„Innovative“ Freiraumnutzung und kommunale Freiraumplanung
Platzsuche in Grünflächen und andernorts
von: Prof. Dr. Wulf TessinDieses Angebot entsprach den Vorstellungen und Wünschen der Bevölkerung und bediente die damals allgemein verbreiteten Freiraumgrundbedürfnisse, wie Sport, Spiel, Erholung, Spaziergang, frische Luft. Das Anspruchsniveau der Bevölkerung war nicht sonderlich hoch und die ausgeübten Freiraumaktivitäten bewegten sich im konventionellen Rahmen der Behavior Settings (R. Barker) der jeweiligen Grünflächen.
Die damalige Freiraumnutzung (für Werktätige oft nur ein Sonntagsvergnügen) war vor allem ruhig (ästhetisch-kontemplativ) und gesittet. Sie diente vorrangig der physischen Regeneration. Normabweichendes Verhalten war selten. Die Hitler-, Kriegs- und Nachkriegs- sowie die Adenauer-Jahre prägten mentalitätsmäßig noch die Bevölkerung; ein freizeitlicher Individualismus war weitgehend unbekannt, von "innovativer" Freiraumnutzung keine Spur. Die sogenannte Wohlstands- und Freizeitgesellschaft mit dem ihr immanenten Individualisierungsprozess begann sich gerade erst am Horizont abzuzeichnen.
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Aber ab Mitte der 1960er Jahre änderte sich das allmählich: höhere Einkommen, mehr Bildung, mehr Freizeit, mehr Mobilität. Zudem befreiten sich die Menschen auf dem Weg in die Dienstleistungsgesellschaft nicht nur immer mehr aus dem Joch der (harten körperlichen) Arbeit, sondern lösten sich zugleich auch aus traditionellen (auch obrigkeitsstaatlichen) Vorstellungen und religiösen Bindungen, gesellschaftlichen Sitten und Gebräuchen, aus alten Rollenklischees und sexuellen Normen, verhielten sich also immer weniger "pflicht- oder normgemäß", sondern zunehmend freier und selbstbestimmter. Das Selbstverwirklichungsinteresse rückte damit immer mehr in den Vordergrund nach dem Motto: weg von den Pflicht- und Akzeptanzwerten der 1950er Jahre (tun, was sich gehört) hin zu Selbstentfaltungswerten (tun, was man möchte).
"Innovative" Freiraumnutzung?
Alles das kann man stichwortartig festmachen an Begriffen wie "Multioptionsgesellschaft" (P. Gross), "Wertewandel" (H. Klages), "Individualisierungsprozess" oder "Freizeit- und Erlebnisgesellschaft" (G. Schulze). Mit diesen Begriffen verbunden ist ja eine Art von Befreiung, mehr oder weniger (zumal in der Freizeit) das machen zu können, was man möchte. Und es stellt sich also die Frage, ob und wie dieser gesellschaftliche Wandel sich auch in der innerstädtischen Freiraumnutzung niedergeschlagen hat. Wenn dabei im Folgenden von "innovativem" Verhalten die Rede ist, dann ist damit ein Verhalten gemeint, das es in den 1950er Jahren so noch nicht gab, das aber aus heutiger Sicht auch schon wieder nicht mehr so ganz neu ist. Es ist ein Freiraumverhalten, das die bestehenden freiraumkulturellen Werte und Normen nicht in Frage stellt, wohl aber sie etwas anders, "zeit- und wunschgemäßer" interpretieren, sozusagen die Ausführungsbestimmungen ändern möchte.
Schon der erste Augenschein (zumindest in den öffentlichen Parks und Gärten) macht allerdings deutlich, dass sich (im Vergleich zu den 1950er Jahren) in der Freiraumnutzung gar nicht mal so viel verändert zu haben scheint. Die Mehrheit der (vor allem älteren) Bevölkerung verhält sich nämlich weiterhin mehr oder weniger so wie immer, also eher konventionell: geht spazieren, sonnt sich, genießt die Natur, führt Kinder und/oder Hunde aus, sucht Ruhe und Entspannung. Bei den sogenannten new urban gardeners etwa (Beispiel für "innovatives" Freiraumverhalten), über die eine Zeit lang so medienwirksam berichtet wurde, dass man schon an eine sich ankündigende Massenbewegung glauben konnte, dürfte es sich tatsächlich um eine Bevölkerungsgruppe handeln, die sich im Promille-Bereich bewegt und nicht einmal in jeder Großstadt vorkommen dürfte. In den letzten 50 Jahren hat sich das Freiraumverhalten also mehrheitlich kaum verändert, aber am Rande dieses traditionellen Mainstreams (außerhalb der offiziellen Grünflächen?) und vor allem in der jüngeren Bevölkerung hat es sich doch vielfältig ausdifferenziert.


