Der Görlitzer Park - Garten der Flucht und des Standhaltens

"Im Görli ist jeder Busch politisch"

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Die Pamukkale-Terrassen am Ersten Mai. Foto: Bernhard Wiens

Die Zutaten, die heute neu gemischt werden, waren alle schon 1984 da. Die "Freie Planungsgruppe" hatte die erfolgreichsten Ideen, wie aus einem 14 Hektar großen Bahnhofs- und Rangiergelände, das sich zwischen Schrottpresse und Kohlehalden in eine Brache verwandelt hatte, ein neuer Stadtpark wie Phönix aus der Asche hervorgehen kann. Es war die Zeit, als gelegentlich noch Güterzüge durch ein Tor in der Mauer nach Westen rumpelten und niemand genau wissen konnte oder wollte, wem was gehörte im Bahnbetrieb. Eineinhalb Jahrzehnte zuvor waren bereits Grünpläne ventiliert worden, aber nur als Camouflage für Autobahnpläne und verfochten von Baustadträten, die Fläche schufen durch Kahlschlag und Fläche benötigten für die autogerechte Stadt. Das Gelände des Görlitzer Bahnhofs wäre analog zum Gleisdreieck ein Abschnitt der Stadtautobahn geworden. Die Ostberliner Seite wurde, nicht ohne Vorahnung, gleich mit verplant.

Widerstand hatte sich bereits in den 70er-Jahren angebahnt und kulminierte in der Hausbesetzerbewegung - auch das eine Zutat, die sich bis heute erhalten hat. Im Schatten des spontanen Aktionismus bildeten sich jedoch Initiativen heraus, die sich gegen das Tabula-rasa-Denken wandten, indem sie sich in die planerischen Prozesse einbrachten und die Verwaltungen zum Dialog drängten. Das lief unter Titeln wie "Strategien für Kreuzberg". Die mythische Chiffre für die Kreuzberger Initiativen hieß "SO 36", übrigens von einer Post-Expedition abgeleitet, die sich auf dem Gelände des Görlitzer Bahnhofs befand. Der Görlitzer Park ist eines der frühesten Beispiele, wie sich aus bürgerschaftlichem Engagement eine planerische Idee kristallisiert und in ein Verwaltungshandeln übergeht, das in Friedrichshain-Kreuzberg die Teilhabe der Zivilgesellschaft nicht lediglich als Alibifunktion abtut.

Die "Freie Planungsgruppe" legte für den Park eine zentrale Achse an, welche den Verlauf der ehemaligen Gleise markiert. Die Achse bildet das Rückgrat und konnte damals weitergedacht werden als Durchbruch durch die Mauer nach Osten. Diesen Durchbruch inszenierten Künstler nach 1989 mit Hilfe einer Draisine. Leider stößt der Spaziergänger, nachdem er auf der historischen Brücke den Kanal überquert hat, auf der Treptower Seite immer noch an ein Gitter. Den Park selbst teilte die Planungsgruppe durch drei: Der Westen wird unter anderem durch eine Anhöhe geformt und gefasst, die Mitte ist offen und unbestimmt, den Eindruck der Weite durch eine große Mulde verstärkend, und der Osten schließlich ist naturnah und ökologisch gestaltet. Auch hier erhebt sich ein kleiner Hügel. Der Gebirgstopos mag vom Zielort der Bahn, Görlitz, abgeleitet sein. Den Kontrapunkt bildet das Thema Wasser, das bereits durch das in den Höhenzug eingebettete beliebte Hallenbad vorgegeben ist.

Etliche Sondernutzungen wie Kinderbauernhof und Verkehrsschule, Schmuckgarten, Sport- und Bolzplatz sind an den Rand gelagert, angelehnt an die - den Park begrenzende - historische Ziegelmauer. Die Einlässe sind nach den alten Vorstellungen der Planungsgruppe halb Schleuse, halb Schwelle. Die Sondernutzungen öffnen sich zum Park hin. Die Räume sind eng und weit, geschützt und offen zugleich. Schonung und Nutzung sollen sich die Waage halten. Der Park "bietet für jeden etwas und alles für jeden", hieß es damals.

