Graue Infrastruktur als Herausforderung für Baum- und Grünstandorte
Klimaveränderungen und ihre komplexen Folgen fürs Stadtgrün
von: Prof. Dr. habil. Hartmut Balder
Klimatische Faktoren wie Feuchtigkeit, Strahlung, Temperatur und Wind beeinflussen seit jeher individuell das Wachstum der Gehölze an den Standorten, was in der Stadtplanung und Pflanzenverwendung zentrale Beachtung finden muss. Diese Klimafaktoren beeinflussen gleichzeitig die Aktivität von Schädlingen und Nützlingen als Baum bewohnende Organismen, charakterisieren kleinräumig den Standort und sind somit begrenzender Faktor für die vitale und gesunde Pflanzenverwendung. Bei Nichtbeachtung resultieren hieraus direkte und indirekte Pflanzenschäden (Abb. 1).
Diese Faktoren haben aber mit der Frage der erforderlichen Anpassung an die Stadtverdichtung, den Klimafolgenschäden und den zunehmenden manuellen Baumschäden eine neue Dimension bekommen. Daher sind interdisziplinäre Planungsverfahren und nachhaltige Grünkonzepte mit einem Lebenszyklusansatz gefragt, um die Bewirtschaftung der urbanen Lebensräume in einer hohen Aufenthaltsqualität zu sichern.
Altlasten im Sinne von wachstumsbegrenzenden Faktoren müssen konsequent erkannt und mit Weitsicht aufgearbeitet werden, bevor eine Baumpflanzung erfolgreich realisiert werden kann (Abb. 5). Förderprogramme dürfen sich daher nicht an Baumzahlen allein messen, sondern sie sind bei Berücksichtigung von optimierten Vegetationskonzepten langfristig anzulegen und stellen eine Mehrgenerationen Aufgabe dar.
SUG-Stellenmarkt




Stadtplanung der Zukunft – Ertragsdenken unter veränderten Klimabedingungen
Aktuell prägen unter Klimaaspekten die Wege zur Kühlung der urbanen Räume, Folgen extremer Sturmereignisse sowie ein neuer Umgang mit dem Regenwasser die fachlichen und politischen Diskussionen. Es muss aber auch gesehen werden, dass immer mehr Menschen als Folge veränderter Lebensformen und -erwartungen in die Städte ziehen.
Mit der Vorlage des Grün-/Weißbuches "Grün in der Stadt – für eine lebenswerte Zukunft" (BMU, 2015; 2017) hat die Politik die großen Handlungsfelder für die Zukunft formuliert und fordert im Ergebnis eines langen Arbeitsprozesses alle Akteure zu einer integrierten Vorgehensweise auf.
Planung, Realisierung und Unterhaltung des Stadtgrüns sind als Gesamtkonzept im Rahmen einer Wertschöpfungskette auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntniszugewinne neu zu denken, so dass graue, grüne und blaue Infrastrukturen der Stadt zu gegenseitigem Nutzen zu konzipieren und zu betreiben sind. Aktuell unterstützt die Politik die Kommunen und Städte mit Förderprogrammen, die aber nur Erfolg versprechen, wenn weitsichtig und nachhaltig gehandelt wird. Die Forschung ist weiter zu intensivieren, um angepasste Bepflanzungskonzepte und -verfahren zu erproben und der Praxis abgeklärt zur Verfügung zu stellen (Abb. 3, 4 und 5).
