Hohe Biodiversität bei heimischen Arten nachgewiesen
Zur Tierökologie von Wildgehölzen
von: Dipl.-Ing. Katrin Kaltofen, Dr. Reinhard Witt
Wenn wir die positiven, auf Gegenseitigkeit begründeten Nahrungsbeziehungen von Wildbienen, Säugern und Vögeln ansehen, finden wir dort allerdings relativ wenig hochspezialisierte Arten. Blütennektar, Blütenpollen oder Früchte stellen zwar eine wichtige Zusatznahrung dar, weil sie energiehaltig und leicht zu nutzen sind.
Aber welche Blüten oder welche Früchte heimischer Gehölze nun genau besucht und befressen werden, scheint sekundär zu sein. Vorlieben oder spezielle Interessen lassen sich kaum finden. Kein Vogel frisst nur Vogelbeeren, keine Gehölzfrucht wird nur von einer einzigen Vogelart gefressen. Selbst bei den auf Pollen für ihren Nachwuchs angewiesenen Wildbienen existieren kaum enge Festlegungen auf nur eine bestimmte Gehölzgattung oder gar Gehölzart.
Kurzum: Es handelt sich zumeist um unspezialisierte Generalisten. Das wird bei an Blättern oder anderen Gehölzteilen fressenden Insekten anders. Kein Gehölz will befressen werden und somit beispielsweise seine lebenswichtigen Blätter oder Wurzeln verlieren. Solche Nahrungsbeziehungen sind also nicht mehr nützlich für das Gehölz, sondern schädlich. Trotzdem finden sie statt.






Der Wert heimischer Arten
Doch wie wichtig sind nun heimische Gehölze? Beginnen wir mit Schmetterlingen. Wir haben verschiedene Daten zu Raupenfutterpflanzen ausgewertet. Zum einen die Hitliste der Schmetterlingspflanzen von www.floraweb.de.
Ganz oben stehen dort Weidenarten mit 210 Schmetterlingsraupenarten, gefolgt von Eichen mit 178, dann Prunus mit 166 Arten.
Als nächstes kommen Birken (163), Heidelbeeren und Co (132), dicht gefolgt von Brombeeren (107), Erlen (97), Heidekraut (81) oder Weißdorn (78).
Im Mittelfeld liegen nach dieser Auswertung Linde (75), Buche (68) oder Haselnuß mit 64 Nutzern. Geißklee bekommt noch 57 Fresser zugeteilt.
Ganz unten fanden sich Liguster (25) und Johannisbeeren (22), aber selbst Holunder mit 18 und Hartriegel mit 17 Raupenarten erreichen noch vergleichsweise hohe Werte.
Im Schnitt kamen wir bei 36 Gattungen auf einen Wert von 76 Nutzern pro Gattung. Das ist ziemlich viel.
Nicht vergessen: Wir reden hier nur über Schmetterlingsraupen, nicht über die sonst noch vom Gehölz lebenden Tiere.
Nimmt man noch andere Quellen hinzu, verändert sich das Bild nur wenig. Wir haben zum Vergleich mit www.floraweb.de für zwei Standardwerke die dort angegebenen Raupenfutterpflanzen nach den jeweils besten einzelnen Gehölzarten ausgewertet.
In dieser Hitliste steht die Sal-Weide mit 213 Nennungen ganz oben, dicht gefolgt von der Stiel-Eiche mit 189 Raupenarten oder der Schlehe mit 141 Nutzern.
Die Auswertung nach Einzelarten, so deutet es sich an, passt gut in das Bild, das uns schon die Gattungen geben. Wir erkennen, dass es neben sehr attraktiven auch vergleichsweise unattraktive Wildgehölze gibt, die "nur" von den Raupen von 23 Schmetterlingsarten befressen werden. Das trifft für die Holz-Birne zu.
Doch Schmetterlingsraupen sind nur der Anfang. Der niederländische Forscher Willem N. Ellis hat unter www.bladmineerders.nl eine Datenbank aufgebaut, in der er eine kaum überschaubare Menge an Daten zu Pflanzenfressern veröffentlicht.
"Pflanzenparasiten Europas" heißt seine umfassende Datensammlung zu pflanzenfressenden Klein-Organismen. Damit erfasste er aber nicht nur Blattminierer, Gallen und Pilze, sondern alle gefundenen Insekten. Also ebenso Käfer, Schmetterlinge, Blattwespen, wirklich alles, was bisher bekannt ist.