So schön wie es sich liest, als kommunitäres Konzept einer Bürgerschaft, die Öffentliches und Privates in ausgewogener Mischung ausleben möchte, so wenig funktioniert es heute. Bürgerschaft, ein hehres Wort, ist in Kreuzberg mehr als anderswo zur Selbstzuschreibung einer akademischen Schicht geschrumpft, zu deren Ursprungsmythos die sozialen Bewegungen der 70er gehören. Der Park ist "gekippt", weniger ökologisch als sozial. Das Private wird durch die Heimlichkeit des Dealens überlagert und das Öffentliche durch die heutige Völkerwanderung zwischen den Kontinenten. "Wir feiern die Globalisierung, aber wir sehen die andere Seite nicht. Hier haben wir sie", sagt eine Anwohnerin. Unter den Flüchtlingen, die in Italien oder Spanien gestrandet sind, spricht sich der Görli als der beste aller möglichen schlechten Zielorte herum. Einer sagt: "Afrika ist kaputt, warum wären wir sonst hier?" Weniger kaputt, aber auf dem Retro-Hippie-Trip sind die Jugendlichen aus Wohlstandsländern, die in sozialen Netzen und alternativen Reiseführern vom Görli lesen. Cannabis ist hier Trumpf.

Entwurf (Ausstellungsplakat) von 1985 für den Görlitzer Park. Urheber: Freie Planungsgruppe Berlin GmbH

"Der Park wird nie fertig"

Die Themenfelder des Parks sollten Rückzugsorte für Sonderinteressen bieten, und die offenen weiten Räume waren als Bühne für freies Spiel gedacht, dem der Vorzug vor Parkmöblierung gegeben wurde. Schon in der Gründungszeit konkurrierten zahlreiche Flächenansprüche miteinander. Dem begegneten die Planer mit dem damals noch neuen Konzept einer prozesshaften Entwicklung unter Mitwirkung der Anwohner. In der Architektur firmiert dies unter "inkrementellem" Bauen. Das Haus soll Schritt für Schritt mit den Bewohnern und der Park soll mit den Anwohnern wachsen. Deshalb verzichten die heute im und um den Park wirkenden Akteure darauf, das neue Handlungskonzept¹ "Masterplan" zu nennen. Wie dichtete und sang doch Bertolt Brecht: "Ja mach nur einen Plan..."

Axel Koller, Leiter des Straßen- und Grünflächenamtes, berichtet dem Verfasser halb amüsiert, halb erschreckt vom Vorstoß eines Landschaftsarchitekten, der nur den Auftrag brauche und dann den fertigen Park beziehungsweise Umbau abliefere. Am Görli gibt es keine finalen Baumaßnahmen, darin ist der Park paradigmatisch. Koller: "Der Park wird nie fertig sein." Das Konzept des offenen, man könnte sagen: fließenden Raumes erfährt heute eine politische und soziale Zuspitzung. Der Görlitzer Park ist nach den Worten Kollers ein großes innerstädtisches Versuchslabor. Er ist ein lernender Park. Astrid Leicht von der Drogenberatung "Fixpunkt" ergänzt: Die Kräfte, die im Sozialraum wirken, sind zu analysieren, und danach sind die Notwendigkeiten der Bauplanung zu modifizieren. Soziale Komponenten und gestalterische Komponenten sind jeweils in Relation zu setzen. Jede der Nutzergruppen sollte im Kräfteparallelogramm ihren Platz haben. Jede der Fachdisziplinen sollte auf die jeweils anderen eingestellt sein. Auch die Sozialarbeit ist einzubeziehen, denn die "gestrandeten" jungen Dealer gehören zu diesem Tableau.

Was von den maroden Pamukkale-Terrassen übrig blieb, ist wieder benutzbar. Im ehemaligen Güterschuppen links residiert ein Jugendprojekt. Foto: Bernhard Wiens

Stark frequentierter nordwestlicher Eingang über Skalitzer Straße. Foto: Bernhard Wiens

Derselbe Eingang am Ersten Mai. Foto: Bernhard Wiens

Ein Eingang auf der Nordseite, der bereits vorbildlich ist. Foto: Bernhard Wiens

Historische Querung. Die Reste der Gleis-Unterführung, heute in eine Mulde mündend. Foto: Bernhard Wiens