Die gezielte Klimatisierung und die Verkehrssicherheit der urbanen Räume stellen alle Akteure vor große Herausforderungen. Dies betrifft sowohl vorhandene Baumbestände an problematischen Standorten als auch neu zu konzipierende Grünkonzepte. Folgende Ziele müssen bei zunehmender Stadterwärmung, Hitze- und Trockenheitsereignissen, Stürmen, sinkenden Grundwasserständen sowie neuer Schaderregerpotenziale erreicht werden:
- Vitale (!) Durchgrünung zur Kühlung der Städte
- Steigerung der Schattierungs- und Transpirationsleistung der Gehölze durch gesicherte Wuchsbedingungen für ihre langjährige Standzeit (Abb. 3)
- Ihre fachgerechte Pflege zur Erhaltung von Vitalität und Baumgesundheit
- Umfassender Baumschutz bei Eingriffen und Veränderungen des Baumumfeldes
- Entsiegelung der Pflanzenstandorte zur Verbesserung der Infiltrationsrate der Niederschläge
- Nutzung von Niederschlägen zur Verbesserung des Wasserhaushaltes von Baumstandorten (Abb. 4)
- Stabilisierung von Baumbeständen bei zunehmendem Klimastress durch baumverträgliche Kroneneinkürzungen (Abb. 6)
- Stabilisierung der Baumbestände durch Erhöhung der Biodiversität durch Unterpflanzungen
- Regelmäßige Baumkontrolle zur Erhöhung der Verkehrssicherheit
Unter den verschärften Klimabelastungen fehlen aktuell gesicherte Langzeitstudien, um den Umbau der Städte hin zur klimaresilienten Umwelt voranzubringen. Die Berliner Best Practise Beispiele geben hierzu erste Anregungen (Balder, 2020; 2022; 2023).
Folgerichtig stellt auch der Baukulturbericht 2020/21 (Bundesstiftung Baukultur, 2020) mit Schwerpunkt auf den Öffentlichen Raum unter anderem fest:
- "Attraktive Städte und Orte sind lebendig, sicher, nachhaltig und gesund.
- Straßen, Wege und Plätze überdauern Jahrhunderte. Wer sie plant und gestaltet, muss sich fragen, welche Aufgabe sie für kommende Generationen erfüllen werden.
- Durch die Gestaltung von Straßen und Verkehrsflächen können Städte und Gemeinden die Aufenthaltsqualität in öffentlichen Räumen erheblich verbessern."
Gestaltung, Vegetationstechnik und Unterhaltung müssen demnach zur Erzielung funktionaler Straßenbegrünungen zusammen gedacht werden.
Straßenraum und künftige Gestaltung: Funktionen des Straßenraumes
In Anpassung an Klimaveränderungen lassen sich Straßen lokal und besonders auf Stadtquartiersebene neu konzipieren, da mit dem Rückbau und der Entsiegelung von nicht mehr benötigten Verkehrsflächen das Straßenbegleitgrün quantitativ und qualitativ weiterentwickelt werden kann (Abb. 7a/b). In gestalterischer und klimatisierender Hinsicht erfüllen Straßenbäume auch in der Stadt der Zukunft vielfältige Funktionen.
Weitere pflanzliche Elemente ergänzen diese Funktionen bodennah und stabilisieren vielfach die Gesundheit der Bäume durch die Förderung von natürlichen Gegenspielern der Baumschädlinge. Während eine dunkle und dichte Belaubung den Eindruck von Massivität, Enge und Dunkelheit weckt, wirken hingegen helles, lichtes Laub und filigrane Blätter oder Kronen heiter und lichtdurchlässig (Balder, 2020).
Die gewünschten Funktionen können auf Dauer nur in Anpassung an die Folgen der Klimaentwicklung gesichert werden, da bereits ein einmaliges Klimaereignis wie Dürre, Starkregen, Hochwasser, Sturm, Strahlung oder Fröste jahrelange Investitionen in Stadtgrün vernichten kann. Kommunen und Städten ist daher zu empfehlen, vorhandene Grünkonzepte den Klimabelastungen durch geeignete Maßnahmen anzupassen, bevor größere Baumschäden oder -verluste entstehen. Bei Neuanlagen müssen diese Aspekte von vornherein mitgedacht werden (Abb. 3 und 4).


Räumliche Zuordnungen im Straßenquerschnitt in der Stadt der Zukunft
Auch unter veränderten Klimabedingungen und gesellschaftlichen Anpassungen zur Mobilitätswende sind Nutzung, Gestaltungsmöglichkeiten und Mikroklima einer Straße von ihrer städtebaulichen Zuweisung und Verkehrsbedeutung maßgeblich abhängig. Ihre Raumbreite wird von den Gebäudekanten bestimmt, je breiter, desto mehr Funktionen und mehr großkroniges Straßenbegleitgrün kann untergebracht werden.