Dabei kann man grob einen Trend erkennen: weg von der eher ruhig-kontemplativen, stark auf die physische Regeneration angelegten konventionellen Freiraumnutzung der 1950er, 60er Jahre hin zu einem "lockeren" Verhalten, das aktiver, erlebnisorientierter, performativer ist, in dem es darum geht, sich selbst mehr (aktiv) einzubringen, sei es in Spiel und Sport, sei es in Geselligkeit; es geht weniger um das, was man im städtischen Grün ästhetisch-kontemplativ genießen könnte (die Ruhe etwa), sondern mehr um das, was man dort macht, "erleben" könnte. Da gibt es nun also abweichend vom bis in die 1960er Jahre hinein üblichen Freiraumverhalten etwa:
- Die "Besitzergreifung des Rasens" (G. Grzimek), also mancherorts die Nutzung von Rasenflächen für Spiele, Lagern, Grillen, Sonnenbaden oder Ähnliches, was davor (und teilweise bis heute) ein absolutes Verhaltenstabu war;
- das new urban gardening, also den Trend hin zum "lockeren" Gärtnern ohne viel Arbeit, ohne allzu viel Verantwortlichkeit, ohne allzu viel Besitz- und Landansprüche, ohne Lebensperspektive, ohne Vereinszugehörigkeit (Kleingarten), projektartig (zusammen mit anderen), mit mehr Spaß (auch an Selbstversorgung), ohne Perfektionsanspruch;
- den Trend weg vom vereinsgebundenen Sport hin zu Sportaktivitäten (Jogging, Fahrradfahren, Skaten, Tai Chi, Qigong etc.), die man jederzeit ausüben kann, allein (ohne lästige Vereinszugehörigkeit), mit/ohne Absprache mit Anderen, ohne feste Trainingszeiten, direkt von der eigenen Wohnung aus;
- den Trend zur Teilnahme an (Gemeinschafts-) Veranstaltungen aller Art in Freiräumen (Konzerte, Feste, Gartenfestivals, Volksläufe) oder privat veranstalteten Events (Picknicks, Grillfeste, Kindergeburtstage, Fußballturniere etc.): Es gilt, mit anderen zusammen etwas Nicht-Alltägliches zu erleben;
- den Trend zur Nutzung bisher weniger freizeitlich genutzter Freiräume wie Straße, Brachfläche, Hinterhof oder Abstandsfläche. Wenn es klassische Freiraumtypen gibt, die nicht so gut zu diesem innovativen Verhaltensstil passen, dann sind es vor allem die stark regulierten, zum Teil vereinsgebundenen (monofunktionalen) Freiräume wie Sportplatz, Gerätespielplatz, Kleingarten, Friedhof. Auch die denkmalgeschützten, verhaltenseingeschränkteren Parks passen nicht recht. Demgegenüber wäre das Tempelhofer Feld in Berlin geradezu ein "innovatives" Freiraumtypideal.
Kommunaler Handlungsbedarf?
Diese Veränderungen in der Freiraumnutzung haben einen gewissen kommunalen Handlungsbedarf zur Folge gehabt, der aber nicht so groß war, wie man es sich hätte vorstellen können – vor allem aus dem Grund, dass die innovative Freiraumnutzung wie gesagt bei weitem nicht die Mehrheit der Bevölkerung (sondern oft nur kleinste Minderheiten) betraf und zudem ein Teil dieser "innovativen Freiraumnutzung" durchaus in den herrschenden Verhaltenskanon von bestehenden Freiräumen integrierbar war. Dabei spielt eine Rolle, dass die "Abweichler" beziehungsweise Nutzungspioniere in der Regel ohnehin nur die Freiräume aufsuchen, wo ihr abweichender Verhaltenswunsch noch am besten umsetzbar erscheint, also infrastrukturell möglich ist und sozial toleriert wird. Diese Akteurs-Logik führt meist dazu, dass in der Praxis selten gänzlich Inkompatibles aufeinanderstößt, was kommunale Maßnahmen oft unnötig macht. Auch die geringe Nutzungsdichte in manchen Freiräumen erleichtert "innovatives" Verhalten.
