Prämierte Staudenpflanzungen in Büdingen

Grüne Welle am Straßenrand

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1 Garten Kölsch – Kleinod zwischen den historischen Stadtmauern. Foto: Dieter Turner

Fährt man in Büdingen - einer Kleinstadt etwa 50 Kilometer nordöstlich von Frankfurt am Main gelegen - mit dem Auto oder dem Fahrrad durch die Stadt, bietet sich am Straßenrand ein wesentlich attraktiveres Bild als noch vor knapp 20 Jahren. Wo heute farbenprächtige Stauden in großer Sortenvielfalt stehen, befanden sich bis vor einigen Jahren Ampelkreuzungen und fast ausschließlich Straßen ohne Begleitgrün. An Grünanlagen und deren Pflege wurde lange gespart, auch weil die finanziellen Mittel dafür nicht oder kaum vorhanden waren. Die wenigen vorhandenen Grünflächen in der Stadt wurden mit der Zeit unansehnlich.

Startschuss "Entente Florale"

Im Jahr 2003 beschloss der Magistrat der Stadt Büdingen im darauffolgenden Jahr am Bundeswettbewerb "Entente Florale. Gemeinsam aufblühen" teilzunehmen. Ein Arbeitskreis wurde ins Leben gerufen, dem neben dem damaligen Bürgermeister alle Landschaftsarchitekten der Stadt, der Vorsitzende des örtlichen Obst- und Gartenbauvereins, Fachleute aus den Bereichen Natur- und Landschaftsschutz sowie die Bauhofleitung angehörten. Viele Bürger und auch Teile der Verwaltung waren skeptisch, ob es gelingen würde, mit der Teilnahme an diesem Wettbewerb nachhaltig Akzente zu setzen.

Erste Staudenpflanzungen wurden angelegt. Auch der Gärtnermarkt, der jährlich im zeitigen Frühjahr in der mittelalterlichen Altstadt stattfindet, geht auf diese Initiative zurück. Zwar wurde der Arbeitskreis im Jahr 2010 aufgelöst, dennoch war er der Startschuss für die Stadtbegrünung, wie sie heute in Büdingen zu finden ist.

In Verlauf der zurückliegenden 16 Jahre wurden innerstädtisch zahlreiche Staudenflächen geschaffen, alle geplant von der Büdinger Landschaftsarchitektin Anette Schött. Seit 2003 wurden im Stadtgebiet etwa 50 000 Stauden gepflanzt, vornehmlich an und auf neu gebauten Verkehrskreiseln - Keltenkreisel, Kreisel im Stadtteil Düdelsheim, Herzberg-Kreisel, Loudéacplatz - und als Straßenbegleitgrün entlang der anliegenden Straßen. Hinzu kommen der Garten Kölsch als Naherholungsgebiet zwischen den beiden historischen Stadtmauern und ein kleiner Park in einem Innenhof in der Schlossgasse. Das Besondere am Garten Kölsch: Er wird von einer Gruppe engagierter Bürger ehrenamtlich gepflegt. Unterstützt wird die Pflegegruppe von Mitarbeitern des städtischen Bauhofs, beispielsweise durch regelmäßige Mäharbeiten.

Erste Erfahrungen am Keltenkreisel

Die Bepflanzung des Keltenkreisels wurde im Jahr 2007 geplant und 2008 umgesetzt. In der Mitte der Pflanzfläche wurde eine Skulptur des Bildhauers Lars Korten aufgestellt. Inspiriert ist diese vom Keltenfürsten vom Glauberg, dessen Fundort nur 10 Kilometer von Büdingen entfernt ist. Auf dem Kreisel selbst und auf den Außenbeeten wurden auf 1600 Quadratmetern etwa 11 000 Stauden durch die Bauhofmitarbeiter gepflanzt, wobei die Kreiselmitte mit 5000 Nassella tenuissima (Syn. Stipa tenuissima) und wenigen anderen Arten, wie Echinacea pallida gestaltet wurde. Für die Stauden wurde ein Anzuchtauftrag vergeben. Das reduzierte zum einen die Kosten, zum anderen war die Lieferung sortenechter Pflanzen sichergestellt.

