Zum Verständnis der UNESCO-Weltkulturstadt in der Ukraine, Teil­1

Lwiw - zwischen Landschaft, Geschichte und Gegenwart

von

Stadtformationen. Foto: Christoph Gudewer

Ja. Das heute ukrainische Lwiw (Lemberg) müsste als Stadtraum in einer noch erkennbaren, zusammenhängenden und nachvollziehbaren Landschaft selbst neu erkannt und gefestigt werden. Wie selten in der europäischen Welt ist hier ein kompakt bebauter Raum geblieben, ein von freundlichen Mittelgebirgszügen berührtes Flusstal. Noch ist dieser räumliche und atmosphärische Zusammenhang einer ablesbaren, bisher unbebaut verbliebenen Landschaft klar nachvollziehbar. Vom Tal ausgehend breitet sich bis in unsere heutigen Tage Lwiw aus. Diese landschaftliche Situation soll hier skizziert und mit einigen historischen Hintergründen verknüpft werden.

Das vielgerühmte UNESCO-Weltkulturerbe der Kernstadt Lwiw mit seiner komplexen Geschichte sollte die Einbindung des Stadtraumes in seine natürlichen, noch unbebauten Gegebenheiten möglichst annehmen und dringend mit zeitgemäßen, öffentlichen Freiraumnutzungen besetzen. Gerade dann würde Lwiw zu dem, was es ist - eine Stadt mit einem ergreifend historischen Bestand etwa an Parks, Friedhöfen, historischen Straßenräumen, großartigen Wohnhöfen, Grünoasen, wiederentdeckten Seen und einem verborgenen, kleinen Flusslauf, der noch unter der Stadt kanalisiert ist. All diese Freiraumelemente sind Boten der Landschaft. Sie tragen und ordnen den gebauten Raum in verknüpfender Weise und machen die Stadt erst zudem, was sie ist: ein Universum der Geschichte, geblieben als lebenswertes Daseinskonstrukt privaten und öffentlichen Eigentums.

Lwiw gehört tief in die Geschichte eingraviert uneingeschränkt neben Städten wie Florenz oder Prag heute im inneren Atem seiner städtischen Räume zu den kulturellen Geschenken der Baukunst, deren Anwesenheit im Kanon der europäischen Stadthemisphäre erst noch wahrgenommen und achtsam gelebt werden muss. "Die Stadt, die es schon einmal gegeben hat" (Schlögel, S. 366), sie ist zurück. Einer ihrer inspirierenden Impulse liegt in den Spuren der Geschichte selbst begründet. Die historisch breite Verwobenheit und die Suche nach einer Identität in dieser Stadt zeigen sich als so vielschichtig, dass es um ein auslotendes Verständnis von geschichtlicher Verwobenheit, um kulturelles Ineinander und um mentale Überlagerung gehen wird. Lwow. Lwów. Lemberik. Lvov. Ilyvó. Leopolis. Lemberg. Lwiw. Das in diesen wechselvollen Namensgebungen erschütternde Tragödien, Pogrome und Verbrechen an die Menschheit eingewoben sind, sollte als Aufforderung angenommen werden, eingestehend unverzeihlicher Verführung und Verirrung, um einer auskömmlichen Zukunft zu dienen.

Straßen, Gleise, Blickbeziehungen. Foto: Dirk Manzke

Doch tatsächlich, es gibt sie noch, diese sichtbar gebliebene Zeit, trotz der barbarischen Entfesselungen noch immer aufgehoben im Raum, sichtbar in poröser Patina, verblassenden Schriftzeichen und quietschenden Straßenbahnen, spürbar in der oft mondänen Architektur etwa der Habsburger, aber auch in den spröden Sozialkonstruktionen der Großsiedlungen des Sowjetimperiums am Rande der heutigen 750 000- Einwohner-Stadt.

