Hamburg

Naturschutz bei "Biennale" in Planten un Blomen

Viola riviniana, das Veilchen ziert den Rasen. Abbildung: Anouk Vogel

Auch der Lotus corniculatus gilt als Unkraut und ist doch von edler Schönheit. Abbildung: Anouk Vogel

Die "Biennale" in Planten un Blomen ist eine Maßnahme im Rahmen des Naturschutzgroßprojektes "Natürlich Hamburg!". Durch die fortlaufende Reihe einer Biennale (alle zwei Jahre wird eine neue Fläche in Planten un Blomen von Gartenkünstler*-innen mit Wildpflanzen neugestaltet) entsteht innerhalb des Gesamtprojekts ein eigener Erzählstrang, der immer neue Überraschungen bieten soll. Darin konzentriert sich eine Essenz der Zielsetzungen des Naturschutzgroßprojekts: Ästhetik und Biodiversität in Hamburg zu vereinen.

Mit insgesamt 20,25 Millionen Euro an Fördermitteln des Bundes und einer Laufzeit von 16 Jahren werden ausgewählte Hamburger Parks naturnäher entwickelt und ausgewählte Naturschutzgebiete öffnen sich behutsam der Erholung und der Landschaftsästhetik.

Das erste 2019 von der Wiener Kuratorin Prof. Maria Auböck und einer Fachjury ausgewählte und umgesetzte Projekt der Biennale war die "Flowery Mead" von der schweizerisch-niederländischen Landschaftsarchitektin und Gartenkünstlerin Anouk Vogel. Es handelt sich um ein Beet in einer Rasenfläche. Oder genauer: ein Blumenrasenbeet in einer Rasenfläche. Was macht diesen Blumenrasen, die "Flowery Mead" so besonders?

Rasenstücke im Park haben eine lange Geschichte

Es ist zunächst an Albrecht Dürers "Großes Rasenstück" von 1503 zu erinnern. Eine der berühmtesten Naturstudien, die uns die Schönheit der Wildkräuter und Gräser unmittelbar vor Augen führt. Dürer schenkte den Rasenkräutern genaue Betrachtung, die uns heute in unserem schnelllebigen Alltag oft abhandenkommt.

Blumenrasen tauchen im Mittelalter als bewusst eingeplante Gartenelemente in den Kloster- und Burggärten auf. Sie sollten als erhöhte Rasenstücke angelegt werden, voll lieblicher Blumen und ungefähr in der Mitte zum Sitzen geeignet, wo sich die Sinne erholen und wo man sich ergötzlich ausruhen konnte.

Im Barock werden Broderien im schlossnahen Parterre angelegt. Höchst pflegeintensive, zumeist ornamentale "Rasen und Schotterbeete" mit kunstvollen Buchsbaumhecken. In ihrer Kunstfertigkeit waren sie weit entfernt von den heute zu recht beklagten, uninspirierten Schottergärten unserer Tage (s.a. S. 7).

Das in der Gartengeschichte folgende "Bowling Green" oder der englische Rasen im englischen Garten vor dem Landsitz des Lords zelebriert das Grün um des Grün willen. Es sind Rasen aus Gräsern, die im englischen Klima perfektioniert wurden und die Kräuter verbannten. Die Wiederkehr des kunstvollen Blumenbeetes taucht dann insbesondere im miniaturisierten Landschaftsgarten des 19. Jahrhunderts wieder auf und beschert der Gartenkunst Blumenbeete im Zuckerbäckerstil. Und auch heute kennen wir ornamentale Blumenbeete von Gartenschauen. Blumenbeete, Wiesen und Rasen sind seit jeher feste Instrumentarien der Gartenkunst - mit unterschiedlichen Gewichtungen.

Nun also eine Rückkehr zu den Anfängen: Ein Blumenrasen mit mittelalterlichen Bezügen. Nicht ohne Grund taucht in der ersten Zeichnung der "Flowery Mead" von Anouk Vogel ein "lange ausgestorbenes Tier" - das Einhorn - auf. Denn auch um das Verschwinden der Arten geht es bei diesem Blumenrasen. Während der artenarme Scherrasen vor allem Amseln erfreut, bietet der Blumenrasen neben der Pflanzenvielfalt Nahrung für eine große Vielfalt an Insekten. Das kann man seit der Anlage des Beetes beobachten.

Die Biennale verfolgt dieses Ziel stetig: wie lässt sich biologische Vielfalt im gärtnerischen Grün erhöhen, ohne das gärtnerische Können zu missachten. "Natürlich Hamburg!" möchte mit dieser Wettbewerbsreihe zeigen, welche Gestaltungsmöglichkeiten in der Verwendung von Wildpflanzen stecken. Und dass die Gärtner*innen und wir alle hier viel Neues lernen können und diese neue Dimension auch in der Aus- und Fortbildung hinzugefügt werden muss. Die Gärtnerei Hörschelmann und Tristan Schneider vom Projekt "Natürlich Hamburg!" leisteten hier Pionierarbeit. Die gärtnerische Anzucht dieser Rasenkräuter war keine Routine. Auch die Pflanzung selbst erforderte Pionierarbeit.

