Hybride Modelle für Kleingärten als Teil der Stadt

Gärten für die Gemeinschaft gestalten

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Im Kleingartenverein Am Ebenberg wurden die Gartentypen diversifiziert. Quartierspark Landau 2015. A24 Landschaft. Foto: Hanns Joosten

Kleingärten stehen still. Während sich die Stadtgesellschaft verändert und diversifiziert, steht eine kleingärtnerische Reaktion darauf noch aus. Gleichzeitig steigt die Attraktivität der Kleingärten parallel mit dem aktuellen großstädtischen Wachstum, der Wohnungsnot und der Inanspruchnahme des öffentlichen Raums. Angesichts der umkämpften Ressource Boden müssen Kleingärten ihre Bedeutung nicht nur für die Nutzerinnen und Nutzer, sondern auch für die Anwohnerinnen und Anwohner beweisen. Wir brauchen deshalb neue Ideen und Konzepte, wie Kleingärten zum Nutzen der gesamten städtischen Gesellschaft in die Zukunft transportiert werden können. Dabei reicht es nicht, auf ihren ökologischen Wert im gebauten Milieu hinzuweisen, wir müssen auch ihre soziale und urbane Funktion überdenken und breiter geltend machen.

Refugium/Gemeinschaftsraum

Was sind Kleingärten? Welche Rolle können Kleingärten in der Gesellschaft einnehmen? Wie können wir klassische Kleingärten in die neue Zeit bringen und mit neuen Trends der Stadtgesellschaft verbinden?

In seiner Darstellung des Kleingarten-Partizipationsprojekts vom britischen Künstler Jeremy Deller (Skulptur Projekte Münster 2007-2017) beschreibt Andreas Prinzing den Funktionswandel, den Kleingärten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfuhren, sowie das Dilemma, in dem sie sich heute befinden: "Ursprünglich häufig als Nutzgärten für die Selbstversorgung von Arbeiter- und Kleinbürgermilieus angelegt und vor allem in Krisenzeiten arbeitsintensiv bewirtschaftet, verbinden sich mit ihnen heute primär Freizeit, Erholung und Naturerfahrung. Als Schnittstelle von privatem Refugium und öffentlich einsehbarem, gemeinschaftlich verwaltetem Raum vereinen sie zahlreiche Widersprüche: Einerseits dienen sie der Entspannung und dem Rückzug, andererseits fördern sie Produktivität und soziales Miteinander." Diese veränderte und ambivalente Funktion der Kleingärten fordert eine Neudefinition ihrer Rolle, um den Mehrwert für die Stadt erklären und erweitern zu können.

Erschließung. Wiesen- und Kleingartenpark Lahnaue Gießen 2014. Foto: Hanns Joosten, A24 Landschaft

Grüner Korridor. Wiesen- und Kleingartenpark Lahnaue Gießen 2014. Foto: Hanns Joosten, A24 Landschaft.

In Deutschland gibt es fast eine Million Kleingärten. In Berlin nehmen sie rund drei Prozent der gesamten Stadtfläche ein. Aber obwohl sie ein wichtiger Teil der städtischen Grünversorgung sind, wurden sie im Diskurs um Grünflächen bislang wenig wahrgenommen. Somit ist es positiv zu sehen, wie das "Weißbuch Stadtgrün" des Bundesministeriums von 2017 die Bedeutung von Kleingärten herausstellt und grüner Stadtentwicklung entsprechend eine bessere Einbindung der Kleingärten in Grünstrategien fordert.

Öffentlichkeit

Wenngleich eine andere, facettenreiche Bottom-Up-Gartenkultur aus Urban Farming, Guerilla Gardening und Gemeinschaftsgärten in den Großstädten blüht, findet diese keinen Eingang in der Kleingartenwelt. Das Image der traditionellen Kleingärten bleibt noch verstaubt und verschlossen. Viele der klassischen, historischen, in einer Mangelzeit entstandenen Kleingartenanlagen sind hermetisch abgeriegelt. Wie Festungen grenzen sie sich durch Tore, Zäune, Hecken und Schilder deutlich von der umgebenden Stadt ab, keine Wege führen hindurch. Beim Gast entsteht eher das Gefühl, einen privaten Raum zu betreten. Zentral zur Weiterentwicklung bestehender und Konzeption neuer Kleingartenanlagen ist deshalb die Frage der Öffentlichkeit. Dies betrifft einerseits die Gestaltung, anderseits die gärtnerischen Angebote.