Wer durch diese Stadt streift, entdeckt mittelalterlichen Tiefgang, findet die großen Epochestile seit der Renaissance, erlebt aber auch den in heutigen Tagen möglich gewordenen aggressiven Umbau ehrwürdiger Patrizierhäuser in ausgehöhlte Bierovationen oder sterile Banknoblessen, trifft dann doch wenig später auf die spröde Patina würdevoller Geschichtseinlassungen, die die vergangene Welt am Ring etwa zwischen dem Venezianischen Haus und dem "Kornjakt-Palast" von 1580 zu vermessen scheint. Letzterer gleicht einem noblen, palastähnlichen Stadthaus für den polnisch-litauischen König und wurde vorher für den von der Insel Kreta kommenden Kaufmann Konstantyn Kornjakt errichtet.1,2

Den Bürgern innerhalb einer Stadt konnte durch die Magdeburger Stadtrechte über Jahrhunderte persönliche Freiheit, das Eigentumsrecht, die Unversehrtheit von Leib und Leben und die geregelte wirtschaftliche Tätigkeit zugesichert werden. Ob sich vor diesem Hintergrund gelebte Gegenwart, vergessene Vergangenheit und zerbrochene Geschichte doch noch treffen können? In Lwiw wird darüber nachzudenken sein. Hier trifft man immer wieder auf das Wiederentdecken der Geschichte.

Mancher, der gründlicher reist, genauer fragt, Zusammenhänge aufzuspüren sucht, "… erinnert sich womöglich, im Reiseführer gelesen zu haben, daß einige der so traurig industrialisierten Vororte von deutschen Schützenbrüdern des 15. Jahrhunderts als die Vorwerke Sommersteinhof, Goldberghof und Klöpperhof gegründet wurden - Reminiszenz an eine Stadt, die immer ein Kreuzungspunkt von Handelsrouten war."³

Europa bedeutete Austausch, Wanderung, Überformung, Einbindung.

Nach dem Mittelalter entfaltete sich im weiteren Verlauf der Geschichte ab 1772 mit der Donaumonarchie bis 1918 eine Stadt von mondäner Pracht, die so auch gelebt worden ist. Nur wenig später verschwindet diese Entwicklung dann sowohl räumlich als fortgesetzte Baugeschichte. 100 Jahre sind inzwischen seit dem Abbruch längerfristiger Geschichtsperioden verstrichen und die Stadt hat sie noch eingespeichert, die glanzvollen und oft auch verklärten Jahrhunderte, wo aus dem Mittelalter das Lemberg Galiziens erwuchs.

Sichtbar verwittert und doch erkennbar ist die prägende österreichische Welt von öffentlichen Freiräumen, in der die Stadtbewohner in riesigen Parks und an weiträumigen Boulevards in festlich anmutenden Kaffeehäusern am Rande Europas mittendrin im alten Kontinent lebten und bestens mit ihm vernetzt waren. "Das Problem ist, dass Lemberg sein Gedächtnis verloren hat. Im Zweiten Weltkrieg erlebte die Stadt eine demografische Katastrophe - die Juden wurden ermordet, die meisten Polen vertrieben und viele Ukrainer deportiert. Nach dem Krieg verwandelten die sowjetischen Planer das weitgehend entvölkerte Lemberg in eine ethnisch wie kulturell relativ homogene Stadt. Die Bevölkerung wurde fast völlig ausgetauscht und mit ihr die kulturelle Persönlichkeit und das Erinnerungsvermögen der Stadt. Von der Vergangenheit erzählen nur noch die Gebäude, … Sie sind das steinerne Erbe des alten Lemberg. Wie eine Kulisse wirken die Bürgerhäuser, zu deren trister Eleganz die gegenwärtigen Bewohner nicht so recht passen wollen." (Kleveman, S. 20) Ja, "der Krieg ist über ganz Europa hinweggefegt und hat niemanden unberührt zurückgelassen." (Altaras, S. 60). Europa steht mit seinen Nachbarn so in der Pflicht, sich der Zukunft neu zu stellen. "Es wird besser, weil meine Generation und die unserer Kinder sich neu begegnen." (Altaras S.61).

Imponierende Straßenmusiker. Foto: Dirk Manzke

Gräberlandschaft. Foto: Christoph Gudewer

Neutraditionelle Historienfiguren im Alltag. Foto: Dirk Manzke

Gekonnte, flexible Alltagsmobilität mit beweglichen Kleinbussen. Foto: Dirk Manzke

Es durchdringt einen wechselhaft wärmend und fröstelnd, diese stoffliche Noch-Anwesenheit einer einst gelebten Vorwelt, die untrennbar verknüpft bleibt mit den heute nervösen und oft so unnötigen Ansprüchen aufgeregter Lebensart. Beim langsamen Durchforschen der Stadt, beim Üben im Sehen und Schauen erschließt sich allmählich heutiger Alltag, lässt sich die Stadt entdecken und gleichwohl ein fernes, nahes Land. Erst nach und nach kommt diese Aufmerksamkeit. - Eine ältere Frau bietet Maiglöckchen hockend auf einer Bordsteinkante. Dieses Land kennt Altersarmut.

