Betreutes Spielen im sozialen Brennpunkt

Geschichte einer Spielplatzsanierung

von ,

Blick auf den Spielplatz mit Kleinkinderbereich. K3 Landschaftsarchitektur

Seit dem 28. Juni 2010 ist es wieder zu hören. Laute Rufe, Kindergeschrei und Gelächter. Dazu gehören die Bilder eines spannenden Fußballspiels "Alt gegen Jung". Die Kräfte sind dabei keineswegs ungleich verteilt. Die Erfahrung der Großen wird durch die Schnelligkeit und Geschicklichkeit der Kleinen, die unter den Zurufen der Zuschauer über das Feld flitzen, ausgeglichen. Von dem oberhalb gelegenen Spielplatz sind fröhliche Kinderstimmen zu hören, die in quietschende Laute übergehen, als sie unter den Wasserdüsen hindurch in den Sand-Matschbereich rennen. Andere sind emsig dabei Wasserkanäle in den Sand zu graben oder Matschburgen zu bauen.

Der Spielplatz im Tapachtal - ein Ort mit außergewöhnlichem Angebot

Nach der erfolgreichen Sommertaufe im Jahr 2010 beginnt auf dem Spiel- und Freiflächenbereich in Stuttgart-Rot auch in diesem Frühjahr wieder die Spielsaison. Der in den Jahren 2009 und 2010 sanierte und in Stand gesetzte Kinderspielplatz ist bei den Kindern schon immer sehr beliebt, denn dieser Spielplatz bietet ein besonderes Angebot. Ab April kann hier zu bestimmten Zeiten unter der Aufsicht von ehrenamtlichen Helfern gespielt werden. Im Holzhaus mit seinen diversen Anbauten sind hierfür unterschiedlichste Spiele, Materialien und Gegenstände untergebracht. Deshalb ist es für die zahlreichen Spaziergänger im angrenzenden Landschaftsschutzgebiet auch nicht verwunderlich, wenn Ihnen bei Wind und Wetter lautes Kindergeschrei vom Spielplatz entgegenhallt. Darüber hinaus findet jedes Jahr ein Sommerferienprogramm statt. Das mag noch nichts wirklich Besonderes sein, doch im Tapachtal ist jedes Kind zwischen sechs und 13 Jahren herzlich willkommen - umsonst und ohne Anmeldung. Eine Gruppe von acht Frauen und Männern aus Zuffenhausen-Rot, die vom Verein "Stuttgarter Jugendhaus e. V." unterstützt werden, betreut die Kinder ehrenamtlich, der Rest wird über Spenden finanziert.

Ansicht neuer Spielturm mit Tunnelröhre. Foto: Victor S. Brigola

Wasserspiel mit neuer Wasserpumpe und farbigen Haltestangen. Foto: Victor S. Brigola

Es verwundert so nicht, dass sich die Grünanlage und das Spielgelände im Tapachtal vor Beginn der Sanierungsplanung 2007 in einem ernüchternden Zustand zeigte. Der Spielplatz, seine Geräte und Wasseranlagen wurden durch die intensive Nutzung sichtbar in Mitleidenschaft gezogen und über Jahre hinweg immer wieder notdürftig repariert und in Stand gehalten. Die Belagsfläche des tiefergelegenen Bolzplatzes gleicht 2007 einer Buckelpiste. Schon nach kurzen Regenschauern ist aufgrund der defekten Entwässerungsanlagen an ein Fuß- oder Basketballspiel nicht mehr zu denken. Am Rande des Landschaftsschutzgebiets verwahrlost die Halfpipe der Skaterfreunde zunehmend.

In einer Zeit, in der Einsparungsmaßnahmen aufgrund klammer städtischer Kassen auf der Tagesordnung stehen, kommen die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen meist zu kurz. Doch gerade in Großstädten ist es wichtig und sinnvoll wegen des beschränkten Platzangebots und des immer größer werdenden Siedlungsdrucks vorhandene Spielbereiche zu erhalten, um eine möglichst flächendeckende Vernetzung von Spiel- und Treffpunkten zu erzielen. Für eine geistig und körperlich kindgerechte Entwicklung brauchen Kinder und Jugendliche dringend Möglichkeiten, ihren Entdeckerdrang und das Bedürfnis nach Bewegung zu stillen.

