Menschliches Empfinden bei Parkgestaltung fördern

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Blick auf den Carrouselgarten aus dem Musée des Art Décoratifs. Fotos: Wirtz International N.V.

Bei Wirtz International sind städtische Grünräume, Gärten und Parks eine Minorität. Der Markt hat uns gezwungen, prioritär im privaten Bereich aktiv zu sein. Das hat sich seit den 1950er-Jahren entwickelt und ist so bis heute geblieben. Belgien kennt keine Tradition von Liebe und Achtung für öffentliche Räume in der städtischen Umgebung. Erstaunlich wenig neue Parks sind in der Nachkriegszeit dazu gekommen. Leider ist auch das Erbe aus dem 19. Jahrhundert vernachlässigt oder abgemagert worden, ohne dass Verjüngungen erfolgten. Geblieben sind einige skelettartigen Parks mit leckenden Teichen sowie ein veralteter ungepflegter Baumbestand.

Universitaire Faculteiten Sint-Ignatius, Ufsia, Antwerpen: Blick auf den Garten aus dem Unigebäude.

Ufsia: Einfassung des Gartens von neoklassischer Backsteinarchitektur.

Symptomatisch ist die altmodische Einjährigenbepflanzung mit rotem Salvia, Geranien und Canna, die mit moderneren Gaura, Verbena und Pompontagetes bereichert wurden. Die alten Stilelemente des 19. Jahrhunderts, etwa in Parks gruppierte Bäume und dazwischen liegende Rasenflächen, die in der Ferne eine Perspektive bilden, mit Teichen, Pavillons, künstlichen Hügeln und Brücken erhalten noch ein wenig Respekt oder Verständnis - ganz anders als etwa in England und Amerika!

Bevölkerungsproteste konnten gerade noch verhindern, dass romantische Parks komplett umgebaut und von den Behörden zerstört wurden. Ein weiteres Phänomen ist in Belgien, dass Behörden Entwürfe und Ausführungen von Grünflächen immer häufiger städtischen Architekten und Projektentwicklern überlassen. Dieses Unverständnis und der Mangel an Respekt für Landschaftsarchitektur führt dahin, dass sich diese Grünräume auf eine typische Architektursprache und -materialien beschränken: Härte, Trockenheit, Abstraktion der Formensprache, Mangel an jahreszeitlichen Unterschieden, Vernachlässigung der organischen, menschlichen Figur, des menschlichen Maßstabes, Zweidimensionalität, Graphik statt Raumbildung, Mangel an Sensibilität für Texturen, die an die menschliche Figur erinnern, Betonung des Zerebralen...

Glücklicher gibt es doch einige Ausnahmen - sowohl bei den Architekten als auch bei den Stadtplanern, die das große komplementäre Plus erkennen, das Landschaftsarchitektur zu ihren Zeichentischen bringt.

In unserer Praxis nehmen wir sehr viele verschiedene Gesichtspunkt auf: Spiel von Licht und Schatten, Jahreszeitenwechsel, Feuchtigkeitsempfinden im Gegensatz zur Trockenheit, organische Gestaltung gegenüber geometrischer Architektur, Weichheit gegen Härte, Raumeinfassung mit dreidimensionalen Pflanzgruppen, Spaziersequenzen, die das Empfinden der Räumlichkeit und des menschlichen Maßstabes fördern, Spiel der Pflanztexturen und, last but not least, die Idee des Reifens mit der Zeit. Landschaften reifen, brauchen Zeit zur Maturität, werden immer besser. Auch dies bleibt ein Basisunterschied zur Architektur, die sehr in diesem zeitgenössischen Geduldsfehlen verhaftet ist.

Luftaufnahme des historischen Komplexes mit Louvrepalast, neugestaltete Carrouselgärten, und Le Nôtres Tuilerien.

Carrousel: Gartenzimmer mit Maillol.

Mittelachse zum Triumphbogen Napoleons von 1806 mit den versunkenen Strahlengärten.

Obwohl sehr gute Fachkenntnisse des Bauens in der Landschaftsarchitektur notwendig sind - sogar noch mehr als in der Architektur -, werden sie in der Ausbildung vollkommen vernachlässigt. Fehlende Pflanzenkenntnisse sind ein bekannter Schwachpunkt, aber ebenso wichtig wie unbeliebt sind Bodenkenntnisse, Dachgärtenproblematik, Planierarbeiten mit Berücksichtigung der Dreidimensionalität, Drainagewirkung, Brunnenbau und feine Detaillierungen von Bauausführungen im Allgemeinen. Da wir neben dem Planungsbüro auch eine GaLa-Baufirma für die Privatgärten in Belgien betreiben, sind wir praxisorientiert ausgerichtet und groß geworden.

