Kleingärtnerische Nutzung, biologische Vielfalt und Klimaresilienz
Unsere Kleingärten und Ihre gesellschaftliche Bedeutung
von: Eva Foos, Thomas Stölting, Sandra von Rekowski
Bedeutung der kleingärtnerischen Nutzung
Die Grundidee der Kleingärten und die Grundlage ihres besonderen Schutzstatus nach dem Bundeskleingartengesetz ist die kleingärtnerische Nutzung, also der Anbau gärtnerischer Produkte und die Erholung. In krisenhaften Zeiten trug dies bereits mehrmals wesentlich zur Ernährungssicherung der Bevölkerung bei. Auch in den heutigen unsicheren Zeiten sollte dieser Aspekt mitbedacht werden. Die jährlichen Ernteerträge aus Kleingärten in Deutschland sind laut Schätzungen durchaus mit denen der ökologischen Landwirtschaft vergleichbar, bergen ein noch höheres Potenzial und sind somit ein wichtiger Pfeiler der Lebensmittelversorgung1.
Besonders in Zeiten steigender Lebensmittelpreise kann ein gut bewirtschafteter Kleingarten die Haushaltskasse deutlich entlasten.2 Saatgut oder Jungpflanzen kosten vergleichsweise wenig. Dafür fällt die Ernte oft reichlich aus. Wer regelmäßig Gemüsepflanzen selbst zieht, spart sich viele Einkäufe im Supermarkt. Überschüssige Ernte lässt sich haltbar machen – durch Einkochen, Einfrieren oder Trocknen. So ist auch im Winter noch Genuss aus eigener Produktion möglich.
Selbstversorgung im Kleingarten schont nicht nur den Geldbeutel, sondern auch die Umwelt. Es entfallen Transportwege, Verpackungsmüll und industrielle Verarbeitung. Wer Regenwasser nutzt, kompostiert und auf chemisch-synthetische Mittel verzichtet, betreibt aktiven Umwelt- und Naturschutz. Der Kleingarten wird so zur kleinen, aber wichtigen ökologischen Oase.
Nicht zu vergessen ist der gesundheitliche Aspekt. Kleingärten und vergleichbare Grünflächen tragen in vielfältiger Weise zur Förderung der physischen und psychischen Gesundheit der Gärtnernden und aller Besucherinnen und Besucher der Anlage bei3. Selbst geerntetes Obst und Gemüse ist absolut frisch. Hinzu kommt: Kleingärtnerinnen und Kleingärtner entscheiden selbst, welche Sorten angebaut werden. Besonders für Menschen mit Unverträglichkeiten und Allergien ist das ein großer Vorteil.
Gartenarbeit ist Bewegung – und zwar ganz natürlich. Wer pflanzt, jätet, gräbt oder erntet, tut etwas für seine körperliche Fitness. Das Arbeiten an der frischen Luft wirkt beruhigend und ausgleichend. Diese regelmäßige Auszeit im Grünen hat nachweislich positive Effekte auf das psychische Wohlbefinden4. Stress wird reduziert, der Kopf wird frei und das Selbstwertgefühl steigt.
Der eigene Anbau ist der beste Lehrer. Man lernt, wie Pflanzen wachsen, welche Schädlinge auftreten können, welche Nützlinge helfen und wie man sinnvoll mit der Natur arbeitet. Diese Erfahrungen stärken das Gefühl der Selbstwirksamkeit. Gerade Kinder profitieren davon enorm. So entsteht ein tieferes Bewusstsein für den Wert von und ein respektvollerer Umgang mit Lebensmitteln.
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Kleingärten und ihre Bedeutung für die biologische Vielfalt und das Klima
In urbanen Räumen stellen Kleingartenanlagen nicht nur wichtige Rückzugsräume für Flora und Fauna dar, sondern tragen zur Verbesserung des Stadtklimas und zur Förderung der Biodiversität bei.
§ 1 Abs. 6 des Bundesnaturschutzgesetzes erkennt ihre Bedeutung ausdrücklich an: Kleingartenanlagen sollen erhalten und, wo nötig, neu geschaffen werden. Auch im Baugesetzbuch (§ 1 Abs. 6 BauGB) wird betont, dass Umwelt-, Natur- und Klimaschutz bei Bauleitplänen zu berücksichtigen sind. Diese Regelungen stärken die ökologische Funktion von Kleingärten und geben ihnen Gewicht in Planungsverfahren.