Städtische Gelder für einen Umbau des Spielplatzes Tapachtal bereitzustellen blieb lange Zeit ein frommer Wunsch von Betreuern und Nutzern der rund 5000 Quadratmeter großen Anlage.

Die "Soziale Stadt" macht's möglich

Der Stadtteil Rot wurde in den Nachkriegsjahren aufgesiedelt, um dringend benötigten Wohnraum zu schaffen. So entstanden bis 1960 neue Wohnungen, in den für Rot noch heute typischen mehrgeschossigen Wohnblocks. Durch fehlende Bauplätze und kleine Wohnungszuschnitte entwickelte sich in den nachfolgenden Jahren eine unausgeglichene Sozialstruktur. Dies war der Grund dafür, das man Stuttgart Rot 2003 in das Städtebauförderungsprogramm, "Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf - Die "Soziale Stadt", aufnahm.

Das Programm wurde vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) und der Länder im Jahr 1999 mit dem Ziel auf den Weg gebracht, die Abwärtsspirale in benachteiligten Stadtteilen aufzuhalten und die Lebensbedingungen vor Ort umfassend zu verbessern.

Drei Merkmale eines Projektes sind wesentlich um Fördermittel zu erhalten.

Instandgesetzte Außenduschen beim Wasserspiel. Foto: Victor S. Brigola

Beschattung des Sand-Wasserspielbereichs durch Sonnensegel. K3 Landschaftsarchitektur


  • Raumübergreifend gesamtstädtisch und stadtregional: Umfassende Erneuerungsmaßnahmen in den Stadt- und Ortsteilzentren stehen immer im Wechselspiel mit angrenzenden Quartieren, der gesamten Stadt und der Region. Ein professionelles Stadtteilmanagement arbeitet vor Ort.
  • Ressortübergreifend: Eine Kooperation bzw. Zusammenführung der unterschiedlichen Ressorts in der Stadtpolitik liegt bei der Auseinandersetzung mit den Zentren nahe. Hier treffen vor allem räumliche Stadtentwicklung, Wirtschaftsförderung und Kulturpolitik zusammen. Integrierte Entwicklungskonzepte ermöglichen eine Bündelung von Ressourcen und gewährleisten einen strategischen und ressortübergreifenden Ansatz gebietsbezogenen Handelns, der angesichts schwindender finanzieller Ressourcen und komplexer Probleme immer wichtiger wird. Das Programm funktioniert fachübergreifend. Die Förderung umfasst nicht nur bauliche und städtebauliche Maßnahmen, sondern zum Beispiel auch soziale, kulturelle und wirtschaftsfördernde Ansätze.
  • Akteursübergreifend: Zentrenentwicklung kann nur dann eine nachhaltige Wirkung entfalten, wenn sie eine hohe Aufmerksamkeit in der kommunalen Politik und in der Verwaltung genießt. Ebenso wichtig ist ein Rückhalt bei möglichst vielen relevanten Akteuren und in der gesamten Stadtgesellschaft. Dies betrifft sowohl die Bewohner als auch Eigentümer und Nutzer von Immobilien, Infrastrukturträger und Interessenvertreter. Sämtliche Projekte des Förderprogramms werden mit intensiver Bürgerbeteiligung entwickelt.

Der Bund und das Land Baden-Württemberg beteiligten sich schließlich mit insgesamt 60 Prozent Fördermitteln an den Gesamtkosten. Unter Mithilfe des Förderprogramms "Soziale Stadt" konnten sich die Kinder und Jugendlichen aus Rot gleich auf drei Sanierungsschwerpunkte freuen:

  • Aufwertung des Kinderspielplatzes mit Instandsetzung der Wasseranlagen
  • Sanierung des Bolzplatzes
  • Gestaltung eines Jugendtreffpunkts an der ehemaligen Skateranlage

Kleinspielfeld mit Sitzkanten Foto: Viktor S. Brigola

Jugendtreff mit Sitzkanten, Bühne und Unterständen. Foto: Viktor S. Brigola

Der Anfang eines langen Weges

Zu Beginn der Planung entwickelten Bauherrschaft (Garten- Friedhofs- und Forstamt der Stadt Stuttgart), Betreuer sowie das beauftragte Planungsbüro (Kunder3 Landschaftsarchitektur, Leinfelden-Echterdingen) ein Beteiligungsverfahren, in dem die zukünftigen Nutzer ihre Wünsche und Anliegen äußern konnten.

