Kommentar

L' art pour l'art?

von

Prof. Dr.-Ing. Stefan Körner, Universität Kassel, FB 06 Architektur, Stadtplanung, Landschaftsplanung. Foto: Stefan Körner

Alle Welt spricht davon, dass die Städte wieder grüner werden sollen. Zwar gibt es Versuche mit trockenresistenten neuen Baumarten, aber an den Pflegepraxen ändert sich wenig. Die Freiflächen der Städte sind mit monotonen Gebrauchsrasen überzogen, die bei Trockenheit absterben, und die so beliebten Ansaaten von Annuellen sind letztlich ein Strohfeuer. Doch zeigen sie, dass das Bedürfnis nach Blütenvielfalt sehr groß ist. In der Staudenverwendung wird daher auch eine neue Sorte und munter eine Staudenmischung nach der anderen auf den Markt geworfen - aber wer hat da noch den Überblick und vor allem: wer sollte ihn haben? Die aktuelle naturalistische Pflanzenverwendung ist nicht als reine künstlerische Gestaltung angetreten, sondern auch mit dem Vorsatz, mehr Ökologie einzusetzen. Dieser ist mindestens 100 Jahre alt und hat zum Interesse an der Vegetationskunde geführt. Doch gilt die Staudenverwendung nach Lebensbereichen, die diese wissenschaftliche Fundierung konsequent umgesetzt hatte und die mit ihren Kategorien wie Beet, Freifläche und Gehölzrand nach wie vor sehr praktisch ist, als zu kompliziert. Eine wirkliche Alternative existiert jedoch nicht. Und so träumen auch die naturalistischen Pflanzenverwender von den schönen (Vor-)Bildern mancher Naturstandorte, raunen aber allenfalls von so etwas wie "visueller Ökologie" oder "Gartenökologie". Die überwiegend ästhetische Orientierung führt dazu, dass die Pflanzenverwendung nicht aus ihrer Liebhabernische herauskommt.

Mit der Vegetationskunde wäre ernst zu machen, wenn man tatsächlich Pflanzenbestände entwickeln wollte, die sich unter bestimmten Umständen selbst stabilisieren und damit in der Fläche breit eingesetzt werden können. Statt kostenintensive und pflegeaufwendige Projekte zu bauen, könnte das getan werden, was mit der Anpassung der Städte an den Klimawandel unabdingbar ist, nämlich Alltagsräume zu begrünen. Dazu wären aber auch die sozialen Nutzungen der Räume zu thematisieren, die in der Pflanzenverwendung überhaupt nicht beachtet werden. Für diesen Ansatz gibt es ein von nur wenigen beachtetes Vorbild, die Kasseler Schule. Sie betrieb eine "Geografie des Alltags" durch Kartierungen von Vegetationsstrukturen und Gebrauchskontexten, machte "Stadtökologie" planerisch handhabbar, wollte aber mit Naturschutz und Gestaltung nichts zu tun haben.

Dennoch arbeitete man nicht nur mit Spontanvegetation, sondern experimentierte schon vor 30 Jahren mit Schottersubstraten, auf denen Trittrasen aber auch verwilderungsfähige Gartenstauden kombiniert mit Wildstauden eingesät wurden. Man hätte also beispielsweise mit dem Mineralmulch das Rad nicht neu erfinden müssen. Etwas Geschichtsbewusstsein und theoretische Auseinandersetzung hätte eine Menge Anregungen erschlossen. Doch hatte auch die Kasseler Schule ihre blinden Flecken. Wir brauchen also einen reflektierten Ansatz und Publikationsorgane, die einen inhaltlichen Dialog möglich machen und nicht allein als Werbeflächen für neue Produkte und Trends fungieren, damit nachvollziehbares Wissen entstehen kann. Prof. Dr.-Ing. Stefan Körner

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 03/2017 .

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