Eine Arbeitsteilung

Freiräume in Hamburg und die HafenCity

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Publikum auf den Marco-Polo-Terrassen während einer Großveranstaltung. Foto: Daniel Barthmann, Hamburg

Der Freiraum wird oft als Bühne städtischen Lebens bezeichnet, gemeinschaftliche Nutzungsformen konstituieren Öffentlichkeit. Jede Bühne verändert aber gelegentlich Regie, Bühnenbild, das Stück und die Akteure. Neben der bisherigen Freiraumnutzung zum Erholen und Flanieren schleichen sich plötzlich Arbeiten im Freien und Sportarten wie Parkour auf die Bühne, mit dem Notebook in der Hand treten Schauspieler auf, deren Lebensmodell der "Prototyp" und nicht die "Karriere" ist und die den Raum benutzen und anpassen wollen wie die Benutzeroberflächen ihrer Mobiltelefone. Am Rand der Bühne wird ganz pragmatisch der Bühnenhintergrund der gegliederten Freiraumstruktur perforiert und umgelegt durch die pragmatischen Eigeninteressen von Anwohnern, die an die städtische Planung als Freiraumversorger schon gar keine Erwartung mehr haben und zum Beispiel ihren Markt für Lebensmittel oder den Spielplatz für ihre Kinder selbst bauen und ganz selbstverständlich öffentlichen Raum dafür in Anspruch nehmen. Das tun sie auch deshalb, weil die klammen öffentlichen Kassen die Pflege von Hintergrund und Bühne herunterfahren.

Der Freiraum als Aufgabenfeld öffentlicher Daseinsvorsorge hat sich gewandelt: Im Leitbild der modernen Stadtlandschaft seit Beginn des 20. Jahrhunderts hatte er Bedeutung als stadtstrukturelles Gliederungselement, als sanitäres Grün, als der Gesundheit dienender Volkspark, als statistische Versorgungsgröße, als Stadtklimamacher und ökologisches Netz mit dem Ziel gleichwertige Räume für alle zu sein. Dies gilt so nicht mehr. Vom "Ungültigwerden der Industriestadt" schreibt Undine Giseke (2004) und nennt die notwendige Anpassung der Instrumente und Inhalte der städtischen Freiraumplanung als Übergang von der Kompensation zur Korrespondenz. Nicht die Kompensation der Mängel einzelner Quartiere gegenüber einem definierten Grundstandard steht noch zur Diskussion, sondern eine an den Begabungen des Raums orientierte Potenzialplanung, die mit den Wünschen und Bedürfnissen der tatsächlichen Nutzer möglichst eng korrespondiert.

Diese werden nicht nur auf öffentlichen Flächen realisiert, sondern in dichter Überschneidung mit privaten Räumen, die öffentlich zugänglich sind und genutzt werden - eine bisher wenig untersuchte Vielzahl möglicher Kombinationen dieser "hybriden Räume" (Vgl. Berding 2010). Dabei öffnen nicht nur private Parks das Korsett der planerisch erfassten Freiräume. Durch Multicodierung und Veränderung der Freiraumbedürfnisse der urbanen Bevölkerung werden oft auch Verkehrs- und Erschließungsflächen oder Flächen der Wasserbewirtschaftung zu relevanten urbanen Freiräumen.

Und die postindustrielle Stadt ist voller solcher Möglichkeitsräume, die infolge wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Transformationsprozesse ihre ehemaligen Funktionen verloren haben und bei guter Lage dringend nötige Freiräume bereitstellen könnten, jedoch nicht einfach zu aktivieren sind. Öffentliche, aber auch ehemals private oder staatlich genutzte Orte warten auf eine neue Nutzung und Aneignung. "Freiräume wie Schulhöfe, Parkplätze, Straßen, Konversionsflächen und ,latentes Grün', lassen sich ganz oder teilweise, dauerhaft oder temporär für neue Nutzungen öffnen." (BBR 2009, 6) oder im Rahmen von Großprojekten neue Stadträume entstehen. Auf Barcelona schielend hofft man, mit neuen Freiräumen das Stadtimage zu beeinflussen und Räume für eine neue Urbanität zu entwickeln.

