Innenhöfe in Berlin, Hamburg, Kiel und Krems

Gemeinschaftsleben im Karree

Innenhöfe sind keine Hinterhöfe, obwohl sie in Häuserkarrees hinten, also hinter einem Gebäuderiegel zur Straße hin liegen. Die folgenden Beispiele aus verschiedenen bundesdeutschen Städten zeigen die Variabilität dieses Typus.
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1 Weiträumiger Innenhof in Hamburg-Altona. Im Herbst im Baum: Der Gärtner beim Beschneiden des Kirschbaums. Foto: Alf Trojan, Oktober 2023
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2 Im Frühjahr. Rhododendron, anderes Immergrün und frisches Grün umgeben ein Häuschen in der Art einer Remise im Hof. Foto: Alf Trojan, Mai 2023
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4 Möbliert, in Maßen wohnlich. Innenhof eines Häuserblocks. Spandauer Damm gegenüber dem Schloss Charlottenburg. Foto: Hanns-Werner Heister, Anfang Dezember 2024
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5 Möblierung mit Kübelpflanzen – Olive, Oleander, Yucca-Palme und anderes. Spandauer Damm Foto: Hanns-Werner Heister, Anfang Dezember 2024

Durch die sehr weiträumige Anlage dieses Gebäudekomplexes in Hamburg-Altona hat der großzügige Zwischenraum kaum den Charakter eines eigentlichen Innenhofs und schon gar nicht den eines Hinterhofs.¹ (Abb. 1–3)

Der folgende, vor allem im Verhältnis zu den ihn umgebenden Baumassen enge Innenhof in Berlin-Charlottenburg hat dagegen den Charakter eines Hinterhofs. Er zeichnet sich aus durch die Merkwürdigkeit, dass es einen zusätzlichen Zugang vom Trottoir außerhalb der Gebäude gibt: eine Zufahrt unter dem Seitenflügel (im Bild r.) zum Müllkeller. Zum Hinterhof führt von dort aus eine kleine Seitentreppe. Seitenflügel, Quergebäude und Vorderhaus bilden ein großes Karree beziehungsweise einen Häuserblock mit Blockrandbebauung. Naturwüchsig ergibt sich dadurch, obwohl in diesem besseren Stadtviertel nicht darauf angelegt, doch ein Hinterhof. (Abb. 4)

Obwohl die Möbel eher vom Restaurant gelagerte sind als von den und für die Bewohner:innen der Häuser, wird er in den besseren Jahreszeiten doch gelegentlich von den Anwohner:innen genutzt. Die Kübel mit den immergrünen Bäumen bringen einiges an Grün auch in den schlechteren Jahreszeiten. Sie gehören allerdings nicht zur genuinen Pflanzen-Ausstattung, sondern sind für den Winter abgestellt von einem Restaurant in dem Gebäudekomplex, da das Mikroklima hier für mediterrane Pflanzen durch Windschutz und etwas höhere Temperaturen verträglicher ist als auf dem Trottoir zur Straße hin. Damit kommt sogar ein Stückchen traditioneller Gewerbehof wie in den für das Berlin des Wilhelminischen Zeitalters typischen Mietskasernen mit herein. (Abb. 5)

Die Mietskasernen waren der Haupttyp für den Massenwohnbau in Berlin, der vor allem seit den 1840ern rasch wachsenden Hauptstadt Preußens und dann ab 1871 des Deutschen Reichs. Einen Rahmen dafür boten Hobrechts Bebauungsplan von 1862² und anschließende Bauordnungen. Beide erlaubten eine maximale Nutzung der gegebenen Flächen, um ein Maximum an Mieten zu gewinnen.³