So steigt mitten unter den fühlbaren Urgründen der immer wieder anwesenden Geschichte Lembergs die Gegenwart auf. Alte Plätze werden neumodern übermöbliert und zeitigen umso mehr ihre alte Würde. Immer mehr Denkmäler versprechen eine ukrainisch nationale Identität.

In den gut genutzten Straßenbahnen rückt für begrenzte Fahrzeiten eine Bevölkerung zwischen Lebenslust, Stehvermögen und Überlebenspragmatismus zusammen. Zahllose Kirchen zelebrieren das Nebeneinander unterschiedlichster religiöser Vorstellungen. Die kulturelle Vielfalt Lembergs von vor 1918, gerade hier scheint sie immer wieder auf. Ausgedehnte Friedhöfe zeigen den historisch ständigen Wechsel der Machtverhältnisse und Herrschaftssysteme in dieser Stadt. Auf ihnen finden sich überschäumend kunstvolle, auch die Verstorbenen überhöhende Grabstätten.

Und mit den Friedhöfen sind wir angekommen in der Landschaft dieser Stadt. Noch kann die von der UNESCO mit Weltkulturerbe 1998 respektabel angenommene Stadt würdig eingebettet im weiträumigen Grün entwickelt werden. Lwiw ist eingebettet in Anhöhen, die über das 19. Jahrhundert zu ausladenden Parkanlagen, Freiräumen und Friedhöfen geworden sind, aber auch von den noch immer mondän anmutenden Boulevards und versteckten Höfen, den von Bäumen gefassten Stadtstraßen und den vielen privaten Gärten, die hier Dank zahlloser Initiativen das Bild der Stadt bereichern.

Eine erste Landschaft - das Wolhynisch-Podolische Hochland

Dort, wo heute die dicht bebauten Tallagen Lwiws unter einer nuancierten Stadt liegen, dort, wo die lange Siedlungsgeschichte ihren Anfang nahm, treffen gleich mehrere Landschaftsformationen aufeinander. Ihnen besonders verdankt diese Stadt ihre physisch-geografische Ausstrahlung und damit die Sesshaftwerdung eines sich weit über Mitteleuropa hinaus ausdehnenden Beziehungsgefüges.

Aus südöstlicher in westliche Richtung vom Schwarzen Meer kommend bewegt sich die großräumige, mittelgebirgsähnliche Landschaft der Podolischen Platte bei etwas unter 500 Metern über dem Meeresspiegel auf Lwiw zu. Vom Norden her verbindet sich das "Wolhynisches Hochland" mit der Podolischen Platte in Richtung Stadt. Beide Landschaften werden auch als Wolhynisch-Podolische Hochland markiert. Seine stadträumlich anschaulichen Abschlüsse findet die Podolische Platte mit einen der beiden Gründungsorte Lwiws, dem heutigen Hohen Schlossberg.4

"Erste archäologische Funde stammen aus dem fünften Jahrhundert. Spuren aus dem neunten Jahrhundert werden dem westslawischen Stamm der Lendizen zugeordnet, die im zehnten Jahrhundert auf dem Schlossberg eine befestigte Siedlung errichteten."5 Andere Quellen decken dieses Wissen. "Reste erster slawischer Siedlungen aus dem zehnten Jahrhundert sind an den Hängen des Hügels ,Hohes Schloss' gefunden worden. Danylo Romanovic, der wolhynische Fürst, ließ an dieser Stelle später eine Festung als Bollwerk gegen die Mongolen bauen. Die Stadt wurde nach Lev, dem Sohn des Fürsten benannt und fand 1256 erstmals Erwähnung, " (Gerlach, Schmidt, S. 71), was heute als erste Stadtgründung gilt.

Bürgergrün unter Parkplatzdruck? Foto: Dirk Manzke

Grüner Straßenraum im Blockrand der Gründerzeit. Foto: Dirk Manzke

Damals schon schaute man von beachtlicher Höhe in ein ausgedehntes Tal, in dem die kleine Poltwa seine Ufer prägte. Dieses Tal der Poltwa sollte mehrere Jahrhunderte als eine Sublandschaft zwischen den großen Landschaftszusammenhängen mitschwingen. Die Poltwa bot den Boden für die heute sichtbare Stadt.