Wenn die kommunale Freiraumplanung aber nun doch in irgendeiner Weise tätig wird beziehungsweise tätig werden muss, hat sie zunächst eine Reihe von Fragen zu klären: Wie relevant oder irrelevant, wie lang- oder kurzfristig, wie massenwirksam oder nicht, wie positiv oder negativ für wen und was auch immer ist die Verhaltensinnovation? Wobei natürlich auch der jeweils betroffene Grünflächentyp eine Rolle spielt: Es gibt resiliente und weniger resiliente Grünflächen. Und über allem steht die generelle Frage, ob man überhaupt auf jeden neuen Verhaltenswunsch reagieren muss. Ist man nicht vielmehr lediglich zuständig für eine Art infrastruktureller Grundausstattung, für die Befriedigung freiraumkultureller Grundbedürfnisse der Bevölkerung und zuallererst für Schutz, Erhalt und Pflege der Freiräume und nicht für die maximale Bedürfnisbefriedigung jedes Einzelnen?
Handlungsoptionen
Vor diesem komplexen Hintergrund ist natürlich die Frage völlig offen, wie man freiraumplanerisch auf den Innovationsprozess in der Freiraumnutzung reagieren sollte (die kommunale Praxis ist denn auch von Stadt zu Stadt, von Fläche zu Fläche höchst unterschiedlich und situationsabhängig). Grundsätzlich stehen immer vier Handlungsoptionen zur Verfügung: einmal das Abwarten ("Aussitzen"), dann die Abwehr, drittens die Duldung, schließlich die aktive Förderung und Unterstützung. Es ist sicherlich kein Zufall, dass die Reaktion in einem konkreten Fall je nach Entwicklung durchaus alle vier Handlungsoptionen hintereinander durchlaufen kann.
Da ist zum ersten und besonders anfangs die Option des Abwartens. Es besteht noch Unsicherheit. Auf Seiten der Stadtverwaltung existiert zudem noch Hoffnung, dass sich alles irgendwie von selbst löst; sei es, dass der Trend schnell wieder verschwindet oder so marginal bleibt, dass Amtshandeln nicht erforderlich ist. Es scheint auch im Stadtgebiet, inner- und außerhalb der offiziellen Grünflächen, genügend Verhaltensspielräume für alles Mögliche zu geben, was der Stadtverwaltung bisweilen ermöglicht, sich für "unnötig" zu erklären. Man denke etwa ans Jogging und Radfahren im Straßenraum, an die seinerzeitigen Hinterhofbegrünungen, an Aktivitäten wie Parkour oder guerilla gardening, an die wilde Erschließung von Flussuferzonen für Badeaktivitäten, Stand-Up-Paddling oder Strandbars, an die bisweilen unkonventionelle Platzwahl Jugendlicher für ihre Treffs und welcher "Friedwaldler" möchte schon auf einem konventionellen Friedhof bestattet werden? Diese "Eigeninitiativen" der Nutzungspioniere befreien die kommunale Freiraumplanung oft vom unmittelbaren Handlungsdruck, ermöglichen eine abwartende ("aussitzende") Haltung.
Lässt sich eine Reaktion nicht vermeiden, eröffnen sich prinzipiell drei weitere Optionen. Zunächst die der Abwehr der neuen Ansprüche, weil diese weder aus Sicht des Amtes noch des jeweiligen Publikums wünschenswert erscheinen und/oder ihre Befriedigung die (finanziellen, rechtlichen, personellen etc.) Möglichkeiten und Zuständigkeiten des Amtes überstrapazieren würde. Die Ablehnung respektive Abwehr eines Verhaltenstrends erfolgt darüber hinaus meist mit dem Hinweis auf den Erhalt und den Schutz vorhandener Grünflächen als Hauptaufgabe der Grünflächenämter. Wenn da auch nur ansatzweise Gefahr besteht, liegt ein Abwehrversuch natürlich nah. Man verbietet dann also das Betreten der Rasenflächen, das Fahrradfahren, den E-Scooter, das Grillen im Park, das Hantieren mit Drohnen, was in denkmalgeschützten Flächen natürlich leichter durchsetzbar ist als in 08/15-Flächen. Damit ist allerdings noch nicht geklärt, wie und wo das solchermaßen verbotene beziehungsweise ausgeschlossene Verhalten dann stattfinden darf. In solchen Fällen hilft es, wenn es (s. o.) Flächenalternativen gibt, etwa im Straßenraum oder auf Brachflächen, also Flächen für individuelle "Ausweichmanöver".