Mittlerweile finden Kleingärten zunehmend auch in der wissenschaftlichen Diskussion Anklang. Studien belegen, dass Kleingartenanlagen in Städten eine höhere Artenvielfalt aufweisen als viele städtische Parks. Die kleinteilige Struktur, der Nutzungsmix aus Anbauflächen, Staudenbeeten und Gehölzen sowie die naturnahe Gestaltung vieler Parzellen schaffen günstige Bedingungen für Insekten, Vögel und Kleinsäuger. Besonders Bestäuber wie Wildbienen profitieren von der Blütenvielfalt und der geringen Pestizidbelastung in Kleingärten5,6.
Viele Kleingärtnerinnen und Kleingärtner setzen auf Mischkultur und Fruchtwechsel und achten darauf ihre Pflanzen ohne chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel oder künstliche Dünger gesund zu erhalten. Stattdessen setzen sie auf biologische und ökologische Methoden, die sowohl die Pflanze als auch den Boden, die Umwelt und die Artenvielfalt schützen und stärken. All das fördert die Artenvielfalt. Ein weiterer großer Vorteil des eigenen Anbaus: die Sortenvielfalt.
Darüber hinaus spielen Kleingärten eine wichtige Rolle im Klimawandel: Sie kühlen durch Verdunstung die Umgebungsluft, binden Feinstaub und verbessern die Luftqualität. Untersuchungen zeigen, dass in Kleingartenanlagen und vergleichbaren Grünflächen messbar niedrigere Temperaturen herrschen als im umgebenden urbanen Wohnquartier7,8. Zudem wirken sie als Wasserspeicher ganz im Sinne des Schwammstadtprinzips. Nicht zuletzt fördern gesunde Böden in Kleingärten die Kohlenstoffbindung und leisten so einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz9,10, wie eine Studie der Humboldt-Universität zu Berlin nachgewiesen hat. Die jetzt schon nachweisbaren Effekte beruhen auf der kleingärtnerischen Bewirtschaftung, Pflege und Nutzung der einzelnen Kleingärten. Gleichzeitig gibt es zusätzlich einen Trend zu naturnahem Gärtnern. Die daraus resultierenden positiven Effekte dürften in den nächsten Jahren noch zunehmen.



Der Vorteil einer organisierten gärtnerischen Fachberatung
Will man das Kleingartenwesen als ökologisch, sozial und auch wirtschaftlich nachhaltige Flächennutzung voranbringen und sichern, ist vor allem die Fachberatung hervorzuheben. Fachberaterinnen und Fachberater unterstützen ehrenamtlich mit praxisnahem Wissen rund ums Gärtnern – von Anbau und Pflanzenschutz bis zur nachhaltigen Pflege.
Viele im Bundesverband der Kleingartenvereine Deutschlands (BKD) organsierte Landesverbände bieten eigene Ausbildungen zur Fachberaterin bzw. zum Fachberater an, die enormen Zuspruch erfahren. Auch der BKD fördert die Fachberatung durch entsprechende Schulungen.
Die Fachberatung ist notwendig für ein gelingendes Kleingartenwesen – fachlich, rechtlich und menschlich:
- Mit Workshops, Begehungen oder persönlichen Gesprächen stärken sie den Austausch untereinander und fördern somit eine lebendige Vereinsgemeinschaft.
- Fachberaterinnen und Fachberater begleiten die kleingärtnerische Nutzung, beraten zur Bodengesundheit und zur ökologischen Vielfalt und achten auf die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben und somit den Schutz der bestehenden Kleingartenflächen.
- Sie setzen sich ein für Insektenschutz, Kompostierung, biologische Vielfalt – kurz: für zukunftsfähiges Gärtnern. Somit stehen sie für Nachhaltigkeit und Umweltbildung.
- Und nicht zuletzt sind sie das Bindeglied zwischen Verband, Verein und Mitgliedern. Abstrakte Richtlinien werden in praktische Tipps übersetzt und aktuelles Fachwissen direkt auf die Parzellen übertragen.11
Fachlich gut betreut und mit entsprechendem Rückenwind seitens der Vorstände kann so jeder Kleingarten ökologisch und ertragsreich bewirtschaftet werden.