Dieser Aspekt ist als Folge der 2024 beschlossenen EU-Verordnung über die "Herstellung der Natur" (Nature Restoration Law. COM 304) von besonderer Bedeutung. Die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer:innen und die Annehmlichkeit des Ortes sind heute wesentliche Kriterien bei der Ausgestaltung der Straßenquerschnitte.
Hinzu kommen die Forderung nach mehr Biodiversität und Rückzugsmöglichkeiten für Insekten, aber auch Erwartungen an gezielte Nutzung (Früchte, Urban Gardening) und Verwertung der Biomasse (Kompost, Mulch, Holzhäcksel, Wertholz, Raffinerie, Biogas). Mutige Konzepte zur Regenwasserbewirtschaftung werden exemplarisch realisiert, unter anderem Mulden-Rigolensysteme, Schwammstadtmodelle (Abb. 8 a/b).
Nach wie vor bedingen die Proportionen der jeweiligen Straßenbereiche sowie Abstandsvorgaben der grünen von der grauen Infrastruktur den Rahmen kommunaler Vorschriften. Grundsätzlich sind folgende Zuordnungen – besonders auch in Hinblick auf das lokale Mikroklima – von Bedeutung:
- Klassische Seitenalleen haben den Vorzug, dass der Fahrverkehr auf dem Mittelweg übersichtlicher, der Eindruck der Straße und des Straßenverkehres einheitlicher und eindrucksvoller ist. Der Umstand jedoch, dass die Baumkronen mit zunehmender Größe die Hausfassaden zum Teil verdecken und bei räumlicher Enge regelmäßig einen kostenträchtigen Fassadenfreischnitt bedeuten ist eher ungünstig. Dies ist mit der Aufheizung der versiegelten Straßenbereiche und der benachbarten Stadtquartiere verbunden.
- Straßen mit Mittelalleen inclusive integrierten Promenaden oder Fahrtrassen (ÖPNV, Fahrradwege) sind weniger stattlich in der Erscheinung, aber klimaresilient behaglicher sowohl für Spaziergänger und Fahrradfahrer als auch für die Anwohner; darüber hinaus ist der Anblick der Fassaden freier (Abb. 9 a/b).
- Durch die verschiedene Anordnung und Anzahl der Baumreihen, insbesondere durch Verbindung von Mittel- und Seitenalleen und durch Einfügung von Radfahrwegen, Bus- und Straßenbahntrassen, Rasenstreifen, Wildblumeneinsaaten oder Zierpflanzungen können viele verschiedene symmetrische und asymmetrische Straßenprofile gestaltet werden.
- Lokale Begrünungsinseln in seitlicher, mittiger oder zufälliger Anordnung können gezielt den Verkehrsfluss beeinflussen. Auf das Stadtklima haben sie nur wenig Einfluss.
- Fußgängerstraßen und Boulevards sind durch ihre hohe Fußgängerdichte gekennzeichnet und müssen die hohen Erwartungen der Nutzer und Anrainer durch eine attraktive Gestaltung mit Identifikationscharakter erfüllen (Abb. 10).
- Konzepte zur Regenwasserbewirtschaftung der Straße selbst und des Umfeldes können zur Bewässerung des Straßengrüns integriert werden (Balder u.a., 2018; Richter u. a., 2023). Je nach räumlicher Zuordnung wird das Wachstum der Bäume gefördert.
- Stellflächen für den ruhenden Verkehr können auf vielfältige Weise integriert werden.
- Gleichrangige Verkehrssituationen von Kfz, ÖPNV, Radfahrer und Fußgänger ohne Markierung in beruhigten Zonen.
Bei allen Begrünungskonzepten sind zwangsläufig neben den Investitionskosten die direkten Konsequenzen für die langjährige Unterhaltung zu beachten. Die Pflege des Begleitgrüns sowie der Straßenkörper beeinflussen sich gegenseitig und bieten viele Ansätze von Synergien (Andres u. a., 2020; Balder u. a., 2024). In Anpassung der Konzepte an die Klimaentwicklung muss die Wurzelentwicklung von Gehölzen bei Neupflanzungen räumlich in die Tiefe gefördert, die Wasserversorgung auch in Trockenzeiten gesichert und die Bruch- und Standsicherheit besonders von Großbäumen gegeben sein.