Musikveranstaltung im Hamburger Hafengebiet. Foto: Martin Kohler, Hamburg

Die "Grüne Metropole am Wasser" reagiert - Qualitätsoffensive Freiraum

Große Parkanlagen und kleinere Quartierparks, durchgrünte Straßenräume, Kleingartenanlagen und Naherholungsgebiete durchziehen die Stadt und tragen dem Freiraumbedürfnis der Hamburger Rechnung. Dieses Freiraumsystem ist keine autonom entstandene Struktur, sondern Ergebnis einer hundertjährigen Stadtplanungstradition, die neben der Versorgung mit Wohnraum und Arbeitsorten auch die planerische Entwicklung der Freiräume im Sinn und Plan hatte. Entstanden als Reaktion auf die teilweise erbärmlichen Lebensbedingungen der industrialisierten Stadt, etablierte sich die Versorgung der Bevölkerung mit gestalteten, erreichbaren Freiräumen und brachte seinerzeit beachtete städtebauliche Antworten wie die Gartenstadt Farmsen oder die Jarrestadt hervor.

Die Bedürfnisse an Freiräume haben sich geändert, aus einer Antwort auf die soziale Frage ist ein komplexeres Anforderungsprofil geworden, um ökologischen, sozialen und ästhetischen Notwendigkeiten gerecht zu werden. Hamburg reagierte auf diese neuen Anforderungen unter anderem mit der im Räumlichen Leitbild 2007 festgeschriebenen Qualitätsoffensive Freiraum, einer urbanen Vision mit dem Ziel "vorhandene Freiflächen stärker zu vernetzen und eine vielfältige und teilweise intensivere Nutzung zu ermöglichen, die den sozialen und kulturellen Bedürfnissen der Stadtbewohner entspricht. Dies soll für Straßenräume, Plätze und Grünanlagen gleichermaßen gelten" (Gabanyi 2009, 10).

Erst durch das Überschreiten sektoraler Grenzen und das Zusammenlesen "weicher" und "harter" Faktoren wird die Komplexität öffentlicher Räume sichtbar. Der eingeschränkte Fokus auf die Flächen im Eigentum der öffentlichen Hand lässt außerdem das Potenzial der Mitplanung und abgestuften Beeinflussung der privaten, aber zugänglichen Flächen außer acht, die wichtige Freiraumnutzungen befriedigen, wie eine Forschungsstudie zu Freiräumen in Hamburg konstatierte (Koch and Kohler, 2013). In einer anderen von der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt beauftragten Studie wird nach Wegen gesucht, Wohnungsbauunternehmen in die Gestaltung und Produktion von Freiräumen einzubinden. Dies wäre durchaus eine Konsequenz aus den guten Erfahrungen Hamburgs mit den Business Improvement Districts, wo zentrale Freiräume der Stadt durch private Akteure mitfinanziert werden.

Im Fokus: Die HafenCity

Eine besondere Stellung in dieser "Neuerfindung" Hamburgs ist neben der gerade stattfindenden Internationalen Bauausstellung die HafenCity, in der viele der anfangs aufgezählten Diskussionslinien zusammenlaufen. Die stadteigene Entwicklungsgesellschaft agiert als privater Partner der Stadt, hat die gesamte Konversion einer alten Hafenindustriefläche - Bauten wie Freiräume, Vermarktung, Herstellung und Unterhalt - zu einem neuen Stadtteil zu verantworten und kann als GmbH frei von behördlichen Sektoralisierungen und über vertragliche Konstruktionen auch in privaten Flächen hinein agieren. Die Stadt gewinnt aus der Eigentümerrolle der Grundstücke und der Bündelung der Infrastrukturrealisierung vieler nicht-hoheitlicher Planungsprozesse und des Entwicklungsmanagements bei einem Akteur (der HafenCity Hamburg GmbH) eine große Gestaltungsstärke.

Dabei spielt das System der öffentlichen Orte eine zentrale Rolle in der Gestaltung und Hervorbringungen einer neuen Urbanität am Wasser (Bruns-Berentelg, 2010). Das macht die Erfahrungen und die Kritik der Gestaltung urbaner Freiräume und Freiraumsysteme in der HafenCity interessant für Hamburg - aber auch für andere Metropolen, die ähnlichen Problemlagen gegenüberstehen. "Die HafenCity verspricht spätestens innerhalb von zwei Jahrzehnten die Transformation vom exkludierten Arbeitsort zu einer durch hohe Urbanität gekennzeichneten neuen Kerninnenstadt zu bewältigen und dabei nicht nur eine Vielzahl öffentlicher Stadträume zu schaffen, sondern auch neue Stadtöffentlichkeit zu generieren" (Bruns-Berentelg 2010, 424).

