Luzerns Handbuch für klimaangepasste Grünflächen

Eine Stadt stellt sich dem Wandel

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Die Herausforderungen des Klimawandels machen auch vor der Stadt Luzern nicht halt. Steigende Temperaturen, häufigere Hitzetage, intensivere Starkniederschläge und schneeärmere Winter prägen die Klimaszenarien für die Stadt bis 2060 (NCCS, 2018). Diese Veränderungen erfordern eine grundlegende Anpassung urbaner Frei- und Grünräume, um die Lebensqualität der Bevölkerung zu sichern und gleichzeitig die Klimaresilienz, die Widerstandsfähigkeit von Ökosystemen gegenüber den Folgen des Klimawandels, zu stärken.
Klimaresilienz Grünflächen
Abb.1: Ausblick von der Lidowiese in Luzern auf den Vierwaldstättersee. Foto: Forschungsgruppe Grünraumentwicklung, ZHAW IUNR

Wie viele andere Gemeinden in der Schweiz reagiert die Stadt Luzern auf diese Herausforderungen mit einer zweigleisigen Strategie: Zum einen setzt sie auf die Reduktion von Treibhausgasen durch die Klima- und Energiestrategie (Stadt Luzern, 2021), zum anderen auf die Anpassung an unvermeidliche klimatische Veränderungen. Die vom Stadtrat verabschiedete Klimaanpassungsstrategie definiert konkrete Maßnahmen, darunter die Entwicklung klimaangepasster Pflanz- und Grünflächen (Stadt Luzern, 2020).

Vor diesem Hintergrund wurde das Praxishandbuch "Klimaangepasste Pflanz- und Grünflächen" entwickelt. Es dient als Leitfaden für Fachpersonen der kommunalen Verwaltung und externe Planende, die von der Stadt beauftragt werden. Ziel ist es, Grünflächen so zu gestalten und zu pflegen, dass sie gegenüber den Folgen des Klimawandels widerstandsfähig sind, gleichzeitig die Biodiversität fördern und die Lebensqualität in der Stadt erhöhen.

Das Handbuch ist eng mit anderen städtischen Strategien und Werkzeugen verknüpft. So baut es auf der Biodiversitätsstrategie und dem Pflegehandbuch Grünflächenpflege auf und erweitert diese um spezifische Hinweise zur Klimaanpassung. Zudem fließen Erkenntnisse aus dem Wissensportal fokus-n.ch (vgl. Kasten) ein (ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, 2024).

Entwicklung des Handbuchs

Das Handbuch "Klimaangepasste Pflanz- und Grünflächen" entstand durch eine Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Verwaltung und Praxis. Es wurde von der Forschungsgruppe Grünraumentwicklung der ZHAW im Auftrag von und in Zusammenarbeit mit Fachleuten von Stadtgrün Luzern erarbeitet. Ziel war es, ein Instrument für die Praxis zu entwickeln, das die spezifischen klimatischen und topografischen Gegebenheiten der Stadt berücksichtigt.

Die Entwicklung des Handbuchs begann mit einer umfassenden Analyse, die verschiedene Aspekte der Klimaanpassung berücksichtigte. Als Grundlage dienten Prognosen zu Hitze, Starkregen und Trockenheit, die die klimatischen Szenarien für Luzern bis 2060 abbilden. Parallel dazu wurden bestehende Planungs- und Pflegeinstrumente, wie das Pflegehandbuch und der Grünflächenkataster, eingehend geprüft und in den Kontext der Klimaanpassung gestellt. Um sicherzustellen, dass das Handbuch sowohl wissenschaftlich fundiert als auch anwendungsorientiert ist, fanden Workshops mit Fachleuten von Stadtgrün Luzern statt.