Waren Parks am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert einmal die Bühne der gesellschaftlichen Repräsentanz des Bürgertums, so ist der Görlitzer Park heute die Bühne politischer und ideologischer Alltagskämpfe, wie der "Tagesspiegel" schreibt. Stadt ist gebaute soziale Realität. Der Kampf gegen die vergegenständlichte Realität, die den Namen "Gentrifizierung" trägt, ist auch in Friedrichshain-Kreuzberg nicht (mehr) mit den Mitteln einer "Stadtguerilla" zu gewinnen. Ein letztes Rückzugsgefecht wird symbolisch im Görli ausgetragen. Die "Autonomen" nehmen den "Freiraum" wörtlich und unmittelbar. Sie missverstehen den Begriff als Abwesenheit von Herrschaft. Im Grunde ist ihr Weltbild reaktionär. Redet man mit ihnen oder ihren Sympathisanten, so wird großer Wert darauf gelegt, dass nichts verändert wird im Park. Das mag für Jüngere, denen nicht nach pittoresker Heimeligkeit ist, angehen.

Die Autonomen jedoch verhalten sich affirmativ zur Verwahrlosung. Jedwede polizeiliche Intervention gegen das Dealen wird als "Racial profiling" gebrandmarkt. Für einen radikalen Gehölzrückschnitt, mit dem das Grünflächenamt 2014 auf Drogenfunde reagierte, handelte es sich den Vorwurf des "Polizeischnitts" ein. Allerdings erschloss sich auch weniger radikalen Anwohnern diese Maßnahme symbolisch als "Kahlschlag" wie damals in Zeiten der "Flächensanierung". "Hier ist jeder Busch politisch." Diese Aussage eines Mitglieds der Anwohnerinitiative wählte Franziska Becker denn auch als Überschrift ihrer eindringlichen "ethnographischen Nutzungsanalyse"², die sie im weiteren Sinn als Sozialraumanalyse angelegt hat.

Die linken Tugendwächter sprengen auch Bürgerversammlungen und Workshops, auf denen relative, auf Nächstliegendes bedachte Schritte zur Aufwertung besprochen werden. Sie lehnen sogar die bescheidenen Ansätze eines Urban gardening als Aufhübschung der Gentrifizierung ab. Die zur Militanz neigenden Linken setzen der inzwischen aufgeweichten Nulltoleranz-Politik der Exekutive ihre eigene Nulltoleranz entgegen. Mit ihrem Absolutismus der reinen Lehre treiben sie die sozialen Spannungen im Park auf die Spitze. Die Motive und Gründe des Drogenhandels gehören in jede Überlegung zur sozialen und gestalterischen Entschärfung der Konflikte. Aber die Symptome lassen sich weder verdrängen noch romantisieren. Der Drogenhandel führte zur Dissoziierung verschiedener Milieus im Park, die zuvor gelassen und sozialverträglich miteinander umgingen. Die Vorurteile zwischen den Gruppen nehmen zu. Hier greift ein einfaches Muster der Stereotypenbildung: Alle Dealer sind Schwarze. Alle Schwarzen sind Dealer. Das läuft auf die sprichwörtliche Angst vorm schwarzen Mann hinaus. Nicht einmal die Ausgangsthese stimmt. Beim "Narrativ" über afrikanische Dealer stellt sich zudem ein verstärkender Effekt ein. Die Aussagen von Parkbesuchern zu Übergriffs-Delikten berufen sich häufig aufs Hörensagen. Man kennt jemand, der jemand kennt...

Ein generelles Klima des Misstrauens breitet sich aus. "Angst haben hier alle", konstatierte eine Journalistin des "Tagesspiegel"³. Jeder beobachtet jeden, und sei es unbewusst. Mindestens befällt einen ein Unwohlsein beim Betreten des abgezirkelten Parks, und viele Gruppen meiden ihn ganz. Das trifft vor allem auf türkisch-stämmige Mütter zu, die sich um ihre Kinder sorgen, aber auch auf Ältere. Ein Anwohner: "Die gute Stimmung im Park ist vorbei, es gibt überall Befangenheit." Franziska Becker weist auf die gleichsam subkutane Verletzung der Intimität hin: "Die Abstandswahrung im öffentlichen Raum wird verletzt... Die Gegenseitigkeit des großstädtischen Blicks wird gestört." Hatte nicht Walter Benjamin vom "Augenblick des Angesehen-werdens" gesprochen, in dem sich Ewigkeit verdichtet und genau so schnell verflüchtigen kann? Benjamin spielt auf die Zufälligkeit von Begegnungen an. Der Zufall kann Glücksmoment, kann aber auch das plötzliche Hereinbrechen von Gewalt und Schock sein.