Will man den räumlich-gestalterischen ausgrenzenden Charakter ändern und die Anlagen zum Nutzen für die veränderte Stadtgesellschaft öffnen, ist zu analysieren, wie die Grenzen in diesen Räumen funktionieren. Wo sind öffentliche und private Bereiche? Wie sind die Grenzen zwischen den Bereichen ausgebildet? Aus Abschottung kann Einladung werden. Vorhandene und neue Kleingärten sollten in Parkanlagen und letztlich in der Stadt integriert werden.

Bezüglich gärtnerischer Angebote bleibt festzustellen, dass die Kleingärten noch viel von der aktuellen Bewegung der urbanen Gärten lernen könnten. Statt an Abgeschiedenheit und Privatheit interessiert wie die Kleingärtner, stehen unter den Gemeinschaftsgärtnern eher soziale Interaktion, Integration und das Teilen von Ressourcen und Wissen im Vordergrund. Die Community-Gärten bieten offenere, flexiblere Modelle auch für kurzfristiges Engagement an, die mehr Zielgruppen ansprechen. Dynamische Parzellen für Gartenbauexperimente oder Veranstaltungen wie Workshops und Feste könnten Kleingärten für eine breitere Öffentlichkeit attraktiv und zugänglich machen.

Lahnaue Gießen: Vom Kleingarten zum Kleingartenpark

Der Wiesen- und Kleingartenpark an der zentrumsnahen Lahnaue in Gießen verwandelt eine introvertierte Kleingartenanlage zum betretbaren Park durch eine Strategie, die Perforation mit öffentlichen Aufenthaltsräumen kombiniert. Der Park entstand als erste Maßnahme aus dem 2011 verabschiedeten "Rahmenplan Lahnaue". Ziel der Rahmenplanung war eine durchgängige Erlebbarkeit und Zugänglichkeit der Lahnufer. Die Teilbereiche "Zu den Mühlen" und "Freianlagen Nordstadtbrücke" konnten als Auftakt des Wiesen- und Kleingartenparks 2014 im Rahmen der Landesgartenschau Gießen realisiert werden.

Zugang zum Ufer. Wiesen- und Kleingartenpark Lahnaue Gießen 2014. Foto: Hanns Joosten, A24 Landschaft

Beteiligung. Bauworkshop Auftaktfest Mitmach-Park Weinstadt 2017. Foto: A24 Landschaft

Das durch private Kleingartennutzungen unzugängliche Lahnufer wurde durch die Verlagerung der Lauben zwischen derzeitigem Uferweg und Lahn in kurzen Abschnitten zugänglich gemacht. Entlang des Deiches blieb die Laubennutzung erhalten, breite Zuwege quer zum Gewässer verbesserten die Anbindung der Stadt zum Fluss. An die Stelle der Kleingärten rückte ein nutzungsoffener Wiesenbereich mit vereinzelten Gehölzgruppen und Obstgehölzen aus der Kleingartenzeit, ergänzt durch alte, regionale Sorten, zugänglich für öffentliche Ernte.

Heute perforiert ein grüner Korridor die Kleingartenanlage. Eine neue Fußgänger- und Radbrücke mit flankierenden Freianlagen und kleinen, öffentlichen Plätzen macht den nördlichen Bereich der Lahnaue erfahrbar und gliedert die Kleingärten in das öffentliche Freiflächensystem ein. Aufenthaltsräume mit Sitzmöglichkeiten, Steg und Stufen zum Wasser verbinden die Kleingärten mit dem Wasser und machen beide für die Öffentlichkeit zugänglich. Mit den gezielten Eingriffen wurden die bestehenden Kleingärten mit ihren bunten Strukturen in eine neue öffentliche Parkanlage integriert. Durch raumbildende Gestaltung und Erholungsangebote öffnet sich die Anlage für alle. Eine Mischung aus Park und Kleingärten ist entstanden. Die weitere Umsetzung des Wiesen- und Kleingartenparks, insbesondere des durchgängigen Uferweges, ist ein langfristiger Prozess, der erst schrittweise erfolgt, wenn die Flächen verfügbar werden.

