Frühes Beispiel eines fortschrittlichen Konzepts
Bournville: Gartenstadt und Schokoladenfabrik im Grünen
von: Dipl.-Ing. Gartenbau Anke Bührmann
Viele Städte wuchsen als Folge der industriellen Revolution, die sich ungefähr in den Zeitraum von 1750 bis 1850 einordnen lässt. Sie trug zur Wohnungsnot in Städten wie Manchester und Birmingham bei und führte zu gefährlichen hygienischen und gesundheitlichen Verhältnissen. Beide Städte spielten eine große Rolle in Bezug auf den technischen Fortschritt und gesellschaftliche Veränderungen, die mit der Industrialisierung in England einhergingen.
Die industrielle Revolution brachte für manchen Bürger Wohlstand durch wirtschaftliches Wachstum. Doch für viele Menschen, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben vom Land in die Stadt gezogen waren, führte die Entwicklung zur Verelendung, oft trotz schwerer Arbeit. Die Not der Arbeiter und ihrer Familien in den Städten ließ viele kalt – nicht so jedoch John Cadbury (1801–1889). Er hatte aufgrund seines Glaubens als Quäker ein Menschenbild, das sich von dem vieler Zeitgenossen deutlich unterschied.
Soziales Engagement
Wichtig für Quäker sind unter anderem Aspekte wie Gleichheit, Einfachheit und die große Bedeutung der Menschenwürde. Diese Werte spielten auch für John Cadbury eine wichtige Rolle. Er engagierte sich unter anderem im Gesundheitswesen, in der Entwicklung von Kranken- und Rentenversicherungen und er setzte sich dafür ein, die Ausbeutung von Kindern bei der für sie oft lebensgefährlichen Schornsteinreinigung zu beenden.
John Cadburys Interesse, die Lebensbedingungen, die Alterssicherung und die Gesundheitsverhältnisse für ärmere Menschen zu verbessern, trug dazu bei, dass er und seine Söhne George und Richard einen beeindruckenden Beitrag zur Gartenstadt-Bewegung leisteten: Schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen sie damit, die Idee einer Gartenstadt Realität werden zu lassen.
John Cadbury hatte in seiner Jugend im Einzelhandel gearbeitet. Er konnte dabei speziell im Handel mit Tee viele Erfahrungen sammeln – anfangs in Leeds und dann in London. Als er nach Birmingham zurückkehrte, bekam er etwas Geld von seinem Vater, der im Textilhandel tätig war. John Cadbury nutzte es als Starthilfe und eröffnete im Frühjahr 1824 eine Tee- und Kaffeehandlung in Birmingham. Zwar bot er auch Kakao an, doch dieser spielte anfangs keine besondere Rolle.
John Cadbury war ein überzeugter Quäker, so wie viele aus seiner Familie. Diese christlich geprägte Glaubensgemeinschaft war Mitte des 17. Jahrhunderts in England entstanden, als Antwort auf die Unzufriedenheit mit der etablierten Kirche jener Zeit. Zu Beginn war diese neue Religionsgemeinschaft nicht gerne gesehen: Einer von John Cadburys Vorfahren wurde als Anhänger der Quäkerbewegung sogar inhaftiert.
Erfolgreich mit Schokolade
Das Tee- und Kaffeegeschäft wurde nach einigen Jahren um eine kleine Schokoladenfabrik erweitert, denn dieser Unternehmenszweig entwickelte sich gut: Aufgrund seines strikten Glaubens lehnte John Cadbury den Verkauf von Alkohol völlig ab. Er bot deshalb Kakao als ein alternatives und alkoholfreies Getränk an. Anfangs erzeugte er den Kakao selbst aus Kakaobohnen. Doch die Nachfrage stieg derart, dass er 1831 eine kleine Fabrik eröffnete, in der er Kakao und Trinkschokolade herstellte. 1847 mietete er eine größere Fabrik in Birmingham und konnte mehr Mitarbeiter einstellen.