"So hab ich Wand nunmehr mein Part gemachet gut"4

Der Park ist nicht nur symbolisches Rückzugsgebiet für linke Traditionalisten, zu deren Ursprungsmythos brennende Bagger schon während der Bauzeit gehören, er wird auch von der Umgebung isoliert durch die Übernutzung seitens Alternativtouristen und Berliner Partyvolks. Ihr Anteil hat überproportional zugenommen. Die Erkenntnis, dass Drogenverkauf nur ein Äquivalent der Nachfrage ist, bietet keinen Ansatzpunkt zum Handeln. Der Besucherstrom wird schwer zu reglementieren sein. Die Drogenpolitik der Nulltoleranz wird von allen Beteiligten einschließlich der Polizei für gescheitert erklärt - von fast allen, denn die örtliche CDU beharrt nach wie vor auf dem Verbot auch von Kleinstmengen Cannabis.

Anzusetzen ist vielmehr bei der Erkenntnis, dass durch die Disproportionalität in der Nutzung ein Gefälle zwischen dem Freiraum und dem umgebenden Sozialraum entstanden ist. Cengiz Demirci, im letzten November zum Parkmanager berufen, möchte Brücken schlagen zwischen den Kiezen links und rechts des Parks, in denen Dutzende von Einrichtungen und Initiativen aller Art zu Hause sind. Sozialraum und Freiraum werden so zu einem Stadtraum verbunden. Demirci sammelt gerade Ideen, durch welche Angebote die versprengten Nachbarn wieder in den Park gelockt werden können. Er kann sich zum Beispiel eine Bühne in der Mitte der großen runden Mulde vorstellen. Dort finden sich die ruinösen Reste der Fußgänger-Unterführung unter den Gleisen, im Volksmund "Harnröhre" genannt, so lange sie noch zu begehen und zu riechen war. Die Ruinen sehen heute aus wie der Orkus, der die Geschichte des Görlitzer Bahnhofs verschlungen hat - ein schöner Ort für Theatralisches.

Ein neuer Spielplatz mit Wasserelement. Entwurf: gruppe F

Eine Idee zum Umgang mit der Mauer, die aus der Anwohnerinitiative kommt. Skizze: Benedikt Stockmayer

Damit die Kieze, vermittelt durch den Park, wieder zusammenrücken können, fehlt es jedoch an Transparenz, und die verwehrt ausgerechnet das markanteste Architekturelement. Eine Mauer aus hellen Ziegeln und schön profiliert, wie sie für preußische Bahnbauten aus dem 19. Jahrhundert typisch ist, umgibt das gesamte Gelände. Die Eingänge, die in den 80er-Jahren in die Mauer geschlagen wurden, wirken schmal wie Schlupflöcher. In deren Nähe, und damit in den Randbereichen des Parks, halten sich gern die Gruppen von Dealern auf. Die damaligen Planer haben durchaus Querverbindungen im Programm gehabt in Verlängerung der Straßen, die links und rechts auf die Längsseiten des Parks zulaufen, aber sie waren zu zaghaft, konnten Kommendes nicht voraussehen.

Die Aufweitung und Aufwertung der Eingänge durch Rückbau der Mauern sowie die Stärkung der Querungen gehören zu den Vorschlägen des Handlungskonzepts, das die AG Görlitzer Park im Mai letzten Jahres vorgelegt hat. Die AG setzt sich aus Anwohnern, Mitarbeitern der beteiligten Ämter und Vertretern von sozialen Trägern und Vereinen zusammen, deren Aktivitäten auf den Park und dessen Nutzer gerichtet sind. Die meisten Vorschläge schreiben fort, was in den vergangenen Jahren stets in Verbindung mit Anwohnerinitiativen bereits umgesetzt oder was im Parkpflegewerk5 von 2014/15 niedergelegt worden ist. Die Kontinuität spricht für die Stärke des ursprünglichen Konzepts. Die bisherigen Maßnahmen wurden jedoch der Ausbreitung von Angsträumen zu regelrechten "Gefahrenzonen" nicht Herr. Nur die Begleitkriminalität des Drogenhandels ist zurückgegangen.