Öffentliche Wahrnehmung und politische Einflussnahme
Die öffentliche Wahrnehmung von Kleingärten hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Wurden sie früher oft als rückständig belächelt, wird ihre Bedeutung für Umwelt, Gesundheit und Gemeinwohl heute allgemein anerkannt. Aktivitäten und Projekte, die die Bedeutung der Kleingartenanlagen für den Erhalt und die Förderung der biologischen Vielfalt, für eine resiliente Stadtentwicklung und für ein soziales Miteinander aufzeigen und fördern, haben zu diesem Sinneswandel der Öffentlichkeit wesentlich beigetragen. Dies gilt auf allen Ebenen, vom lokalen Kleingartenverein über die Landesverbände bis hin zum BKD, die gemeinsam an einer zukunftsgerichteten Weiterentwicklung der Kleingartenanlagen arbeiten.
Zu nennen sind hier etwa das Projekt "Kleingärten für Biologische Vielfalt"12 gefördert im Bundesprogramm Biologische Vielfalt13 im Verbund mit dem Deutsche Schreberjugend Bundesverband oder das Projekt "Kleingartenlaube neu gedacht – die Gartenlaube im Fokus von Nachhaltigkeit, sozialer Offenheit und Biodiversität"14 in Kooperation mit der Fachhochschule Potsdam und der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, sowie das Bürgerwissenschaftsprojekt "gartendiv"15 unter Federführung der Universität Leipzig in Zusammenarbeit mit dem Julius Kühn-Institut, Flora Incognita und dem Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig. In der Öffentlichkeit, insbesondere in den Medien, vor allem aber auch bei den Mitgliedern der Kleingartenorganisationen selbst stoßen diese Projekte auf große Resonanz.
Verstärkt wird die enge Kooperation mit der Wissenschaft in der Auseinandersetzung mit den drängenden Zukunftsfragen unter anderem durch den Wissenschaftspreis, den der BKD alle vier Jahre vergibt. Nach der großen Beteiligung im Jahr 2023 mit mehr als 40 eingereichten Arbeiten aus dem In- und Ausland wird der nächste Wissenschaftspreis im Jahr 2027 vergeben. Die Auslobungsunterlagen stehen seit 2024 online zur Verfügung.16
Gleichzeitig ist der ebenfalls alle vier Jahre ausgerichtete Bundeswettbewerb "Gärten im Städtebau"17 von BKD und Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) ein wirksames Instrument zukunftsorientierte Themen und Zielstellungen breit zu verankern. So lautet das Motto für den Bundeswettbewerb 2027: "Kleingartensommer: cool und gemeinsam, statt hitzig und einsam". Schließlich stehen die Kleingärten der Zukunft unter dem Titel "Stadt | Natur | Mensch" im Zentrum einer Dauerausstellung des BKD im Kleingarten-Bundeszentrum in Berlin. Die Ausstellung verhandelt das Verhältnis von Stadt und Natur und die Frage, warum unsere Städte grüner werden müssen, was dazu nötig ist und welche Rolle und welche Aufgaben dabei den Kleingärten zufallen. Es gelingt sowohl Fachleute aus Politik und Verwaltung als auch Schülergruppen anzusprechen sowie die Kleingärtnerinnen und Kleingärtner selbst.


Fazit: Ökologische Verantwortung und politische Teilhabe
Dank des Schutzes des Bundeskleingartengesetzes leisten die Kleingärten einen wichtigen Beitrag zur Ernährungssicherung, zum Umwelt-, Natur- und Klimaschutz und erfüllen gleichzeitig soziale und gesundheitliche Funktionen.
Die Zukunft des Kleingartenwesens hängt davon ab, wie gut es gelingt, die vielfältigen positiven Wirkungen weiter voranzubringen und entsprechend zu kommunizieren. Eine ökologisch vielfältige und naturnahe Bewirtschaftung begleitet durch eine gut aufgestellte Fachberatung ist dabei ein Schlüssel. Dies gilt insbesondere dann, wenn Fördermaßnahmen ergriffen werden, die die Entwicklung hin zu naturnahem Gärtnern verstärken – etwa in Bezug auf notwendige Sanierungsmaßnahmen bei alten Kleingartenanlagen. Gleichzeitig braucht es eine starke, gut vernetzte Gemeinschaft, die mit einer Stimme spricht und ihre Interessen in Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit wirksam vertritt. Kleingartenanlagen dürfen nicht weiter als bloße Baulandreserve betrachtet werden. Im Gegenteil: Wohnortnahe Kleingartenanlagen müssen bei größeren Wohnungsbauvorhaben stets miteingeplant werden. So bleiben Kleingärten auch in Zukunft ein unverzichtbarer Bestandteil lebenswerter Städte.