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Abb. 2: Die Ruderalvegetation beim Schulhaus Ruopingen in Luzern ist stresstolerant und erträgt Hitze sowie Trockenheit. Damit ist sie gut an die Herausforderung des Klimawandels angepasst. Foto: Forschungsgruppe Grünraumentwicklung, ZHAW IUNR
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Abb. 3: Grüne Oasen wie jene im alten Friedhof in Luzern spenden im Sommer Schatten und angenehme Kühle. Ein Gewinn für das Stadtklima und die Lebensqualität. Foto: Forschungsgruppe Grünraumentwicklung, ZHAW IUNR

Vielfalt als Grundlage klimaresilienter Grünräume

Das Handbuch "Klimaangepasste Pflanz- und Grünflächen" basiert auf einer detaillierten Analyse von 14 Flächenkategorien, die die gesamte Bandbreite urbaner Frei- und Grünräume abdecken – von klassischen Parks bis hin zu Dachbegrünungen. Jede Kategorie wurde systematisch untersucht, um ihr Potenzial für die Klimaanpassung, die spezifischen Standortbedingungen und ein klar definiertes Zielbild herauszuarbeiten. Für jede Flächenkategorie wurde eine qualitative Einschätzung zum Potenzial für die Teilaspekte der Klimaanpassung sowie zur Biodiversitätsförderung vorgenommen. Die Einstufung ist relativ und in Bezug zu den anderen Kategorien zu verstehen. Darüber hinaus liefert das Handbuch konkrete Hinweise und Grundsätze zu Planung und Realisierung, um eine direkte Umsetzung in der Praxis zu erleichtern. Zur langfristigen Pflege wurden Anpassungs- und Ergänzungshinweise zusammengestellt, welche in das bereits bestehende Handbuch Grünflächenpflege eingearbeitet werden. Dadurch soll die Klimaresilienz über den gesamten Lebenszyklus von Grünflächen gefördert werden.

Um die Praxisanwendung zu erleichtern, folgt jede Kategorie einer einheitlichen Struktur. Die Standortbedingungen werden durch Spinnendiagramme und textliche Erläuterungen veranschaulicht, was eine schnelle Orientierung ermöglicht. Idealzustände – sogenannte Zielbilder – definieren, wie die jeweilige Kategorie aussehen soll. An rund 30 Standorten in der Stadt Luzern entstanden Fotografien, welche die Flächenkategorien portraitieren, im Handbuch als Ziel- sowie Referenzbilder dienen und konkrete Beispiele aus der Praxis zeigen. Zudem stellt das Handbuch für jede Kategorie typische Pflanzenarten vor, die bei der Umsetzung berücksichtigt werden können, ohne dabei starre Vorgaben im Sinne von definierten Pflanzenlisten zu machen.

Die Flächenkategorien verdeutlichen die Vielfalt urbaner Freiräume und deren spezifische Rolle bei der Klimaanpassung. So zeichnen sich Blumenrasen durch Trockenheitsresistenz und Pflegeleichtigkeit aus, während sie Lebensraum für zahlreiche Insekten bieten. Dach- und Fassadenbegrünungen schaffen kühlende Effekte und verbessern die Luftqualität in stark versiegelten Bereichen. Großkronige Parkbäume übernehmen eine Schlüsselrolle im Stadtklima und schaffen Lebensräume für Vögel und Insekten.

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Abb. 4 (links): Zusammenstellung aller behandelter Flächenkategorien und ihr Potential für die Klimaanpassung. hoch = ..... negativ = - Abb. 5 (rechts): Standortbedingungen für Dachbegrünungen. Abbildung: Forschungsgruppe Grünraumentwicklung, ZHAW IUNR

Übergreifende Grundsätze für klimaresiliente Städte

Das Handbuch legt besonderen Wert auf übergeordnete Grundsätze, die unabhängig von einzelnen Flächenkategorien gelten. Diese Prinzipien schaffen Synergien zwischen städtebaulichen, ökologischen und klimatischen Zielen und machen die blau-grüne Infrastruktur zum Herzstück klimaresilienter Städte und Siedlungsgebieten.