Seine Forschungen haben entscheidend dazu beigetragen, dass wir den echten Wert heimischer Pflanzen so langsam in den Blick bekommen. Und verstehen, wie festgelegt, wie spezifisch, ja unwiderruflich spezialisiert Pflanzenfresser sind. Denn im Gegensatz zu den doch recht lockeren Beziehungen zwischen Wildbienen, Vögeln oder Säugetieren und Gehölzen sind die Pflanzenparasiten oder Mikro-Pflanzenfresser sehr viel strenger an ihre Wirtspflanzen gebunden.
Wir haben seine Daten für insgesamt 129 heimische Gehölze ausgewertet und kommen dabei auf einen Durchschnitt von 82 Mikro-Pflanzenfressern pro Wildgehölzart. Aus Platzgründen stellen wir aber nur die obersten 15 Arten einer Gattung vor.
Wenn wir die Ellis-Daten anschauen, fällt zunächst auf, dass die einzelnen Teile eines Gehölzes unterschiedlich intensiv genutzt werden. Am interessantesten ist das Blatt. Zählen wir zum Blatt noch die Blattknospen dazu, wird das Bild noch schärfer: der überwiegende Teil – etwa vier Fünftel der Pflanzenfresser – ernährt sich in irgendeiner Weise vom Blatt.
Blätter sind also die wichtigste Ressource. Die zweitwichtigste Futterquelle ist mit etwa 13 Prozent der Nutzer der Stängel. Alle anderen Strauchteile werden zwar ebenfalls befressen, aber weitaus weniger. Blüten dienen rund vier Prozent der Mikro-Pflanzenfresser als Futter, ebenso gering bleibt die Nutzung der Früchte beziehungsweise Samen (3 %).
Auf Wurzeln festgelegt sind knapp über ein Prozent der untersuchten Arten. Das heißt, dass der größte Fraßdruck auf den für die Mehrzahl der Mikro-Pflanzenfresser leicht zugänglichen, aber gleichzeitig für die Gehölze lebenswichtigen Blättern und Stängeln liegt.
Wie alle Lebewesen will auch das Gehölz überleben, es wird sich deshalb gegen den Befraß wehren. Es sind stärkste Abwehrmaßnahmen zu erwarten. Wenn ihnen jemand den Arm abschneiden will, mögen Sie das bestimmt auch nicht. Diese starke Abwehrreaktion führt zu einer starken Spezialisierung der Insektennutzer auf bestimmte Arten, Gattungen oder Familien. Denn es braucht von Seite der Pflanzenfresser sehr viel Zeit, zum Beispiel um die tödlichen Fraßgifte zu neutralisieren.





Von der Seite der Mikro-Pflanzenfresser betrachtet, ist die Festlegung auf im Groben zwei Strauchorgane aber gleichfalls problematisch. An Blättern und Stängeln ist damit ein Hauen und Stechen zugange. Ein atemloses Wettrennen: Auf die Pflanze, fertig, los.
Das würde, wenn alle Nutzer auf allen Pflanzen alles fressen, ziemlich viele Tote geben. Zu viele Interessenten für ein Produkt. Falls Sie wegen einer wichtigen Verabredung etwas zu spät zum Essen kommen, ist das angesagte Restaurant schon ausgebucht. Eine Präferenz für ein anderes, weniger überlaufenes Restaurant wäre hilfreich. Wettbewerbsvermeidung wäre aus Sicht der Mikro-Pflanzenfresser ein zweiter Grund sich zu spezialisieren.
Der Detailblick auf die Wildgehölznutzer offenbart zunächst einmal zwei Dinge. Das erste ist die generelle Aufspaltung der Nutzer auf viele verschiedene Gehölzgattungen.
Welches Gehölz wir auch im Detail in den Ellis-Listen überprüfen: Es gibt auf Gattungsniveau nur minimale Überschneidungen.
Das heißt, die 346 Mikro-Pflanzenfresser der Trauben-Eiche (Gattung Quercus) decken sich gar nicht oder nur unwesentlich mit den 41 vom Sauerdorn (Gattung Berberis), die sich wiederum nicht mit den 181 Arten vom Heidekraut (Gattung Calluna) überschneiden.
Wir sehen hier ein Phänomen, auf das auch Willem N. Ellis hinweist: Die Mikro-Pflanzenfresserfauna ist extrem vielfältig. Die Spezialisierung erfolgt meist schon auf Gattungsebene, spätestens bei der Familie ist die Grenze erreicht, in selteneren Fällen passiert das sogar auf Artniveau. Anders gesagt: Mikro-Pflanzenfresser sind wählerisch.