Als weitere Option bietet sich die Tolerierung an, wenn das neuartige Verhalten einerseits keine weiteren baulich-gestalterischen Maßnahmen voraussetzt, andererseits keine nennenswerten Störungen des "Betriebes", also weder nennenswert erhöhte Pflegekosten noch Nutzungskonflikte verursacht. Ein relativ häufig vorkommender Fall. Man akzeptiert einfach, dass auf den Rasenflächen nun gelagert, Fußball gespielt oder gegrillt wird, Veranstaltungen durchgeführt werden, Jugendliche sich auf dem Kinderspielplatz aufhalten, im Kleingarten von dem einen oder anderen kein Obst und Gemüse angebaut wird. Für die kommunale Freiraumplanung ist die Strategie der Tolerierung sicherlich attraktiv (kostengünstig), aber natürlich auch mit einigen Risiken verbunden. Über Jahrzehnte hinweg hatte sich etwa im Berliner Tiergartenpark eine Grillszene entwickelt, die man zunächst duldete, dann auf bestimmte ausgewiesene Teilflächen beschränkte, um schließlich wieder ein generelles Grillverbot auszusprechen – mit der Folge, dass diese Szene in andere, nicht so wertvolle respektive zentrale Freiräume ausgewichen ist und dort nun auch wieder geduldet wird.
Schließlich gibt es als Handlungsoption gegenüber Verhaltensänderungen deren (aktive) Förderung. Hier würde man baulich-gestalterische und/oder organisatorische Maßnahmen ergreifen, um etwa das Skaten, das Kinder- oder Boulespiel, Veranstaltungen im Park zu ermöglichen oder etwa für Senioren Fitnessgeräte aufstellen. Oder man entwickelt gar ganz neue Freiraumtypvarianten wie seinerzeit bei den Revierparks oder den Aktiv- bzw. Abenteuerspielplätzen, später den Skateparks, Stadtteilbauernhöfen oder in jüngerer Zeit den neuen Gartenformen wie Internationale Gärten, Erntegärten oder Spiel- und Sportparks à la Gleisdreieckpark in Berlin. Die Entwicklung neuer Freiraumtypvarianten ist eher selten das Werk der kommunalen Freiraumplanung allein gewesen. Vielmehr sind es oft die Nutzungspioniere selbst, die ihre Interessen einbrachten, die Trägerschaft des neuen Freiraumtyps übernahmen (Internationale Gärten, Erntegärten, Friedwälder, Stadtteilbauernhöfe etc.), so dass die kommunale Freiraumplanung im Grunde nur begleitend tätig war, etwa Liegenschaften bereitstellte und sei es als Zwischennutzung.
Insgesamt kann man feststellen, dass die kommunale Freiraumplanung recht gut mit den Folgen der innovativen Freiraumnutzung in den letzten 50 Jahren fertig geworden ist. Allerdings vor allem deshalb, weil diese quantitativ nicht so sehr ins Gewicht und qualitativ meist nicht zu sehr aus dem Rahmen gefallen ist und die Nutzungspioniere sich auch oft selbst zu helfen wussten – mit der Folge, dass ein Großteil der "innovativen" Freiraumnutzung nicht mehr in den klassischen Grünflächen einer Stadt stattfindet, sondern außerhalb. Ursächlich ist dafür offensichtlich beides: einerseits eine gewisse Reserviertheit auf Seiten der Stadt gegenüber allzu "Innovativem" aus Sorge um Ruhe und Ordnung im Grünflächenbestand (durchaus im Sinne der Bevölkerungsmehrheit), andererseits ein Desinteresse auf Seiten eines Teils der "Innovativen", die sich im klassischen Grünflächenbestand weder aktivitäts- noch lebensgefühlsmäßig richtig aufgehoben fühlen, ihren Platz also auch ganz gern außerhalb suchen.
Literatur
Barker, R. (1968): Ecological Psychology. Concepts and methods for studying the environment of human behavior, Stanford (University Press).
Grzimek, G. u. a. (1983): Die Besitzergreifung des Rasens. Folgerungen aus dem Modell Süd-Isar Grünplanung heute, München (Callwey).
Gross, P. (1994): Die Multioptionsgesellschaft, Frankfurt (Suhrkamp).
Klages, H. (1984): Wertorientierungen im Wandel, Rückblick, Gegenwartsanalyse und Prognosen, Frankfurt (Campus).
Schulze, G. (1992): Die Erlebnisgesellschaft, Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt (Campus).
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