Innenstadt als Raum zur Klimaanpassung und Mobilitätswende

Studierende experimentieren zur Transformation

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Die Zentren unserer Städte stellen einen wichtigen Ort des Zusammenkommens und sozialen Lebens dar. Die Anforderungen sind entsprechend vielfältig und bedürfen einer stetigen Anpassung, um diese zukunftsfähig zu halten. Studierende der Landschaftsarchitektur und des Mobilitätsmanagements haben sich diesen Aufgaben innerhalb einer interdisziplinären Lehrveranstaltung der Hochschulen Geisenheim und Rhein-Main mit den Kernthemen Freiraum, Mobilität und Transformation am Beispiel der Stadt Geisenheim gestellt.
Klimaanpassung Klimagerechte Landschaftsplanung
1 Vorbereitungen für das Aktionswochenende "Erlebnis Innenstadt". Bildquelle: André Bruns

Innenstadt neu denken

Die Innenstadt beschränkt sich in der allgemeinen Wahrnehmung zumeist auf Altstadtkerne, Einkaufsstraßen oder Fußgängerzonen und wird oft auf wenige Leitnutzungen wie Konsum und Versorgung reduziert. Beschleunigt durch die Corona-Pandemie verlieren diese Funktionen jedoch für die Innenstädte zunehmend an Bedeutung. Dafür haben Funktionen, wie Kommunikation, Integration sowie Grün- und Freiräume deutlich an Bedeutung gewonnen. Aktuelle Strategien zur Zukunft der Innenstädte zeigen Leitbilder einer gemeinwohlorientierten, sozialen, klimaangepassten und resilienten Innenstadt auf. Das Difu identifiziert hierfür sechs Transformationsbausteine (Klimaanpassung, Klimaschutz, Mobilitätswende, soziale Kohäsion, Gemeinwohlorientierung, zirkuläre Wirtschaft) denen in bisherigen Stadtentwicklungsprozessen zu wenig Relevanz beigemessen wurde. Dieser Funktionswandel bei gleichzeitig steigender Nutzungsvielfalt bergen jedoch eine erhöhte Flächenkonkurrenz und die Zunahme von Nutzungskonflikten. (Diringer, J. et al. 2022).

Die Planung von Freiräumen und Stadtgrün wandelt sich entsprechend zu einer integrierten Planung, um soziale, ästhetische, gesundheitliche, ökologische und ökonomische Funktionen zu erhalten und neue zu schaffen. (BMUB 2017) Dabei nehmen die Forderungen nach einer Mobilitätswende zu, um neue Räume zur klimaresilienten Innenstadtentwicklung in Anpassung an den Klimawandel zu eröffnen. Gleichzeitig können durch eine Verlagerung auf alternative Verkehrsmittel, Freiräume aus bestehenden Verkehrsflächen gewonnen werden. Trotz des breiten fachlichen Konsens über die Chancen der Innenstadtanpassung verläuft die praktische Umsetzung noch sehr schleppend.

Ein wesentlicher Grund hierfür ist, dass Veränderungen im Verkehrsbereich immer Rückwirkungen auf die Mobilität der Bürger:innen in ihren Alltagspraxen haben. So werden räumlich begrenzte Vorhaben, wie eine Straßenraumumgestaltung in ihrer Bedeutung aufgeladen, da sich in Ihnen verschiedenste Mobilitätsbedürfnisse der Nutzer:innen konzentrieren. Besonders in zentralen Lagen mit Versorgungsfunktionen werden etwa der Wegfall von Parkständen zugunsten des Fuß- und Radverkehrs zu subjektiv wahrgenommenen Verhaltenszumutungen, was letztendlich zur Ablehnung von Umgestaltungsplänen führt. Damit Transformation in derartigen Situationen gelingen kann, müssen Beteiligungsverfahren die skizzierten Zusammenhänge reflektieren. Sie können somit nicht (nur) auf konkrete (verkehrliche) Themen der Gestaltung fokussieren, sondern müssen auf die übergeordneten Mobilitätsbedürfnisse Bezug nehmen. Während eine solche Aufladung eines Umgestaltungsprozesses einerseits als Mehraufwand und planerische Bürde betrachtet werden kann, bieten diese jedoch auch Chancen.

