Neues Grün und eine Verschnaufpause für die Landschaft

Militärische Konversionen in Karlsruhe

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Die Nordstadt im Luftbild: rechts die in den Hardtwald gebaute ehemalige amerikanische Wohnsiedlung und links der Trockenstandort alter Flugplatz. Foto: Stadt Karlsruhe, Roland Fränkle

Karlsruhe hat in den vergangenen Jahren das leicht angestaubte Image einer behäbigen Beamtenstadt abgelegt und sich zu einem zukunftsfähigen Wissenschafts- und Technologiestandort entwickelt. Die Stadt und ihr Einzugsbereich gehören zu den Wachstumsregionen in der Bundesrepublik Deutschland. Trotz der guten Nahverkehrsinfrastruktur weit in das Umland hinaus - in Karlsruhe wurden weltweit zum ersten Mal innerstädtische Straßenbahntrassen und Gleise der Deutschen Bahn verknüpft und mit sogenannten Zweisystemfahrzeugen befahren - zieht es zunehmend die Menschen wieder in die Großstadt mit ihrer attraktiven Infrastruktur zurück. Dies gilt in besonderem Maße für Familien mit Kindern, die in der Vergangenheit dort allerdings nur begrenzt geeigneten Wohnraum gefunden haben.

Bis in die 1990er Jahre mussten neue Wohnbauflächen weitestgehend im stadtökologisch bedeutsamen Außenbereich ausgewiesen werden. Die Grenzen der Belastbarkeit der stadtnahen Naturräume im sommerlich überhitzten und schwülen Oberrheingraben wurden dabei nahezu erreicht. So war es für die Stadtentwicklung und für die umgebende Landschaft zugleich ein kaum zu erwartender Glücksfall, als im Zuge der deutschen Wiedervereinigung die amerikanischen Besatzungstruppen die Stadt verließen und großflächige, innenstadtnahe Areale freimachten.

Zusammen mit der Bahnkonversion Karlsruhe Südost (Stadt und Grün 2/2012) konnte in den vergangenen 15 Jahren Wohnraum für nahezu 15 000 Menschen geschaffen werden. Dies sind beachtliche fünf Prozent der aktuellen Karlsruher Wohnbevölkerung! Hinzu kommen Angebote für Dienstleistungsnutzungen sowie umfangreiche gewerbliche Nutzungen. Diese in der Stadtgeschichte einmalige Innenentwicklung hat bis heute dazu geführt, dass im Außenbereich so gut wie keine neuen Bauflächen ausgewiesen werden mussten. Eine wichtige "Verschnaufpause" für die Landschaft und eine gute Basis, um entspannt über die künftige Weiterentwicklung des Stadtorganismus nachzudenken.

Die städtebaulichen Konzepte wurden über Wettbewerbsverfahren und im Rahmen von Mehrfachbeauftragungen erarbeitet. Die freiraumplanerischen und ökologischen Anforderungen erhielten dabei grundsätzlich einen hohen Stellenwert. Als Ergebnis sind in jedem der Konversionsareale spezifische Freiraumkonzepte realisiert worden, die das Wohnumfeld positiv prägen und die sich zudem wie selbstverständlich in das Karlsruher Grünsystems einbinden.

Strukturplan der Karlsruher Nordstadt (hellgrün) mit der Anbindung an den historischen Fächerstadtgrundriss. Rechts im Bild das Karlsruher Schlossareal (dunkelgrün). Planverfasser Büro Oertel und Partner, Karlsruhe). Abb.: Gartenbauamt Karlsruhe

Übersichtsplan mit Lage der Konversionsflächen in Karlsruhe. Abb.: Stadt Karslruhe

Karlsruher Stadtentwicklung nach 1945

Bis zum Zweiten Weltkrieg entwickelte sich Karlsruhe kontinuierlich aus dem historischen Stadtgrundriss heraus. Zunächst wurden die Schlossstrahlen als Rückgrat der Stadterweiterungen aufgenommen, später kamen weitere Stadtteile hinzu. So formte sich eine weitgehend zusammenhängende innerstädtische Siedlungsstruktur heraus, die sich ost-west orientiert zwischen den Ausläufern des Schwarzwaldes und der Rheinaue erstreckte. Der hohe Wohnbaubedarf in der Nachkriegszeit erforderte neue städtebauliche Lösungsansätze, die zudem durch das Leitbild der durchgrünten und aufgelockerten Stadt geprägt wurden. Es entstanden innerhalb der Waldareale in sich abgegrenzte, eigenständige Wohngebiete, die wie Inseln in der Landschaft liegen. Allen gemeinsam ist eine großzügige innere Freiraumstruktur, die bis heute Waldcharakter aufweist.

