Symposium TU Berlin

Garten als Vehikel

Taichung Central Park in Taichung (Taiwan; das Projekt wird 2020 fertiggestellt), von Mosbach Paysagistes (Projektleitung), Philippe Rahm Architectes und Ricky Liu & Associates Architects + Planners. Bildrechte: Victor Chohao Wu

Am 28. und 29. November 2019 fand an der TU Berlin das Symposium "Spuren des Gartens in zeitgenössischer französischer und deutscher Landschaftsarchitektur" statt, veranstaltet von der Französischen Botschaft in Deutschland und dem Fachgebiet Landschaftsarchitektur Entwerfen der TU Berlin.¹

Jürgen Weidinger, Leiter des Fachgebiets, beschrieb in seiner Einführung die Ziele des Symposiums: Verständnisse vom Garten artikulieren, Elemente des Gartens in zeitgenössischen Landschaftsarchitekturprojekten suchen. Diesen Themen sollte in einer ländervergleichenden Perspektive zwischen Frankreich und Deutschland nachgegangen werden, um den Diskurs über Landschaftsarchitektur zwischen diesen beiden Ländern zu befördern. Beteiligt haben sich elf Referierende aus der Landschaftsarchitektur, Kunstgeschichte und Kulturvermittlung. Ich beschränke mich hier auf die Interpretation von drei Garten-Verständnissen, auch wenn diese von den Referierenden nicht immer ausdrücklich zum Thema gemacht und auf Begriffe gebracht wurden.

Garten als Denkmodell

Für Thilo Folkerts, Inhaber des Berliner Büros 100Landschaftsarchitektur, ist der Garten ein Denkmodell für das Nachdenken und Entwerfen von Freiräumen allgemein. So verstehe er Freiräume nicht als fertige Produkte, sondern als sich entwickelnde Orte. Konkret äußert sich dieses Denken etwa darin, dass Folkerts selbst handwerklich in die Freiraumentwicklung eingreift und sie der Bauherrenschaft vor Ort vermittelt. Auf andere Weise spielt das Handwerkliche auch bei Christophe Girot, Inhaber des Lehrstuhls Landschaftsarchitektur an der ETH Zürich, eine Rolle. In seinem Vortrag spricht er über seinen Privatgarten in Frankreich, in dem Euphorbien ihren eigenen Weg suchen und der flachgründige Boden den Pflanzenstandort vorgibt. Seine Gartenerfahrungen haben ihm die Relevanz des Terrains - also des spezifischen Ortes - für dessen Gestaltung verdeutlicht. Für Gilbert Fillinger ist der Garten ein Denkmodell, um Stadt und Land zu entwickeln. Fillinger ist Verantwortlicher von Arts & Jardins - einem Programm, das Künstlerinnen und Künstler zum Beispiel in der französischen Stadt Amiens die Möglichkeit bietet, unter freiem Himmel Kunstwerke zu realisieren, die ausdrücklich Bezug auf den Ort nehmen.

Retentionsbecken und zugleich Fußballfeld in der französischen Stadt Le Mée-sur-Seine (im Jahr 2016 fertiggestellt), von Agence Laure Planchais Paysagiste. Foto: Agence Laure Planchais Paysagiste

Garten als Prinzip von Rahmen und Inhalt

Das Prinzip von Rahmen und Inhalt ist ein Allgemeinplatz. Im Fall des Gartens scheint es aber dennoch aussagekräftig zu sein. Schließlich verbinden viele Menschen mit dem Garten immer noch einen mehr oder weniger eingefassten Ort. Das Prinzip kann gut in den Arbeiten von Claire Trapenard, Inhaberin des Landschaftsarchitekturbüros D'ici là mit Standorten in Paris und Nantes, herausgelesen werden, zum Beispiel in dem Parc du temps des cerises in Saint-Denis (2016 fertiggestellt) oder dem Jardin argente in Paris (2017 fertiggestellt).