1910 gab es in Berlin etwa 600.000 Wohnungen, "in denen jedes Zimmer mit fünf oder mehr Personen besetzt war". "Diese Kleinwohnungen lagen jedoch nicht etwa in kleinen Häusern, sondern waren schon damals streng nach den verwickelten Regeln preußischer Staatsämter und Kontrollbehörden um vorschriftsmäßig sonnenarme, kleine Höfe amtlich geförderter riesiger Mietskasernen zusammengedrängt. Diese von preußischer Staatsweisheit geschaffenen Kleinwohnungen bestanden meistens aus einem Zimmer mit Küche und waren im amtlich berechneten Durchschnitt mit je 7,2 Menschen besetzt. Heinrich von Treitschke [. . . ] wurde auf diese zum Himmel schreienden Übelstände hingewiesen. Mit einem Blick zum Himmel antwortete darauf Herr von Treitschke in seiner Schrift Der Sozialismus und seine Gönner (1874): 'Jeder Mensch ist zuerst selbst verantwortlich für sein Tun; so elend ist keiner, daß er im engen Kämmerlein die Stimme seines Gottes nicht vernehmen könnte.'"4

Anderswo war es beim Wohnen unter der Herrschaft der "Marktwirtschaft" nicht viel, aber manchmal doch etwas besser. Die Mietskaserne, so Hegemann, als "vielleicht die erstaunlichste Schöpfung des deutschen Geistes [. . . ] kann nur durch Vergleiche gewürdigt werden. In der größten Stadt der Welt, in London, wohnen durchschnittlich 8Menschen in jedem Haus; in Philadelphia wohnen 5, in Chicago 9, in der Insel- und Wolkenkratzerstadt New York 20, in der eingeklemmten alten Festungsstadt Paris 58 Menschen in jedem Haus. Aber in Berlin, das sich wie London, Chicago oder Philadelphia ungehemmt im flachen Land entwickeln konnte, wohnen durchschnittlich 78 Menschen in jedem Haus, und die meisten dieser Kasernen sind gartenlos. [. . . ] Gleichzeitig fehlten für eine halbe Million Kinder die Spielplätze. Dabei wurde aber weder vom Staat noch von den Berliner Städten etwas Wirksames zur Bekämpfung der Wohnungs- und Spielplatznot unternommen."5

Eine ebenfalls extreme Verdichtung, aber etwas humaner angelegt mit mehr Zwischenraum, der manchmal von vorneherein als Grünfläche vorgesehen und sogar realisiert ist, bildet der Bezirk Eixample in Barcelona, katalanisch für Erweiterung, mit der jugendstiligen Kirche Sagrada Família, von Gaudí begonnenes immerwährendes work in progress. Der Baumeister und Architekt Cerdà entwarf 1855 einen ersten Plan für eine Stadterweiterung mit einem Gitternetz. Dieser wurde 1860 bestätigt, also etwa zur gleichen Zeit wie Hobrechts Stadtplanung. Die Blöcke haben verschiedene Größen. Oft entstehen durch ein oder zwei niedrigere Gebäude größere Öffnungen für Licht und Luft. Die Ecken der Blöcke sind an den Straßenrändern so gefast oder abgeschrägt, dass sich statt bloßer Straßenkreuzungen kleine quadratische Plätze ergeben. Das Ganze ist trotzdem auch monströs. Mit einer Bevölkerungsdichte von mehr als 35 800 Einwohner:innen pro Quadratkilometer gehört es auch heute zu einem der am dichtesten besiedelten Orte in Europa.

Weit verbreitet war und ist der City Block, die kleinste Einheit innerhalb eines Gitternetzes wie in New York, Chicago und anderen US-amerikanischen Großstädten. Die Ausmaße sind mit 100 Meter x 200 Meter – etwa in Chicago – riesig, die Häuser erheblich höher als beim Berliner Block-Typ.

Eine Hamburger Spezialität schließlich sind die "berüchtigten Schlitzbauten und Terrassenwohnungen".6 Sie entstanden vor allem 1870–1913 für die sich sprunghaft steigernde Bevölkerung, nicht zuletzt durch Zustrom ihrer Subsistenzmittel beraubten ländlicher Massen. "Sie wurden auf engem Raum in möglichst kleinen Wohnungen untergebracht."7 Zulässig waren bei den Schlitzbauten "über dem Erdgeschoss vier weitere Geschosse mit maximal vier Wohnungen pro Etage. Diese Gebäude waren bis zu 20 m tief. Die in ihnen liegenden Wohnungen hatten keine Querlüftung."