Konversion Nordstadt (100 Hektar)

In etwa zeitgleich entstanden ab Mitte der 1950er Jahre nördlich des historischen Karlsruher Stadtgrundrisses zwei neue Siedlungseinheiten im ausgedehnten nördlichen Hardtwald. Im Osten die Waldstadt als neuer Wohnstadtteil konzipiert und im Westen das Paul-Revere-Village mit Wohnraum für die amerikanischen Besatzungstruppen und deren Familien. Der letztgenannte Standort lehnte sich an bereits vorhandene Einrichtungen an: ein Flugfeld auf den Sandrücken der Karlsruher Hardt, das ab 1913 aus einem ehemaligen Exerzierplatz entwickelt wurde sowie Infanteriekasernen aus der NS-Zeit.

Die städtebauliche Struktur geht auf das Karlsruher Architekturbüro Backhaus und Brosinsky zurück. Charakteristisch ist die klare Zeilenstruktur der Baukörper, die sich überwiegend an der Ausrichtung der Strahlen des Karlsruher Schlosses orientiert. In kurzer Bauzeit wurden ab 1954 etwa 1400 Wohneinheiten mit Freizeit- und Gemeinbedarfseinrichtungen wie Schulen, Kindergärten, ein Krankenhaus, Sportflächen sowie eine Kirche errichtet. In den großzügig bemessenen Freiräumen gestalteten die Bewohner entsprechend ihrer aus den USA gewohnten Lebensweise ungezwungen ihre Freizeit. Zäune und Hecken waren tabu, sogar die Offiziershäuser standen frei in einem waldartigen Hain. Bedingt durch die militärische Nutzung besaß das Gebiet eine Sonderstellung mit einer eigenen Struktur innerhalb des Stadtgebiets von Karlsruhe.

Mit der Freigabe im Jahre 1995 konnte das innenstadtnahe Areal mit seinen Entwicklungspotenzialen in die städtische Planung integriert werden. Über eine Mehrfachbeauftragung wurden Konzepte zur Nachverdichtung unter Wahrung des Gebietscharakters nachgefragt mit dem Ziel, ein "neues altes" Stadtquartier mit eigener Identität zu schaffen, das eng mit der Stadtstruktur verwoben ist. Zudem sollten die Chancen einer Nähe von Wohnen und Arbeiten genutzt sowie die freiräumlichen Qualitäten gestärkt werden. Eine besondere Aufgabenstellung bestand darin, das Wohnungsgefüge bedarfsgerecht zu verändern. Viele Wohnungen waren mit vier bis fünf Zimmern deutlich über 100 Quadratmeter groß!

Die Würfelhäuser aus Holzfachwerk: Eigenheime auf engstem Raum. Foto: Thomas Henz

Das waldartig ausgeformte Grün schafft Distanz zwischen den Wohnzeilen, die um zwei Geschosse aufgestockt wurden. Foto: Thomas Henz

Spannungsvolles Miteinander der Wohngruppen auf dem Gelände, das früher mit Fahrzeughallen überbaut war. Foto: Volkswohnung Karlsruhe

Planung und Realisierung

Das Konzept des Karlsruher Architekturbüros Oertel und Partner überzeugte durch seine klare Grundhaltung, die die erwünschten Nachverdichtungen wie selbstverständlich aus der Bestandsstruktur entwickelt. Anstelle der Satteldächer treten ein- bis zweigeschossige Aufstockungen in Holzverbundbauweise. Die Wohnzeilen werden durch massive Kopfbauten verlängert, deren Treppenhäuser eine Teilung der übergroßen Wohnungen am Ende der Bestandsgebäude ermöglichen. Alle Wohnungen sind mit großzügig bemessenen vorgesetzten Balkonen ausgestattet. Auf dem denkmalgeschützten Kasernenareal aus der NS-Zeit entstehen besondere Wohnformen, die eine Initiativgruppe an die beteiligten Aktionäre vermietet.