Das gilt etwa auch für ein Retentionsbecken, das zugleich Fußfballfeld ist, in der französischen Gemeinde Le Mée-sur-Seine (2016 fertiggestellt, siehe Abb. oben rechts), der von der Pariser Landschaftsarchitektin Laure Planchais gestaltet wurde. Diese Orte besitzen einen dominanten baulichen Rahmen etwa in Form von Wegen und Treppen, die Flächen umreißen, in denen sich Temporäres wie Urban-Gardening-Projekte entwickeln oder Pflanzen mehr oder weniger wild wachsen können - ausgeprägter, als es mir im Vergleich zu Deutschland erscheint. Karin Helms, außerordentliche Professorin an der Ecole Nationale Supérieure de Paysage de Versailles, beschäftigt sich ebenfalls mit Rahmenbildungen, und zwar in Form der Neuformulierung von Heckenkörpern in der Normandie, die dort vor starkem Wind schützen.

Garten als immersives Phänomen

Bei den Arbeiten der französischen Landschaftsarchitektin Catherine Mosebach spielt dieses Rahmen-Inhalt-Prinzip keine Rolle. Sie zeigte Projekte, in denen Bauliches und Gewachsenes in einer sehr eigenständigen Formenwahl ineinanderfließen (siehe Abb. oben links). Dieses Ineinanderfließen hat mit baulichen Mitteln seine Grenzen. Das gilt nicht in gleicher Intensität für die Lichtinstallation, die Judith Elisabeth Weiss, Kunsthistorikerin und Ethnologin am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin, an einigen Werken der Bildenden Kunst vorstellt. Diese interessiere sich für den Garten nicht nur aufgrund seines symbolischen Gehaltes, sondern auch aufgrund seiner räumlichen Erscheinung, die der Mensch nicht nur betrachten, sondern mit dem ganzen Körper wahrnehmen kann:

Bambusgarten auf The 10th China (Wuhan) International Garden Expo (China; das Projekt wurde im Jahr 2015 fertiggestellt), von Agence Ter. Bildrechte: Agence Ter

Der Garten als immersives Phänomen. An diesem Thema ist auch Henri Bava, Leiter des Fachgebiets Landschaftsarchitektur am Karlsruher Institut für Technologie und Mitinhaber der international tätigten Agence Ter, interessiert. Seine Projekte sollen natürliche oder funktionale Phänomene zu einem besonderen Raumeindruck überführen. Das wird etwa an einem Bambusgarten für The 10th China (Wuhan) International Garden Expo (2015 fertiggestellt) deutlich (siehe Abb. oben). Der Garten wird durch eine Mauer aus Bambushalmen eingefasst, die zugleich Durchblicke gewährt, Wasser erlebbar macht und vermutlich auch von der umgebenden Geräuschkulisse der Stadt ablenkt.

Lisa Diedrich, Professorin für Landschaftsarchitektur an der Swedish University of Agricultural Sciences und Corinne Jaquand, Dozentin an der Ecole Nationale Supérieure d'Architecture de Paris-Belleville, skizzierten den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und Frankreich, der bis zur Gartenkunst des 18. Jahrhunderts zurückreiche.

Fazit: Im Ganzen eine eher gereifte Ausgangslage - gemessen an den hitzigen Debatten, die in Deutschland spätestens seit den 1990er-Jahren über die Probleme und Potenziale der französischen Landschaftsarchitektur geführt wurden, Stichwort Parc de la Villette. Die Vorträge der Referierenden zeigen, dass es ihnen weniger darum geht zu bestimmen, was der Begriff "Garten" heute bedeutet. Stattdessen nehmen sie jeweils ein Konzept von Garten als Vehikel, um das eigene Denken und Handeln in Bewegung zu setzen und Orientierung zu finden. Sebastian Feldhusen


Literatur

¹ Organisationsteam von Seiten der Französischen Botschaft in Deutschland: Mona Guichard und Valérie Lemarquand. Schirmherrschaft: Botschafterin der Französischen Republik in Deutschland, Anne-Marie Descôtes und Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Frankreich und im Fürstentum Monaco, Nikolaus Meyer-Landrut. Mit freundlicher Unterstützung von: Abteilung für Wissenschaft und Technologie der Französischen Botschaft in Deutschland, BEGA Gantenbrink-Leuchten KG Deutschland, Deutsch-Französischer Kulturrat sowie das Institut für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung der TU Berlin. Videos des Symposiums sind auf dem YouTube-Kanal des Institut français Deutschland zu finden: www.youtube.com/user/ifdeutschland/videos

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 01/2020 .

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