In diese Landschaft, an dessen Ende der Hohe Schlossberg thront, ist Geschichte eingeschrieben worden. "Zuerst wurde auf dem Berg ein Fürstenschloss erbaut, was dem Gipfel den Namen Knjasha Hora (Fürstenberg) verlieh und der gleichzeitig den Kern von Lemberg bildete. (…) Nach seiner Gründung blieb Lemberg 100 Jahre lang unberührt, bis 1340 der polnische König Kazimierz III. die Stadt eroberte und zerstörte. Die mongolisch-tatarische Fremdherrschaft hatte den Kyiwer Russ verwüstet und geschwächt, was in der Folge zur Abtretung der westlichen Territorien an Polen führte. Nach der endgültigen Eroberung der Stadt 1356 ließ Kazimierz III. ein neues königliches Schloss auf dem Berg Zamkowa (Schlossberg) errichten. Dies wurde zu einem beeindruckenden Symbol der unangefochtenen Macht der polnischen Krone über das mittelalterlichen Lemberg. (…) Lange Zeit blieb das königliche Schloss auf dem Schlossberg eine uneinnehmbare Festung, bis es 1648 von den Zaporoger Kosaken mit Maxym Krywonis an der Spitze im Rahmen des Chmelnyzkyj - Aufstandes erobert wurde. Im 18. Jahrhundert verlor das Schloss seine Bedeutung als Schutzfestung, worauf der Stadtrat erlaubte, die Steine der Stadtmauer für den Häuserbau zu verwenden. …"6

Das erklärt die heutige Ruine auf dem einst Hohen Schlossberg, von der oft verklärend die Rede ist. Jahrhunderte später dann bekommt dieser Schlossberg einen völlig neuen, geradezu pathetischen Aufsatz. 1869 liegt die Gründung der polnisch-litauischen Union bereits dreihundert Jahre zurück. Sie bezieht sich auf "eine staatsrechtliche Vereinigung Polens mit Litauen"7 und dialogische Abmachungen zwischen dem damaligen Königreich Polen und dem Großfürstentum Litauen.

Die Union von Lublin bestand seit dem Ende des 14. Jahrhundert und führte zur Errichtung des Zwei-Nationen-Staates Polen-Litauen im Jahre 1569. Diese Union von Lublin fand 1869 nun einen räumlich gestalteten Widerhall auf dem Schlossberg. Die Stabilität der polnisch-litauische Adelsrepublik, auch Polen-Litauen oder Rzeczpospolita genannt, sollte gewürdigt werden. Man entschied, auf dem weithin sichtbaren Schlossberg einen Erdhügel aufzuschütten, den Unionshügel, der bis heute mitprägend ist. Er stellt ein Symbol geschichtlicher Lesart dar, das bis heute eingebunden ist in die weiche Berglandschaft Lwiws.

Dabei wird untergründig auch auf das mittelalterliche Verständnis vom Burgberg hingewiesen, der frei und offen sein müsse, um in alle Richtungen Aussicht zu gewähren. Heute bietet dieser Hügel einen gewinnend weiten Ausblick über die Stadt und die sie einbettende Landschaft. 1856 wurde der Unionshügel in eine Parkgestaltung eingebunden, die gegenwärtig nicht mehr eindeutig nachvollziehbar ist. "Der Park Vysokyi zamok (Zamkova hora) entstand zwischen 1835 und 1853. Er wird als lokales Denkmal der Gartenkunst …" verstanden. "… Dabei breitet sich das 36,2 Hektar große Grün über zwei Terrassen aus".8 Diese beinhalten einerseits das Umfeld der Schlossruine und andererseits den Unionshügel, auf dem sich eine Aussichtsplattform zeigt. Eine hoch aufragende, streng eingezäunte, technisch motivierte Antenne thront heute in unmittelbarer Nachbarschaft des verbliebenen Unionshügels über der Stadt. Die Gegend wird für Erholung, Freizeit und Sport genutzt. Sie gilt als ein Naherholungsgebiet mit Stadtaussicht. Gut erreichbar und in seiner Höhe überschaubar ist der Hohe Schlossberg gleichsam ein Ort der Generationen. Und deshalb verdient der Schlossberg-Park eine Neugestaltung, um von manchen improvisierten Gegebenheiten in ein anerkanntes Bekenntnis zum öffentlichen und zeitgemäßen Landschaftspark für die Stadtbevölkerung zu gelangen.