Die überdimensionierten, auf amerikanische Verhältnisse abgestimmten Verkehrsflächen werden zu alleeartig bepflanzten Wohnerschließungsstraßen zurückgebaut. Den zusätzlichen Parkierungsbedarf aus der Nachverdichtung gewinnt man weitestgehend durch eine Optimierung der Stellplatzausformung, ohne die großzügigen Freiräume zwischen den Gebäudezeilen zu beanspruchen.

Die bereits vorhandenen Gemeinbedarfseinrichtungen werden den heutigen Anforderungen entsprechend umgebaut und ergänzt. Neu hinzukommen Studentenwohnungen sowie eine private Realschule und ein Altenwohn- und Pflegeheim mit jeweils stadtweitem Einzugsbereich. Die gewünschten Arbeitsplätze entstehen in den früheren militärischen Versorgungseinrichtungen zwischen dem Alten Flugplatz und dem Wohnareal sowie als Neubauten auf einem nicht mehr benötigten Sportfeld.

Die Freiräume zwischen den Wohngebäuden haben ihren großzügigen Charakter behalten. Behutsam eingefügte, dachbegrünte Einbauten für Müll und Fahrräder tragen eher zur Akzentuierung der Außenräume bei, als dass sie diese verstellen. Vor allem ist es aber gelungen, den immer wieder laut werdenden Wünschen nach Einfriedungen und Parzellierungen zu begegnen. Ein optimiertes öffentliches Fußwegenetz erschließt abseits der Straßen das Quartier, bindet neue Spielareale ein und verknüpft das Siedlungsgrün mit dem angrenzenden Hardtwald. Die Belichtung der Wohnungen erfordert partiell behutsame Auslichtungen des Baumbestandes. Zum Ausgleich werden bislang baumarme Bereiche verdichtet.

Seit 2006 bindet eine Straßenbahnlinie die Nordstadt direkt an die Innenstadt an. Die durchgängig begrünte Gleistrasse fügt sich unauffällig in das Erscheinungsbild des Stadtteils ein. Inzwischen ist die Bautätigkeit weitgehend abgeschlossen, mehr als 2500 Wohnungen stehen zur Verfügung.

Besonders spannungsvoll wirkt das Wechselspiel zwischen den modernisierten tradierten Strukturen und den vielgestaltigen neuen Bauformen im nördlichen Teil. Es ist ein lebendiger ziviler Stadtteil entstanden, der immer noch ein wenig amerikanisches Flair ausstrahlt. Die Menschen schätzen die Weitläufigkeit des Wohnumfeldes und den ausgeprägt grünen Charakter ihrer Siedlung, aber auch die Nähe zur Stadt. Bis zum Karlsruher Marktplatz sind es gerade einmal eineinhalb Kilometer zu Fuß oder mit dem Rad auf direktem Weg durch den Wald und den Schlossgarten.

Grunderwerb und Planungsverfahren

Im Anschluss an die Freigabe erwarben die städtische Wohnungsbaugesellschaft (Volkswohnung GmbH) und die Stadt Karlsruhe den überwiegenden Teil der militärischen Liegenschaften. Dadurch konnte das Planungskonzept zügig und in der gewünschten Klarheit umgesetzt werden. Es entstand ein Wohnungsmix aus 40 Prozent Eigentums- und 60 Prozent überwiegend sozialgebundenen Mietwohnungen.

Ein städtebaulicher Rahmenplan mit integrierter Grünordnungsplanung bildete die Grundlage für die weitere Realisierung. Die Nachverdichtung im Bestand wurde im Wesentlichen über § 34 Baugesetzbuch, ergänzt durch eine Gestaltungssatzung und ein Farbkonzept realisiert. Für ein ehemals mit Fahrzeughallen belegtes etwa sieben Hektar großes Gelände wählte man ein besonderes Bebauungsplanverfahren. Im ersten Schritt gaben sehr wenige Festsetzungen den Rahmen und die Mindestanforderung für einen qualifizierten Bebauungsplan vor. Beim anschließenden modellhaften Planungsprozess konnten sich dann Bauinteressentengruppen auf ein einheitliches Erscheinungsbild für das jeweils gewählte Baufeld einigen. Nach der Realisierung wurden dann die Ergebnisse durch detailliertere Festsetzungen gesichert, die jedoch Spielräume für eine gemeinschaftliche Weiterentwicklung offen halten.