Im Jahr 1861 erbten die Brüder Richard (1835–1899) und George (1839–1922) Cadbury das Unternehmen von ihrem Vater. Sie hatten vorher schon in der Fabrik gearbeitet. Nun mussten sie mit einem schweren Erbe zurechtkommen, denn der Firma ging es zu der Zeit wirtschaftlich sehr schlecht. Die beiden Brüder arbeiteten oft gemeinsam mit ihren Mitarbeitern in der Fabrik, was wohl auch zu der engen Verbindung zwischen den Firmeninhabern und den Mitarbeitern führte. Und beide lebten recht bescheiden und sparsam.
Um 1866 führten die Brüder ein in England bisher unbekanntes neues Produktionsverfahren ein. Es war von dem Niederländer C.J. van Houten um 1830 entwickelt worden und verbesserte den Geschmack von Trinkschokolade beträchtlich. Auch wenn das Verfahren bald nachgeahmt wurde – die Cadburys hatten einen Vorsprung und sie betrieben exzellentes Marketing. Beides trug entscheidend zum Erfolg des Unternehmens bei.
Das Wachstum war deutlich erkennbar: So hatten die beiden Männer um 1860, als sie die Firma erbten, nur rund 20 Mitarbeiter. Um 1879 war die Mitarbeiterzahl auf mehr als 200 gestiegen. Für die Fabrik wurde deshalb der Platz am bisherigen Standort knapp.


Schokoladenfabrik mit eigener Zugverbindung
Die Firma musste expandieren, doch in der immer noch wachsenden Stadt Birmingham war das kaum möglich. Letztlich entstand eine neue und größere Fabrik südlich von Birmingham, wo 1878 rund sieben Hektar Land gekauft wurden. Auf dem Gelände befand sich ein Bach mit dem Namen Bourn, der zum Namen der neu entstandenen Fabrik und der später entstehenden Siedlung Bournville beigetragen hat. Der zweite Namensbestandteil von Bournville geht zurück auf die damals verbreitete Vorliebe für die französische Kultur.
Innerhalb kürzester Zeit entstand in Bournville im Jahr 1879 eine neue Schokoladenfabrik, sogar mit eigenem Bahnhof und eigener Zugverbindung von Birmingham. Im Laufe der Jahre wurde Land dazugekauft und für die Mitarbeiter wurden Sportplätze und Parks angelegt. Außerdem gab es für sie Weiterbildungs- und Kultureinrichtungen sowie einen Arzt, der von der Firma angestellt war.
Das Wohlergehen der Mitarbeiter war nicht nur aus ethischen Gründen wichtig für die Cadburys. Sie gingen auch davon aus, dass zufriedene Mitarbeiter gute Mitarbeiter sind und diese Zufriedenheit auch für das Unternehmen gut ist. So waren sie überzeugt davon, dass eine "Factory in a garden" allen zugute kam.
Bis zu seinem Tod im Jahr 1889 verfolgte John Cadbury die Entwicklung der Fabrik. Um 1900, als einer der beiden Inhaber starb, wurde die Firma in eine Private Gesellschaft mit beschränkter Haftung umgewandelt, an der mehrere Familienmitglieder Anteile hielten. Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten fast 3000 Menschen in Bournville für Cadbury.
Frühe Planungen
John Cadbury träumte von einer Gartenstadt, in der die Menschen ausreichend Platz zum Wohnen hatten und jeder Familie ein Garten zur Verfügung stand. Außerdem sollte diese Siedlung durch eine freundliche, grüne Umgebung geprägt sein und den Bürgern Bildungs- und Sporteinrichtungen wie Fußball-, Cricket- und Hockeyfelder bieten. Schon um 1849 wurde im Hause Cadbury mit der Idee einer Gartenstadt geliebäugelt. Sie sollte auch als Inspiration für weitere Gartenstädte dienen.
Aufgrund der religiösen Werte von John Cadbury und seinen Söhnen sollte in dieser Musterstadt kein Alkohol oder Tabak verkauft werden. Deshalb würde diese Stadt auch kein Public House haben, in dem Alkohol ausgeschenkt wird. Darüber hinaus war geplant, dass es neben Wohnhäusern auch Schulen, landwirtschaftliche Betriebe und Schrebergarten-ähnliche allotments für den Anbau von eigenem Obst und Gemüse geben sollte.