Die Terrassen als hamburgische Sonderform von rückwärtigen Wohnhöfen, eine dichte, gewinnsteigernde Hinterhausbebauung, wurden "erstmals 1865 durch ein Baupolizeigesetz geregelt. Danach durften an einem Hof von nur 5,75 Meter Breite bis zu viergeschossige Häuser liegen bei mindestens 2,3 Meter breiten und 2,8 Meter hohen Zugängen. Wesentliche Verbesserungen brachte das zweite Baugesetz von 1882. [. . . Hier] wird die Höhe der Hintergebäude auf drei Geschosse begrenzt, Keller werden verboten, der Hofplatz muss in den Vororten so breit sein, wie die Gebäude hoch sind. [. . . ] Da die Bebauung nur dreigeschossig ist [. . . ], herrscht hier nicht die bedrückende Lichtlosigkeit, die man von manchen Berliner Hinterhöfen kennt.8

Alternativen zur Mietskaserne mit mehr Grün, Licht und Luft finden sich in den Bezirken der Bessergestellten. Wesentlich größer und ganz anders ausgestattet als bei der überkommenen Blockbauweise der Mietskaserne ist der freie Zwischen-Raum in einem großzügig angelegten Altbau-Häuserblock aus Mehrfamilienhäusern mit Eigentumswohnungen in Berlin-Schmargendorf. (Abb. 6)

Bei einem ebenfalls weiträumigen, noch umfangreicheren verschachtelten Komplex eines Häuserblocks in Krems an der Donau (Niederöstereich am Rand der Wachau) sind die Innenhöfe gegeneinander abgegrenzt. Eine gemeinsame Nutzung ist also ausdrücklich nicht beabsichtigt. (Abb. 7)

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6 Platzsparende Parkplätze für umweltschonende Fahrzeuge, gemeinschaftliches Eigentum mit Baumhaus im Hof und kleine abgegrenzte Plätzchen. Foto: Hanns-Werner Heister, 9.10.2024
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7 Platzfressende Parkplätze für nicht-umweltschonende Fahrzeuge in Krems außerhalb des Altstadtrings. Foto: Hanns-Werner Heister, Anfang November 2022

Ausdrücklich vorgesehen ist in dem Gebäudekomplex in Berlin-Schmargendorf eine gemeinsame Nutzung des Innenhofs – je nach Anlass und Bedarf von allen, von vielen, von einzelnen Gruppen. (Abb. 8)

Auch mitten in der Großstadt finden sich schöne grüne Plätzchen, etwa in Berlin-Wilmersdorf in einer Wohnstraße – freilich eine für Bessergestellte. Der Hinterhof, den man hier so nicht nennen mag, ist üppig bepflanzt und originell angelegt: Balkons voll mit blühenden Blumen im Querhaus, ein bogenförmig gekrümmter Weg, eine Treillage als Minilaube, ein asymmetrischer, gegabelter Platz mit einem originären Mühlstein in der Mitte, der mehr nach Denkmal als nach Feuerstelle aussieht. (Abb. 9)

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9 Berlin-Wilmersdorf, Nassauische Straße, Innenhof. Foto: Hanns-Werner Heister, Oktober 2022
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8 Relativ wenig Platz in diesem Teil des Innenhofs, aber gemütlich und viel Fassadengrün. Foto: Hanns-Werner Heister, 9.10.2024

In den Bezirken am Rand der Stadt ist mehr Platz für Grün, und für Menschen, die es direkt bei ihrer Wohnstätte nutzen und sich daran erfreuen wollen. Ein Mehrfamilienhaus in Berlin Hermsdorf hat, wie die andern Häuser in dieser Nebenstraße, einen bescheidenen Vorgarten und eine breite Zuwegung am Rand des Hauses. Nach dieser öffnet sich der Innenhof zu einem sehr großen, vielgliedrigen Hintergarten. Als "Backyard" dient dieser vielfältigen Zwecken – für Spiel und Arbeit regengeschütze Schuppen für Paddelboote und Tischtennisplatte und Gartengerät, große Bäume wie Rosskastanien zum Ansehen und kleinere Obstbäume, Planschbecken für Kinder und Komposthaufen. Auch botanisch verdichtete, sehr kleinräumige Abschnitte mit vielerlei Blumen und anderen schönen Pflanzen, ohne bestimmten Nutzen nur zum Anschauen, finden noch in den Ecken einen Platz. (Abb. 10)