2 Camassia leichtlinii auf dem Keltenkreisel. Foto: Dieter Turner

3 Herzberg-Kreisel Randbeet. Foto: Hubertus Protz

Nach zwei härteren Wintern trieb der größte Teil des Mädchenhaargrases jedoch nicht wieder aus. Dies war eine große Überraschung, ist das Gras doch im Allgemeinen bekannt dafür, dass es sich sehr gut neu aussät; leider auf Lava nur begrenzt. Nachgepflanzt wurde Sesleria autumnalis, das Herbst-Kopfgras, eine sehr gute Kombination mit Nassella. Bei der Auswahl der Staudenarten stand Professor Cassian Schmidt, Schau- und Sichtungsgarten Hermannshof in Weinheim, der Landschaftsarchitektin zur Seite. Seitdem entwickeln sich die Pflanzungen unter der Pflege der Bauhofmitarbeiter gut weiter.

Waren in der städtischen Verwaltung die Bedenken zunächst groß - "Das ist zu arbeitsaufwändig", "Das vergammelt doch sowieso." -, führten die guten Erfahrungen mit dem Keltenkreisel zu einem Umdenken: Die Idee eines Pflanzkonzeptes für die Stadt wurde allgemein befürwortet. Bürgermeister Erich Spamer und die Kommune stehen hinter dem Konzept. Befürchtungen, die Grünflächen und vor allem deren Pflege würden hohe Kosten verursachen und den städtischen Haushalt über Gebühr beanspruchen, bewahrheiteten sich nicht. Auch weil bei der Auswahl der Stauden auf möglichst kurze Pflegezeiten geachtet wurde. Für die Pflege des Keltenkreisels können - gerechnet auf die elf Jahre seines Bestehens - beispielsweise etwa 4,25 Minuten pro Quadratmeter pro Jahr veranschlagt werden.

Prachtvolle Stauden am Herzberg-Kreisel

2017 wurden in Büdingen in zwei Bauabschnitten umfangreiche Straßenbaumaßnahmen durchgeführt, die den Bau des Herzberg-Kreisels und den Ausbau der angrenzenden Straßen An der Saline und Berliner Straße beinhalteten. Im Zuge dessen wurde ein Pflanzkonzept für Kreisel und Straßenbegrünung erstellt. Die landschaftsgärtnerischen Arbeiten wurden im Rahmen der Straßenbauarbeiten mit ausgeschrieben. Ein Garten- und Landschaftsbaubetrieb wurde als Subunternehmer des Straßenbaubetriebes mit den Pflanz- und Pflegearbeiten beauftragt. Allerdings verfügte dieser nicht über Erfahrung mit der Anlage und Pflege von Staudenpflanzungen. Die Betreuung der Arbeiten durch das Landschaftsarchitekturbüro musste daher engmaschig erfolgen. Es empfiehlt sich also, die Beauftragung an den Nachweis von Referenzen über ähnliche Projekte zu knüpfen.

Die Pflanzung selbst erfolgte jeweils im Herbst nach Fertigstellung eines Straßenbauabschnitts: Ende November 2017 bei Schneefall und Anfang September 2018. Es hat sich bewährt, die Stauden im Herbst zu pflanzen, da sie nach den Niederschlägen im Winter besser ins darauffolgende Frühjahr starten. Bepflanzt wurden hier etwa 800 Quadratmeter mit sechs bis sieben Stauden pro Quadratmeter. Ebenfalls bewährt hat sich die Pflanzung in ein Dachbegrünungssubstrat, trotz des trockenen Sommers 2018 und nur vier Wässerungsgängen kam es kaum zu Ausfällen.

Je nachdem, ob der anstehende Boden verwendet werden kann, ist bei einer Fläche dieser Größe mit Gesamtkosten zwischen 30 bis 35 Euro brutto pro Quadratmeter beziehungsweise 42 bis 45 Euro brutto pro Quadratmeter zu rechnen. Bei der Verwendung von Dachbegrünungssubstrat sind es etwa 50 Euro brutto pro Quadratmeter.

Wichtig für das Gelingen war auch hier die Lieferung sortenechter Stauden, diesmal ohne Anzuchtauftrag. Die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Staudengärtnereien ist ein wesentlicher Faktor für das Gelingen einer Pflanzung. Die ausgewählten Stauden sind resilient gegenüber den lebensfeindlichen Bedingungen entlang der Straßen. Gepflanzt wurden sowohl langlebige als auch kurzlebige Stauden. Letztere sollen sich aussäen und entstehende Lücken füllen. Sie sind farblich aufeinander abgestimmt. Auch wurde eine Blühabfolge erstellt, damit sichergestellt ist, dass der Kreisel und die angrenzenden Straßen während der gesamten Vegetationsperiode mit wechselnder Blütenpracht erfreuen.