Pioniere der Gartenstadt-Idee
Um 1896 hatte George Cadbury so viel Land um die Fabrik herum erworben, dass das langersehnte Projekt der Familie Wirklichkeit werden konnte: Schon mit dem Umzug der Fabrik im Jahr 1879 ins Grüne waren Häuser für Führungskräfte gebaut worden. Doch es sollten noch mehr entstehen.
Im Jahr 1898 begann der Bau von 33 Häusern für ältere Menschen, die nur ein geringes Einkommen hatten. Die Gebäude waren zwar einfach, aber mit allem eingerichtet, was die Menschen benötigten. Strom, Heizung und medizinische Versorgung war für ihre Bewohner kostenlos. Zusätzlich befand sich hinter jedem dieser Häuser ein Obstgarten. Die Mieter mussten keine Mitarbeiter der Cadbury-Fabrik sein. Später wurden 38 weitere Häuser errichtet. Die Einnahmen aus ihrer Vermietung dienten auch dazu, die Häuser für die älteren Menschen zu unterhalten.
Der britische Sozialreformer und Stadtplaner Ebenezer Howard hat das Konzept der Gartenstadt intensiver beleuchtet und auch in Worte gefasst: Im Jahr 1898 erschien sein Buch Garden Cities of Tomorrow. Zu der Zeit waren die Cadbury-Brüder schon dabei, die philanthropische Idee aus dem Jahr 1849 umzusetzen. Die treibende Kraft hinter dem Projekt war George Cadbury. 1895 konnten George und Richard fast 50 Hektar Land in der Nähe des Firmensitzes kaufen. Insgesamt hatten sie im Verlauf mehrerer Jahre rund 130 Hektar Land gekauft.
Der Bournville Village Trust
Diese beiden kleinen Siedlungsprojekte waren der Anfang einer Idee, die ebenfalls separat von den Firmeninteressen umgesetzt wurde: George Cadbury finanzierte mit seinem eigenen Geld eine Stiftung, den Bournville Village Trust (BVT). Über Jahre hatte er mitangesehen, wie sich die Lebensbedingungen für viele Menschen in Birmingham verschlechterten und welche negativen Folgen das hatte. Andererseits hatte er erlebt, wie positiv sich die grüne Umgebung der Fabrik auf die Mitarbeiter auswirkte.
Richard und George Cadbury hätten auch mit Firmengeldern ein Dorf für die Fabrikarbeiter bauen können. Doch sie wollten sicherstellen, dass die Siedlung von der Fabrik unabhängig war. Und es war ihnen wichtig, dass Bournville Village allen offenstand und auch Interessierte, die nicht für Cadbury arbeiteten, dort wohnen konnten.
Ungewöhnlich für die damalige Zeit war auch, dass George Cadbury Wert darauflegte, dass Menschen aus verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen Haus an Haus wohnten. So wurden Arbeiter beziehungsweise Working Class-Familien und Mittelschichtfamilien Nachbarn. Doch nicht nur diese damals übliche gesellschaftliche Trennung hob George Cadbury auf. Für ihn spielte es auch eine große Rolle, dass die Bewohner von Bournville in einer sehr grünen Umgebung wohnten.
Er startete den Bau von Bournville Village mit dem Ziel, bezahlbares Wohnen in einer grünen Umgebung zu schaffen. Die Häuser waren vom damals populären Stil der Arts- and Crafts-Bewegung beeinflusst, sie sollten preiswert sein, aber gleichzeitig einen akzeptablen Wohnstandard bieten. Bis zum Jahr 1900 hatte George Cadbury rund 300 Häuser bauen lassen, die im Dezember desselben Jahres in den Besitz der Stiftung übergingen.