Mitmach-Park Weinstadt: Auflösung der Parzelle und neue Nutzungsformen

Im Mitmach-Park Weinstadt wird der klassische Kleingarten aufgelöst und in eine Vielfalt von unterschiedlichen Gartentypologien transformiert. Die neue Parklandschaft integriert bestehende landwirtschaftliche und gärtnerische Nutzungen ins Parkkonzept und baut darauf eine produktive Parklandschaft auf. Auf verschiedenen Flächen werden unterschiedlichste Gartenthemen bearbeitet, die in ihrer Summe einen neuartigen, öffentlichen Park für Teilhabe, Interaktion und Integration ergeben.

Bereits vorhandene kleine, private Nutzgärten werden im Mitmach-Park eingegliedert. Die Nutzgärten werden vor allem als Selbstversorgungsflächen von einkommensschwachen Gruppen genutzt. Auf öffentlichen Streuobstwiesen darf geerntet werden, während auf artenreichen, extensiven Wiesen gepicknickt und gegrillt werden kann. Geplant ist, dass die Wiesen durch Vereine und Baumpatenschaften gepflegt werden. Der Naschgarten ist eine städtische Freifläche, die durch Kooperationen mit lokalen Institutionen, Einzelpersonen und Landwirten zu einem Bildungsraum wird. Personen jeden Alters sind eingeladen, selbst definierte Themen zu setzen. "Von der Saat bis zur Ernte" sollen Kinder die Entwicklungsphasen über ein Jahr mitverfolgen und die notwendigen Arbeitsschritte kennenlernen.

Beteiligung. Baumpflanzungs-Aktion Mitmach-Park Weinstadt 2017. Foto: Christoph Püschner

Lageplan Mitmach-Park Weinstadt. Abbildung: A24 Landschaft

Über Kooperationen mit Kitas und Schulen sollen Kinder und Jugendliche im gesamten Park mit Themen der Umweltbildung vertraut werden. Im Gemeinschaftsgarten wird über das gemeinsame Gärtnern - Säen, Bewirtschaften, Ernten, Kochen, Feiern - der aktive Austausch gefördert. Schwerpunkte des Gemeinschaftsgartens sind Kooperationen, interkultureller Dialog und ökologische Bewirtschaftung. Quer durch den Park verteilen sich Flächen für urbane Landwirtschaft mit beispielsweise Erdbeeren und Mais. Die urbane Landwirtschaft bietet Kooperationen zwischen Landwirt und Zivilgesellschaft an, wo alle Zeit investieren, Verantwortung übernehmen und von den Ressourcen der anderen profitieren. Kleine Selbst-Ernte-Felder können April bis Oktober vom Landwirt gemietet werden. Die Selbst-Ernte-Felder werden in Kooperation mit der GbR meine ernte, die Rezepte und weitere Anregungen beisteuern, betreut.

Die in der Nachkriegszeit entstandene Kleingarten-Parzellenstruktur wird im Mitmach-Park aufgebrochen und in eine Vielzahl von Parzellengrößen und gärtnerischen Angeboten herauskristallisiert. Eine wichtige Rahmenbedingung des Vorhabens ist, dass nicht alle Flächen im Projektgebiet sich in öffentlicher Hand befinden. Einige strategisch wichtige Parzellen wurden in den letzten Jahren aufgekauft, andere bleiben weiterhin privaten Eigentümern vorbehalten. Aus dieser Voraussetzung wächst das heterogene Konzept. Ziel der Hybridisierung der Gartentypologien ist ein zeitgenössisches Gärtnerangebot für Städter, das deutlich das Nutzerspektrum erweitert bei gleichzeitigem Erhalt und behutsamer Einbindung dessen, was schon vor Ort ist.

