Nothofagus: "Feuerländische Buchen" und "Antarktische Birken"

Europäische Reisende, die in unbekannte Regionen vordrangen und denen dabei unbekannte Tiere und Pflanzen begegneten, mussten sich, wenn sie davon erzählen wollten, zwangsläufig eines Vergleiches mit ihnen längst bekannten Geschöpfen bedienen. Aufgrund entfernter Ähnlichkeiten wurde Ameisenbär, Erdferkel und Beutelwolf nach europäischen Tieren benannt und auch unzählige Pflanzen, wie etwa die australische Silbereiche (Grevillea), die nordamerikanische Schierlingstanne (Tsuga) oder die chinesische Gummiulme (Eucommia) tragen bis heute solch vergleichende Namen.
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Laub der antarktischen Südbuche auf Feuerland. Foto: Marcel Robischon

Noch am "Ende der Welt" meinten Reisende ihre heimisch-vertrauten Gewächse zu sehen. "Etwas landwärts von der Küste wachsen schöne grüne Wälder und oben in den Tälern große Stammholzbäume, zwei Fuß im Durchmesser und einige über 40 Fuß hoch. Sie sehen unseren Buchen in England sehr ähnlich; die Blätter der Bäume sind wie Grüne Birkenbaumblätter, merkwürdig süß" notierte etwa der britische Seefahrer Sir John Narborough als er 1670 durch die Magellanstraße, zwischen dem patagonischen Festland und der Insel Feuerland fuhr. In derselben Weltregion will der britische Botaniker Joseph Banks Birken und Buchen gesehen haben. Von "Buchen" spricht auch Charles Darwin in seinen Beschreibungen Feuerlands und in Jules Vernes Abenteuerroman "Zwei Jahre Ferien" entdecken die Schiffsbrüchigen auf der Hanover-Insel vor Chile die "hêtre antarctique".

Immer wieder sprachen Autoren von Buchen und Birken und Birkenblättrigen Buchen. Die Gattungen Fagus und Betula sind jedoch typische Vertreter des Florenreichs der Holarktis, das sich über alle ans Nordpolarmeer angrenzende Kontinente erstreckt. Das Verbreitungsgebiet der Buchen reicht in Nordamerika allenfalls bis ins mittlere Mexiko, in Europa bis nach Süditalien und in Asien bis nach Taiwan. Auch die Birken sind Gewächse der Nordhalbkugel die teilweise noch in Florida oder in Nordthailand, aber nie südlich des Äquators zu finden sind. An der Magellanstraße, im Florenreich der Antarktis müssen die Reisenden also etwas Anderes gesehen haben.

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Antarktische Südbuche im Nationalpark Torres del Paine, Chile. Foto: Marcel Robischon

Was Buchen zu sein schienen, waren Scheinbuchen. Was die historische botanische Literatur etwa als Fagus antarctica oder Betula antarctica oder Fagus betuloides anführt, gehört zwar in die Ordnung der Fagales, aber weder zur Familie der Betulaceen noch der der Fagaceen, sondern der der Scheinbuchengewächse, der Nothofagaceen. "Nothos" bedeutet "Süden" und "Fagus" die Buche, also handelt es sich dem wissenschaftlichen Namen nach um die "Südbuchen". Diese Familie umfasst nur eine einzige Gattung, eben Nothofagus mit etwa 35, vielleicht 40 Arten. Diese finden sich auf den Bruchstücken des alten Kontinents Gondwana rund um den Südpazifik.

Drei Nothofagus-Arten wachsen auf dem australischen Kontinent und der Insel Tasmanien, darunter die "Antarctic beech" N. moorei im östlichen Australien und Tasmaniens N. cunninghamii, die "Tasmanian Myrtle", also Tasmanische Myrte. Zu den neuseeländischen Arten gehören, die neuseeländische Silberne Scheinbuche Nothofagus menziesii, die auf Maori "Tawhai" oder "Tawai" heißt, sowie die "Black beech" N. solandri und die "Mountain beech" N. Cliffortioides. Letztere teilen sich den Maori-Namen "Tawairauriki". Die "Hard beech" N. truncata und "Red beech" N. fusca werden auf Maori austauschbar mit "Tawhairaunui" oder "Hututawai" bezeichnet werden. Fünf weitere Arten wachsen in Neukaledonien und 14 Arten in Neuguinea und Neubritannien. Fossile Überreste längst ausgestorbener Südbuchenarten belegen ihre einstige Gegenwart in der heutigen Antarktis.