Trotz der überdurchschnittlich hohen Ausnutzung ist ein lebendiges Gegenüber von unterschiedlichen Bauformen entstanden. Das städtebauliche Rückgrat bildet ein verlängerter Strahl des Karlsruher Schlosses, der unter dem Schirm einer Eichenreihe Quartiersplatzfunktionen übernimmt. Der Rahmenplan wurde verwaltungsintern kontinuierlich mit den Kriterien und Zielen einer sozialverträglichen Planung abgestimmt. Da dieses Instrument aber erst Ende 1995 vom Gemeinderat beschlossen wurde, konnte eine Beteiligung der künftigen Bewohner nur in der sich anschließenden Realisierungsphase einsetzen. Es wäre aber auch schwierig gewesen, die Bedürfnisse vorab zu erfragen, da sich die Bewohner für den neuen Stadtteil erst noch finden mussten.

Konversion Alter Flugplatz (110 Hektar)

1997 wurde ein weiteres Planverfahren auf der Basis eines städtebaulichen Realisierungswettbewerbs eingeleitet. Es sollten rund 40 Hektar des alten Flugfeldes überbaut werden, um die beiden angrenzenden Stadtteile Nordweststadt und Nordstadt entlang der ÖPNV-Trassen durch weitere Wohnbauflächen zu ergänzen. Eine 200 Meter breite Durchlüftungsschneise war freizuhalten, die an die ökologischen Vorrangflächen im Norden des Areals anbinden sollte.

In den vergangenen Jahrzehnten nutzten die amerikanischen Streitkräfte das Gelände nur noch sporadisch für Flugzwecke. Die damit verbundene extensive Pflege sicherte einen Trockenstandort, der sich auf den trockenen Flugsandflächen der Karlsruher Hardt als überregional bedeutsames und einmalig ausgeformtes Biotop entwickelt hatte. Eine Kartierung von 1992 wies unter anderem 23 Pflanzenarten der Roten Liste Baden Württembergs, 71 Stechimmenarten, gefährdete Heuschrecken- und Amphibienarten und rund 70 Vogelarten nach. Damit bestand von Anfang an ein nur schwer abzuwägender Konflikt zwischen den Zielen der Stadtentwicklung und denen des Naturschutzes. Diese divergierenden Positionen zogen sich zudem bis in die Ministerien des Landes Baden-Württemberg hinein, die einerseits die wirtschaftlichen Interessen des Landes als Eigentümerin, aber auch die des landesweiten Naturschutzes zu vertreten hatten. Nach einem langwierigen Abwägungsverfahren, in dem immer wieder neue Kompromisse diskutiert wurden, konnte sich die Position des Naturschutzes weitgehend durchsetzen. Inzwischen steht das Flugfeld unter Naturschutz. Lediglich das Gelände um die ehemaligen Flughafengebäude ist noch für eine Bebauung vorgesehen.

Heute beweiden Esel die unterschiedlichen Ausbildungsformen der Sandrasen sowie die ausgedehnten Borstgrasrasen, um den Gehölzaufwuchs zu verhindern. Das alte Flugfeld ist eingeschränkt für die ruhige Naherholung zugänglich. Im Rahmen einer Besucherlenkung kann die Bevölkerung einen am Rand verlaufenden Rundweg sowie eine Querung zwischen den Stadtteilen nutzen. Der nördliche Teil bleibt tabu. Nach einer längeren Eingewöhnungsphase, die durch gezielte und kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit begleitet wurde, ist inzwischen ein auskömmliches Miteinander der ruhigen Erholung und der gegenüber Belastungen äußerst empfindlichen Lebensräume erreicht. Das FFH-Gebiet Alter Flugplatz gehört inzwischen zu den Juwelen des Karlsruher Grünsystems. Immer wieder aufs Neue beeindruckt die einmalige Kombination der farblich changierenden Trockenfluren mit dem Erleben eines ungewöhnlich weiten Raums inmitten der Stadt. Bei guter Sicht schweift dabei der Blick bis zur Kulisse des fernen Schwarzwaldes.

Konversion Neureut (48,5 Hektar)

Nahezu drei Kilometer weiter im Norden nutzten die amerikanischen Truppen ein weiteres Militärgelände, das nach dem Krieg unmittelbar am Rand des Hardtwaldes entstand. 1996 belegte die Bundeswehr Teile der Hallen mit einem zentralen Materialpunkt des Heeres. Die in einfacher Bauweise erstellten Kasernen und Mannschaftsgebäude verfielen schnell. Auf den locker mit Robinien bestandenen Freiflächen entwickelten sich rasch trockenheitsliebende Wiesengesellschaften mit zunehmendem Biotopwert.