Wirkungen der grünen Infrastruktur auch künftig von Bedeutung
Mit der Anpflanzung von Straßenbäumen kann für den Verkehr eine leitende, trennende, geschwindigkeitsbeeinflussende und orientierende Wirkung erzielt werden, die gezielt zur Erhöhung der Verkehrssicherheit eingesetzt werden sollte, indem das Straßenbegleitgrün bezüglich Art, Größe, Form und Farbe geschickt ausgewählt und angeordnet wird, wie psychologische Studien belegen (Bogaard-Bos, 2018). Durch eine Baumbepflanzung wird der Straßenquerschnitt optisch eingeengt, die Helligkeit vermindert und ein Wechsel von Licht und Schatten hervorgerufen, was die Aufmerksamkeit der Straßennutzer erhöht und reduzierend auf die Geschwindigkeit des Verkehrs wirkt.
Schließen mit der naturnahen Entwicklung der Bäume mit den Jahren die Kronendächer zu einem geschlossenen Tunnel, so hat dies zur Folge, dass das Mikroklima für den menschlichen Aufenthalt angenehm temperiert wird, der schattierte Bereich aber mangels Licht kaum Unterpflanzungen zulässt, die erhöhte Luftfeuchtigkeit Baumkrankheiten fördert und die Feinstaubkonzentration mangels Wind zunimmt (Abb. 11). In Windlagen ist zu prüfen, ob nicht durch rechtzeitige Kronenreduktionen die Stabilität der Baumbestände verbessert werden kann und muss, um sie nicht bei Sturmereignissen zu verlieren.
Flächen zur Erhöhung der Biodiversität müssen so integriert und bewirtschaftet werden, dass größere Beeinträchtigungen des übrigen Straßenbereichs vermieden werden, u. a. durch Pollenflug (Allergien), Sichtbehinderung (Wuchshöhe) oder Insektenflug.
Die Integration von Mulden- und Rigolensystemen im Rahmen von Regenwasserbewirtschaftungskonzepten setzt voraus, dass die Wahrnehmung derselben durch die Straßennutzer gegeben ist. Sie können durch Baum-, Strauch- und Staudenpflanzungen ergänzt werden und gezielt eingesetzt eine lenkende Funktion übernehmen.
Die Konzepte müssen den ruhenden und fahrenden Verkehr integrieren, um Schäden an den Infrastrukturen zu vermeiden und die Funktionalität der Versickerungsanlagen zu gewährleisten. Erste Studien belegen, dass die Zufuhr von Regenwasser das Straßenbegleitgrün nachhaltig fördert (Balder u. a., 2018; Rehfeld-Klein u. a., 2019).




Mit Weitsicht die Zukunft entwickeln
Von Planungsprozessen muss erwartet werden, dass für den jeweiligen Straßenzug für die angedachte Standzeit der Bäume ein vollständiges Konzept entwickelt wird, welches die gewünschten Funktionen sicher erfüllt und fachlich wie auch ökonomisch mit dem Ansatz eines Lebenszyklusmodells erreicht wird. In Hinblick auf das Straßenbegleitgrün bedeutet dies im Sinne des Weißbuches "Stadtgrün" und in Anpassung an die Klimaentwicklungen ein zielgerichtetes Ertragsdenken (BMUB, 2017). Hieraus folgt:
- Eine konzipierte Straßenbegleitbegrünung sollte durch die Nutzung der Straße möglichst keine Beschädigungen erleiden.
- Der Rückbau von Straßen muss dazu genutzt werden, mehr Straßenbegleitgrün in den urbanen Bereichen zu ermöglichen (s. Abb. 7a/b).
- Zur Schattierung der hitzebelasteten Stadtareale ist die Verwendung von künftigen Großbäumen zu fördern, indem die unterirdischen Wuchsräume besser vorbereitet werden (s. Abb. 3).
