Heinrich Strößenreuther im Gespräch mit Stadt+Grün
"Klimaanpassung erreicht auch die bürgerlichen Milieus"
von: Prof. Dr.-Ing. Jens Lüdeke, M. Eng. Luna Kansou
Heinrich Strößenreuther ist Initiator des Berliner Baumentscheids, Vorstand im BaumEntscheid e.V. und seit Jahren in der klima- und verkehrspolitischen Zivilgesellschaft aktiv.
Stadt+Grün: Der Berliner Baumentscheid gilt als einer der erfolgreichsten umweltpolitischen Volksentscheide der letzten Jahre. Was waren aus Ihrer Sicht die entscheidenden Erfolgsfaktoren?
Ein wesentlicher Punkt war, dass wir Politik und Senat nicht angegriffen haben. Wir haben nicht moralisch angeprangert, sondern gesagt: Für Vergangenes kann niemand mehr etwas – aber die Zukunft können wir gestalten. Das verändert die Tonlage. Zweitens haben wir sehr bewusst darauf geachtet, nicht nur aus einem klassischen NGO-Milieu heraus zu kommunizieren. Wir wollten bürgerlich anschlussfähig sein – in Sprache, Auftreten und Stil. Und drittens war entscheidend, dass wir Schritt für Schritt gesellschaftliche Bündnisse aufgebaut haben: zuerst im Umwelt- und Klimabereich, dann in sozial orientierten Strukturen, später auch in konservativeren Organisationen und Verbänden. So entstand eine breite Unterstützungsdynamik.
Hat Sie die Breite der Unterstützung überrascht – gerade jenseits der klassischen Umweltmilieus?
Klimaanpassung trägt als Thema in konservativeren Milieus oft stärker als Klimaschutzdebatten. Anpassung ist lokal, direkt, sichtbar: Wie geht es dem Baum vor der Haustür? Welche Straße wird im Sommer unerträglich heiß?
Das ist auch aus umweltpsychologischer Sicht klug: Man mobilisiert über das konkret Wahrnehmbare. Die globale Krise läuft im Hintergrund mit, aber der Einstieg ist greifbar. So holen wir Milieus in die Debatte zurück, die in den letzten Jahren an anderer Stelle verloren gegangen sind.
Das Klimaanpassungsgesetz Berlin (KAnGBln) wird als Meilenstein bezeichnet. Was unterscheidet es aus Ihrer Sicht grundsätzlich von früheren Strategien und Programmen?
Berlin hat viele gute Konzeptpapiere – aber oft fehlt es an Verbindlichkeit, an konkreten Vorgaben, an Personal und an Prozessen. Es gibt Pilotprojekte, es gibt im Neubau Fortschritte. Die eigentliche Baustelle ist jedoch der Bestand: 90 bis 95 Prozent der Stadt stehen bereits.
Mit dem KAnGBln wird das, was in Papieren oft abstrakt bleibt, in konkrete Pflichten und überprüfbare Zielpfade übersetzt. Wenn Kühlung, Stadtbäume und Regenwassermanagement ernst gemeint sind, braucht es klare Vorgaben, sonst kommen keine Ressourcen und Personal.
Besteht die Gefahr der Überfrachtung – oder sind die Zielgrößen aus Ihrer Sicht genau richtig gesetzt?
Die Zielgrößen sind aus dem Problem heraus gedacht. Ohne messbare Vorgaben bleibt man in Symbolpolitik haften und wird nicht rechtzeitig Hitze, Dürre und Klimawandel vorbauen. Natürlich ist die Umsetzung ambitioniert – aber genau deshalb braucht es den verbindlichen Rahmen.
Wo sehen Sie Nachbesserungsbedarf oder Stellen, die noch präziser werden müssten?
Ein Punkt ist die planerische Konkretisierung der blau-grünen Infrastruktur beim Thema Regenwasser. Der Kern ist, Regenwasser vor Ort zu halten, zu nutzen und Versickerung zu organisieren – das muss in der Praxis sauber hinterlegt werden. Standardisierung, schnell realisierbare Standardlösungen mit Rahmenverträgen lieferfertig ausgeschrieben, ggf. auch bürgerlicher Entsiegelungssupport – all das verbirgt sich hinter den nüchternen Gesetzeszeilen.
Zweitens ist Hitzeaktionsplanung oft erstaunlich unpräzise. Da gibt es vielerorts eher formale Pläne, aber zu wenig Klarheit über wirksame Maßnahmenketten – gerade mit Blick auf vulnerable Gruppen wie pflegebedürftige ältere Menschen. Hier braucht es stärkere Operationalisierung, aus der dann auch die Budgets und Personale kommen, die in vielen Hitzeaktionsplänen ausgespart werden.
SUG-Stellenmarkt

Wo liegen derzeit die größten praktischen Hürden bei der Umsetzung?
Für mich ist das aktuell vor allem eine Change-Management-Aufgabe, eine Tricky-Standardisierungschallenge und eine Großprojektmanagement-Herausforderung.
Und es braucht strukturierte Umsetzungsplanung: Welche Prozesse, welches Personal, welche Richtlinien müssen angepasst werden? Die Bezirke sind heute personell und organisatorisch nicht so aufgestellt, dass sie das ohne weiteres leisten könnten. Der § 22 verpflichtet zum Umsetzungsplanungsprojekt.