Passanten und Fotoshooting auf den Magellanterrassen. Foto: Theresa Thiele, Hamburg

Verbindung zwischen den Straßenräumen und den Wasserpromenaden. Foto: Maria Xerisoti, Hamburg

Die HafenCity ist mit 155 Hektar das größte Stadtentwicklungsprojekt in Hamburg und eines der größten seiner Art in Europa. Die Konversion eines ehemaligen Hafenareals mit nachindustriellen Relikten und Altlasten soll die Transformation der Kernstadt hin zum Wasser antreiben, die Wettbewerbsfähigkeit Hamburgs stärken und Investitionen anziehen. Die Größe des Projekts ist beeindruckend: In Laufnähe zur Innenstadt, zwischen historischer Speicherstadt und Elbe wird eine neuer Stadtteil entstehen, der die Innenstadt Hamburgs um fast 40 Prozent vergrößert. Es ist das Projekt des Jahrhunderts für Hamburg.

Zusammen mit der Entwicklung des Altonaer Fischmarkts zum Bürostandort (der "Perlenkette") und der Umgestaltung der Hafenpromenade am Niederhafen durch Zaha Hadid wird die HafenCity mit ihren Architekturikonen wie der Elbphilharmonie eine komplett neue Stadtkante für das Hamburg des 21. Jahrhunderts erfinden. Auf den 127 Hektar Land- und 30 Hektar Wasserflächen des ehemaligen Freihafens entsteht der neue Stadtteil HafenCity mit 6000 Wohneinheiten und 45 000 Arbeitsplätzen mit einem hoch diversifizierten Nutzungsmix aus Wohnen, Dienstleistung, Gewerbe, Einzelhandel, Ausbildungs- und Forschungseinrichtungen und nicht zuletzt wichtigen Attraktionen für Tourismus und Unterhaltung.

Die Blaupause zu dieser Entwicklung schufen 1999 Kees Christiaanse und das Büro ASTOC als offenes Konzept, das eine grundlegende Struktur definiert, die gleichzeitig Raum lässt für eine Vielzahl unterschiedlicher Bautypen innerhalb bestimmter Regeln (Christiaanse und Neppl, 2008, 75). Der Masterplan teilt die Gesamtfläche in zwölf Quartiere mit je einer eigenen Mischung aus Nutzungen und Gebäudetypen, die in aufeinander folgenden Phasen entwickelt werden sollen. Die Konstruktion startete 2002, das erste Quartier (Sandtorkai) wurde 2005 fertig gestellt, die folgenden 2009 (Dalmannkai) und 2011 (Brooktorkai/Ericusspitze, Am Sandtorpark/Grasbrook). Im Bau sind Überseequartier und Magdeburger Hafen. Die letzten Bauten sollen 2020 bis 2025 abgeschlossen sein. Die Entwicklungsgesellschaft wird sich dann auflösen und die letzten Flächen an die Stadt übergeben.

Die Stadtforscherin Monika Grubbauer stellt der HafenCity ein hervorragendes Zeugnis aus: "Der Entwicklungsplan der HafenCity mit seiner flexiblen, phasierenden Logik ist fortschrittlich und stellt den State-of-the-Art für Großprojekte in der Stadtentwicklung dar. Zusätzlich rangieren Fragen der Nachhaltigkeit und technologischer Innovationen weit oben in der Entwicklung der HafenCity" (Grubbauer, 2011, 9).

Topographie und Gestaltung

Die HafenCity wird eine kompakte, urbane Struktur mit einigen wenigen ikonischen Elementen. Durch die Entscheidung, den Hochwasserschutz in Form einer Warftbebauung als Teil der Gebäude zu realisieren und alle Wasserkanten als öffentliche Promenaden zu sichern - eine Entscheidung, auch um die Hafenbecken als "Platzfläche" und Teil der Freiräume reklamieren zu können - lässt eine dichte innere Struktur der Straßenräume als Alltagsräume und den offenen Freiflächen der Promenaden entstehen, die durch Höfe und Plätze verbunden sind. Dabei überqueren die Verbindungen die Tiefgaragen der kleinteilig parzellierten Bebauung. Mit privatrechtlichen Verträgen wird nicht nur die Zugänglichkeit gesichert, sondern durch Dienstbarkeiten das private Hausrecht so eingeschränkt, dass nur zugunsten der öffentlichen Sicherheit und Ordnung von privater Seite eingeschritten werden kann. Entsprechendes geschieht in den Räumen zwischen den Teilgebäuden des als Einzelblock aufgelösten Shoppingcenters im Überseequartier. Im Rechtssinne werden private Orte damit öffentlichen gleichgestellt.

