Gärten und Schloss Corbelin im Burgund zu neuem Leben erwacht
Der Renaissance auf der Spur
von: Dipl.-Ing.(FH) Thomas Herrgen
Unser französisches Nachbarland ist reich an (technischen, ästhetischen, stilvollen) Bauwerken, Schlössern, Burgen und den zugehörigen Parks und Gärten – rund 46 700 bekannte Objekte insgesamt und 15 100 klassifizierte zählt das Nationalregister derzeit (Stand: 7.7.25) – deren Zahl im Burgund besonders hoch ist. Doch viele sind alt, marode und verfallen, weil es an Unterstützung und finanziellen Mitteln fehlt.
Umso erfreulicher ist es, wenn sich ein privater Investor eines Objekts annimmt, es restauriert und zumindest die Freiräume für die Öffentlichkeit zugänglich macht, wie beim Château Corbelin. Es liegt auf der Luftlinie Paris-Lyon fast genau in der Mitte. Seine Gärten gehören seit 2015 zum renommierten Kreis der "Jardins Remarquables de France" (Bemerkenswerte Gärten Frankreichs), wo die denkmalpflegerischen Glanzstücke der Nation im Bereich Grün aufgelistet sind.
Arbeiten seit fast 40 Jahren
Das heute als "Schloss" bezeichnete Bauwerk, ursprünglich eine Burg mit vier Wehrtürmen, wurde ab 1986 über rund drei Jahrzehnte hinweg restauriert, die Arbeiten dauern aber bis in die Gegenwart hinein an, denn ein Denkmalobjekt ist praktisch "nie fertig". Die (Wieder-)Herstellung des zugehörigen Gartens bildete – und das war in diesem Fall das Besondere – den Anfang des Projekts. Es konnte jedoch keine klassische Rekonstruktion sein, da seine Existenz nicht historisch belegt war und so entschied man sich im Einklang mit der Denkmalpflege für eine "Nachempfindung".
Hinzu kommen ein Obstgarten (Jardin Potager) auf einer künstlichen Insel und die direkten Außenanlagen hinter dem Schloss (privat) und vor den landwirtschaftlichen Gebäuden mit Rasenflächen und geschnittenen Grünelementen. So zeigt sich der Garten heute, wie er mutmaßlich einmal ausgesehen haben könnte. Corbelin ist in Privatbesitz und der Garten (das Schloss nicht, es ist privat) konnte in den Sommermonaten gegen Eintritt besichtigt werden. Nach einem Besitzerwechsel im Oktober 2022 gibt es nun gegebenenfalls neue Regelungen.
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Glocke läuten – Bienvenue!
Besucherinnen und Besucher machen sich vor der Brücke zum Schlossgelände mit einer eigens installierten Glocke bemerkbar und werden dann in Empfang genommen. Wenn die burgundische Sommerhitze zu intensiv ist (2025 mehr als 40°!), sollte man unbedingt ausreichend Wasser dabei haben, oder vor Ort kaufen. Ein Besuch mit genügend Zeit für alle Bereiche dauert etwa eineinhalb Stunden.
Die frühere Schlossherrin berichtete mit größter Begeisterung davon, wie der Garten entstand. Sie und ihr Mann haben fast drei Jahrzehnte die Arbeiten am Schloss und seinem Umfeld begleitet und betrachteten es als ihr Lebenswerk. Doch es gebe immer wieder Neues zu tun und bereits Repariertes erneut zu renovieren. Ein Projekt dieser Art kann nie als "fertig" gelten, benötigt immer wieder Aufmerksamkeit, Zeit und Hilfe, so entschlossen sie sich, Corbelin im Oktober 2022 zu verkaufen.


