Flanieren durch ein unvollendetes Projekt – vom 15. Jh. bis heute
Von der Stadt der Frauen zur Feminist City
von: Dr. Stefanie Krebs
So beginnt der Audiowalk "Die wachsende Stadt der Frauen", den zwei Studierende im Rahmen ihres Bachelorstudiums der Freiraumplanung im Wintersemester 2024/25 an der Hochschule Osnabrück erstellt haben.1 Die Studierenden hatten die Aufgabe, einen Audiowalk zu produzieren, der aus ihrer Sicht relevante Themen der Landschaftsarchitektur mit einem Ort verknüpft.
Während wir mit Kopfhörern einen beliebigen Weg durch die Stadt spazieren, werden wir auf eine akustische Zeitreise mitgenommen, die vom Mittelalter über den Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart führt. Der Spaziergang entpuppt sich als eine feministische Tour de Force, der sich immer mehr Mitstreiterinnen anschließen: Nach der mittelalterlichen Schriftstellerin Christine de Pizan hören wir eine englische Suffragette auf ihrem Protestmarsch für das Frauenwahlrecht auf den Straßen Londons. Deren Stimme wird abgelöst von einer Aktivistin der "Reclaim the Night!"-Bewegung, die seit den 1970er Jahren das weibliche Recht auf den öffentlichen Raum – auch in der Nacht! – einfordert. Dem schließt sich eine junge Frau aus der Gegenwart an: "ich bin Teil dieser Stadt, weil ich gehe, weil ich atme, weil ich hier bin."
Die Stadt der Frauen 1405
Christine de Pizan, 1364 in Venedig geboren, bestritt als Witwe – für ihre Zeit sehr ungewöhnlich – ihren Lebensunterhalt mit dem Schreiben und Verlegen der eigenen Texte. Ihr "Buch von der Stadt der Frauen"2 wurde nach seinem Erscheinen 1405 viel gelesen, geriet dann in den folgenden Jahrhunderten fast in Vergessenheit, bevor es in den 1970er Jahren wiederentdeckt wurde. Das Buch war im Gegensatz zu anderen Schriften kein Auftragswerk, warum hat Christine de Pizan es geschrieben?
Sie reagiert damit auf frauenfeindliche Schriften, die im späten Mittelalter weit verbreitet waren. Dazu gehört u. a. der "Rosenroman" von Jean de Meun, der als wichtige Quelle für das Verständnis mittelalterlicher Gartenkunst gilt. De Pizan ruft in ihrem Buch drei allegorische Frauenfiguren auf den Plan, die Frauen Gerechtigkeit, Rechtmäßigkeit und Vernunft. Diese wollen gemeinsam mit ihr ein "Bauwerk ganz besonderer Art" errichten, eine alle Zeiten überdauernde Frauenstadt in Form einer unzerstörbaren und sicheren Festung. Imaginiert wird eine ideale Stadt, deren Bau mit Spitzhacke, Stein und Mörtel aber ganz handfest beschrieben wird. "Mauere tüchtig drauflos!", wird de Pizan von der Frau Rechtmäßigkeit ermuntert.3 Nach Fertigstellung wird die Stadt den zeitgenössischen Frauen als Hort und Zuflucht gegen deren – männliche – Feinde übergeben.
Ins Deutsche übersetzt und kommentiert wurde das Buch von Margarete Zimmermann. Sie sieht in der "Stadt der Frauen" eine mittelalterliche Utopie, die an den historischen Entwurf des Amazonenreiches anknüpft und ihn vollendet. Einen Beleg für die selbstvergewissernde Kraft dieser Utopie sieht Zimmermann darin, dass einflussreiche Frauen der frühen Neuzeit ihre Räume mit Wandteppichen mit Motiven aus der "Stadt der Frauen" schmückten und damit ihre Machtposition stärkten und legitimierten. Christine de Pizan hatte sich als Bewohnerinnen der Stadt der Frauen damalige historische Frauengestalten vorgestellt. Der utopische Charakter öffnet die Tore der Stadt bis in die Gegenwart. Wollen wir eintreten? Brauchen wir sie heute noch?


Flexen durch die Stadt von heute
Erlauben wir uns aus der Perspektive der Landschaftsarchitektur, die allegorische Stadt der Frauen ganz konkret zu begreifen. Damals wurde sie als eine utopische Antwort auf Anfeindungen gegen Frauen konzipiert, als sichere Festung. Heute hat die #MeToo-Bewegung das Thema männlichen Machtmissbrauchs in die breite Öffentlichkeit gebracht. Safe Spaces werden gefordert, Räume, die bestimmten Gruppen, nicht nur Frauen, Schutz vor Diskriminierung und/oder Gewalt bieten sollen. Gendergerechte (Stadt-)Planung ist mittlerweile über den Status von Pilotvorhaben hinausgewachsen.4
Frauen erobern die Stadt – so lautet der Untertitel des essayistischen Buches "Flâneuse" von Lauren Elkin, das 2018 auf Deutsch erschienen ist.5 Elkin zeichnet die Figur der Flâneuse anhand verschiedener historischer Frauen – Virginia Woolf vielleicht die bekannteste unter Ihnen -, um zu zeigen: die Flâneuse ist nicht nur die weibliche Form des Flaneurs, des ziellos umherstreifenden Mannes. Sie ist etwas Anderes, Eigenes. Denn das weibliche Erleben der Stadt wird – so Elkin – immer noch dadurch geprägt, dass es aus einer marginalisierten Perspektive geschieht. Das beginnt bei der Tatsache, als Frau an bestimmten Orten nicht erwünscht zu sein und/oder belästigt zu werden, und erstreckt sich bis zur Gestaltung des öffentlichen Raumes, zum Beispiel die unzureichende Beleuchtung oder mangelnde Ausstattung mit öffentlichen Toiletten. Die Flâneuse tut etwas, was sie eigentlich nicht tun sollte, was ihr erschwert wird, sie eignet sich die Straße und den öffentlichen Raum an und verändert ihn schon durch ihr Flanieren.