Neue Kleingartentypologien

Um das Potenzial der Kleingärten als Teil des urbanen Freiraums zu realisieren, müssen die Flächen stärker für alle geöffnet und soziale und ökologische Angebote ermöglicht werden. Dies ist sowohl eine gestalterische als auch programmatische Aufgabe. Kleingärten können durch eine Kombination von Erschließung, Gemeinschaftsflächen und Diversifizierung der Gartentypen in den öffentlichen Raum und das Wegenetz integriert werden. Erstens gehört zur besseren Erschließung die Anbindung an das öffentliche Straßennetz ohne Barrieren. Zweitens umfasst die Vergrößerung der Anteile der Gemeinschaftsflächen das Anlegen von öffentlichen Orten mit Aufenthaltsmöglichkeiten zum Beispiel durch Wiesen, Sitzgelegenheiten oder Spielplätze. Und drittens berührt die Diversifizierung der Gartentypen sowohl die Erweiterung der Parzellen mit gemeinsam genutzten Beeten oder Feldern unterschiedlicher Größe als auch das niederschwellige Angebot gemeinschaftlicher, temporärer Gärtner-Aktivitäten beispielsweise im Rahmen von Kooperationen mit Umweltverbänden oder Schulen.

Bestehende landwirtschaftliche Nutzungen. Mitmach-Park Weinstadt 2017. Foto: Christoph Püschner

Bestehende kleingärtnerische Nutzungen. Mitmach-Park Weinstadt 2017. Foto: A24 Landschaft

Ein sozio-urbanes Thema: Jeremy Deller macht mit durch den Kleingärten-Nutzern geführten Tagebücher das kreative Potenzial der Kleingärtenkultur sichtbar. Skulptur Projekte Münster 2017. Foto: Henning Rogge

Die Stärkung der räumlichen Verknüpfung mit dem Stadtraum fordert eine differenzierte, landschaftsarchitektonische Betrachtung bestehender Kleingartenanlagen. Die Gestaltung und Hierarchisierung des Gesamtraumes soll dabei betrachtet werden: Eingangssituationen, Wegenetz, Gliederung der öffentlichen, halböffentlichen, halbprivaten und privaten Flächen. Innerhalb der typologischen Vielfalt von unterschiedlichen Parzellenformen und Gärtnerangeboten kann ein zusammenhängendes Netz aus Wegen und Plätzen Einheitlichkeit und damit Orientierung leisten. So können im Umgang mit dem Bestand neue, zeitgemäße Typologien entstehen.

Kleingärten als Gemeingut für die Gesamtstadt

Jeremy Deller ließ in seinem Langzeitprojekt für die Skulptur Projekte Münster 50 Kleingärtenvereine zehn Jahre Tagebuch führen und präsentierte das genauso konventionelle wie kuriose Resultat eben dort - im Münsteraner Kleingarten. So fungierte seine Arbeit als Türöffner zu einer Alltagskultur, die in ihrer sozialen, ökologischen und ästhetischen Funktion das Stadtleben mitprägt. Genau diese Prägung von Kleingärten als lebendiger Teil und Gemeingut der Gesamtstadt könnte aber viel maßgeblicher werden.

Nicht nur als Stadtnatur, grüne Lunge, Freizeitbeschäftigung und Erholungsraum für die wenigen, sondern auch als Teil der grünen Infrastruktur und Orte der Begegnung für alle können Kleingärten eine sozial inklusive und urban rekreative Rolle für die Gesellschaft spielen. Durch die Weiterentwicklung und Diversifizierung der Kleingärten kann ein wichtiges, effizientes und kostengünstiges Instrument der Stadtentwicklung entstehen zur Schaffung von lebenswerteren Städten.

Projektdaten

Lahnaue Gießen
Wiesen- und Kleingartenpark als Teil der Park- und Landschaftsgestaltung im Rahmen der Landesgartenschau Gießen 2014
Landschaftsarchitekten: A24 Landschaft
Bearbeitungszeitraum: 2010-2014
Größe: 2,3 ha
Bausumme: 3 Mio. Euro
Bauherr: Stadt Gießen
1. Preis Wettbewerb 2010

Mitmach-Park Weinstadt
Planung Gärten, Park und Beteiligungsverfahren
Landschaftsarchitekten: A24 Landschaft
Bearbeitungszeitraum: 2015-2021
Bauherr: Stadt Weinstadt
Bausumme/Fördersumme: 5 Mio. Euro
Fläche: 10 ha
Verfahren: Planungskonkurrenz zur interkommunalen Remstal Gartenschau 2019

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 11/2018 .

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