Eine grüne Stadt um 1900
Die Keimzelle von Bournville bestand nicht nur aus lebens- und liebenswerten Häusern. Zum Dorf gehörten Parks, Spielplätze und andere Gemeinschaftsanlagen. Die Straßen waren an beiden Seiten mit Bäumen bepflanzt, die Häuser hatten kleine Vorgärten und große Gärten nach hinten heraus. Zwischen den Häusern waren Obstbäume als grüne Grenzen gepflanzt und im Laufe der Zeit entstand auch eine Art Dorfanger. Daneben befanden sich Schulgebäude und ein Gemeindehaus für religiöse Treffen, später gefolgt von einer anglikanischen Kirche und dem sogenannten Rest House.
Ein historisches Herrenhaus aus der Tudorzeit, das Selly Manor, wurde originalgetreu im Dorf wiederaufgebaut und ab 1911 als Bournville School of Arts and Crafts genutzt. Heute ist es ein Museum, das die Geschichte von Bournville vorstellt. Das Rest House im Park wurde lange Zeit als Informationszentrum für Besucher genutzt.
Ein großer Wunsch von George Cadbury war, dass nur ein Viertel des Landes, auf dem die Häuser standen, bebaut wurde. Der andere Teil war für Gärten und öffentliche Flächen vorgesehen. Ein Zehntel des Landes sollte, so sein Wunsch, für Parkanlagen, Freizeitflächen oder andere Freiflächen genutzt werden. Wichtig war ihm auch, dass der Bournville Village Trust unpolitisch war. Außerdem sollten die Gewinne wieder der Stiftung zur Verfügung stehen oder aber genutzt werden, um über die Arbeit des Trusts zu informieren.


Soziale Werte vom Glauben beeinflusst
John Cadbury und seine Söhne legten Wert darauf, dass ihre Mitarbeiter einen angenehmen Arbeitsplatz in einer angenehmen Umgebung hatten. Sie glaubten auch daran, dass zufriedene und gesunde Mitarbeiter gut für den Erfolg eines Unternehmens sind. Darüber hinaus unterstützten sie die Bildung ihrer Mitarbeiter und ermöglichten ihnen am Sonnabend einen deutlich früheren Feierabend als üblich. Eine 5,5-Tage-Woche war damals etwas völlig Neues.
Die beiden Brüder waren sportbegeistert und motivierten ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, ebenfalls sportlich aktiv zu sein. So waren die beiden Unternehmer und auch ihr Vater in vielem ihrer Zeit voraus. In anderen Dingen waren sie durch ihre Zeit geprägt. So waren sie überzeugt davon, dass Frauen nach ihrer Heirat nicht mehr in der Fabrik arbeiten sollten, um sich stattdessen um ihr Zuhause und ihre Familie zu kümmern.
John Cadbury und seine Söhne hatten schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Gespür für die Bedeutung von Gärten, Straßen- und Obstbäumen und einer grünen Stadt und sie setzten diese Idee mit viel Erfolg um. Trotzdem ist die theoretische Arbeit von Ebenezer Howard bekannter als die Entstehung von Bournville.
George Cadbury hatte die Entwicklung und Betreuung der Bournville-Siedlung in die Hände des Bournville Village Trusts gelegt. Durch diese Stiftung war sie unabhängig von der Fabrik und den jeweiligen Besitzern. Dies war eine gute Entscheidung, denn damit war Bournvilles Existenz auch nach der Jahrtausendwende von der Entwicklung der Fabrik abgekoppelt.
Das Unternehmen war zwar über einhundert Jahre in Familienbesitz und die Firmenethik war von den Idealen der Quäker bestimmt. Doch die Besitzverhältnisse änderten sich 2010, als die Firma von Kraft Foods übernommen wurde.
John Cadbury und seine Söhne waren Pioniere in mehrfacher Hinsicht: Verantwortung für die Mitarbeiter, positive gesellschaftliche Veränderungen und innovative Produkte kennzeichneten ihren Lebensweg.
Der Name Cadbury hat auch heute noch einen guten Klang, selbst wenn die Firma nach mehreren Fusionen und einer Übernahme nicht mehr in Familienbesitz ist. Mit Bournville und dem Bournville Village Trust haben sie ein lebendiges Erbe geschaffen, das in ihrem Sinne weiterentwickelt wird und auch Inspirationen für die Herausforderungen der heutigen Zeit bietet.
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