- Zur Entlastung der Kanalisation bei Starkregenereignissen sind versickerungsfähige Substrate zur Optimierung der Infiltrationsraten zu verwenden (s. Abb. 7a).
- Die Entwicklung der Bäume, darf nicht durch lichtbeeinflusstes Wachstum zu Beeinträchtigungen des lichten Verkehrsraumes führen, beispielsweise durch Schiefwuchs von Lichtbaumarten.
- Die Wurzelentwicklung der Bäume muss so gelenkt werden, dass keine Beeinträchtigungen oder Beschädigungen der technischen Infrastruktur der Straßenkörper oder benachbarter Gebäude, Mauern und Stadtmöblierungen ausgelöst werden.
- Zu enge Pflanzenbestände bewirken ein instabiles Pflanzenwachstum, beeinträchtigen die Architektur der Gebäude, erfordern permanent Pflegekorrekturen und fördern Pflanzenkrankheiten mangels Durchlüftung. Der Trockenstress wird durch einen erhöhten Wasserbedarf erhöht.
- Fehlentwicklungen in der Ästhetik eines Straßenzuges durch mangelnde Vitalität und Gesundheit des Straßenbegleitgrüns sind nicht zielführend und lösen Unzufriedenheit aus (s. Abb. 1 und 11).
- Vom Straßenbegleitgrün dürfen in der gesamten Standzeit keine Gefährdungen für die Straßennutzer ausgehen, unter anderem durch eine unzureichende Stand- und Bruchsicherheit der Bäume, Fruchtfall, Belagsglätte durch Pflanzensäfte oder durch allergieauslösende Pflanzenteile, unter anderem Pollen, Blatt- (Platane) und Insektenhaare (Eichenprozessionsspinner).
- Die gärtnerische Pflege der Bepflanzung muss fachlich, rechtlich und ökonomisch transparent gestaltet und abgesichert sein. Insbesondere Baumkronen müssen für die Baumkontrolle und Baumpflege zugängig sein.
- Pflanzensaugende Schadinsekten (Blatt-, Schildläuse) treten zyklisch in nennenswerter Befallsdichte auf und produzieren große Mengen an sogennantem Honigtau und ermöglichen das Auftreten von Schwärzepilzen, die Beläge, Pkw, Beschilderungen und Stadtmöbel verschmutzen (Reinigung, Verkehrssicherheit, Allergien).
- Die kontinuierliche Reinigung der Belagsflächen muss leistbar sein, unter anderem durch die Zugängigkeit der Flächen mit Maschinen, Befahrbarkeit von Baumscheiben oder durch angepasste Grünkanten bei Pflanzrabatten. Ein differenzierter Servicelevel ermöglicht die Planung und Kontrolle der gewünschten Aufenthaltsqualität nach Bildqualitätskatalog (FLL, 2016; Semmler u. a., 2016).
- Anlagen der Regenwasserbewirtschaftung bedürfen der zielgerichteten Pflege, um die Ästhetik und Funktionalität der Konzepte zu sichern (Balder u. a., 2022; Gorning u. a., 2021).
- Veränderungen der Gebäudearchitektur beeinflussen nachhaltig das Mikroklima. Daher sind sie in der Planungsphase kritisch zu prüfen, ob sie Baumstandorte nachhaltig verändern, zum Beispiel durch Besonnung, Verschattung, Düseneffekte.
- Der Winterdienst (Schnee-, Eisbeseitigung) belastet nach wie vor das Straßenbegleitgrün sowohl durch den Eintrag von chemischen Auftausalzen als auch abstumpfenden Materialien. Die Einführung eines differenzierten Winterdienstes und Festlegung auf die Streckenbehandlung (Weißes Netz, Dringlichkeitsstufen) auf Stadtebene mit langfristiger Bindung hilft, die Pflanzenauswahl entsprechend abzustimmen.
- Die Bewirtschaftung der Straßen muss organisatorisch, ökonomisch und rechtlich abgesichert sein, ein integriertes Stadtmanagement mit IT-gestützter Kontrolle und Steuerung des Personal- und Geräteeinsatzes ist daher empfehlenswert (Balder, 2022; Semmler u. a., 2016).