Großzügige Freiräume prägen die Konversion in Neureut. Im Vordergrund die unterschiedlich ausgeprägten Wohncluster. Rechts vom Sportgelände ist noch Gewerbe vorgesehen. Foto: Stadt Karlsruhe, Roland Fränkle

Öffentliches Grün zwischen den Clustern sowie mit den nicht eingefriedeten Grundstücken. Links die ruhige Architektursprache des dänischen Planungsbüros. Foto: Thomas Henz

Eine „Spielburg“ aus Mähgut. Foto: Thomas Henz

Im Süden grenzt die ein- bis zweigeschossig bebaute Kirchfeldsiedlung aus den 1950er Jahren an. Aus diesen Gegebenheiten wurden die Vorgaben für eine Konversion entwickelt. Dabei nahmen die Freiraumbelange ein besonderes Gewicht ein: Flächenanteil zusammen mit den nach Norden zu verlagernden Sportflächen von knapp 35 Prozent, Lärmschutzfunktionen zu den militärisch genutzten Einrichtungen und die Vorgabe, den gut einen Kilometer langen Waldrand mit einem vorgelagertem Wiesenstreifen als Trockenstandort wieder freizulegen. Diese Chance sollte unbedingt genutzt werden, da im gesamten Stadtgebiet in der Vergangenheit bis unmittelbar an den ausgedehnten Hardtwald herangebaut worden ist, und die Menschen an kaum einer Stelle die freie Waldkulisse mehr erleben können.

2002 entschloss man sich, eine Planungswerkstadt mit sieben eingeladenen Büros durchzuführen. Im kooperativen Dialog mit den Grundstückseigentümern, der Verwaltung, der Politik, den örtlichen Interessensvertretungen und der Öffentlichkeit haben diese dann unterschiedliche Konzeptionen vorgeschlagen. Die aus diesem Prozess hervorgegangene und zur Realisierung empfohlene Arbeit des dänischen Planungsbüros Tegnestuen Vandkunsten aus Kopenhagen fügt sich sehr feinfühlig in das städtische Gesamtkonzept ein. Das Ergebnis spricht für das gewählte Verfahren.

Planung und Realisierung

Ein breiter Grünzug, ausgestattet mit den neuen Sporteinrichtungen und mit Versickerungsmulden für die Bauflächen, trennt die neuen Wohngebiete (rund 600 Wohneinheiten), die nördlich der Kirchfeldsiedlung entstehen, vom Gewerbe und von den militärisch genutzten Einrichtungen ab. Im Übergang zum Wald "schwimmen", umgeben von fingerartig ausgeformten öffentlichen Grünzügen, sechs Siedlungscluster wie Schiffe in einem grünen Meer. Jede Einheit gruppiert sich wie eine kleine Dorfstruktur um einen zentral gelegenen kleinen Anger. Das Büro schlägt, wie in Skandinavien üblich, Gärten ohne Einfriedungen vor, die sich optisch in die Grünräume erweitern: in der Umsetzung und in der Vermarktung Neuland und deswegen Anlass für intensive Diskussionen. Schließlich verständigt man sich darauf, die erhöht liegenden privaten Flächen der beiden südlichen Cluster nur mit einer niedrigen Trockenmauer, ähnlich einem barocken Aha, gegenüber dem allgemein zugänglichen Gelände abzugrenzen. In den übrigen Bereichen sind Hecken zulässig. Die engmaschig miteinander verbundenen Freiräume sorgen für eine ausreichende Gebietsdurchlüftung. Sie sind Standort für mehrere Spielanlagen, Spielwiesen sowie für die erforderlichen Ausgleichsmaßnahmen. So wird am Westrand der Siedlung lediglich eine abgemagerte Humusschicht aufgetragen, um trockenheitsliebende Arten wie das im Gebiet nachgewiesene Moosdickblatt zu fördern. Im Umfeld eines Quartiersplatzes, der durch eine markante Reihe aus alten amerikanischen Roteichen geprägt ist, gruppieren sich die Nahversorgungsangebote und die gebietsbezogenen Dienstleistungen. Teile der Sportanlagen werden von einem benachbarten Jugendtreff mitgenutzt. Eines der Cluster ist Standort eines Seniorenzentrums, das auch Angebote des betreuten Wohnens beinhaltet.