Die zentrale Achse ("Lindenallee"), inzwischen asphaltiert und beleuchtet, ist die Kraftlinie des Parks. Deren Wirkung nimmt zu den Rändern hin ab. Die Mauern sind abweisend, verschatten gleichsam das Gelände. Etwas halbherzige Versuche wurden in der Vergangenheit durch die partielle Herausnahme von Mauerfüllungen und Ersatz durch Stabgitter gemacht. Auf der südlichen Seite verläuft außerhalb der Mauer entlang der Wiener Straße ein Grünstreifen, der verschenkt ist. Eine Radikalmaßnahme wäre der Abriss der Mauern, der den Grünstreifen anschlussfähig machen würde und Platz für einen Rundweg schüfe. Mit dem angrenzenden Straßenland würde sich ein stadträumliches Gesamtbild einstellen. Eine klare Kante wäre immer noch gegeben durch die Fluchtlinien der Traufen der gründerzeitlichen Wohnblockbauten. Das mag den für Berlin bedeutsamen Architekten O.M. Ungers schon 1977 angeregt haben, sich für das Gleisbett des Görlitzer Bahnhofs einen Berliner "Central Park" auszumalen.

Die Alternative wäre im Gegenteil der Erhalt der Mauer. Es ist ein reines Denkmodell, gehört aber zur Reflexion über den Park. Cengiz Demirci kann sich zumindest in den Stoßzeiten Eingangskontrollen vorstellen, und abends könnte der Park abgeschlossen werden. In Paris und anderswo gibt es Vorbilder. In Berlin sind vier Parks aus nicht immer nachvollziehbaren Gründen eingezäunt und eintrittspflichtig, aber sie liegen an der Peripherie. Im Görlitzer Park würde man mit solch einer Exklusion nicht weit kommen. Der gewünschte Abschreckungseffekt würde vom interessierten Publikum wahrscheinlich als Provokation empfunden.

Görlitzer Bahnhof, 1865-67 nach Plänen von August Orth errichtet. Quelle: Architekturmuseum der TU Berlin

Von der „Beschaubrücke“ spähten Vopos, ob sich Flüchtlinge in den Kohle- und Kieswagongs verbargen. Foto: Bernhard Wiens

Eine kreative Kompromisslösung, die Mauer durchlässig zu machen, stammt von der Anwohnerinitiative. Die Mauerfüllungen könnten je nach Erweiterungsbedarf herausgenommen werden. Die Pfeiler blieben stehen, und eine lose Sequenz aus Offenheit und Geschlossenheit entstünde. Variables Vorgehen ist auch deswegen verlangt, weil zu den ursprünglichen und heute noch wahrzunehmenden Funktionen der Mauern gehörte, Niveauunterschiede zu fassen. Wenn von den "entkernten" Mauern die Sockel erhalten würden, wären sie als Sitzfläche geeignet. Wo die Füllungen übrig blieben, könnten Graffiti-Festivals veranstaltet werden, ergänzt der Parkmanager. Der Ausgangspunkt für die Auflockerungsübungen ist der nordwestliche Eingang an der Skalitzer Straße, der versteckt liegt und in gefangene Räume mündet. Dieses Entree, das zur legendären U1 (Hochbahn) orientiert ist, hat die Qualität, als Stadtplatz ausgestaltet zu werden.