Am 5. und 6. Juli 2007 fand hierzu die erste aktive Nutzerbeteiligung statt, an der Kinder, Eltern, Betreuer, Verwaltung und Planer teilnahmen. Bei einer gemeinsamen Ortsbegehung des Spiel- und Freiflächenbereiches wurden alle Ideen, Wünsche und Interessen gesammelt und zusammengetragen. Anschließend malten und bastelten die Kinder mit viel Spaß und Fantasie Modelle, wie ihr neuer Spielplatz gestaltet werden sollte.

Die Landschaftsarchitekten um Chefin Ingrid Kunder werteten die Nutzerbeteiligung unter Berücksichtigung der finanziellen Mittel aus und erarbeiteten einen realistischen Ansatz für den Start in die Planungsphase. Einzige und manches Mal herzzerreißende Problematik war "... dass man es nicht allen Recht machen kann", stellt die Planerin fest. Deshalb wurde nach dem Mehrheitsprinzip vorgegangen. Die am häufigsten genannten Wünsche fanden in der Planung entsprechende Berücksichtigung. Bei einer weiteren Beteiligungsaktion im Frühjahr 2009 stellte das Planerteam die Ergebnisse und Entwürfe vor. Diese wurden zunächst in großer Runde gemeinsam besprochen bevor den Kindern und Jugendlichen erneut Zeit gegeben wurde, um Änderungswünsche zu äußern. Darauf folgte eine weitere lange Planungs- und Genehmigungsphase. Am 29. Januar 2010 gab der Bürgermeister für Städtebau und Umwelt, Herr Matthias Hahn, mit einem dreifachen Spatenstich den Startschuss für die Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten, auf dem Spielplatz, dem Bolzplatz und dem Jugendtreff.

Aufwertung Kinderspielplatz

Topographisch an höchster Stelle des Planungsgebiets liegen der weitläufige Kinderspielbereich sowie der Wasserspielplatz. In unmittelbarer Nähe zu den Betreuern entstand hier ein Angebot für die Kleinsten mit Kleinkindschaukel, Sandeltischen und Federwipptieren. Mit der Instandsetzung der vorhandenen Duschen und Wasserdüsen und der Installierung einer neuen Wasserpumpe bekamen die Kinder einen bedeutenden Spielinhalt zurück. Der Sand-Matschbereich wurde erneuert, die vorhandene Wasserrinne durch den Einbau von Wasserschiebern und Steinunterbrechungen attraktiver gestaltet. Zusätzlich erhielt der Platz zwei große Sonnenschutzsegel zur Beschattung, damit auch an heißen Sommertagen unbesorgt gesandelt und gematscht werden kann.

Ganz oben auf der Wunschliste standen auch eine Kletterwand und ein neuer Spielturm. Da die tragenden Elemente der Brückenkonstruktion morsch waren, musste diese bis auf den Turm mit Kletternetz abgebaut und TÜV- und DIN-gerecht erneuert werden. Der neue Spielturm mit Tunnelröhre wurde so platziert, dass diese mit dem alten Turm verbunden werden konnte. Die bei den Kindern sehr beliebte Sechseckschaukel oberhalb des Spielturmes konnte erhalten bleiben, die Nestschaukel wurde durch eine neue ersetzt. Die Boulderwand mit ihren zwei Einstiegsöffnungen musste wegen des enormen Gewichts und der schwierigen Zufahrtsverhältnisse in zwei Teilen angeliefert werden, ein Umstand, der den Landschaftsgärtnern der ortsansässigen Gartenbaufirma Palmer (Stuttgart-Zuffenhausen) sowie dem Montageteam der Herstellerfirma einiges an Fingerspitzengefühl abverlangte. Da der ursprüngliche Charakter des Ortes erhalten bleiben sollte, entschlossen sich die Landschaftsarchitekten, den bestehenden Kletterhang inklusive des markanten Großgehölz´ (Ahorn) in die Planung zu integrieren und durch geeignete Spielinhalte zu ergänzen.