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2 Skizzierung erster Konzeptideen für die Innenstadt von Geisenheim. Bildquelle: Studierende HGU
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3 Schablone der Studierenden zur Kennzeichnung von Spielbereichen. Bildquelle: Moritz von Mörner

Summer School – Innenstadt neu leben

Viele Vorbilder und Konzepte zur Innenstadtentwicklung werden für Großstädte formuliert, dabei besteht für viele Kleinstädte ebenfalls ein hoher Anpassungsbedarf. Dies hat auch die hessische Kleinstadt Geisenheim erkannt und entwickelt seit 2017 im Rahmen der Kooperation "Grünes Geisenheim" gemeinsam mit der Hochschule Geisenheim University (HGU) Ideen für eine lebenswerte und nachhaltige Stadtentwicklung.

Die Innenstadt des rund 12.000 Einwohner:innen großen Schul- und Hochschulstandortes verfügt noch weitgehend über alle notwendigen Infrastrukturen des täglichen Bedarfs. Aber wie in vielen anderen Städten entsteht auf Grund wandelnder Kauf-, Freizeit- und Arbeitsverhalten der Menschen Anpassungsbedarf, um einen Rückgang von Gewerbe und Immobilienleerstand entgegenzuwirken. Zudem steigt durch die klimatisch begünstige Lage im Rheingau spürbar die Hitzebelastung im Sommer, besonders im stark versiegelten Innenstadtkern. So setzt das "Grüne Geisenheim" einen Arbeitsfokus auf die Innenstadtanpassung inklusive alternativer Mobilitäts- und Verkehrsraumkonzepte.

Hierzu sollten im Herbst 2024 im Rahmen einer "Summer School" mit Studierenden der Studiengänge Landschaftsarchitektur (HGU) und Mobilitätsmanagement (Hochschule Rhein-Main) erste Ideen entwickelt und ausprobiert werden. Es sollte der Versuch unternommen werden den Verkehr aus der Innenstadt herauszunehmen, Alternativen hierfür aufzuzeigen und Raum für neue Nutzungen zu schaffen. Diese außercurriculare Lehrveranstaltungsform ermöglichte in gemischten Gruppen aus den Kompetenzbereichen der Freiraumplanung, Mobilitätsmanagement sowie Beteiligungsverfahren die zur Lösung der vielschichtigen Probleme notwendige, interdisziplinäre Arbeitsweise anzuwenden und zu trainieren. Studierende sollten erlernen, dass neben der eigenen fachlichen Expertise, die Kommunikation und Einbindung weiterer Fachbereiche zur Lösung aktueller Planungsaufgaben oft unerlässlich sind.

Die Stadt Geisenheim war von Beginn an als Partner beteiligt und bereicherte die Veranstaltung mit dem Aktionswochenende "Erlebnis Innenstadt". Hierfür wurden Teile der Innenstadt für ein Wochenende für den Verkehr gesperrt und die Bürger unter dem Motto "Mobilität, Begrünung, Miteinander" zu verschiedenen Aktionen für Kinder und Einkaufen zu erweiterten Öffnungszeiten eingeladen. Ein Highlight stellte die große Tafel der Begegnung auf dem Lindenplatz dar, an der die Menschen zum gemeinsamen Essen und zum Austausch zusammenkommen konnten. Dies bot den Studierenden die Möglichkeit Ihre Ergebnisse im temporär, verkehrsberuhigten Straßenraum einem breiten Publikum zu präsentieren und über Gespräche und Befragungen direktes Feedback der Anwohner:innen und Gäste zu erfahren.

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4 Studierende bei der Präsentation der Konzepte. Bildquelle: André Bruns
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5 Materialtransport der vorgefertigten Sitz- und Grünelemente für die Straßengalerie. Bildquelle: Moritz von Mörner

Aufgabenstellung

Konkreter Planungsort war der "Lindenplatz" mit seinen zuführenden Straßen. Auf dem Platz laufen eine Vielzahl von Bewegungsströmen zusammen, so dass er als zentraler Dreh- und Angelpunkt zur Erschließung der Innenstadt fungiert, unter anderem zwischen den Schulen und dem Bahnhof. Die Menschen halten sich hier gern im Schatten der historischen Gerichtslinde auf und nutzen das Angebot der Außengastronomie. Der ruhende und fließende Verkehr auf dem Platz führt aktuell zu Überlagerungen und Konflikten von Nutzungen. Überhöhte Geschwindigkeit, wildes Parken und die Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern führt zu viel Unmut in der Innenstadt.