Sozialraumorientierung

Das Handlungskonzept schreibt die Empfehlungen des "ökologischen und partizipativen Parkpflegewerks" fort, welches wiederum auf dem "Integrativen Parkmanagement" von 2011-13 aufbaut, das von aktiven Anwohnern angeschoben wurde. Die Kette solcher partizipativen Initiativen riss nie ab. Allein zwischen 1999 und 2011 wurden elf Beteiligungsverfahren gezählt.6 Die Kehrseite ist eine wiederkehrende "Beteiligungsmüdigkeit". Das Parkpflegewerk jedoch ist nicht nur durch Mitwirkung einer informellen Steuerungsgruppe von Aktiven zustande gekommen, sondern es empfiehlt auch bei der Organisation des Parkgeschehens Beteiligungsformen, die im laufenden Jahr mutatis mutandis umgesetzt werden sollen. Die ökologischen Akzente des Werks sind mit der Maxime "Vereinbarkeit von Nutzung und Naturschutz" überschrieben und entsprechen damit dem Programm des Entwurfs der 80er-Jahre. Zwei einander diagonal gegenüberliegende Areale sind inzwischen als Schutzzonen ausersehen:

  • Teile des Hügels an und über dem Hallenbad. Hier besteht jedoch dringender Handlungsbedarf. Dornengestrüpp und Zäune verlaufen vollkommen unübersichtlich, Pfade enden im Nichts. Das entzieht sich jedem landschaftsarchitektonischen Gestaltungswillen, und der Schutz der Fauna, der als Begründung herhält, scheint eher den Obdachlosen zu dienen, die dort kampieren. Es ist ein Anti-Raum. Vor diesem Hintergrund erscheint der Vorschlag zu einem Hundeauslauf plausibel.
  • Der Teich an der Treptow zugewandten Seite. Er war von den ersten Parktagen an sehr filigran ausgestaltet worden mit einem Zulauf aus einer Brunnenanlage. Er verkam jedoch zum Hundebadesee. Ob die Sanierung der letzten Jahre Bestand haben wird, bleibt abzuwarten. Ein niedriger Zaun aus Baumstämmen und ein Schilfgürtel zeigen nach Angaben von Hilmar Schädel, dem Leiter des Bereichs Grünflächen, Wirkung. Man beobachte dort ein intensives Brutgeschehen. Der Anspruch auf ein ökologisches Rückzugsgebiet bestehe jedenfalls. Abweichende Stimmen kommen aus der Anwohnerinitiative. Diese Zonen sind und bleiben labil. Die starke Übernutzung verträgt sich nicht mit der halbherzigen Abschirmung eines Biotops. Der Park müsse robuster und überschaubarer gemacht und auch im Osten aus seiner Isolierung gelöst werden. Erste Abhilfe ist bereits durch einen neuen Eingang auf Höhe des Teiches geschaffen worden. Doch stellen die Mauer und ein Straßenverlauf, der der Kurve der Mauer folgt, nach wie vor eine Barriere dar. Die Uferpromenade des Landwehrkanals liegt außerhalb des Radius, im Abseits. Immerhin ist die Straße bereits auf "Einbahn" reduziert und könnte langfristig ganz aufgegeben werden.

Aber: "Das mangelnde Sicherheitsempfinden kann nicht durch Landschaftsplanung allein gelöst werden." Dieses Eingeständnis machte einer der anwesenden Landschaftsarchitekten auf einer Lagebesprechung der "AG Görlitzer Park" im Vorjahr. Da trifft es sich, dass Axel Koller eine Ausbildung in Sozialmanagement hat. Er vertritt einen "sozialraumorientierten Konzeptansatz" nach Wolfgang Hinte. Sozialarbeit ist danach nicht mehr auf den Einzelfall fokussiert. Drei Stellen für Sozialarbeiter, die allerdings von der Abteilung für Arbeit, Gesundheit und Soziales organisiert werden müssten, stehen auf der Wunschliste. Die amtsübergreifende Zusammenarbeit ist ein kleiner Beleg für die neue integrative "Stadtraumpolitik". Das liest sich gut, sollte jedoch nicht über das Monitum der Mitarbeiter sozialer Dienste hinwegtäuschen, die bereits im Park tätig sind: An die organisierte Kriminalität und an die Roma-Familien ist schwer heranzukommen.

Cengiz Demirci redet mit allen, auch mit den Autonomen, denn sein Ansatz ist vielleicht der umfassendste. Er versucht den Nutzern klarzumachen, dass der Park eine Almende ist. Wer am Park teilhat, muss auch bereit sein, Verantwortung zu übernehmen und etwas zurückzugeben. Als schlechtes Beispiel nennt Demirci die Fraktion der Hundebesitzer, die beanspruchten, dass für ihre Liebsten ein Claim abgesteckt wird, ohne sich um den Rest des Parks zu kümmern. Lorenz Rollhäuser von der Anwohnerinitiative sagt: Die Nutzergruppen haben verschiedene Wahrnehmungsweisen des Parks. Er funktioniert nur, wenn keine Gruppe den anderen ihre Sicht aufzwingt.