Sanierung des Bolzplatzes

Vom Kinderspielplatz aus erreicht man das Kleinspielfeld über einen geschwungenen Stufenweg. Aufgrund seines Zustandes musste der Bolzplatz komplett saniert und von Grund auf neu hergerichtet werden. Im Vordergrund standen hierbei die notwendigen Entwässerungsarbeiten in Form von Drainagen.

Vandalismussichere Tore, Netze und Körbe sowie Ballfangzaun und in die vorhandene Topographie integrierte Sitzkanten für Zuschauer ergänzen das neue Angebot. Es entsteht ein zurückhaltend gestalteter Bereich, bei dem das Wesentliche wieder im Vordergrund stehen kann.

Jugendtreffpunkt

Den abschließenden Teil der Planungsaufgabe bildete die Konzeption des neuen Jugendtreffs am Standort der ehemaligen Skateranlage. Schon lange vor Planungsbeginn stellte sich den Verantwortlichen die Frage, wo ein geeigneter Ort zu finden wäre, der von Jugendlichen wie auch von Anwohnern akzeptiert wird. Der neue Standort sollte dazu beitragen, bisherige Konflikte zwischen jungen Teenagern und Anwohnern zu umgehen, die vor allem in der kalten Jahreszeit, wenn die Jugend sich an geschützten Laden- und Supermarkteingängen traf, auftraten. Der Platz sollte aus planerischer Sicht einerseits weit genug von Wohnhäusern entfernt sein, um Lärmbelästigungen zu vermeiden, andererseits jedoch nicht zu abgelegen sein, um eine soziale Kontrolle durch Passanten und Spaziergänger zu ermöglichen. Die ehemalige Skateranlage erfüllt genau diese zwei Kriterien. Die alte Anlage wurde vollständig rückgebaut. Heute steht den Jugendlichen eine theaterähnliche Kulisse mit in den Hang eingelassenen Sitzkanten und einem Podest als Bühne zur Verfügung. Die teilweise überdachten Unterstände bieten Schutz vor Wind und Regen und passen sich gestalterisch sehr gut in das Gelände ein. Hergestellt wurden sie nach den Entwürfen von Mark Kunder. "Die Form ergab sich durch die örtlichen Gegebenheiten und die Anforderungen an einen offenen und einsehbaren Treffpunkt", erinnert sich der Bauleiter von Kunder3 Landschaftsarchitektur. Es sind zwei sich spiegelnde Einzelstücke, deren Außenwände vom Inhaber der Firma Maurerkunst, Herrn Bertwin Schnubel (Rehlingen-Siersburg) gestaltet wurden."

Auch wenn die Skateranlage letztlich weichen musste, können sich Jugendliche weiterhin mit einem zweirädrigen Gefährt austoben. Mit der Modellierung einer Hügellandschaft aus übrigem Bodenmaterial am Rande des Treffpunktes konnte der zusätzliche Wunsch nach einer BMX-Strecke erfüllt werden.

Was lange währt wird endlich gut

Das Projekt veranschaulichte den beteiligten Bürgern und Nutzern, das es ausgehend von den ersten Wünschen und Gedanken bis zur Verwirklichung derselben ein langer und beschwerlicher Weg sein kann. "Es ist schön, dass wir den Kindern bei der Verwirklichung ihrer Wünsche helfen konnten", stellen Bauherrschaft, Betreuer und Planer einvernehmlich fest. Mit dem erfolgreichen Einweihungsfest am 28. Juni 2010 wird den Kindern Ihr Spielplatz zurückgegeben. "Als wir die strahlenden Gesichter der Kinder auf dem Spielplatz sahen, wussten wir, wir haben unser Ziel erreicht", bemerkt die Planerin Ingrid Kunder. "Die Träume der Kinder sind wahr geworden."

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 05/2012 .

Stadt+Grün Stellenmarkt

Wie kann ich mein Stellenangebot hier veröffentlichen? Weitere Informationen
http://jobs-in-gruen-und-bau.de/index.php?id=123&tx_patzerboerse_paboeplugin[division]=3&tx_patzerboerse_paboeplugin[unterthemen]=336++529++450++61&no_cache=1