Historie über acht Jahrhunderte
Im französischen Burgund soll es aufgrund der politisch wechselvollen Geschichte mit verschiedenen Fürstentümern, Grafschaften, Herzogtümern und den regierenden Adelsfamilien etwa 400 bis 700 Burgen, Schlösser und Festungen geben. Genaue Zählungen oder Inventarlisten dazu gibt es nicht, zumal sich viele von ihnen in einem schlechten Zustand befinden oder sogar als "herrenlos" verfallen. Bei der Restaurierung von Schloss Corbelin kamen damals mehrere Glücksfälle zusammen, die das Anwesen zu dem Prunkstück machten, das es heute ist: Die Dokumentation des Gebäudes mit Plänen, Fotografien etc., der Denkmalstatus seit 1940 und nicht zuletzt die (finanziellen) Möglichkeiten der Käufer.
Corbelin wurde seit dem 12. Jahrhundert in Etappen errichtet. Es ging im Kern aus einer Bretèche (befestigtes Holzhaus) und anderen Nebengebäuden hervor, die immer weiter ausgebaut wurden. Im 14. Jahrhundert kamen die vier Ecktürme hinzu, das zweistöckige Corps de logis (Hauptgebäude mit dem Wohntrakt) zwischen zwei Türmen folgte im 16. Jahrhundert. Mit den errichteten Nutzgebäuden, Stallungen und landwirtschaftlichen Nebengebäuden, die noch im 18. und 19. Jahrhundert ergänzt wurden, erhielt der gesamte Schlosskomplex seine heutige Form und Ausdehnung. Zu ihm gehören auch Felder, Äcker, Wald- und Wasserflächen, sowie eine eigene Kapelle, die sich auf der anderen Straßenseite schräg gegenüber befindet.
1996 übernahmen die vorletzten privaten Schlossbesitzer (bis 2022) das in Teilen schon renovierte, unter Denkmalschutz stehende Anwesen und restaurierten beziehungsweise rekonstruierten es rund 25 Jahre lang mit der Firma Asselin und dem Denkmalarchitekten Arnaud de Pémille bis in die Gegenwart hinein. Im Oktober 2022 wechselten dann die Besitzer. Corbelin wird jetzt von einer Gesellschaft verwaltet und soll künftig wohl hauptsächlich als Tagungshaus (das stand zuletzt noch nicht genau fest) genutzt werden. Der erdfarbene Bau liegt wie ein Märchenschloss in einem kleinen Seitental des Flusses Le Sausay, der durch die Hauptgemeinde La Chapelle-Saint-André fließt.
Klar abgegrenzte Gartenbereiche
Die Grün- und Freiräume gliedern sich im Wesentlichen in vier Teilbereiche. Neben dem direkten Umfeld des Schlosses geprägt von Mauern, Türmen, dem Hof mit knisterndem Kies und einem privaten Garten der Schlossbesitzer auf der Rückseite ist es die einfache Grünanlage vor und an den landwirtschaftlichen Gebäuden mit Rasenflächen und geometrisch geschnittenen Eibenfiguren (Topiaries), die eine seitliche Führung und gestalterische Aufwertung bedeuten. Nach einem Niveausprung, der von einer alten Mauer abgefangen wird, liegt der neue "Renaissance-Garten" in Verlängerung der Schlossmittelachse, etwa zehn Stufen tiefer. In einer Seitenachse dazu folgt der von kleinen Wasserkanälen umgebene Küchengarten (jardin potager).
Corbelin besitzt bis heute Wasserrechte am tangierenden gleichnamigen Bach (Ruisseau Corbelin), auf dem früher Holz und Baumstämme geflößt wurden. Noch heute speist das kleine, aus den benachbarten Wäldern kommende Gewässer den Schlossteich, die "Grachten" und einzelne Fontänen. In Corbelin gab es bis ins 19. Jahrhundert hinein Stahlindustrie. Mit dem Holz wurden Hochöfen befeuert, einen davon gibt es bis heute noch. Die Landwirtschaft auf den umliegenden Besitzungen ist ein noch immer lebendiger Teil der Schlossgeschichte und trägt zum Einkommen und zur Erhaltung des Schlosses bei.


Die Renaissance als Ansatz
Ob Corbelin tatsächlich je einen Garten hatte, ist nicht genau dokumentiert. Es existierte nichts Originales, auch keine historischen Pläne, schriftlichen Aufzeichnungen oder Fotografien von ihm. Und die Fläche, wo der Garten zu vermuten war, lag völlig verwildert und zugewachsen in einer Senke.