Prominente "Wasserplätze" an den Kopfenden der Hafenbecken, dem Lohsepark, Quartiersplätzen, Pocket-Parks und Alleen komplettieren das System öffentlicher Räume in der HafenCity. Für die öffentlichen Räume im westlichen, inzwischen fertig gestellten Teil suchte die HafenCity eine "künstlerische Ausarbeitung", die eine spannungsreiche Balance zwischen "Authentizität und ästhetischer, architektonischer Neuerfindung" (Bruns-Berentelg, 2010, 432) finden sollte für eine "neue Urbanität am Wasser" (ibd.). Die beiden spanischen Büros von Beth Gali und EMBT gingen aus dem Wettbewerb als Gewinner hervor. Ihre expressive Gestaltungssprache kontrastiert die orthogonale Struktur der HafenCity und elegant-konservative Zurückhaltung der Blöcke, die man auch sonst oft in Hamburg findet. Der Reichtum an Formen und Materialen, teils spektakulären Freiraumelementen wie Pontons, Piers und großzügige Treppenanlagen, in die Ziegelwände eingelassenen Intarsien in Form von Schiffs- und Fischmotiven vor hochwertiger, internationaler Architektur produzieren starke Bilder einer prosperierenden Metropole am Wasser. Es ist fast wie in Barcelona - wenn nur das Wetter hier auch so konkurrenzfähig wäre.

Trotz des intensiven Gebrauchs von Ziegel regt sich Kritik an dem "Mediterranen Design-Disneyland" (Dörting 2008, 73) und der Gestaltung der öffentlichen und teilweise privaten Freiräume allein durch die "Barcelona-Fraktion" (Schröder 2008) als unhanseatisch und nicht ortsspezifisch genug. Für die Landschaftsarchitektin Constanze Petrow besteht in einem Vergleich städtebaulicher Großprojekte in Wasserlagen das Ziel der Gestaltung in der Produktion eines "dichten und eindeutigen Bildes" einer "Freizeitlandschaft und touristischen Atmosphäre mit Solitären", um den Medienhunger nach spektakulären Ikonen zu befriedigen (Petrow ,2011, 10) und das Gesamtprojekt zu legitimieren. Die Freiräume interagieren dabei auf einer weniger spektakulären Ebene mit der Wohn- und Büroarchitektur und komplettieren das räumliche Image von wirtschaftlichem Fortschritt und Macht (ibd.). Dies deckt sich mit den Ergebnissen einer vom Autor durchgeführten ethnografischen Studie zur Freiraumnutzung des Gesamtsystems der öffentlichen Orte in der HafenCity (Bruns-Berentelg et al., 2010).

Freitagabend am Strand gegenüber der HafenCity. Foto: Theresa Thiele, Hamburg

Neue Urbanität und gemeine Benutzung

"Die hochwertige Gestaltung und die Architektur lässt die HafenCity zu einer Stadtlandschaft werden, die als modern, cool und metropolitan wahrgenommen wird und stark durch die Architektur bestimmt wird. Diese macht die HafenCity zu einem beliebten Hintergrund für Foto- und Filmaufnahmen, besonders für Gruppen, die den städtischen Hintergrund für ihre Inszenierung brauchen wie Skater, Parkourartisten und Flaneure."

Dabei stellte sich in Interviews der "Import" des aus Barcelona bekannten Gesamtbildes einer mediterranen Promenade samt Lungomare-Bänken und Forum-Lampen als günstig für die schnelle Aneignung und den Gebrauch dieser Flächen heraus. Die Verwendung eindeutig erkennbarer und bekannter Raumbilder machte es den Landschaftsarchitekten zwar schwer, das Projekt zu akzeptieren, es den Nutzern aber offensichtlich einfach, sich in diesen neuen Räumen zu orientieren und eine gemeinsame Benutzungskultur zu etablieren. Dieser Prozess der "Einübung" der Raumnutzung und des Aushandelns von Nutzungskonkurrenzen wird unterstützt durch eindeutig uneindeutige Zonierung der Oberflächen (Multicodierung) und ein schnell agierendes Raummanagement.