Mehr Augenmerk auf Biodiversität heißt Vielfalt schaffen und diese auch zu erkennen. Um die Arbeit des Erkennens zu erleichtern, hat Anouk Vogel acht der von ihr ausgewählten Pflanzen aquarelliert. Die Kunst des Pflanzenporträts hat in Hamburg eine lange Tradition. Alfred Lichtwark, der erste Direktor der Hamburger Kunsthalle (1886-1914) lobte seinerzeit den unverstellten Blick des in Hamburg wirkenden Malers Philipp Otto Runge (1777-1810) und dessen wunderbare Pflanzenporträts.

Planten un Blomen ist nicht irgendwo in Hamburg. Hier leistet sich die Stadt eine so aufwändige Pflege des öffentlichen Grüns, wie sonst nirgendwo in Hamburg. Entsprechend skeptisch waren auch die Gärtner*innen von Planten un Blomen gegenüber einem "wilden Rasenteppich". Gemeinsam wurden Flächen ausgesucht, auf denen man sich Veränderungen vorstellen kann, die mehr Naturnähe zeigen.

Zwei Zitate und zwei unterschiedliche Sichtweisen auf das "Rasenunkraut" Gänseblümchen:

"Wie Sie die Gänseblümchen loswerden, hängt davon ab, wie viele auf dem Rasen sind. Befinden sich nur wenige Gänseblümchen auf dem Rasen, dann reicht es schon, diese manuell zu entfernen. Benutzen Sie dazu einen Löwenzahnstecher. Das funktioniert vor allem, wenn der Boden feucht ist. Ist Ihr Rasen allerdings übersät von Gänseblümchen, dann bietet es sich an, ein chemisches Mittel zu benutzen. Hier ist es wichtig, das Sie ausschließlich verwenden, oder einen Rasendünger mit Unkrautvernichter. Somit verhindern Sie, dass Ihr Rasen beschädigt wird." (Praxistipps Focus online)

Und aus einem Märchen:

"Innerhalb des Zaunes standen so viele steife, vornehme Blumen; je weniger Duft sie hatten, um so hochmütiger erhoben sie ihr Haupt. Die Bauernrosen bliesen sich auf, um größer als die Rosen zu sein, aber die Größe macht es nicht! Die Tulpen hatten die allerschönsten Farben; das wussten sie wohl und hielten sich kerzengerade, damit man sie noch besser sehen konnte.

Sie beachteten das junge Gänseblümchen da draußen gar nicht, aber dies sah desto mehr nach ihnen und dachte: "Wie reich und schön sie sind! Ja, zu ihnen fliegt gewiss der prächtige Vogel herunter und besucht sie! Gott sei Dank, dass ich so dicht dabei stehe, da kann ich doch den Staat mit ansehen!" Und gerade, wie es das dachte, kam die Lerche herabgeflogen, aber nicht zu den Bauernrosen und Tulpen, nein, nieder ins Gras zu dem armen Gänseblümchen. Das erschrak so vor lauter Freude, dass es gar nicht wusste, was es denken sollte.

Der kleine Vogel tanzte rings um das Gänseblümchen herum und sang: "Nein, wie ist doch das Gras so weich! Und sieh, welch eine süße kleine Blume mit Gold im Herzen und Silber im Kleid!" Der gelbe Punkt in dem Gänseblümchen sah ja auch aus wie Gold, und die kleinen Blätter ringsherum glänzten silberweiß". (Hans Christan Andersen)

Auch wenn die Flowery Mead auf den ersten Blick unspektakulär daherkommt, stellt sie doch eine sehr grundsätzliche Frage:

Brauchen wir überhaupt krautlosen Rasen? Oder brauchen wir nicht künftig vielmehr genau diese krautreichen Blumenrasen? Eine Frage, die sich auch jede Gartenbesitzerin und jeder Gartenbesitzer stellen muss. Der Blumenrasen inmitten von Planten un Blomen hat eine subversive Botschaft - eine mit Ausbreitungstendenz und ein bisschen Guerilla Gardening. Denn das Gras wird in den Blumenrasen hineinwachsen und die Kräuter werden in den Rasen wandern. Das ist gut so. So wird aus der grünen Auslegware ein bunt gewobener Teppich, dessen künftiges Muster die natürliche Dynamik wiederspiegelt.

Dass wir Vielfalt an Pflanzen und Insekten brauchen, wird niemand mehr leugnen. Daher brauchen wir mehr Natur in unseren Parks, Gärten und Grünanlagen. Dafür steht "Natürlich Hamburg!" Und als Kondensat dieses großen Projektes steht die Biennale in Planten un Blomen. Seien Sie gespannt auf die nächste Intervention der nächsten Biennale. Klaus Hoppe

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 09/2022 .

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