Der kurz darauf erschienene Sammelband "Flexen. Flâneusen* schreiben Städte" geht noch einen Schritt weiter.6 Die Herausgeberinnen ersetzen den Begriff des weiblichen Flanierens durch "Flexen", "ich flexe mich in die Stadt, durch die Stadt. Ich flexe mir die Stadt zurecht", um die Eigenart des weiblichen Bewegens durch die Stadt noch deutlicher herauszustellen. In 30 Beiträgen beschreiben Autor:nnen ihre Bewegung durch die Stadt und schreiben damit Stadt neu, so die Herausgeberinnen. Denn diese Stadtperspektiven haben bislang wenig Tradition (s. das Buch von Lauren Elkin) und waren lange nicht vorgesehen. Die Autor:nnen dieses Bandes sind Frauen, People of Color, queere Menschen. Der Band folgt damit dem Konzept des intersektionalen Feminismus, der dem Phänomen Rechnung trägt, dass Erfahrungen gesellschaftlicher Ungerechtigkeit verschiedene gesellschaftliche Gruppen betreffen und unterschiedliche und sich überlappende Ursachen haben können. Handlungsleitend sollten stets die Bedürfnisse und Sichtweisen derjenigen sein, die am gefährdetsten sind.
Feminist City
So formuliert es die kanadische Geografin Leslie Kern, deren Buch Feminist City nahezu zeitgleich mit den oben angeführten Publikationen erschienen ist.7 Der englische Untertitel "A Field Guide" macht die thematische Nähe deutlich, es geht darum, wie sich Frauen mit unterschiedlichen Rollen und Bedürfnissen in der Stadt bewegen können. Auf welche Barrieren stoße ich, wenn ich als Mutter mit Kindern in der Stadt unterwegs bin? Welche unsichtbaren Hürden stehen dem Recht der Frau entgegen, sich allein im öffentlichen Raum aufzuhalten? Nehmen Frauen den öffentlichen Raum in erster Linie als einen Angstraum wahr?
Ein Jahr später, Wintersemester 2025/26 an der Hochschule Osnabrück: wieder wählen zwei Studierende das Thema "Gendergerechtigkeit in der Landschaftsarchitektur" für einen Audiowalk durch einen stadtnahen Landschaftsraum. Sie fragen die ausschließlich weibliche Seminargruppe nach deren Wünschen für eine gendergerechte Stadt. Genannt werden: Orte nur für Frauen sowie Räume in der Öffentlichkeit, in denen sie sich in bedrohlichen Situationen einschließen können. Rückzug statt Eroberung – das klingt zunächst nach einer traurigen Bilanz lange 600 Jahre nach Christine de Pizans Utopie von der Stadt der Frauen. Aber dann wird auch der gesellschaftliche Kontext von der Gruppe in den Blick genommen. Es wird über Selbstermächtigung im öffentlichen Raum nachgedacht, die etwa durch gemeinsame Spaziergänge gestärkt werden kann. Also doch willkommen in der Stadt der Frauen!
Leslie Kern schließt ihren Führer durch die feministische Stadt mit dem Ausblick auf eine Stadt der Möglichkeiten, mit der Christine de Pizan vermutlich einverstanden gewesen wäre. Sobald wir verstehen, wie sich städtische Räume und gesellschaftliche Normen gegenseitig bedingen, können wir in dieses Gefüge eingreifen und neue Konstellationen erproben. Jenseits eines abgeschlossenen Masterplans ist "die feministische Stadt ein fortwährendes Experimentieren, wie wir anders zusammenleben können, wie wir besser und gerechter zusammenleben können, in einer urbanen Welt."8
Anmerkungen
1 Mueller-Goldingen, Laura; ter Haar, Daphne (2025): Die wachsende Stadt der Frauen. Audiowalk. Bachelor Freiraumplanung, Hochschule Osnabrück. Verfügbar unter: Walk the Line. Gänge in der Herrenhäuser Allee über Tonspur Stadtlandschaft oder spotify siehe unter stadtundgruen.de/q/
2 De Pizan, Christine (1405/2023): Das Buch von der Stadt der Frauen. Hg. von Margarete Zimmermann. Berlin.
3 Zimmermann, Margarete (2023): Christine de Pizan und ihr Buch von der Stadt der Frauen. Nachwort zu: De Pizan, Christine (1405/2023) ebenda.
4 zum Beispiel GenderKompass Planung édition suisse (2021), Lares – Verein für gender- und alltagsgerechtes Planen und Bauen, Bearbeitung: Barbara Zibell e.a.
5 Elkin, Lauren (2018): Flâneuse. Frauen erobern die Stadt – in Paris, New York, Tokio, Venedig und London. München.
6 Dündar, Özlem Özgül e.a. (Hg.) (2019): Flexen. Flâneusen* schreiben Städte. Berlin.
7 Kern, Leslie (2020): Feminist City. Münster.
8 ebenda S. 189.