Insgesamt neun Südbuchenarten finden sich in Patagonien, darunter N. antarctica, die man lokal "Ñire", "Ñirre", oder auch "Ñirre arrastrado", "kriechender Nirre" nennt. N. pumilio heißt hier "Lenga" und N. alpina "Rauli". N. betuloides, die Magellan-Südbuche wird "Guindo", N. dombeyi "Coihue" oder "Coigüe" und N. alessandrii "Ruil" genannt. Die Art N. obliqua, die auf Spanisch in einem Vergleich mit einer anderen Europäischen Gehölzgattung als "Roble" – Eiche – oder auch "Patagonian oak", Patagonische Eiche oder sogar "Robelbuche" bezeichnet wird, heißt auf Mapuche "Hualle" oder "Pellin". N. glauca, die "roble Maulino" also "Maulino-Eiche" heißt lokal "hualo", ein Name der bisweilen auch für N. macrocarpa, die "roble blanco", die "Weisse Eiche", "roble de Santiago" – "Santiago-Eiche" verwendet wird. Es herrscht ein wunderliches Gewirr aus einheimischen und europäischen Vergleichen entlehnten Namen.

Die von Stürmen gezeichneten Südbuchenwälder Patagoniens, insbesondere die Nirre-Gehölze, sind märchenhaft-verzauberte Orte voller abenteuerlicher Baumgestalten, knorriges Krummholz mit bizarr-grotesken Kronen- und Stammformen, bewachsen mit hellgrünen Flechten, die barba de viejo – Altmännerbart genannt werden, und dem gelben, entfernt Mistelähnlichen Parasiten Misodendrum punctulatum, dessen kugelige Formen man in Patagonien farolitos chinos – Chinesische Laternen nennt.

Vergleichsweise wenige Pflanzen der Südhalbkugel werden in mitteleuropäischen Gärten gepflanzt. Aufgrund der geringeren Landfläche ist zwangsläufig auch die Auswahl geringer. Keiner der bewaldeten Südkontinente reicht entsprechend weit in die Kalten Zonen des Südens hinein um eine größere Zahl von bei uns verlässlich winterharten Gehölzen hervorgebracht zu haben. Die südlichsten Ränder und Ausläufer der Kontinente und die Inseln der Südozeane stehen zudem unter einem starken ozeanischen Einfluss. So wachsen die südlichsten Südbuchen zwar durchaus in einem kalten ozeanischen Klima in dem es keine wirklich warmen Sommer, aber eben auch keine extremen Fröste gibt. Es mangelt ihnen jedoch meist and der in Mitteleuropa für ein Überleben im Freiland erforderlichen Frosthärte. Die tiefsten Wintertemperaturen toleriert offenbar "Ñirre" N. antarctica. Sie kann noch bei minus 20 Grad Celsius überleben, was einer USDA Winterhärtezone Zone von 6b entspricht. Selbst diese für den Anbau bei uns am besten geeigneten Art übersteht die Winter besser an geschützten Standorten.

Der deutsch-britische Autor Georg Heinrich Nöhden (1770–1826) spricht von der damals als "Betula antarctica" bezeichneten Südbuche als "dieser Betula nana der südlichen Halbkugel". So wie Betula nana auf Spitzbergen und Grönland zu den nördlichsten Gehölzen der Welt gehört ist "Nirre" N. antarctica einer der südlichsten und gedeiht noch auf der kleinen Isla Hornos, jenem Landsplitter dessen Südende als Kap Hoorn in den Ozean ragt. Nur die Magellan-Südbuche "el Guindo" N. betuloides soll noch einige Meter weiter Südpolwärts wachsen und ist somit der südlichste Baum der Welt. Dennoch wird für sie in der Literatur nur Zone 7 angegeben. Gleich winterhart werden "la Lenga" N. pumilio und "el Hualle" N. obliqua eingeschätzt. Die Coihue-Südbuche N. dombeyi dürfte, da sie bis in Zone 7b winterhart sein soll, bis minus 14 Grad Celsius überleben können. Tatsächlich tun sich diese Arten aber selbst an den wärmsten Standorten im kontinentalen Klima Süddeutschlands schwer und sind besser in milden, ozeanischen Klimaten aufgehoben.