Leitungen sind im Straßenraum oft das zentrale Hindernis. Ist der klassische Straßenbaumstandort in vielen Straßen überhaupt noch realistisch?
Ich glaube, Lösungen sind möglich – aber sie verlangen ein neues Denken im Querschnitt. Man muss vom Rand her planen: von Hauswand, Gehweg, Radweg, blau-grüner Infrastruktur – und erst danach den verbleibenden Straßenraum.
Außerdem müssen sich Leitungslegungen künftig an den Pflanzzielen orientieren, nicht umgekehrt. In einzelnen Fällen werden Umgestaltungen nötig sein – Querschnitt ändern, Flächen neu verteilen, Umwidmungen vornehmen. Ohne solche Eingriffe wird es nicht gehen.
Wie bewerten Sie das Ziel "im Durchschnitt alle 15 Meter ein Baum"?
In vielen Straßen haben wir diese Baumabstände heute schon – und dort, wo sie fehlen, merkt man es bei Hitze sofort. Wenn diese Baumstruktur nicht entsteht, werden Straßen in 30 oder 40 Jahren unerträglich heiß, weil Berlin nicht für Temperaturen wie in südeuropäischen Städten geplant wurde.
In der Fachdebatte werden Mehrfachpflanzungen und kleinere Baumformate diskutiert. Wie stehen Sie dazu?
Wir werden die Zielzahlen mit klassischer Großbaumpflanzlogik nicht erreichen. Es braucht ergänzende neue Verfahren. Die Idee, mit kleineren Pflanzen zu arbeiten und Flächen eher "waldartig" zu bepflanzen, ist attraktiv – auch weil daraus potenziell geringere Pflegeaufwände entstehen können. Wenn sich schnell ein geschlossenes Kronendach bildet, kann die Bodenfeuchte stabiler bleiben, und der Bewässerungsbedarf sinkt. Dafür brauchen wir aber Validierung, Standards und praktische Erfahrung – die gibt es bislang noch zu wenig.
Das KAnGBln sieht ab Ende 2027 ein starkes Beteiligungsinstrument für Bürger:innen und Unternehmen vor. Welche Chancen sehen Sie darin?
Das kann erheblich beschleunigen. Wenn Menschen oder Unternehmen Baumscheiben und Nachpflanzungen organisieren können und darauf einen Rechtsanspruch samt Genehmigungsfiktion haben – über fachkundige Dritte –, entsteht zusätzliche Umsetzungskraft. Perspektivisch wäre es sinnvoll, solche Mechanismen auch für neue Standorte weiterzuentwickeln, um die Zielzahlen realistisch erreichen zu können.
Das Ziel klimawirksamer Grünflächen in kurzer Erreichbarkeit wirkt sehr ambitioniert. Wo sollen diese Flächen herkommen?
Entscheidend ist, dass das Ziel flexibel interpretierbar ist, auch über mehrere Teilflächen. In dicht bebauten Quartieren wird man nicht "einfach mehr Bäume" pflanzen können. Dort muss man die wertvolle Erholungs- und Artenvielfaltsfläche aus Asphalt und Versiegelung zurückgewinnen – dann entsteht ein anderes Stadtbild.
Wenn Menschen verstehen, wie sehr das Lebensqualität verbessert, kann das eine lokale Dynamik erzeugen: Quartiere werden dann selbst Druck machen, dass sie zuerst umgestaltet werden.
Wie lösen Sie den Zielkonflikt zwischen Wohnungsbau, Verkehr und Grün?
Diese Debatte wird politisch geführt werden müssen – und zwar quartiersbezogen. Entscheidend ist die Frage: Wie wollen wir in 20 bis 30 Jahren bei deutlich höheren Temperaturen in der Stadt leben?
Häufig genannt werden 3,2 Milliarden Euro bis 2040. Halten Sie diese Größenordnung für realistisch?
Klimaanpassung kostet – darüber haben wir als Klimaaktivisten Jahrzehnte gewarnt. Und nun ist tatsächlich Zahltag – die Rechnungen für unterlassenen Klimaschutz haben wir präsentiert. Und dennoch ist die entscheidende Frage zunächst die Abfluss- und Umsetzungsgeschwindigkeit. Wenn die Startphase nicht gut läuft, wird wenig umgesetzt – dann ist jede Zahl theoretisch.
In manchen Kalkulationen sind Personalkosten der Verwaltung nicht hinreichend abgebildet. Und bei Pflanz- und Pflegekosten hängt viel daran, ob innovative Verfahren tatsächlich funktionieren. Wenn sie nicht implementiert werden, ist man schnell in deutlich höheren Größenordnungen. Beim Regenwasserbereich kann es zudem sein, dass der Aufwand unterschätzt ist.
Wenn Sie bis 2040 nach vorn blicken: Woran würden Sie persönlich messen, ob Baumentscheid und KAnGBln erfolgreich waren?
Ich würde sehr schlicht zählen: Steht im Durchschnitt alle 15 Meter ein Baum auf jeder Straßenseite? Wenn nicht, werden viele Straßen in Zukunft sehr heiß. Und daneben: Gibt es die vielen kleinen Kühlinseln, Miniparks und mehr Grün – gerade dort, wo Menschen heute in Beton und Asphalt leiden? Erfolg ist am Ende sichtbar: im Stadtbild und in der Frage, ob Berlin in Hitzeperioden gut lebbar bleibt.