Ziel war es, mittels innovativer Mobilitäts-, Nutzungs- und Begrünungskonzepte, auf Möglichkeiten einer lebenswerten Innenstadt im Rahmen des Aktionswochenendes aufmerksam zu machen. Dazu sollte zunächst der Planungsraum aus fachlicher Perspektive sowie aus Sicht lokaler Akteure analysiert werden. Studierende wurden dafür Akteursgruppen (Schüler:innen, Gewerbetreibende, Personen mit eingeschränkter Mobilität, usw.) zugeordnet, zur Beurteilung der aktuellen Erreichbarkeit, Nutzbarkeit sowie den Vor- und Nachteilen einer Verkehrsberuhigung der Innenstadt. Aufbauend darauf sollten identifizierte Problem- und Potenzialbereiche aufgegriffen und weiterentwickelt werden. Gleichzeitig galt es, Innenstadtbereiche und Formen für eine potenzielle Verkehrsberuhigung zu identifizieren. Für neu entstehende Flächenpotenziale sollten Nutzungs- und Begrünungskonzepte erarbeitet werden. In einer "Straßen-Galerie" konnten abschließend auf den temporär gesperrten Verkehrsflächen die entwickelten Gestaltungsspielräume zur stadträumlichen und klimatischen Aufwertung der Innenstadt präsentiert und mit den Bürgern diskutiert werden.

Durchführung und Ergebnisse

Ergebnis der Analyse war, dass junge Menschen ohne Einschränkung zu Fuß oder per Fahrrad sich die Innenstadt von Geisenheim gut erschließen können. Für sie erscheint die Innenstadt kleinräumig und motorisierter Verkehr hat daher keinen hohen Stellenwert. Der Durchgangsverkehr und parkende Autos werden als störend und Gefahrenquelle empfunden und Orte zur Teilhabe, zum Treffen und sicheren Spielen vermisst.

Die Analyse des ÖPNV, die Erreichbarkeit von Einrichtungen des täglichen Bedarfs sowie vorhandener Ruhepunkte zeigte aber, dass besonders Menschen mit Einschränkungen hier ohne Pkw Probleme haben. Die Studierenden sind hiermit sehr behutsam umgegangen und haben ortsspezifische Lösungen entwickelt. Die Konzeptideen reichten vom "Linden-Taxi", das gezielt Senioreneinrichtungen einbindet über Sharing Angebote von Senioren-Scootern bis zum Ausbau von On-Demand Bussen.

Die steigenden Temperaturen im Hochsommer, wurden als Problem für vulnerable Nutzergruppen identifiziert. Dem wurde mittels eines erhöhten Grünanteils begegnet, zum Beispiel in Form schattenspendender grüner Ruhebereiche als Wegbegleiter zur Innenstadt. Weitere modular einsetzbare Grünelemente waren ein "Grünes Wohnzimmer" und Grüne Fassaden zur Entwicklung eines "Grünen Bandes" durch die Innenstadt. Insgesamt boten die Konzepte durch die Nutzung der temporär gesperrten Verkehrsräume deutlich mehr Raum für Begegnung, Aufenthalt, Spiel und Grün.

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6 Temporäre Gestaltung der für den Verkehr gesperrten Winkler Straße als Ort zum Spielen und Aufenthalt. Bildquelle: Sebastian Ehrenreich
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7 Studierende beim Bau von Sitzmöbeln für die temporären Installationen. Bildquelle: Sebastian Ehrenreich

Die Studierenden haben anschließend gemeinsam entschieden, welche Elemente sie im Rahmen des Aktionswochenendes konkret umsetzen möchten. Sie planten mit welchen Mitteln sie Raum- und Grünelemente schnell aufbauen und die gewünschten Effekte erzielen können. Es wurde darauf geachtet, dass die Materialien wiederverwertbar oder recyclefähig sind. Sie konnten dabei auf bereitgestellte Elemente wie Bauzäune, bepflanzte Kübel, Gehölze und Einwegpaletten zurückgreifen sowie weitere Materialen zukaufen.