Die in der Berliner Straße verwendeten Arten stammen überwiegend aus Nordamerika. Zum Beispiel Gaillardia-Hybride 'Tokayer', Echinacea paradoxa oder Agastache, andere sind in Süd- und Osteuropa heimisch, wie etwa Euphorbia seguieriana ssp. nicicana oder Festuca amethystina. Auch heimische Arten wurden berücksichtigt: Aster amellus, Anemone sylvestris oder Salvia nemorosa. Auch wenn heimische Pflanzen etwas häufiger von Insekten angeflogen werden als gebietsfremde, sind diese Stauden aus Nordamerika - so zumindest der bisherige Eindruck in Büdingen - dem Klimawandel und den extremen Standortbedingungen eher gewachsen.

4 Keltenkreisel mit der Skulptur des Keltenfürsten im Hintergrund. Foto: Dieter Turner

Keltenkreisel im Spätsommer. Foto: Dieter Turner

Ausgezeichnetes Pflanzkonzept und Kreisel Reichardsweide

Im Herbst 2018 wurde das Büdinger Pflanzkonzept mit dem Husqvarna-Förderpreis ausgezeichnet. An dem Förderwettbewerb mit dem Titel "Erfolgreiche Grünkonzepte in Städten" - ausgerichtet vom gleichnamigen Unternehmen und der Stiftung Die Grüne Stadt - können Städte und Gemeinden, Wohnungs- und Immobiliengesellschaften, Landwirtschaftsarchitekten, Landschaftsgärtner, Vereine, Verbände und Initiativen teilnehmen. Gesucht werden nachhaltig erfolgreiche Konzepte zur Planung, Pflege und Weiterentwicklung öffentlicher Grünflächen. Prämiert werden Grünkonzepte, die Vorbildcharakter für andere Städte haben.

Mit dem gewonnen Preisgeld von 10 000 Euro wurden und werden in Büdingen zweckgebundene Maßnahmen umgesetzt, die dem Pflanzkonzept dienen: ein Rosenschnittkurs für die Gärtner des Bauhofs und interessierte Bürger zum Beispiel. Zudem wurden im September auf der Rasenfläche des Kreisels Reichardsweide Blumenzwiebeln maschinell eingebracht, die ebenfalls vom Preisgeld gekauft wurden. Sie sind nach Langlebigkeit, Insektenfreundlichkeit und Blühdauer ausgewählt: Crocus, Muscari, Chionodoxa, Wildtulpen und Narzissen in Arten und Sorten, die sich selbst vermehren.

Dem Bauhof entstehen hier keine Zusatzkosten für die Pflege. Es muss lediglich um die Zwiebelpflanzen herumgemäht werden, bis sie eingezogen haben.

Die Büdinger Gärtner

Das Gelingen eines nachhaltigen kommunalen Pflanzkonzepts ist von mehreren Faktoren abhängig. Zu nennen sind zum einen die Auswahl geeigneter Stauden, die richtige Pflanzzeit, die Sortenechtheit und die Unterstützung der Verwaltung. Zum anderen steht und fällt es mit den Gärtnern, die für die Pflege der Pflanzflächen zuständig sind. Sie müssen bereit sein, Verantwortung zu übernehmen. Schließlich steuern sie mit ihrer Pflege, wie sich die Anlage entwickelt. Fehlt es an der Bereitschaft, sich neuen Ideen zu öffnen oder das Konzept zu unterstützen, ist ein Scheitern wahrscheinlich. Folge: Die Pflanzung verwildert.