Beispielsweise markieren auf den Hauptachsen Stelcon Platten die Wege, enden aber an Kreuzungspunkten und Verteilern, während die parallel verlaufenden Kleinpflasterstreifen den Wegesrand bilden, aber auch zur Gehfläche werden. Der Weg wird damit zwar vorgeschlagen, jedoch ohne dass der Nutzer sich wie bei einem markierten Radweg etwa darauf berufen kann. Dies nötigt die Passanten, Radfahrer, Angler und Fotografen dazu, die eigentliche Nutzung immer neu auszuhandeln. Durch Gestaltung wie Raummanagement werden die Ansprüche einzelner sozialer Akteure in der Schwebe gehalten und dominante Nutzergruppen zugunsten der Kopräsenz unterschiedlicher Nutzergruppen zurückgedrängt.

Die Einbindung der skatenden Jugendlichen geschieht sicher auch vor dem Hintergrund, dass es kaum eine billigere Maßnahme gibt, urbanes Flair zu erzeugen. Für die Bespielung der öffentlichen Räume, vor allem der großen Plätze durch Märkte, Tangoveranstaltungen, Jazzkonzerte und Kunstfestivals sind andere Anstrengungen nötig. Sie sind aber auch notwendig, um im Sinne einer Anschubfinanzierung die öffentlichen Flächen mit Aktivitäten zu füllen aus denen im Anschluss möglicherweise die angestrebte Öffentlichkeit und neue Urbanität entsteht. Im Duktus der HafenCity Gesellschaft ist die physische Gestalt der Möglichkeitsraum sozialer Besetzung, die erst durch Aneignung und Nutzung realisiert wird. Auch aus diesem Grund kommt dem Nutzungsmanagement eine so hohe Bedeutung zu, die weit über eine bloße "Festivalisierung" als Grundrauschen für die touristische Attraktion hinaus geht und eher im Sinne eines inszenierten Urbanismus (El Khafif, 2009). Vorschläge und Beispiele schaffen will für die angestrebte Besetzung und Herausbildung echter Urbanität in einer Erlebnisgesellschaft.

Zumindest was die Herausbildung einer mit dem Tagesverlauf pulsierenden Aktivität an Kaikanten und Straßenräumen angeht, ist die HafenCity erfolgreich. An guten Tagen bevölkern Tausende von Besuchern die öffentlichen Räume, das Leben beginnt an der Sandtorkaipromenande mit der Rushhour der Arbeitenden und Angestellten, in den Mittagsstunden kehrt eine ruhige Alltagsatmosphäre mit Besorgungen und Nachbarschaftskommunikation vor allem in den Straßen ein und zum Abend hin verlagern sich die Aktivitäten hinaus auf die öffentlichen Plätze entlang der Elbe mit Blick zum Hafen.

Doch Aktivität ist nicht Öffentlichkeit und so wird erst "die kulturelle Besetzung zum Lackmustest ihrer Öffentlichkeit" (Bruns-Berentelg, 2010, 444).

Welche urbanen Orte entstehen nun in der HafenCity?

In einem Symposium fragte sich die HafenCity 2008 zusammen mit hochkarätigen Wissenschaftlern, ob Urbanität planbar ist. Die Frage ist aber, welche Urbanität sich planen lässt! Gerade die bisherigen Erfahrungen der HafenCity zeigen, dass das Entstehen von Urbanität als Einladung sozialer und kultureller Besetzungen, der rechtlichen Ausdehnung öffentlichen Zugänglichkeit und einem qualitätvollen Design, welches durch ein fein granuliertes Nutzungsmanagement organisiert wird, beeinflussbar ist. Das Steuerungsmodell der HafenCity liefert hierfür ein beachtenswertes Beispiel. Wenn die Kulturveranstaltungen aber ein Indikator für die Art der Urbanität sind, dann entwickelt sich in der HafenCity eine Urbanität der besser gestellten Neubürger. Hier finden sich eher sonore Jazzfestivals norddeutscher Radiosender, denn Punkkonzerte und Galerienwochenenden.