Schon der Aufbau erweckte viel Aufmerksamkeit und erste Gespräche wurden geführt. Es wurden unter anderem Pallettenmöbel gebaut, vorgefertigte "Grüne Wände" aus Bauzäunen und Pflanzen angeliefert sowie Parkbuchten und Nischen im Straßenraum als "Grüne Wohnzimmer" gestaltet. Die viel befahrene "Winkler Straße", wurde zur "Spielstraße" mit Memory und grünen Ruheinseln. Mit Sprühkreide wurden Wegweiser aufgesprüht und auf Gefahrenstellen im Straßenraum aufmerksam gemacht. Für die temporären Installationen bekamen die Studierenden viel Lob und Anerkennung. Die Besucher waren erstaunt wie viel auf der Größe eines Parkplatzes möglich ist zur Bereicherung der Stadt. Doch auch vereinzelte negative Stimmen und sogar Beschimpfungen und Vandalismus konnten die Studierenden erfahren. Insgesamt war es für alle Beteiligten eine schöne Erfahrung, den Lindenplatz als Ort der Begegnung ohne Verkehr zu nutzen und diese neue Qualität zu erleben.

Ergänzend wurden Befragungen im Sinne einer Beteiligungssimulation durchgeführt. Ziel war es, ein Stimmungsbild der Bürger:innen zu Mobilitätsfragen und zur allgemeinen Zufriedenheit mit der Innenstadt zu gewinnen. Der Fokus lag auf der Erfassung von Mobilitätsmustern, Verkehrsproblemen sowie möglichen Verbesserungsmaßnahmen. Darüber hinaus konnten die im Rahmen der Aktionstage umgesetzten Interventionen bewertet werden. Es wurden zwei Formate mit weitgehend identischen Inhalten genutzt: Beteiligungstafeln, auf denen Bürger:innen ihre Meinungen mittels Klebepunkten und Freitexten äußern konnten sowie digitale, Tablet-gestützte Befragungen.

Die Resonanz war insgesamt äußerst positiv, an der Befragung nahmen etwa 70 Personen teil, die Poster enthielten insgesamt Kommentare von mehr als 200 Besucher:innen. Der größte Teil der befragten Personen hat ihren Hauptwohnsitz in Geisenheim, ein größerer Teil wohnt zudem in der Innenstadt. Mehr als 50 Prozent der Personen sind der Altersgruppe von 35 bis 64 zuzuordnen. Mehr als 90 Prozent der Befragten suchen mindestens einmal pro Woche die Geisenheimer Innenstadt auf, hauptsächlich zum Einkaufen, für Freizeitaktivitäten und Gastronomieangebote. Als genutztes Verkehrsmittel dominiert Umweltverbund (Fuß, Rad, ÖPNV), wobei gut 40 Prozent der Personen auch regelmäßig den PKW nutzt. Gründe der Pkw-Nutzung waren häufig "Anschlusswege", "Zeit" und "Mitnahme anderer Personen".

Die aufgrund der Selbstselektivität der befragten Stichprobe nicht repräsentativen Ergebnisse eröffnen schlaglichtartige Einsichten in die Bewertung der aktuellen Innenstadtsituation. Es werden vor allem die Gastronomie und Einkaufsmöglichkeiten sowie Aufenthaltsqualität als positiv gesehen. Weniger gut werden hingegen Aspekte der Freizeitgestaltung sowie die Begrünung bewertet. Die verkehrliche Situation zeigt ein ambivalentes Bild. Einerseits wird die gute Erreichbarkeit der Innenstadt aufgrund kurzer Distanzen positiv gesehen, andererseits werden verschiedene, zum Teil recht konkrete Problembereiche konstatiert, beispielsweise zu hohe Geschwindigkeiten, ungeordnete Parkplatzsituation und fehlende ÖPNV-Angebote.

Folgerichtig bestehen die Änderungswünsche in einer angepassten Verkehrsführung und verkehrsberuhigenden Maßnahmen sowie einer stärker reglementierten Parkplatzsituation. Zudem wurden mehr Begrünung und Freizeitangebote für junge Menschen gewünscht und auf einer Karte räumlich konkretisiert. Zusätzlich zu den dargestellten Ergebnissen wurden von den Studierenden die Gespräche und Diskussionen zwischen und mit den Bürger:innen über generelle Themen der Mobilität und darüber hinaus als besonders positiv empfunden. Nicht zuletzt wurden die Aktionstage selbst als lohnenswertes Format bewertet.