Um den Fraßdruck, der auf den Pflanzen liegt, zu reduzieren, haben Pflanzen während ihrer Evolution die unterschiedlichsten Strategien entwickelt. Um die Meute der Fraßfeinde abzuhalten werden zum Beispiel Gällstoffe, Bitterstoffe, ja sogar Insektizide in Blättern und Stängeln eingelagert.
Dazu kommen mechanische Barrieren wie Kleber, Schleim, Haare, Borsten, Dornen und mehr. Wir nennen das der Einfachheit halber Beißschranke. Wobei, das ist wichtig, jede Pflanzenart ihre eigenen Beißschranken errichtet. Eine spezifische toxische Mischung von Hormonen, Giften, subtilen mechanischen Fallen. . . Der Aufwand, diese Beißschranken zu überwinden, ist immens.
In der Koevolution Pflanze-Pflanzenfresser haben jeweils nur wenige Tierarten sich soweit angepasst, dass sie diese individuellen Beißschranken überwinden können. Sie haben es bei einer Art, maximal einer Gattung geschafft. Sie können nur Quercus, sie können nur Berberis, sie können nur Calluna.
Ökologen gehen davon aus, dass bei heimischen Pflanzen der Großteil der Mikro-Pflanzenfresser auf bestimmte – und in Mitteleuropa heimische – Pflanzen spezialisiert ist. Das sind 80–90 Prozent aller 15.000 hierzulande pflanzenfressenden Insekten. Nur ein Bruchteil unserer Tiere kann also auch nicht-heimische, exotische Gehölze nutzen.
Wir halten fest:
- Heimische Gehölze ernähren viele verschiedene Arten von Mikro-Pflanzenfressern
- Mikro-Pflanzenfresser sind zum Teil hochspezialisiert auf einzelne heimische Gehölzarten oder Gattungen
- Das Gros der Mikro-Pflanzenfresser hat sich auf die Nahrungsressource Blatt spezialisiert, viel weniger nutzen in irgendeiner Art die Stängel. Die anderen Strauchteile sind kaum attraktiv: Fraß an Blüten, Früchten und noch stärker an Wurzeln rangiert in der Beliebtheitsskala ganz unten.
Außer der hohen Artenvielfalt an Mikro-Pflanzenfressern produzieren heimische Gehölze eine große Masse von Tieren. Diese durch den Pflanzenkonsum entstandene Biomasse ist die Grundvoraussetzung der darauf aufbauenden Nahrungsketten und -netze.


Der Wert exotischer Arten
Eigentlich könnten wir uns den nächsten Abschnitt sparen und damit schließen, dass heimische Gehölze – die echten wilden – die erste und beste Wahl sind, wenn man ernsthaft vorhat, die daran anpasste Fauna bis ins nächste Jahrhundert zu retten. Leider spricht die Realität dagegen, dass wir uns das leisten können. Wohin wir auch schauen, überall prägen Exoten das Bild.
Im öffentlichen Grün ist das so, in Privatgärten noch mehr, manchmal sogar in freier Landschaft. Damit Sie argumentativ besser gegen die Interessen der Exotenverwender gerüstet sind, haben wir im Buch "Wildgehölze" einiges zusammengestellt. Das Wissen über die tierökologischen Konsequenzen der Verwendung exotischer Gehölze fehlt oft, wird abgestritten oder übergangen. Deshalb hier einige wissenschaftliche Fakten.
Ja, auch an exotischen Gehölzen fressen Insekten! Nun wird es wirklich frustrierend für die Verfechter der Pflanzung exotischer Gehölze. Wir haben insgesamt 72 übliche fremdländische Gehölze auf ihre Mikro-Pflanzenfresser untersucht. Das Ergebnis ist wirklich ein Trauerspiel. Zwar gibt es einige Ausreißer nach oben, aber ansonsten sieht es mau aus, und wir finden immer deutlich – oft sogar erschreckend – weniger Arten als bei heimischen Gehölzen.
Einige Beispiele: Der Stand der Forschung listet für exotische Vertreter der Birken namens Blau-Birke Betula caerulea und Gelb-Birke Betula alleghaniensis gerade einen und sechs Pflanzennutzer auf, allesamt Blattfresser.
Für die heimische Hänge-Birke führt Willem N. Ellis hingegen 352 Interessenten auf: 287 sind auf Blätter spezialisiert, 40 auf Stängelteile, elf knuspern an den Blüten, drei brauchen Samen und einer befällt die Wurzeln. Diese erhebliche Diskrepanz offenbart sich bei vielen weiteren Arten.