Straßenszene am Ende der Kleinen Freiheit/St.Pauli. Foto: Theresa Thiele, Hamburg

Ob eine neue Urbanität entsteht wie sie Berlin, London oder eben Barcelona so anziehend macht, die "vibrancy" der kreativen Hotspots, ist eher fraglich. Dies mag an der Zeit und den schwer zu beeinflussenden Akteuren dieser Szenen liegen. Vielleicht aber auch an der Überplanung, die im Hintergrund stets als Schiedsrichter bereit steht und Konflikte und Vorschläge entscheidet und eher Möglichkeitsräume des noch Vorstellbaren definiert, denn echte Überraschungen zulässt.

Vielleicht ist die HafenCity wirklich nur der Stadtteil für die Bessergestellten - an einem Ort, der gerade die neue urbane Öffentlichkeit á la Berlin sehr gut hätte beherbergen können. Und das in einer Stadt, die kein weiteres Jahrhundertprojekt hat, um alternative urbane Orte zu entwickeln, die intern den Druck auf Szeneviertel wie St.Pauli entlasten oder nach außen eine Sogwirkung auf die jungen Urbanen der Wissensgesellschaft entfalten könnte. Vielleicht ist die HafenCity aber auch nur noch nicht fertig und schafft in den zukünftigen Quartieren wie am Oberhafen noch die Freiräume, die kein anderes Projekt in Hamburg wird entwickeln können: innerstädtisch und offen.



Literatur

BBR (2009): Neue Freiräume für den urbanen Alltag, Bonn

Berding, Ulrich (2010): Stadträume in Spannungsfeldern Plätze, Parks und Promenaden im Schnittbereich öffentlicher und privater Aktivitäten, Detmold: Rohn.

Bruns-Berentelg, Jürgen (2010): "HafenCity Hamburg: Öffentliche Stadträume und das Entstehen von Öffentlichkeit." In HafenCity Hamburg - Neue Urbane Begegnungsorte zwischen Metropole und Nachbarschaft, 424-455, Wien: Springer.

Bruns-Berentelg, Jürgen, Angelus Eisinger, Martin Kohler und Marcus Menzl (2010): HafenCity Hamburg: Neue urbane Begegnungsorte zwischen Metropole und Nachbarschaft, Springer, Wien.

Christiaanse, Kees, and Markus Neppl. (2008): "Zwischen Waterfront und Waiting Land. Die Entwicklung eines Stadtquartiers: Der Masterplan für die HafenCity in Hamburg". In New Urbanity: Die europäische Stadt im 21. Jahrhundert, 73-83, Salzburg.

Dörting, Thorsten (2008): "Zauberformel für die HafenCity." Spiegel Spezial 4, 72-75.

El Khafif, Mona (2009): Inszenierter Urbanismus: Stadtraum für Kunst, Kultur und Konsum im Zeitalter der Erlebnisgesellschaft/Mona El Khafif, Saarbrücken: VDM Verlag, Dr. Müller.

FHH Hamburg (2010): Grünes Netz Hamburg, Hamburg.

Gabanyi, Hans (2009): "Qualitätsoffensive Freiraum. Strategischer Ansatz in räumlichen Leitbildern ,Grünen Metropole' Hamburg." Stadt und Grün/Das Gartenamt 58 (8), 7-10.

Giseke, U., B. G. M. Richard, and P. Platz (2004): "Die Zentrale Stellung der Freiraumplanung bei der sozialen und kulturellen Ausgestaltung der postindustriellen Stadt." Informationen zur Raumentwicklung 11 (12), 669-678.

Grubbauer, Monika (2011): "Architecture and the Creation of Place Specificity in Urban Development Projects. The Case of Hamburg's HafenCity", Amsterdam.

Koch, Michael, and Martin Kohler (2013): Neue Freiräume für Hamburg, Hamburg.

Petrow, Constanze A. (2011): "Hidden Meanings, Obvious Messages: Landscape Architecture as a Reflection of a City's Self-conception and Image Strategy." Journal of Landscape Architecture 6 (1), 6-19.

Schröder, Thies (2008): "Die Barcelona-Fraktion." Db Deutsche Bauzeitung 7, 47-52.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 06/2013 .

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