Anmerkungen
1 Kilousek, T., Beneke, G., Deutsche Schreberjugend Bundesverband e. V. (2022): in der Broschüre "Hidden Champions – Zur Bedeutung von urbaner Landwirtschaft (insbesondere Kleingärten) für die Zukunft unserer Städte", Kapitel 3.2 Erträge im Kleingarten
2 Kilousek, T., Beneke, G., Deutsche Schreberjugend Bundesverband e. V. (2022): in der Broschüre "Hidden Champions – Zur Bedeutung von urbaner Landwirtschaft (insbesondere Kleingärten) für die Zukunft unserer Städte", Kapitel 3.2 Erträge im Kleingarten
3 Biercamp, N. et al. (2018): Grünflächenmanagement im Kontext von Klimawandel und Biodiversität. Synthesebericht zum Modul I des Projekts Stadtgrün. https://stadtundgruen.de/q/?15
4 van den Berg, A. E. et al. (2010): Green space as a buffer between stressful life events and health. Social Science & Medicine 70(8), 1203–1210.
5 Zeitschrift "Natur und Landschaft", Heft 12 2024 | Artikel "Kleingärten als Modelle gesellschaftlicher Transformation
6 Städtische Biodiversität: Erstaunliche Vielfalt an Kleinlebewesen in Basler Gärten, https://stadtundgruen.de/q/?15
7 Rost, A. T. et al. (2022): How Cool Are Allotment Gardens? A Case Study of Nocturnal Air Temperature Differences in Berlin, Germany: https://stadtundgruen.de/q/?15
Urban Green Infrastructure for Climate-Smart Cities. Springer. https://stadtundgruen.de/q/?15
8 Biercamp, N. et al. (2018): Grünflächenmanagement im Kontext von Klimawandel und Biodiversität. Synthesebericht zum Modul I des Projekts STADTGRÜN.https://stadtundgruen.de/q/?15
9 Klingenfuß C., Klein D.-P. et al. (2019): Natürliche Kohlenstoffspeicher in Berlin. Ergebnisse des Forschungsprojekts NatKos. Humboldt-Universität zu Berlin.www.hu.berlin/natkos (12.6.2025)
10 Eisenhauer, N. (2024) "Warum das Bodenleben für den Naturschutz so wichtig ist: Zusammenhänge ober- und unterirdischer Biodiversität – Einblicke aus 20 Jahren Forschung im Jena Experiment" in "Natur und Landschaft" 9/10
11 Der Fachberater (BKD); Heft Nr.2/Mai 2025: Im Fokus "Fachberatung – Wissen gekonnt vermitteln"
12 https://kleingaerten-biologische-vielfalt.de (12.6.2025)
13 https://stadtundgruen.de/q/?15
14 stadt-natur-mensch.de/(Sonderausstellung) (12.6.2025)
15 https://stadtundgruen.de/q/?15
Links aus den Quellen
- Anmerkung 3
https://www.ioew.de/projekt/stadtgruen_wertschaetzen - Anmerkung 6
https://www.unibas.ch/de/Aktuell/News/Uni-Research/Staedtische-Biodiversit-Erstaunliche-Vielfalt-an-Kleinlebewesen-in-Basler-Gaerten.html - Anmerkung 7
https://depositonce.tu-berlin.de/items/aa8b551f-bcea-486c-8161-30f3f0981e0c
https://www.ioew.de/fileadmin/user_upload/BILDER_und_Downloaddateien/P - Anmerkung 8
https://www.ioew.de/projekt/stadtgruen_wertschaetzen - Anmerkung 9
https://www.hu.berlin/natkos (12.6.2025) - Anmerkung 12
https://kleingaerten-biologische-vielfalt.de/ (12.6.2025) - Anmerkung 13
https://www.bfn.de/thema/bundesprogramm-biologische-vielfalt (18.6.2025) - Anmerkung 14
https://stadt-natur-mensch.de/ (Sonderausstellung) (12.6.2025) - Anmerkung 15
https://kleingarten-bund.de/blog/2025/05/19/pflanzenvielfalt-in-deutschlands-kleingaerten-im-blick/ (12.6.2025) - Anmerkung 16
https://kleingarten-bund.de/veranstaltungen/wettbewerbe/wissenschaftspreis-2/ (12.6.2025) - Anmerkung 17
https://kleingarten-bund.de/veranstaltungen/wettbewerbe/bundeswettbewerb/ (12.6.2025)