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Misodendrum punctulatum ist ein mistelähnlicher Parasit, der auf Südbuchen wächst und in Chile "farolitos chinos" – Chinesische Laternen genannt wird. Foto: Marcel Robischon

Nothofagus antarctica "Ñirre", N. pumilio "Lenga", and N. betuloides "Guindo" wachsen nicht nur gut in Irland und Großbritannien, sondern selbst auf den Färöerinseln, die ebenso ozeanisch und vom Wind umtost sind wie Herkunftsregionen dieser Arten in Feuerland. Ende der siebziger Jahre wurden in einem Versuch einige tausend aus importierte Feuerland Nothofaguspflanzen auf die kühlen Nordatlantikinseln verbracht, wo sie bis heute ausgezeichnet gedeihen. Etwa im selben Zeitraum wurden Rauli (N. alpina) oder Roble (N. obliqua) immer wieder in forstlichen Versuchen auf den britischen Inseln angepflanzt. Da die Bäume trotz des milden Inselklimas unter Spätfrösten leiden, wurde der Südbuchenanbau jedoch kein durchschlagender Erfolg für die britische Forstwirtschaft.

In ihren natürlichen Verbreitungsgebieten wurden Nothofagus-Arten traditionell auf verschiedenste Weise genutzt. So ähnlich, wie man hoch im Norden des amerikanischen Doppelkontinents aus der Rinde der "Canoe birch" (Betula papyrifera) Wasserfahrzeuge baute, so diente in Feuerland die Rinde des "Guindo" N. betuloides den Ureinwohnern zum Bootsbau.

Vielleicht führten die Fuegischen "Nomaden des Meeres", die Völker der Kawesqar und Yaghan, Haush und Selk'nam auf ihren Fahrten an der Küste oder durch die unendlichen Labyrinthe der Kanäle und Buchten der Inselwelt des Magellankanals auch ein ganz besonderes Lebensmittel mit, dass ihnen die Südbuche und ein Organismus der auf und von den Bäumen lebt, schenkte. Zum "Brotbaum" werden die Südbuchen gerade dort, wo die Stämme so knorrig-knubbelig wachsen, dass man kaum ein glattes Rindenstück zum Kanubau gewinnen könnte.

Diese Bäume haben andere Qualitäten: "auf den groben Auswüchsen wachsen Unmengen kleiner gelber Bälle", beschreibt Darwin den Anblick. "Sie haben die Farbe eines Eigelbs und variieren in der Größe von der einer Gewehrkugel bis zu der eines kleinen Apfels; in ihrer Form sind sie sphärisch, aber in Richtung des Ansatzpunktes ein wenig hervorgehoben. Sie wachsen in Gruppen sowohl an den Zweigen als auch an den Stämmen. Wenn sie jung sind, enthalten sie viel Flüssigkeit und sind geschmacklos, aber in ihrem älteren und veränderten Zustand sind sie ein ganz essentieller Nahrungsbestandteil für die Feuerländer. Die Jungs sammeln sie, und sie werden ungekocht mit dem Fisch gegessen".

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Die Fruchtkörper der Pilze Cyttaria hariotti oder Cyttaria Darwinii wachsen an Südbuchenstämmen. Sie wurden von den Ureinwohnern Feuerlands als Lebensmittel genutzt. Foto: Marcel Robischon

Das als "Llao llao", "Dihueñe" oder "Pan de Indio" – "Indianerbrot"- bezeichnete Lebensmittel geht auf an Stamm und Zweigen wachsende Pilze, insbesondere die Arten Cyttaria hariotti oder Cyttaria Darwinii zurück. Die Pilzgattung Cyttaria findet sich überall wo auch Südbuchen heimisch sind. So wächst die ebenfalls essbare Art Cyttari gunnii wächst auf der in Tasmanien und im südlichsten Australien beheimateten Art N. cunninghamii und muss auch von den Ureinwohnern dieser Regionen als Nahrungsmittel genutzt worden sein.