Grunderwerb und Planungsverfahren

1999 gründete die Stadt die Konversionsgesellschaft Karlsruhe, um die Modalitäten des außergewöhnlich umfangreichen Grunderwerbs zu optimieren und um die Finanzierung und die Durchführung der noch ausstehenden Vorhaben sicherzustellen. Gesellschafter sind die Volkswohnung GmbH (60 Prozent), die Stadt Karlsruhe (10 Prozent) und die Sparkasse Karlsruhe-Ettlingen (30 Prozent).

2006 konnte das Bebauungsplanverfahren abgeschlossen werden, auf dessen Grundlage zunächst die Sportflächen verlagert und anschließend Zug um Zug die Baufelder in Angriff genommen wurden. Aus einer gewissen Kritik an der stringenten, eher schlichten Bauweise des dänischen Planungsbüros, die in einem der Cluster realisiert wurde, hatte sich die Stadtpolitik für mehr Bau- und Gestaltungsfreiheiten ausgesprochen. In einem weiteren Cluster wurde daraufhin der Festsetzungsrahmen extrem gelockert und unter anderem die Ausbildungsform der Dächer und die Farbgebung freigestellt. Das Ergebnis erschreckte und war Anlass, die Bauvorschriften doch wieder klarer zu fassen. Als anschaulicher Vergleich ist das Nebeneinander gewiss lehrreich, zeigt er doch die beiden Extreme auf, zwischen denen sich Stadtplanung bewegen muss. Aber: gebaut ist gebaut und so wird dieser Kontrast auf lange Zeit ein nachdenklich stimmender Bestandteil des Ortsbildes bleiben.

Modellfoto der Konversion Knielingen mit den zentral gelegenen Stadteilgrünräumen (Planung Rosenstiel, Freiburg und faktorgrün, Denzlingen). Foto: Thomas Henz

Der kleine "Central Park" mit den Versickerungsmulden für die Oberflächenwässer. Foto: Thomas Henz

Spielanlage, aber mit Frischwasser! Foto: Helmut Kern

Staudeninseln auf einem der beiden Quartiersplätzchen. Foto: Thomas Henz

Planung und Realisierung

Die Wettbewerbssieger Fingerhut (Städtebau) und faktorgrün (Freiraumplanung) aus Freiburg/Denzlingen nehmen die zwei- bis dreigeschossige Siedlungsstruktur aus der Umgebung wie selbstverständlich auf und gruppieren die baulichen Module um einen zentral gelegenen Park. Dieser reicht von der Altbebauung bis zu den noch von der Bundeswehr genutzten Hallen mit der Option für eine spätere Verlängerung in die Rheinauen. Ein senkrecht dazu aufgerichtetes Infrastrukturband mit Schule, Kindergarten, Gemeinschaftseinrichtungen, Altenwohnungen und Nahversorgung trennt die Wohnquartiere (etwa 550 Einheiten, überwiegend Einfamilien- und Reihenhäuser) vom Gewerbe. Dort ist auch eine Trasse für einen späteren Straßenbahnanschluss freigehalten.

Konversion Knielingen (32 Hektar)

Als zeitlich letzte Konversionsmaßnahme wurde ab 2003 die städtebauliche Neuordnung der ehemaligen Mudras-Kaserne aus den 1930er Jahren in Knielingen auf den Weg gebracht. Dieser in weiten Teilen noch dörflich geprägte Stadtteil hat sich aus einer Fischersiedlung auf dem Hochgestade des Rheins entwickelt. Für das bis 1996 von amerikanischen Einheiten genutzte Areal waren Wohn-, Dienstleistungs- und Gewerbenutzungen sowie Grünflächen vorgesehen, die Stadtteilparkfunktionen auch für die bereits vorhandenen Quartiere übernehmen sollten. Lediglich das ehemalige Casino und das Kirchengebäude, beide denkmalgeschützt, mussten erhalten werden. Einige bemerkenswerte, besonders markante Altbäume galt es zu integrieren, was dann aus technischen und finanziellen Sachzwängen leider doch nicht im gewünschten Umfang gelungen ist. Zudem war ein aus Modulen aufgebauter Siedlungsgrundriss erwünscht, der flexibel in Abschnitten realisiert werden konnte. Eine erste Einheit sollte auf dem sechs Hektar großen Sportplatz begonnen werden.