Ein optimierter Planungsprozess kann bei diesen Herausforderungen nur unter Beteiligung aller Disziplinen gelingen und setzt den gleichrangigen Umgang mit der Materie voraus. Unterschiedliche Strategien müssen sachlich abgewogen und vorrangig unter dem Aspekt der partnerschaftlichen Nutzung sowie der gesamten Unterhaltungskosten transparent entschieden werden. Ziel muss von Beginn an das Bekenntnis zur Funktionalität eines Konzeptes sein, weniger das einmalige Design einer Örtlichkeit.
Baumempfehlungen im Klimawandel
Ästhetische Ansprüche und die individuellen Standorteigenschaften haben bislang die Gehölzwahl maßgeblich beeinflusst. Die künftige Gehölzverwendung muss mit Blick auf die Klimaentwicklung verstärkt auf Baumarten mit folgenden Eigenschaften zurückgreifen:
- breite Kronenentwicklung mit hohem Schattierungspotenzial
- gute Stammbildung und Aufastungsverträglichkeit
- tiefgründige Wurzelentwicklung zur Erschließung des Unterbodens
- hohe Bruchfestigkeit gegenüber Sturmbelastungen
- gute Schattenverträglichkeit zur Verwendung in engen Stadtstraßen
- hohe Verträglichkeit gegenüber Überflutungen, unter anderem in Regenwasserbewirtschaftungsanlagen
- Hitze- und Strahlungsresistenz
- Trockenheitsresistenz
- gute Schnittverträglichkeit
- geringe Anfälligkeit für wärmeliebende Schaderreger
- geringe Anfälligkeit für stamm- und rindenbrütende Schädlinge
- geringes Allergiepotenzial für den Menschen
- geeignete Futterquelle und Lebensraum zur Erhöhung der Biodiversität, unter anderem für Insekten und Vögel
In Hinblick auf die Verträglichkeit gegenüber Überflutungen zur Verwendung von Gehölzen in Grünkonzepten im Rahmen der Regenwasserbewirtschaftung liegen bislang nur empirische Erkenntnisse vor. Auch muss gesehen werden, dass es durch den Klimawandel vermehrt zu Sommerüberflutungen kommt, deren Auswirkungen wie auch die jungen Schwammstadtkonzepte noch einer wissenschaftlichen Bearbeitung bedürfen.




Fazit
Die Verdichtung der urbanen Stadträume muss im Blick haben, wie sich die Wuchssituationen der Bäume durch den Wandel in Stadtarchitektur und Klimaentwicklung ober- und unterirdisch verändern. Bisherige Pflanz- und Bewirtschaftungskonzepte sind häufig nicht mehr ausreichend, vielmehr müssen vorhandene Gehölzbestände in ihrer Vitalität gezielt verbessert werden.
Das setzt weitsichtige Konzepte voraus, die sowohl die Nachqualifizierung vorhandener Gehölzbestände zum Inhalt haben als auch die städtebauliche Entwicklung mit Auswirkungen auf die mikroklimatischen Folgen für Baumbestände, wie etwa Schattierung, Düseneffekte, gestörter Wasserhaushalt. Neuartige Konzepte zur Stabilisierung von Baumbeständen bei Klimabelastungen oder Konzepte zur Regenwasserbewirtschaftung inklusive der Schwammstadt bedürfen der wissenschaftlichen Aufarbeitung, bevor sich hieraus Standards entwickeln.
Den Kommunen und Städten ist zu empfehlen, durch ein geeignetes Monitoring die Entwicklungen selbst im Blick zu haben und die gewonnenen Erkenntnisse kontinuierlich in die verwaltungsinternen Planungen einzufügen. Die Forschung zu den Fragen der Klimaanpassung muss intensiviert werden.
Literatur
- Andres, C. et al (2020): Straßenbegleitgrün. Wirtschaftlich, ökologisch und verkehrssicher. Forum Verlag.
- Augustin, B. et al (2018): Grünflächenpflege. Verwaltung, Pflege und Unterhalt von öffentlichen und privaten Flächen. Forum Verlag.