Mittelalterlicher Glanz. Repro: Dirk Manzke

Ansichtskarte Unionshügel 1917, rechts ein bis heute verbliebener Rest der Schlossruine. Abb.: Privatsammlung Dirk Manzke

Das bebaute Tal der Stadt, im Hintergrund Ausläufer der Podolischen Hochebene. Foto: Benno Olbrich

Eine zweite Landschaft - die Tiefebene des Westlichen Bug

Eine weitere Landschaft bildet die Tiefebene des Westlichen Bug. Hier ist zwischen dem Westlichen und dem Südlichen Bug zu unterscheiden. Beide Flüsse entspringen der Podolischen Platte, doch fließen sie in verschiedene Richtungen ab und erklären damit zugleich, warum Lemberg und seine gesamte Stadtkultur sehr frühzeitig sowohl mit dem skandinavisch-nordischen Ostseeraum wie auch mit dem orientalisch-byzantinischen Raum des Schwarzen Meeres verknüpft war.

Eine faszinierende, geradezu essentielle Seite dieser Stadtgeschichte ist der Umstand, dass Lwiw auf der Europäischen Hauptwasserscheide liegt. In nördliche Richtung fließen deshalb die Flüsse etwa 800 Kilometer bis hinauf in die Ostsee, in südliche Richtung etwa 800 Kilometer bis ins Schwarze Meer. Die Stadt hatte also ursächlich Kontakt zu äußerst gegensätzlichen Kulturkreisen verschiedenster Meere und Regionen. Gerade über die Flussverläufe als alte Handelsrouten ist Lemberg entscheidend geprägt worden. Das Wasser der kleinen Poltwa, das die Stadt bis heute durchfließt, war Voraussetzung für eine Fließverbindung zum Westlichen Bug, der über die Narew in die Weichsel mündet und über die Danziger Bucht das nördlich abfließende Wasser der Podolischen Platte bis in den Ostseeraum führt.

Zum südlichen Schwarzen Meer aber strömt in einer langen Tallage eingravierend durch die gleiche Podolische Platte der Dnister. Etwas weiter westlich bewegt sich annähernd parallel zum Dnister entlang des Hochlandes der Südliche Bug in die Flussmündung des Schwarzen Meeres. Das sind weiträumige Landschaftsbezüge. Sie werden sich später als äußerst wertvoll erweisen, denn sie bekommen im Abdruck der Stadt und ihren baulichen Reaktionen auf die topografischen, physischen und landschaftlichen Gegebenheiten noch zuträgliche Bedeutung für Sesshaftwerdung, Handel, Sprache und Kultur.

Im Norden Lwiws wird die Podolische Platte von Hügelketten bedeckt, im Süden ist das Plateau auf der linken Seite der Dnister-Zuflüsse von tiefen Schluchten zerteilt. Granit und Kalk sind prägende Gesteine. Charakteristisch sind leicht bergig anmutende Höhenbewegungen. Eine nahbare Landschaft also. In ihr fallen die sich teilweise einschneidenden, getreppt anmutenden und mäandrierenden Flusstäler auf. Kalksteinschichten des Urmeeres Paratethys bestimmen den Charakter. An den weniger vegetativ bewachsenen Prallhängen der Flusstäler tritt Kalkstein hervor. Das oft sanft anmutende Landschaftsbild erfährt so eine poröse Bereicherung.

Durch die langzeitliche Einwirkung von Grund- und Oberflächenwasser verkarsteten die obersten Schichten der weiten Podolischen Platte. Sie wurde zu einer der größten zusammenhängenden Gipskarstgebiete der Erde. Erstmals wird diese Gegend wohl seit dem 14. Jahrhundert als Podolien benannt, gilt als "ein flaches Hochland und wird durch eine etwa 300 bis 500 Meter hohe Platte mit tief eingeschnittenen Tälern geformt, in denen es zahlreiche Höhlen gibt. Die natürlichen Bedingungen sind günstig; es gibt sehr fruchtbare Böden." (Gerlach, Schmidt, S.178)

Damit verbunden ist eine weitestgehend bewaldete Landschaft, die zwar weniger spektakulär, dafür aber unschwer erschlossen werden kann.