Noch eine letzte Anmerkung zu Pflanzenkenntnissen im Allgemeinen: Wir sind der Meinung, dass Pflanzenkenntnisse eine Inspirationsquelle und ein enorm wichtiges Hilfsmittel für Landschaftsarchitekten sind. Sie bleiben die Basis unserer Ausdruckspallette wie Klang, Metrum und Rhythmus für einen Komponisten - alle Großen der Vergangenheit belegen dies, auch die modernen wie Dan Kiley oder Fernando Caruncho. Sie ist die Kirsche auf dem Kuchen, die alle anderen Parameter wie Sonnenlichtstärke, Bodenqualität, Raumbildungsbedürfnisse, Atmosphärenbildung, Jahreszeit und lokales Klima überspannt. Wenn man Gärten in Japan mit Renaissancegärten in Italien, mit Halprin's Freeway Park in Seattle oder Kiley's Gärten in Indiana vergleicht, sieht man immer wieder, dass eine perfekte Bilanz und Harmonie erreicht wird, unabhängig von Stil und Epoche. Mit vier Parkbeispielen aus unserem Büro möchte ich diese Gesichtspunkte verdeutlichen.

UFSIA Campus, Universität Antwerpen, Belgien, 1995

Dieser städtische Raum in der Antwerpener Altstadt ist von einer homogenen, neoklassischen Backsteinarchitektur eingefasst. Als typischer Begegnungsplatz einer Universität bildet er eine überraschende, grüne Oase im Zentrum einer großen, städtischen Densität. Eine große "Geste" dominiert den Raum: eine Rasenblase mit kreuzenden Wegen bricht die Horizontalebene und weckt Poesie und Weichheit auf. Die runde Form wird in den Ecken von geschnittenen Hainbuchenvolumen unterstützt. Eine kreisförmige Hecke betont die Lesbarkeit der runden Blase und bildet den Übergang zur Gebäudewand.

Gräsermauern, die die einzelnen Rasenräume bilden im Jubilee Park.

Zentraler "Fluss" in Jubilee Park.

Carrousel Gärten, Jardin des Tuileries, Paris, Frankreich, 1990-1995

Das Wettbewerbsergebnis von 1990 wurde in zwei Teile unterteilt: die Auffrischung und Restaurierung der Tuileriesgärten von Le Nôtre und die neuen Gärten des Louvrepalastes auf dem ehemaligen Paradeplatz "Carrousel". Nach dem Abriss des Tuileriesschlosses als Symbol des "Ancien Régime im Jahr 1882 entstand ein großer, durchfließender Raum zwischen Cour Napoléon (mit der aktuellen Pyramide) und dem alten Tuileriesgarten. Das gnadenlose Bauen des Autotunnels "Lemonnier" unter der ehemaligen Terrasse des Schlosses in den 1950er-Jahren bildete eine erhöhte Trennlinie und wurde von IM Pei als Terrasse zwischen den beiden Gärten umgebaut. Dies erlaubte eine separate Gartengestaltung zwischen den Flügeln des Louvremuseums.

Mit Respekt für die Liebe zur Geometrie in den französischen Barockgärten bildeten wir eine Serie von Gartenräumen um den Triumphbogen von Napoleon aus dem Jahr 1806 und machten ihn damit zum echten Tor des Gartens, das alle räumlichen Kräfte zu sich zieht. Diese kräftige Geste mit den zwölf radialen Hecken suggeriert eine Symmetrie der Räume, die die Wirklichkeit vertuscht. Der eine südliche Flügel von Henry IV. verfolgt die Seine, der nördliche Flügel von Napoleon I. und III. folgt dem Straßenplan der Rue de Rivoli. Die Illusion der Symmetrie wird noch mit quadratischen Räumen an beiden Seiten des Bogens verstärkt. Die Sequenz der Höhenunterschiede - immer begleitet von Eibenhecken - betont das Abheben des Stadtlebens auf mehr Introspektion und Ruhe. Auch die versunkenen radialen Hecken bilden eine übersichtliche aber doch trennende Welt mit Frische, Wintergrün und mentaler Verfremdung. Die Carrouselgärten sind mit ihrer modernen Geometrie ein Beispiel dafür, wie man respektvoll man mit Gartenarchitektur in einer klassischen, historischen Umgebung umgehen kann, ohne in virtuelle Rekonstruktion abzurutschen. Der Garten wartet seit 1995 noch immer auf seine Finalisierung. Der Wechsel des Präsidenten nach Mitterrand hat alles auf Eis gestellt.

Jubilee Park, London, UK, 1998-2005

Der Jubilee Park ist ein künstlicher Park in einer künstlichen Umgebung! Jeder kennt die ungewöhnliche Geschichte von Canary Wharf als alternatives Finanzzentrum der "City", die aus der Asche der ehemaligen industriellen Docklands empor wuchs. Ein Drittel dieses Parks war noch Docklandwasser, als mit der Entwicklung des Geländes begonnen wurde. Hochhäuser für 40 000 Angestellte wurden errichtet, um diesen Raum zu entwickeln - unterbaut vom Jubilee-Line-Bahnhof und einer neuen Shopping-Galerie. Die Initiative, in dieser harten Umgebung einen Park als "Fremdkörper" zu schaffen, war sehr mutig und gewagt. Stress, Lärm, Druck und Fußgängerverkehr waren beeindruckend.