Alle hier protokollierten Vorschläge zur Sanierung und Weiterentwicklung des Parks wurden unter den Vorbehalt gestellt, dass sie mit dem Parkrat als dem neuen Organ der Beratung und Mitwirkung abzustimmen seien. Das Wahlverfahren zur Gründung des Parkrates, das im Frühjahr bei reger Anwohnerbeteiligung und ohne Störer durchgeführt wurde, betonte die repräsentativen, gruppenspezifischen Momente gegenüber basisdemokratischen. Dabei schossen die Initiatoren etwas über das Ziel hinaus. Einer der Wahlscheine enthielt Kandidaten, zu denen es keine Alternative gab. Manche sind eben gleicher als andere. Die genauen Mitwirkungsfunktionen des Rates werden in einer Satzung festgehalten, die mit dem Bezirksamt auszuhandeln ist.

Der Parkmanager steht an der Schnittstelle von Parkrat, Anwohnern und Verwaltung. Er setzt das Handlungskonzept um. Vor Ort wird er durch "Parkläufer" unterstützt, mindestens zwei. Sie sorgen für eine niedrigschwellige Sozialkontrolle. Sie stehen für das zivilgesellschaftliche Element, mit dem die Bürgerschaft demonstriert, dass sie die Auseinandersetzung mit den Konflikten im Park nicht aufgibt, sondern auf einer anderen Ebene führt als die Polizei. Die Parkläufer sind geschult in Deeskalationsstrategien und sind aufklärerisch und schlichtend unterwegs. Dass sie über eine Security-Firma bestallt werden, erregte auf einer Versammlung Anstoß, dürfte aber personalpolitische Gründe haben.

Die zentrale Frage ist: Sind landschaftsplanerische Eingriffe in der Lage, antagonistische Prozesse des Sozialraums zu mäßigen, oder sind allein sozialpädagogische Eingriffe für die Verbesserung des Milieus, der Nachhaltigkeit eines Parks ausschlaggebend? Am Görlitzer Park lautet die Antwort beispielhaft: Beides gehört zusammen. Und die engagierten Anwohner ducken sich nicht weg unter den Lasten aus örtlicher und globaler Vertreibung. Das ist ihr integrativer Ansatz. Görli? Schaffen wir!7


Anmerkungen

Ich danke meinen Gesprächspartnern ThoMi Bauermeister, Birgit Beyer, Cengiz Demirci, Martin Heuß, Axel Koller, Astrid Leicht, Norbert Rheinländer, Lorenz Rollhäuser, Hilmar Schädel, Marion Schuchardt.

1 Im Internet unter URL www.berlin.de/ba-friedrichshain-kreuzberg/politik-und-verwaltung/aemter/strassen-und-gruenflaechenamt/gruenflaechen/gruenanlagen/artikel.489464.php

2 URL: www.berlin.de/ba-friedrichshain-kreuzberg/suche.php

3 URL: www.tagesspiegel.de/themen/reportage/dealer-und-polizei-in-berlins-goerlitzer-park-willkommen-in-der-krampfzone/13372532.html

4 Zweite Zeile: "Und nun sich Wand hinwegbegeben tut." W. Shakespeare, Ein Sommernachtstraum.

5 URL: www.berlin.de/ba-friedrichshain-kreuzberg/politik-und-verwaltung/aemter/strassen-und-gruenflaechenamt/gruenflaechen/gruenanlagen/artikel.472555.php

6 Siehe Lisa Junghanns: Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen bürgerschaftlichem Engagement und behördlicher Reglementierung, unter Betrachtung der lokalen Voraussetzungen am Beispiel des Görlitzer Parks, Bachelor-Arbeit, Berlin 2013, S.67.

7 Der Reggae-Sänger P.R. Kantate tat sich, aber nur dem Anschein nach, etwas schwerer. Er reimte 2003: Oh Mann ick wohn' ja nu Görli Görli/Alta dit macht da fix und ferti.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 07/2017 .

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