Die früheren Schlossbesitzer ließen den Bereich roden und freilegen, fanden aber nur noch einige Einfassungssteine eines sehr alten Wasserbeckens. Ob dieses tatsächlich den Mittelpunkt eines formalen Gartens darstellte blieb jedoch, auch nach Recherchen des Denkmalpflegers in Paris, offen. Ungeachtet dessen bestand aber der Wunsch und die Absicht, einen Garten passend zum Schloss anzulegen.
Aus ersten Ideen wurde ein konkretes Konzept, das eine "Nachempfindung" eines Renaissance-Gartens zeichnerisch beschrieb. Nach der Zustimmung durch die Denkmalpflegebehörde – das Schloss steht seit 1940 auf der nationalen Liste der "Monuments historiques" – begannen die Garten- und Landschaftsbauarbeiten durch beauftragte Firmen, teilweise auch in Eigenleistung.
Der formale, streng geometrische und symmetrische Heckengarten besteht aus geschnittenen Hainbuchen (Carpinus betulus) und Eiben (Taxus baccata) mit Wegen, Gängen und Kabinetten. Das bei den Ausgrabungen gefundene quadratische Wasserbecken wurde optisch und technisch revitalisiert. Es bildet zusammen mit seiner pflanzlichen Umgebung, unter anderem weiße Hochstammrosen, Staudenbeete und Rasenstücke, das Zentrum dieses Gartenteils. Von hier aus ergeben sich sehr schöne, von Hecken gerahmte Ausblicke zum Schloss.

"Paradies" auf der Insel
Seitlich davon entstand ein komplett von Wasserkanälen umrahmter rechteckiger Küchengarten (jardin potager) neu. Er ist daher wie eine Insel nur über Holzbrücken zu erreichen. Auf dem Eiland stehen hauptsächlich Obstbäume, Äpfel, Birnen, Quitten, auch Zwetschgen, Pflaumen, Mirabellen, Aprikosen und anderes Obst, geradezu "paradiesische" Zustände. Vor der nördlichen Schlossmauer sind zehn quadratische Gemüse- und Blumenbeete unter anderem mit Tomaten, Kohl, Sommerdahlien und Mohn angelegt, die mit einem Gewächshaus abschließen. Dieser dekorative Gemüsegarten setzt sich östlich der Insel fort und geht mit einer zentralen Blickachse fast grenzenlos in die Landschaft über.
Zum wertvollen Pflanzenbestand der Gärten Corbelins gehört neben Hainbuchen (Hecken), Eiben (Topiaries) und Buchsbaum (Einfassungen) eine Sammlung von 700 alten Rosensorten (André Eve), Hortensien (Hydrangea macrophylla, H. paniculata in Sorten) und Funkien (u. a. Hosta sieboldiana und weitere), hinzu kommen tausende Stauden und Zwiebeln, die die verschiedenen Blumengärten und -beete füllen. Alle Pflanzen wurden für das doch ziemlich kontinentale Klima im Burgund ausgewählt, das im Winter sehr kalt und im Sommer heiß ist, bei feuchter Umgebung durch das allgegenwärtige Wasser (Flüsschen, Teiche, Kanäle).
Corbelin gewann 2015 den "Prix Bonpland" im Bereich Garten der "Société Nationale d'Horticulture de France". Des Weiteren nahm das Schloss an der "Grand Trophy for Historic Monuments" teil und war unter den vier Finalisten. Ein romantischer Spaziergang rund um den Wildwasserteich und entlang des Flusses ermöglicht es, auch die schönen Bereiche außerhalb der Schlossmauern zu erkunden und die Blicke auf das markante Bauwerk mit den vier Türmen und seinen Gärten zu genießen. Corbelin kann mit seiner märchenhaften Kulisse und dem fein ausgetüftelten Garten heute als herausragendes Beispiel der französischen und europäischen Denkmalpflege gelten.