In Büdingen werden die Gärtner deshalb geschult. Sie lernen, wann und auf welche Weise sie in den Pflanzflächen eingreifen müssen, damit sich die Stauden optimal entwickeln. Hierzu einige Beispiele: 1. Werden im Frühjahr bestimmte Arbeiten versäumt, hat das Auswirkungen auf die gesamte Vegetationsperiode. Wird Unkraut also nicht rechtzeitig entfernt, sät es sich aus. Die Menge multipliziert sich nicht nur, sondern potenziert sich - mit dem Ergebnis, dass keiner mehr Lust hat, die Fläche zu pflegen. 2. Im zeitigen Frühjahr müssen die Stauden mit dem Balkenmäher oder einem anderen Gerät tief abgemäht werden, damit sie wieder von unten austreiben. Wird dies versäumt, wird die Pflanzung unansehnlich. 3. Wird Wiesensalbei nach der Blüte bodengleich abgeschnitten, treibt er wieder aus und blüht er im selben Jahr ein zweites Mal. 4. Damit die Steppenkerze auch im Folgejahr üppig blüht, ist nach der Blüte das Düngen mit Kalimagnesium sinnvoll. Solches Fachwissen wird von den Büdinger Gärtnern in einem Pflegeplan festgehalten, der im Jahreslauf als Grundlage für anstehende Arbeiten dient.

Gedeihen die Pflanzen, präsentieren sich die Pflanzungen übers Jahr in ihrer vollen Blütenpracht, wird den städtischen Gärtnern Lob und Anerkennung zuteil. Das motiviert und spornt an. In Büdingen identifizieren sich die Gärtner des städtischen Bauhofs inzwischen stark mit den Flächen und mit ihrer Arbeit. Der örtliche Bauhof und dessen Leiter Siegfried Buchhold leisten vorbildliche Arbeit. Seit einiger Zeit wird bei der Neueinstellung von Bauhofmitarbeitern zudem darauf geachtet, dass diese über eine gärtnerische Ausbildung verfügen. Von 17 Bauhof-Mitarbeitern sind fünf ausgebildete Gärtner. Nach einigen Jahren der Überzeugungsarbeit wurde außerdem kürzlich eine weitere Gärtnerstelle geschaffen.

9 Randbeet Herzberg-Kreisel I. Foto: Hubertus Protz

10 Randbeet Herzberg-Kreisel II. Foto: Hubertus Protz

Fazit

Staudenpflanzungen haben eine eigene Dynamik, die Flächen verändern sich von Jahr zu Jahr. Die Artenanzahl geht meist zurück; an der Bepflanzung des Keltenkreisels lässt sich das bereits beobachten. Dennoch ist die Begrünung auch im elften Jahr nach der Anlage immer noch attraktiv. Es verwundert nicht, wenn andere Kommunen auf das Büdinger Pflanzkonzept aufmerksam werden. Im vergangenen Sommer haben Vertreter zweier Städte des Main-Kinzig-Kreises Büdingen besucht und sich während eines Ortstermins mit dem Bürgermeister, dem Leiter des städtischen Bauhofs und der Landschaftsarchitektin Anette Schött ausführlich informiert.

Kommunen, die ein eigenes Grünkonzept für große Flächen anstreben, sollten einige Punkte beachten, damit das Projekt gelingt. Sowohl die Verwaltung als auch die Gärtner sollten hinter dem Konzept stehen oder sich sogar idealerweise damit identifizieren. Außerdem: rechtzeitig mit der Planung beginnen, bei großen Flächen einen Anzuchtauftrag vergeben, den jeweiligen Standort und dessen Bedingungen genau beachten, eine Blühabfolge erstellen, nicht nur die Höhenstaffelung, sondern auch das Verhältnis zwischen Gerüststauden, Begleitstauden, Füllstauden, Bodendeckstauden und Geophyten berücksichtigen. Zudem sollten die Stauden das ganze Jahr über ein ansprechendes Aussehen haben, also auch schöne Fruchtstände oder ein farbenfrohes Herbstkleid. Im Handel werden fertige Staudenmischungen angeboten, die allerdings die spezifischen Besonderheiten eines Ortes nicht komplett berücksichtigen können. Für Kommunen, die über kein entsprechendes Budget verfügen, auf eine Begrünung aber nicht verzichten möchten, sind solche Mischungen dennoch eine Möglichkeit, öffentliche Flächen ohne aufwändige Planungen aufzuwerten.

Das Wichtigste ist und bleibt freilich folgendes: Die Pflege von Staudenpflanzungen im öffentlichen Raum muss dauerhaft gewährleistet sein.

11 Rückschnitt am Keltenkreisel. Foto: Anette Schött

12 Gewinner beim Förderwettbewerb Husqvarna. Foto: Elke Kaltenschnee

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 11/2019 .

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