Der Südbuchen-Pilz diente überdies auch zur Produktion flüssiger Nahrungs- und Genußmittel. In und auf den Fruchtkörpern lebt die Hefe Saccharomyces eubayanus, die das "Pau de Indio" zu einem alkoholischen Getränk namens "chicha de llao-llao" fermentiert. Während dieses lokale Gebräu wohl nirgends mehr hergestellt wird, gewann die patagonische Hefe oder nahe Verwandte derselben im Zuge der biologischen Globalisierung und in Folge Kontinente-übergreifender Hybridisierung möglicherweise weltweit Bedeutung in der Getränkeindustrie: im Genom der Hybridhefe Saccharomyces pastorianus, die für das Brauen untergäriger Biere, wie Pils oder Märzen, unverzichtbar ist findet sich ein genetisches Erbe das der patagonischen Hefe entstammen dürfte. Wie dieses in der frühen Neuzeit oder sogar noch früher von den Pilzkörpern auf Südbuchenzweigen bis nach Europa gelangte ist jedoch ungeklärt.

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Knorriges Krummholz. Foto: Marcel Robischon
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Märchenhaft verzauberter Ort. Foto: Marcel Robischon
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Durch den Bewuchs mit Pilzen entwickeln die Stämme der antarktischen Südbuche ungewöhnliche, knorrige Formen. Foto: Marcel Robischon

In Mitteleuropa spielen weder Holz noch Pilz der Südbuchen eine wirtschaftliche Rolle, doch kann der "Ñirre" Nothofagus antarctica an sonnigen oder auch halbschattigen, geschützten Stellen als Zierbaum angebaut werden. Der insgesamt anspruchslose Baum erreicht hierzulande meist nur eine bescheidene Größe von etwa 10 Metern. Er eignet sich daher auch für kleinere Flächen, wie etwa geschützte Innenhöfe. Oft mehrstämmig wie ein großer Strauch wachsend eignet er sich aufgrund der skurrilen Wuchsformen gut als Solitärgehölz.

Da die Krone ziemlich lichtdurchlässig ist, können auch in ihrem leichten Schatten Pflanzen, die keine pralle Sonne verlangen, angebaut werden über den Sommer erfreuen die rundlichen am Rand leicht gewellten, ledrigen Blättchen, die dem Baum den Namen "Pfennigbuche" einbrachten, durch ihre satte dunkelgrüne Farbe und ihren Glanz. Wie die anderen laubabwerfenden Nothofagus-Arten, nimmt auch N. antarctica eine intensive Herbstfärbung an und nimmt je nach Standort ein tiefes Goldgelb oder Orangerot an. Die Art liefert außerdem auch ein interessantes Dufterlebnis. Als "merkwürdig süß" beschrieb Sir John Narborough im 17. Jahrhundert das Laub des Baumes. Besonders die neu entfalteten Blätter verströmen ein süßliches Kräuteraroma, das manchmal eine beinahe honigartige Note hat. Für manche Menschen riecht Nothofagus auch nach Zimtschnecken und Kürbiskuchen, dem nordamerikanischen Pumpkin Pie mit all seinen Gewürzen, vor allem Zimt. Der Duft kann bis in den Sommer anhalten.

Auch wenn dieser Duft der frischen Blätter verflogen ist, verströmen die Blätter, wenn sie zerdrückt werden, einen würzigen, bald harzigen, bald grapefruitartigen Geruch. Darüber hinaus haben auch die kleinen, grünen und eher unscheinbaren männlichen und weiblichen Blüten einen, wenn auch schwachen, Duft. Die Antarktische Südbuche liefert nicht nur einen schwachen Eindruck des Anblicks der märchenhaften Feuerland-Wälder, sondern auch das Erlebnis des Dufts der Wälder am anderen Ende der Welt.

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