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8 Die Tafel der Begegnung auf dem Lindenplatz. Durch die Sperrung der Innenstadt für Pkw konnte dies ermöglicht werden, da der Lindenplatz im Normalfall für den fließenden Verkehr geöffnet ist. Bildquelle: Stephanie Braun
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9 Kennzeichnung von Veränderungswünschen der Gäste für die Innenstadt von Geisenheim. Bildquelle: André Bruns

Fazit

Die Summerschool als transferorientiertes Lehrformat zeigte gleich mehrfachen Benefit. Die Studierenden erhielten umfangreiche und differenzierte Einblicke in die Problemlagen von Transformationsprozessen aus der Theorie in die Praxis. Sie konnten das für aktuelle Planungsdebatten wichtige interdisziplinäre Arbeiten in der Beantwortung komplexer Fragestellungen üben. Der direkte Kontakt zu den Bürger:innen ließ sie zudem das eigene Handeln reflektieren und war gleichzeitig ein externer Stimulus für die Stadtgesellschaft.

Es zeigt sich, dass Umgestaltung öffentlicher Räume mit Auswirkungen auf die Mobilität, insbesondere in kleineren Städten mit ländlichem Umfeld und daher komplexeren Mobilitätsmustern, sehr anspruchsvoll sind. So hat der individualisierte Pkw Verkehr in den Kleinstädten und dem angrenzenden ländlichen Raum einen höheren Stellenwert als in den verdichteten Ballungsräumen, weshalb es interessant war hier alternative Möglichkeitsräume aufzuzeigen. Mögen die Vorteile wie Ruhe, Sicherheit, höhere Aufenthaltsqualität und Nutzungsvielfalt für einen Stadtplatz auf der Hand liegen, so regten sich gegen die Reduzierung des Individualverkehrs auch energische, kritische Stimmen. Diese sahen eine Gefahr für den Einzelhandel, wenn die Fahrzeuge nicht mehr direkt vor der Tür parken können. Es ist wichtig hier Experimente zu wagen, die den Aspekt der Mobilität in den Umgestaltungen immer als integrativen Prozess betrachten, wie das Aktionswochenende in Geisenheim das auch den Mehrwert des Stadtplatzes durch die Verkehrsberuhigung zeigte. Entscheidend war der experimentelle und temporäre Charakter um Dinge testen zu können, ohne das lokale Akteure befürchten müssen Planungen einfach übergestülpt zu bekommen.

Die Mobilitätswende als Baustein der Transformation erzeugt neue Rahmenbedingungen, wie eine räumliche Neuorganisation, neue Flächenressourcen und Nutzungen. Hierdurch entstehen Chancen für eine gemeinwohlorientierte und klimaangepasste Stadtentwicklung. Die Erfahrungen zur Entwicklung neuer Leitbilder für eine zukunftsfähige Innenstadt am Beispiel von Geisenheim lassen sich gut auf andere Kleinstädte übertragen. Die Summerschool zeigt, dass das experimentelle Format geeignet ist, einen Diskurs zu übergeordneten Themen wie der Mobilitätswende anzuregen. Deutlich wird aber auch, dass dieser in einen weitergehenden Prozess eingebunden werden muss, um produktiv werden zu können.

Literatur

Diringer, Julia; Pätzold, Ricarda; Trapp, Jan Hendrik; Wagner-Endres, Sandra (2022): Frischer Wind in die Innenstädte. Handlungsspielräume zur Transformation nutzen. Berlin: Difu-Sonderveröffentlichung.

BlueGreenStreets (Hrsg.) (2022): BlueGreenStreets Toolbox – Teil A. Multifunktionale Straßenraumgestaltung urbaner Quartiere, Hamburg. Erstellt im Rahmen der BMBF-Fördermaßnahme "Ressourceneffiziente Stadtquartiere für die Zukunft" (RES:Z).

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) (Hrsg.) (2017): Weißbuch Stadtgrün, Grün in der Stadt – Für eine lebenswerte Zukunft, Berlin

https://t1p.de/0re4d (Stadt Geisenheim) zugegriffen am 02.04.2025

M. Eng. Stephanie Braun
Autorin

Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Pflanzenverwendung

Hochschule Geisenheim
Prof. Dr. Alexander von Birgelen
Autor

Professur für Pflanzenverwendung

Hochschule Geisenheim
Prof. Dr.-Ing. André Bruns
Autor

Professur für Mobilitätsmanagement und Verkehrsplanung

Hochschule Rhein-Main

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