weg von der Einzelfallbetrachtung und von punktuellen Nachbesserungen zur bewussten Gestaltung des Klangs als integriertem Material des Städtebaus ist noch weit. Das Ideal wäre, in einer verstandenen und gestalteten Klanglandschaft mit anderen gut gemeinsam zu leben, indem wir uns neu einrichten, etwa auf Flugreisen verzichten, und jeden Tag neue Hörenswürdigkeiten entdecken.

    Der Fachtag wurde zusammen mit Nils Meyer und Laureen Bruns von der Hörregion Hannover geplant und umgesetzt.

    Gemeinsam bedanken wir uns für die anregenden Diskussionsbeiträge und Gespräche bei Peter Androsch, Sam Auinger, Thomas Göbel-Groß, Sina Hensel, Barb Mehrens, Birte Jung, katrinem, Stefanie Krebs, Gwendolyn Kusters, Trond Maag, Hajo Toppius, Michael Oehlerking, Antje Vowinckel und den Gästen des Fachtags der Hörregion Hannover ...

    Prof. Dr.-Ing. Bettina Oppermann
    Autorin

    Landespflegerin, Professorin am Institut für Freiraumentwicklung an der Leibniz Universität Hannover

    Dr. Stefanie Krebs
    Autorin

    Lehrbeauftragte am Institut für Freiraumentwicklung der Leibniz Universität Hannover

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