Ein zentrales Element ist die Entwicklung eines funktionierenden klimatischen Freiraumsystems. Wälder, Wiesen und Felder an den Siedlungsrändern generieren nächtlich kühle, sauerstoffreiche Luft. Vegetationsgeprägte, hindernisfreie Korridore – sogenannte Kaltluftleitbahnen – leiten diese Luft in urbane Räume, wodurch die nächtliche Abkühlung unterstützt wird. Eine geschickte Bebauung, die etwa Gebäude parallel zur Windrichtung ausrichtet, ergänzt diese Freiraumsysteme.

Neben großflächigen Freiräumen wie Parks betont das Handbuch auch die Bedeutung kleiner, dezentraler Grünflächen. Diese können als "kühle Inseln" im städtischen Gefüge wirken, insbesondere in dicht besiedelten Quartieren. Durch die naturnahe Gestaltung und Vernetzung solcher Flächen entstehen vielfältige Lebensräume, die sowohl klimatische Funktionen erfüllen als auch die Biodiversität fördern.

Ein weiterer Grundsatz ist der sparsame Umgang mit Wasser. Der Leitsatz "Verdunstung vor Versickerung vor Ableitung" beschreibt eine effiziente Wasserbewirtschaftung, bei der Regenwasser möglichst vor Ort gespeichert oder genutzt wird. Versickerungsflächen und Retentionssysteme tragen zur Grundwasserneubildung und zur Minimierung von Überhitzung und Überschwemmungsrisiken bei.

Die Auswahl klimaangepasster Pflanzen ist ebenfalls ein zentrales Thema. Resiliente Arten, die Trockenheit und Hitzeperioden standhalten, reduzieren den Pflegeaufwand und erhöhen die Widerstandsfähigkeit gegenüber Schädlingen und klimatischen Extremen. Dabei wird die Diversität gezielt gefördert, um das ökologische Gleichgewicht zu stärken.

Schließlich betont das Handbuch die Bedeutung einer langfristigen und naturnahen Pflege. Frei- und Grünräume entfalten ihre volle Funktionalität oft erst nach Jahren oder Jahrzehnten, wobei neben dem Faktor Zeit auch die Vitalität der Pflanzen eine entscheidende Rolle einnimmt. Ein adaptives Pflegemanagement, das auf sich wandelnde Bedingungen eingeht, sichert die Nachhaltigkeit und den langfristigen Nutzen dieser Anlagen.

Die Kombination aus spezifischen Flächenkategorien und universellen Grundsätzen macht das Handbuch zu einem praktischen Werkzeug. Es bietet eine klare Vision, wie urbane Grünräume nicht nur klimatische Herausforderungen bewältigen, sondern auch die Lebensqualität erhöhen und die ökologische Vielfalt fördern können.

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Abb. 6: Die durchlässige Natursteinpflasterung in Kombination mit großzügiger Beschattung schafft eine kühle Nische in der Luzerner Innenstadt. Foto: Forschungsgruppe Grünraumentwicklung, ZHAW IUNR
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Abb. 7: Seeufer bei der Lidowiese, General-Guisan-Quai – die Nähe zum Wasser dient als bedeutender Erholungs- und Klimafaktor. Foto: Forschungsgruppe Grünraumentwicklung, ZHAW IUNR

Klimaanpassung als fortlaufender Prozess

Das Handbuch "Klimaangepasste Pflanz- und Grünflächen" bietet eine solide Grundlage, doch es sollte als Auftakt eines langfristigen und dynamischen Prozesses betrachtet werden. Die Anpassung an den Klimawandel ist keine einmalige Aufgabe, sondern erfordert kontinuierliche Evaluierung und Anpassung. In künftigen Projekten könnten folgende Ansätze verstärkt verfolgt werden, um die Wirksamkeit und Nachhaltigkeit urbaner Grünflächen weiter zu steigern:

Ein zentraler Fokus liegt darauf, das Systemdenken zu stärken. Freiräume sollten nicht isoliert betrachtet werden, sondern als integrale Bestandteile eines städtischen Gesamtsystems. Ihre Funktionen – von der Kühlung über den Wasserrückhalt bis hin zur Förderung sozialer Interaktion – sind eng miteinander verknüpft und profitieren von einer koordinierten Planung. Technologische Innovationen spielen hierbei eine wesentliche Rolle. Smarte Grünanlagen, Sensornetzwerke oder KI-gestützte Planungstools ermöglichen eine präzisere Gestaltung und Überwachung urbaner Freiräume und können die Koordination zwischen verschiedenen Planungszugängen im dichten urbanen Raum verbessern.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die stärkere Integration sozialer Dimensionen. Grünräume sind nicht nur ökologische Schutzräume, sondern auch Orte des gesellschaftlichen Lebens. Ihre Gestaltung sollte die Vielfalt der Nutzungsbedürfnisse berücksichtigen und gleichzeitig die kulturelle Identität der Stadtbewohner:innen widerspiegeln. Durch die Verbindung von ökologischen und sozialen Zielen sind Grünräume zentrale Elemente einer lebenswerten Stadt und nehmen in ihrer Bedeutung im Zuge der Klimaadaption weiter zu.

Ein Modell für andere Städte

Das Luzerner Handbuch stellt nicht nur einen wichtigen Schritt für die eigene Stadtentwicklung dar, sondern kann auch anderen Städten dienen. Der integrative Ansatz des Handbuchs – eine Kombination aus wissenschaftlicher Fundierung und praxisorientierten Lösungen – ist auch in anderen Gemeinden anwendbar und reiht sich als eine wichtige Grundlage für klimaresiliente Stadtentwicklung in ähnliche Überlegungen anderer Gemeinden ein.

Die Ausarbeitung dieses Handbuchs sowie die gesammelten Erfahrungen und Erkenntnisse können in Zukunft weiter ausgebaut und in umfassendere Strategien integriert werden, die verschiedene städtische Systeme und Funktionen noch enger miteinander verknüpfen.

Wissensportal für naturnahe Freiräume

Das Online-Wissensportal fokus-n stellt Praxiswissen für die Planung, Realisierung und Pflege von naturnahen Freiräumen bereit. Es richtet sich an Fachpersonen aus den Bereichen Gartenbau, Landschaftsarchitektur, Stadtökologie, Architektur, Bauwirtschaft und Facility Management. Das Portal wurde von der Forschungsgruppe Grünraumentwicklung der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Zusammenarbeit mit zehn Schweizer Städten und dem Bundesamt für Umwelt (BAFU) entwickelt.

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Abb. 8: Grünräume als wertvolle Orte der Erholung und des gesellschaftlichen Lebens. Foto: Forschungsgruppe Grünraumentwicklung, ZHAW IUNR

Literaturverzeichnis

NCCS. (2018). CH2018 – Klimaszenarien für die Schweiz. National Centre for Climate Services. https://www.nccs.admin.ch/nccs/de/home/klimawandel-und-auswirkungen/schweizer-klimaszenarien/ch2018-webatlas.html

Stadt Luzern. (2020). Klimaanpassungsstrategie der Stadt Luzern—Massnahmen zur Anpassung an den Klimawandel (Klimaadaption). Stadtrat. https://www.stadtluzern.ch/dienstleistungeninformation/25993

Stadt Luzern. (2021). Klima- und Energiestrategie Stadt Luzern. Stadtrat.

ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. (2024). Fokus-n. Wissensportal für naturnahe Freiräume. https://fokus-n.ch/

 Reto Hagenbuch
Autor

Leiter Forschungsgruppe Grünraumentwicklung ZHAW, Dozent Freiraummanagement und Urbane Ökosysteme

Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften
M.Sc. Tobias Wildhaber
Autor

Umweltingenieur, Wissenschaftlicher Mitarbeiter Forschungsgruppe Grünraumentwicklung

ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften
B.Sc. Vanessa Strebel
Autorin

Umweltingenieurin, Wissenschaftliche Assistentin Forschungsgruppe Grünraumentwicklung

ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften

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