Auch ohne eigentliche Zusammenlegung kann ein großer grüner Komplex aus mehreren im Sinn eines Mikro-Grünzugs zusammenhängenden Innenhöfen entstehen. Für die praktische Nutzung scheinen sie durch Mauern voneinander getrennt und einzelnen Häusern zugeordnet. Für den Gesamteindruck, zumal den von den Häusern aus und von oben, wirken sie aber doch als Einheit von Verschiedenem und wie eine Art kleiner, vielgliedriger und vielgestaltiger Privat-Park, der jedoch trotz der Privatheit dem allgemeinen Nutzen durch Verbesserung des städtischen Mikroklimas dient. (Abb. 11)

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11 Kiel, Teilansicht der Innenhöfe eines Gebäudekomplexes am Rand der Innenstadt. Foto: Hanns-Werner Heister, Mitte September 2024
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10 Eine vielgestaltige Komposition aus sorgfältig und bedacht kombinierten Architekturelementen und Pflanzen in Grün, Weiß und Rot. Foto: Hanns-Werner Heister, Anf. Oktober 2022

Anmerkungen

¹ Für die Überlassung dieser Fotos danke ich Alf Trojan.

² Ausf. Bentlin, Felix: The urban expansion of Berlin, 1862–1900: Hobrecht's Plan. In: Buildings and Cities, 4(1), 2023, S. 36–54. DOI: doi.org/10.5334/bc.242.

³ Eine umfassende Studie: Geist, Jonas/Kürvers, Klaus: Das Berliner Mietshaus. Bd. 1: 1740–1862, München 1980; Bd. 2: 1862–1945, 1984. Bd. 3: 1945–1989, 1989.

4 Hegemann, Werner: Das steinerne Berlin. Geschichte der größten Mietskasernenstadt der Welt, Berlin Frankfurt a. M. und Wien 1930 (Neuausgabe Bauwelt Fundamente 3, herausgegeben von Ulrich Conrads und anderen, leicht gekürzt, o. J.), S. 17. Der Konservative von Treitschke (1834–1896) war Preußen-Historiker, Hochschullehrer, politischer Publizist und nebenberuflich Antisemit. Aus seiner Denkschrift Unsere Aussichten (1879) stammt den Satz "Die Juden sind unser Unglück", der in der Nazi-Zeit Karriere machte.

5 Hegemann 1930, S. 19. Die Reihenfolge in der Größtenliste, die keine Bestenliste ist, differeriert etwas. "1929 war New York mit 8 389.000 Bewohnern die größte Stadt der Welt, gefolgt von London mit 7 889.000 und Tokio mit 6 084.000 Bewohnern. [. . . Es folgen] Paris 4,995, Chicago 3,752, Buenos Aires 2,763, Moskau 2,235, Kalkutta 1,837, Manchester 1,816." (Einwohnerzahl der zehn weltweit 1929. https://de.statista.com ' Gesellschaft ' Geschichte, Abruf 5.1.2025) Hegemann und diese Statistik berücksichtigen Städte in Afrika und China nicht. Mindestens heute finden sich dort neben Tokyo mit Shanghai, Bejing, Shenzen, Kinshasa, Lagos, Kairo einige der bevölkerungsreichsten Städte der Welt.

6 Blaich, Ulrike; Hamburg von hinten. In: Werk - Archithese: Zeitschrift und Schriftenreihe für Architektur und Kunst = revue et collection d'architecture et d'art, Jg. 66 (1979), Heft 31–32: Stadt-Rückseiten = La face cachée de la ville, doi.org/10.5169/seals-50803, S. 35.

7 Ebd.

8 Blaich 1979 a.a.O., S. 37. Vgl. auch Haspel, Jörg: Hamburger Hinterhäuser. Terrassen – Passagen – Wohnhöfe, Hamburg 1987.

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