In dieser Tallage nun kommt es zur zweiten Stadtgründung. Während auf dem Hügel des Schlossbergs durch Fürst Danylo (1223-1264, seit 1253 König) eine Burg errichtet worden war, baute dessen Sohn Lev (1270-1301) die Stadt aus und erhob sie zu seiner Residenz. Erwähnt wurde Lemberg erstmals im Jahre 1256. "Zwischen 1340 und 1349 gehörte die Stadt zum Litauischen Reich. 1349 fiel Lemberg an die polnische Krone, bei der es - mit Ausnahme eines kurzen ungarischen Intermezzos (1370-1387) unter König Ludwig von Polen und Ungarn - bis zur ersten Teilung Polens blieb. Lemberg erhielt 1356 das Magdeburger Stadtrecht und 1444 das Stapelrecht. Zusammen mit früheren Handelsprivilegien und der verkehrsgünstigen Lage bildete dieses die Voraussetzung für den wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt.9 Das Tal wird einige Jahrhunderte später bebaut sein. Ein- und Anbindung der Stadt in die sie empfangende Landschaft bleiben über Jahrhunderte eindeutig ablesbar.

Anmerkungen

Mein besonderer Dank gilt dem Germanisten Jurko Prochasko, dessen Anregungen und Hinweise diese Recherche erst möglich machten.

1 www.travelguide-ukraine.com/html/lwiw__altstadt.html (14.08.2017).

2 www.lemberg-lviv.com/uber-lemberg/geschichte/ (12.8.2017).

3 parapluie.de/archiv/bewusstsein/lemberg/ (24.08.2017).

4 www.lemberg-lviv.com/uber-lemberg/geschichte/ (14.09.2017).

5 ome-lexikon.uni-oldenburg.de/orte/lemberg-lviv/ (24.08.2017).

6 www.lemberg-lviv.com/uber-lemberg/geschichte/ (15.09.2017).

7 www.polish-online.com/geschichte-polen/lubliner-union.php (25.09.2017).

8 www.goruma.de/Staedte/L/Lemberg/ Sehenswuerdigkeiten (15.08.2017).

9 ome-lexikon.uni-oldenburg.de/orte/lemberg-lviv/ (30.08.2017).

Literatur

Altaras, Adriana: doitscha, Eine jüdische Mutter packt aus. Köln 2014.

Andruchowytsch, Juri: Kleines Lexikon intimer Städte. Berlin 2016.

Gerlach, Thomas; Gert Schmidt: Ukraine, zwischen den Karpaten und dem Schwarzem Meer. Berlin 2011.

Herder, Johann Gottfried: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, S16. Buch, Kapitel IV. "Slawische Völker". Berlin und Weimar 1965.

Hofer, Andreas, Elisabeth Leitner, Bohdan Tscherkes: Lemberg Lviv Architektur und Stadt. Wien, Münster 2012.

Käppner, Joachim: Ach, Europa. Süddeutsche Zeitung Nr. 200, 1.9.2014.

Kleveman, Lutz C.: Lemberg. Die vergessene Mitte Europas. Berlin 2017.

Lyljo, Ihor, SorjanaLyljo-Otkowytsch: Ein Bummel durch die Stadt Lwiw. Kiew 2005.

Pollack, Martin: Galizien, Eine Reise durch die verschwundene Welt Ostgaliziens und der Bukowina. Berlin 2014.

Prochasko, Jurko: zahlreiche mündliche Gespräche. Lwiw 2017.

Schlögel, Karl: Das Wunder von Nishnij oder die Rückkehr der Städte. Frankfurt am Main 1991.

Timtschenko, Viktor: Ukraine, Einblicke in den neuen Osten Europas. Berlin 2009.

Van Ditzhuijzen, Reinildis: Liebesbriefe aus Lemberg, Eine Spurensuche um die halbe Welt 1915-2015. Wien 2015.

Von Thadden, Elisabeth: Überstehen ist alles. DIE ZEIT Nr. 32, 03.08.2017.

Wilden, Patrick: Von Lemberg nach L'viv, Auf Stadtsuche in der Westukraine. In: parapluie.de/archiv/bewusstsein/lemberg/ (24.08.2017).

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 12/2017 .

http://jobs-in-gruen-und-bau.de/index.php?id=123&tx_patzerboerse_paboeplugin[division]=3&tx_patzerboerse_paboeplugin[unterthemen]=409++241++194&no_cache=1