- Balder, Hartmut; Ehlebracht, K., Mahler, E. (1997): Straßenbäume. Planen. Pflanzen. Pflegen. Am Beispiel von Berlin. Patzer Verlag, Berlin. 240 S.
- Balder, H.; (1998): Die Wurzeln der Stadtbäume. Ulmer Verlag, Stuttgart. 180 S.
- Balder, H., (2020): Gehölzentwicklung in strukturstabilen Substraten. NL 2, 12–18.
- Balder, H., (2022): Betreiber-Modelle im Stadtgrün – neue Chancen für den GaLaBau? NL, 47–53.
- Balder, H., (2023): Fachgerechte Kroneneingriffe für Stadtbild und Baumerhalt. TASPO 22.
- Balder, H.; Goll, L.; Nickel, D.; Rehfeld-Klein, M., (2018): Befunde zur Verwendung von Bäumen in Muldensystemen im Rahmen der Regenwasserbewirtschaftung. Pro Baum 4, 15 –2.
- Balder, H.; Kaletta, M.; Gorning, G.; Nickel, D., (2022): Erfahrungen zur Grünpflege von Mulden im Regenwassermanagement. Neue Landschaft, 23–28.
- Balder, H. unter anderem, (2024): Klimaanpassung an Gebäuden, Freiflächen sowie in der Stadt- und Landschaftsplanung. Forum Verlag.
- BdB und GALK (2020): Zukunftsbäume für die Stadt. Auswahl der GALK-Straßenbaumliste.
- Bogaard-Bos, T., 820189: Farbe Grün. Ein Nachschlagewerk für eine dendrologisch bewusste Farbanwendung. Baumschule Ebben, Cuijk, NL:
- BBSR, (2023): Stadtgrün wirkt! Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR), Bonn.
- BMUB, (2015): Grünbuch Stadtgrün. Berlin. 97 S.
- BMUB, (2017): Weißbuch Stadtgrün. Berlin. 47 S.
- Bundesstiftung Baukultur, (2020): Baukulturbericht 2020/21. Potsdam.
- EU, (2024): Gesetz zur Wiederherstellung der Natur. Brüssel.
- GALK, (2023): Wassersensible Straßenraumgestaltung. Positionspapier. Leipzig.
- Gorning, G.; Kaletta, M.; Balder, H., (2021): Stadtgestaltung und Biodiversität durch Regenwassermanagement. Pro Baum 2, 19–26.
- FLL, (2016): Bildqualitätskatalog Freianlagen – BK FREI. Bonn.
- Kühn, Rudolf; (1961): Die Straßenbäume. Patzer Verlag, Berlin. 200 S.
- Meyer, Franz-Joseph (Hg.);(1982): Bäume in der Stadt. Ulmer Verlag, Stuttgart. 380 S.
- Rehfeld-Klein, M.; Balder, H.; Nickel, D., (2019): Bäume in der Stadt. Blau-Grüne Infrastrukturen: Gemeinsam Planen, Bauen und Pflegen. AQUA & GAS No 10, 14–18.
- Richter, M.; Dickhaut, W., (2023): Dezentrale Regenwasserbewirtschaftung an Baumstandorten. Jahrbuch der Baumpflege, Haymarket, Braunschweig; 99–119.
- Roloff, Andreas; (2013): Bäume in der Stadt. Ulmer Verlag, Stuttgart. 254 S.
- Semmler, R. und Schultze, J., (2016): Der Lebenszyklus von Außenanlagen. Planen. Erstellen. Erhalten. Rückbauen. 1. Auflage. Datenbankgesellschaft mbH, Falkensee.
- Themen Newsletter Klimawandel bestellen
- Themen Newsletter Stadtgrün bestellen
- Themen Newsletter Stadtentwicklung bestellen
- Themen Newsletter Regenwasserbewirtschaftung bestellen
- Themen Newsletter Klimaanpassung bestellen
- Themen Newsletter Versiegelung bestellen
- Themen Newsletter Entsiegelung bestellen