Der in Gärten beliebte, aus Zentral- und Ostasien stammende Feuer-Ahorn Acer ginnala entfaltet zwar ein Feuerwerk in der Herbstfärbung, ist aber ansonsten weitgehend uninteressant – außer für seine gerade mal mickrigen acht Blattfresser.
Dem stehen beim Feld-Ahorn 151 Blattfresser plus 34 Stängelnutzer gegenüber; insgesamt weist die heimische Art 206 Mikro-Pflanzenfresser auf. Noch nicht genug?
Wenn wir den heimischen Roten Hartriegel Cornus sanguinea (93 Nutzer) mit seiner in Gärten üblichen nicht heimischen Verwandschaft vergleichen, werden wir depressiv.
Und zwar in dieser Reihenfolge:
- Weißer Hartriegel Cornus alba: elf Mikro-Pflanzenfresser,
- Seidiger Hartriegel C. seriaca: acht,
- Amerikanischer Blumen-Hartriegel C. florida: drei,
- und Japanischer Blumen-Hartriegel C. kousa frustrierende zwei Tierarten.
Wo wir auch hinschauen, die Exoten schneiden signifikant schlechter ab. Der heimische Eingriffelige Weißdorn bringt es auf summarisch 184 Tierarten, der exotische oft gepflanzte Hahnen-Dorn auf zwölf, und auf dem gleichfalls beliebten Rot-Dorn wurde bislang nur eine Art gefunden. Wir glauben, dass wir hiermit genug zu den Ellisdaten gesagt haben, wenn Sie noch mehr entdecken möchten, schauen Sie gerne selbst nach.
Warum bleiben exotische Gehölze ungenutzt? Die Antwort haben wir im Prinzip oben schon gegeben. Es liegt an der Beißschranke. Die besteht bei heimischen Gehölzen und natürlich genauso bei exotischen.
Bei heimischen Arten konnten Insekten und andere Strauchnutzer sie durch Koevolution für jeweils bestimmte Arten und Gattungen hierzulande überwinden. Der giftige Chemiecocktail, den – sagen wir – eine Rote Heckenkirsche, zur Abwehr gegen Fraßfeinde einsetzt, konnte neutralisiert werden. In dem Maße wie das gelang, wurde der Strauch zunehmend attraktiv als Futterpflanze.



Wir dürfen aber nicht nur die reinen Artenzahlen zwischen Exoten und heimischen Gehölzen vergleichen, auch wenn sie schon sehr viel aussagen. Viel wichtiger für die Erhaltung des Lebens in unseren Gärten und Grünanlagen ist die Menge der von Pflanzenfressern gefressenen Masse, also die Biomasse. Und die ist bei heimischen Gehölzen um das Vielfache höher. Nur wenn der heimische Schneeball zerfressen und zerfetzt ist, hat er viele Insekten produziert, die wiederum vielen Vögeln oder anderen Räubern als Nahrung dienen.
An unseren heimischen Wildpflanzen beginnen die ganzen Nahrungsketten. Ein Löchlein im Blatt des aus Asien stammenden Runzelblättrigen Schneeballs hilft also nicht sehr viel weiter, weil es eben nicht nur viel weniger Insekten auf Exoten gibt, sondern diese auch viel weniger Biomasse produzieren. Dagegen zeugt das komplett zerfressene Blatt des heimischen Gewöhnlichen Schneeballs von einer großen Biomasseproduktion.
Aus Schneeballblattkäfern werden nicht nur neue Schneeballblattkäfer, sondern auch Schlupfwespen, Raubwanzen oder Blaumeisen. Das Tröstliche daran ist, dass dieser zum Teil massive "Schädlings" Befall durch Pflanzenfresser unseren heimischen Gehölzen nichts ausmacht, auch wenn das erst einmal anders aussehen mag. Innerhalb relativ kurzer Zeit treiben sie wieder neu aus und können die Schäden kompensieren. Denn, erinnern wir uns, das ist genau das Kennzeichen von Koevolution. Das heimische Gehölz kennt seine heimischen Pflanzenfresser und kann damit umgehen.
Natürlich wirbt der Gehölzhandel gerade mit der Nichtnutzung seiner Exoten durch heimische Pflanzenfresser. Die große Frage ist, ob wir uns diese schöne Schau weiter leisten sollten? Welchen Preis wir bezahlen, wissen wir jetzt. In den meisten deutschen Gärten und Grünanlagen grassiert das Artensterben.
Literatur:
Reinhard Witt/ Katrin Kaltofen: Wildgehölze. Heimische Gehölze für Gärten und andere Freiflächen. Verlag Naturgarten, 2025.