Teile der öffentlichen Freiräume werden für die Versickerung des Oberflächenwassers genutzt. Aus abflusstechnischen Gründen liegt die Sohle der Parkanlage um mehr als zwei Meter unter dem angrenzenden Straßenniveau: eine besondere gestalterische Herausforderung, da diese technische Funktion zwar erkennbar, aber doch nicht als störend in Erscheinung treten soll. So trägt eine überdurchschnittlich aufwändige Ausstattung mit Baumreihen, Pergolen, Abstufungen und eine großzügig ausgeformte Geländemodellierung dazu bei, dass der kleine "Central-Park" als in sich stimmiges Element dem neuen Quartier eine unverwechselbare Identität gibt.

Für zwei Baufelder, in denen autofreies, verdichtetes Wohnen vorgesehen ist, wurde kürzlich ein Gestaltungswettbewerb entschieden. Dort sollen in den kommenden Jahren modulare Haus- und Wohnungstypologien realisiert werden, die die Lebenszyklen von Familien berücksichtigen.

Grunderwerb und Planverfahren

Auch für diese Konversion wurde ein Bebauungsplan aufgestellt. Im Rahmen des Verfahrens erfolgte erstmals die nach der Novellierung des Baugesetzbuches vorgeschriebene Umweltprüfung. Diese hatte unter anderem externe Ausgleichsmaßnahmen in einem benachbarten ehemaligen Truppenübungsgelände zum Ergebnis. Zudem konnte das Sportfeld erst bebaut werden, nachdem die dort lebenden Gottesanbeterinnen, eine streng geschützte Fangschreckenart, abgesammelt und in einen Ausweichlebensraum gebracht worden sind. Auch bei dieser Umnutzung ist die Konversionsgesellschaft Karlsruhe federführend tätig geworden.

Erfahrungen und Perspektiven

Nahezu zwei Jahrzehnte lang hat sich die Karlsruher Stadtentwicklung auf die großen Konversionen fokussiert. Dabei sind an den einzelnen Standorten brauchbare und ortsspezifische Planungen auf den Weg gebracht und bis heute weitgehend realisiert worden. Bei allen Vorhaben stehen Wohnen und Arbeiten in einem räumlichen und funktionalen Zusammenhang. Während die innenstadtnahe Nordstadt überwiegend durch Geschosswohnungsbauten geprägt ist, dominieren in den beiden weiter außen gelegenen Quartieren Eigenheime für Familien. Die dort ungebrochen hohe Nachfrage nach Wohnraumangeboten bestätigt, dass der von der Stadtpolitik und von der Stadtplanung gemeinsam eingeschlagene Weg richtig gewesen ist.

Die städtische Wohnungsbaugesellschaft und später die Konversionsgesellschaft Karlsruhe haben zügig und zielgerichtet sowohl den komplexen Grunderwerb getätigt als auch die umfangreichen Altlasten saniert und schließlich die zahlreichen Einzelvorhaben erstellt. Die städtischen Ämter führten die Erschließung und die öffentlichen Freiflächen auf Rechnung der Gesellschaften aus. Dabei standen dem Gartenbauamt immer ausreichend bemessene Mittel zur Verfügung, um die planerisch gewünschten Qualitäten und Ausstattungen in die Realität umzusetzen. So sind die großzügig bemessenen, gebietscharakteristischen Freiraumangebote wichtige Parameter dafür, dass sich die Menschen in den noch jungen Stadtquartieren wohl fühlen. Hinzu kommt eine durchweg gute Baugestaltung, die selbst bei sonst eher schwer zu handhabenden Vorhaben wie Nahversorgungsmärkte und Vereinsheime durchgehalten werden konnte. Hier hat es sich bewährt, dass deren Planung in den Händen der Gesellschaften lag. Schließlich haben Politik und Verwaltung über die stadteigenen Töchter den Anteil von Miet- und Eigentumswohnungen beeinflussen und damit auf sozial ausgewogene Bevölkerungsstrukturen hinwirken können.

Leider ist es aus finanziellen Gründen bis heute nicht gelungen, die Quartiere in Neureut und in Knielingen an das Straßenbahnnetz anzuschließen. Die Trassen stehen allerdings bereits als von Baumreihen begleitete Grünstreifen bereit. In der Nordstadt erfüllt zudem das Nahversorgungsangebot immer noch nicht die Erwartungen der Bevölkerung. Im Vergleich zum Gesamtumfang der Konversionen eher überschaubare Aufgaben, die aber dennoch möglichst bald gelöst werden sollten.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 08/2013 .

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