Die gerettete, prosperierende Stadt

Inge Kunath - Amtsleiterin in Leipzig von 1990-2015

Inge Kunath (mi.) in Aktion. Eine Baumpflanzung mit Familie. Foto: Stadt Leipzig

Der Beginn der Amtszeit von Inge Kunath als Leiterin des Grünflächenamtes (heute Amt für Stadtgrün und Gewässer) im Februar 1990 fiel in eine Zeit, da besorgte Stimmen fragten: Ist diese Stadt noch zu retten? Nicht nur die marode Bausubstanz Leipzigs, auch die von Bergbau und Industrie geschädigten Freiräume, Gewässer und die umgebende Landschaft der Stadt gaben zu dieser Frage berechtigten Anlass.

Wenn heute Leipzig nicht nur als eine "gerettete Stadt" bezeichnet wird, sondern weit mehr als ein aufstrebendes, von positivem Image geprägtes Gemeinwesen, so ist dies wiederum in starkem Maße seiner grün-blauen Infrastruktur zu verdanken. Inge Kunath hat daran als Amtsleiterin in Zeiten der großen Weichenstellungen und Projekte einen gewichtigen Anteil.

Dabei wurde von Anfang an die Entwicklung der Grünräume als Ganzes betrachtet. Ein wichtiger Schritt war, dass der Stadtwald nach geschickten Verhandlungen mit dem Freistaat Sachsen, in städtisches Eigentum kam und eine eigene Forstverwaltung und Forstbehörde mit einer darin integrierten Unteren Jagdbehörde aufgebaut wurde.

Mit bahnbrechenden Projekten, wie der Sanierung des Karl-Heine-Kanals im Leipziger Westen, der Anlage neuer oder umgestalteter Parks wie dem Lene-Voigt-Park, dem Grünen Bogen Paunsdorf und dem Stadtteilpark Rabet im Leipziger Osten gelang es ihr als Amtsleiterin, Impulse zu einer positiven Stadtentwicklung zu setzen. In schwierigen Zeiten der Schrumpfung hat man es in Leipzig verstanden, die Zeichen der Zeit zu nutzen und Brachflächen mit Freiraumfunktionen zu belegen und Qualitäten zu entwickeln, welche zur Initialzündung für die Revitalisierung ganzer Stadtquartiere wurden.

Beispielgebend ist in diesem Kontext ihre enge Kooperation mit dem Amt für Stadtentwicklung und Wohnungsbauförderung. Diese Zusammenarbeit war von dem fortschrittlichen Anspruch getragen, Stadtentwicklung vom Freiraum aus zu betreiben. Anspruchsvoll gestaltete Parks, Grünflächen und Gewässer wurden zum Grundgerüst neuer Entwicklungsprozesse gerade dort, wo Stadtentwicklung schwer in Gang kam - mit dem Ergebnis, dass dies heute die prosperierenden Viertel sind. Auch Strömungen wie das Urban Gardening unterstützte sie frühzeitig aus der Verwaltung heraus - im Bewusstsein, dass hier Chancen zu einer Stadterneuerung von unten liegen.

Inge Kunaths Name ist mit dem Landschaftswandel insbesondere am nördlichen und südlichen Stadtrand verbunden. Im Umland und im regionalen Maßstab wurde der tiefgreifende Wandel von der Bergbaufolge- hin zur Erholungslandschaft in Gang gesetzt. Als Leuchtturm und Pilotprojekt machte der Landschaftspark Cospuden als Außenstandort der EXPO 2000 international von sich reden. Heute genießt das Leipziger Neuseenland für die Region wie auch für den überregionalen Tourismus eine enorme Anziehungskraft. Der Cospudener See ist bis heute in der Klarheit seiner Gestalt und Funktionszuweisungen einmalig im Leipziger Neuseenland. Besonders schätzen die Menschen die allgemeine Zugänglichkeit und den Schutz der Ufer vor Bebauung. Stets für neue Ansätze offen, gelang es dem Amt unter ihrer Leitung hier auch neuartige Landschaftsqualitäten, etwa in Form innovativer Beweidungskonzepte, zu etablieren.

Ihre Reaktionen auf neue Anforderungen waren stets kreativ und kooperativ der aufmerksamen Bürgergesellschaft, die für Leipzig so typisch ist, verpflichtet. Mit hohem Anspruch wurde in ihrer Amtszeit die Beteiligungskultur von der strategisch-konzeptionellen Ebene bis hin zur Objektebene gepflegt. Beteiligungsprozesse im Umgang mit den zentralen Parkanlagen, aber auch bei kleinen Projekten bis hin zur Spielplatzplanung zeugen davon.

In der fachlichen Diskussion behielt sie stets die Stadt als Ganzes im Blick. Sie setzte sich vehement dafür ein, alle grünen Flächenkategorien im Zusammenhang zu planen, um das Gesamtsystem strategisch entwickeln zu können. Mit Weitblick sah sie die Synergien zwischen grüner und blauer Infrastruktur. Sie behielt alle Funktionen der Freiräume im Blick, hatte die aktuellen Themen der Stadtgesellschaft im Ohr und widmete sich daher auch Themen wie der Biodiversität.

Die soziale Dimension der Freiraumplanung war ihr immer im Bewusstsein. Der von ihr oft vorgetragene Slogan "Willkommen in unseren Grünanlagen" mag heute Vielen selbstverständlich vorkommen - vor dem Hintergrund von Reglementierungsversuchen in der Vergangenheit wie in der Gegenwart ist er so selbstverständlich nicht. Für das eingangs erwähnte positive Image Leipzigs, gerade unter jungen Leuten, ist die Offenheit der nicht kommerzialisierten, öffentlichen Freiräume von grundlegender Bedeutung. Inanspruchnahme nahm sie trotz der Konflikte nicht als Problem wahr, sondern verstand die enorme Nutzungsnachfrage als Bestätigung der Arbeit ihres Amtes.

Eine Herausforderung für die Zukunft ist es nun, die geschaffenen Qualitäten zu sichern und gezielt weiter zu entwickeln. Eine von Inge Kunath vor Ende ihrer Amtszeit im Februar 2015 initiierte, umfassende Freiraumstrategie des Amtes für Stadtgrün und Gewässer legt dafür die konzeptionelle Grundlage. Die Freiräume haben einen hohen Anteil an der heute hohen Lebensqualität in Leipzig und ihrer Sicherung und Weiterentwicklung als Bestandteil der zukünftigen Stadtentwicklungspolitik. Unter den neuen Vorzeichen des starken Wachstums dieser Stadt wird das Amt für Stadtgrün und Gewässer eine wichtige strategische Rolle spielen und sich weiter für eine nachhaltige grüne und blaue Infrastruktur engagieren.

Heiko Rosenthal

Bürgermeister u. Beigeordneter für Umwelt, Ordnung, Sport

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 03/2016 .

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