Blick aus dem Warsaw Spire auf die aktuelle Baustelle.

Blick zum Warsaw Spire durch die Sumpfzypressen.

Perspektive des Projektes aus dem Warsaw Spire.

Um mit dem Park wahrhaftig zu bleiben, entschieden wir uns, eine große, grüne Densität mit einem offenen Herzen zu entwickeln. Der Park und seine Qualitäten wurden vom besonders häufigen Gebrauch des chinesischen Baums Metasequoia glyptostroboides geprägt. Seine Vertikalität, seine Lichtfiltrierung, seine roten Stämme und sein federleichtes, hellgrünes Laub bildeten eine perfekte Harmonie mit der modernen Architektur von Glas, Stahl und Stein. Sie hatten die Kapazität, einen Schirm an den Außenseiten aufzubauen, die die Dominanz der Hochhäuser ausblenden würde, ohne verschlossene Dunkelheit zu schaffen. Sie hatten auch die Qualität, alle funktionellen Infrastrukturelemente wie Garageneingang, Nottreppe, Lichtkuppel und Ventilationsschächte vergessen zu lassen und das Auge ins Zentrum zu locken. Dort bildeten wir ein mäanderndes Rückengrat als erhobenen "Fluss" mit Fontänen und Wasserfällen, alles bekleidet von einem blauen Kalkstein. Zwei große offene, gewölbte Rasenflächen bildeten dann die offenen Lungen, getrennt von schlängelnden Gräsermauern, bekleidet mit demselben Kalkstein. Die einfache, harmonische Palette von Gräsern, Wasser, Kalkstein, Rasen, und Metasequoia bildet eine fast neotropische Atmosphäre, geistig sehr weit von der Stadt entfernt. Als Kontrast und Refugium für den gestressten Besucher bietet der Park eine echte Aufmunterung, einen echten Hafen von Frieden.

European Square, Warschau, Polen, ab 2015

Dieses Projekt wird jetzt im neuen Business-Zentrum von Warschau gebaut, von einem komplett belgischen Team: Projektentwickler Ghelamco, Architekten Jaspers-Eyers und Landschaftsarchitekten Wirtz International. Es liegt am Fuß eines eleganten Hochhauses mit einer Höhe von 220 Metern (Warsaw Spire), das an den Seiten von zwei kurvenden 60 Meter hohen Bürogebäuden begleitet wird. Die Blumenform des Warsaw-Spire-Gebäudes und die kurvenden Seitenbauten setzen eine Dynamik in Gang, die sehr interessante Perspektiven bieten. Sie prägen eine diagonale Axialität zur überliegenden, leeren Ecke am Fuß des Hilton Hotels, später aber werden sie von geplanten Hochhäusern abgeschirmt, die den Platz umzäunen werden. Intention ist, eine Aufenthaltsqualität für alle Bewohner der Bürogebäude zu gewährleisten - etwas, an dem es in Warschau um die neuen Büros herum sehr mangelt. Zum Variieren der Tiefe und um den Raum zu organisieren, haben wir einen Schlängelkanal entworfen. Dieser silberne Faden bringt reflektierendes Licht und eine ständige Lebendigkeit in diesen schattenreichen Platz. Die Höhe der Kanalränder laden sehr zum Sitzen ein. Der Kanal wird mit ovalen Gruppen von Gleditsien-Sunburst-Sträuchern umspielt, gepflanzt in umzäunten, wassergebundenen Plätzchen. Auch fließt der Kanal mal durch eine Gleditsiagruppe, die alle zusammen die Referenz zur menschlichen Augenhöhe bilden, um nicht optisch von den Hochhäusern zerschmettert zu werden. Der beige Granit und die Sunburst Gleditsien bringen so viel Licht wie möglich ein. Verschiedene Restaurants und Cafés im Erdgeschoss führen zu weiterer Belebung und sozialer Kontrolle. Der Kanal entspringt in einem runden Brunnen, der mit einem Kreis von Sumpfzypressen bepflanzt ist, (ein Gruß an Dan Kiley!). Das Wasser fließt zum Warsaw Spire, über farbreichen Flusskies und in einen großen ovalen Brunnen, der am Fuß des Gebäudes endet. Von beiden Seiten springen Wasserstrahlen mit wechselndem Farbprogramm in das große Oval. Der Übergang zu den Altbauten an der Grenze und zu dem Artwalk werden mit hochstämmigen Metasequoias bepflanzt. Zu dem Speeraltbau und Garageneingang ist ein Hügel mit Miscanthus vorgesehen. Mächtige Buchenwellen begleiten den Fußgänger am Eingang zwischen den Gebäuden und betonen die organische Komposition am Fuß der Gebäude.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 02/2016 .

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