Pflanzenkolumne

Back to the Roots

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Wasser als wichtigste Ressource für Pflanzen wird zunehmend zum limitierenden Faktor. Viele Stauden (inkl. Halbsträucher und Co.¹) zeigen erstaunliche Strategien, um mit Wassermangel umzugehen. Silbrige und behaarte Blätter, verdickte Sprosse und Blätter, Hartblättrigkeit (Sklerophyllie) oder sogar ein veränderter CO2-Metabolismus (C4-Pflanzen) sind bekannte Mechanismen. Ein entscheidender Teil dieser Anpassungsfähigkeit liegt allerdings im Verborgenen, unsichtbar für den schnellen Blick: Das Wurzelsystem.
Wurzelraum Baumwurzeln
Wurzelzeichnung des Hain-Salbeis (Salvia nemorosa). Grafik: Kutschera, L.; Lichtenegger, E., S. 625.

Während die Wurzelarchitektur von Gehölzen seit jeher Thema in der Fachliteratur ist, bleibt die Vielfalt der Wurzelsysteme von Stauden im "oberflächigen" Planungsalltag oft unbeachtet. Dabei können die verschiedenen Wurzelsysteme jeder Art ein Schlüssel zur gesteigerten Resilienz² sein.

Pioniere und Entdeckungen

Ein Pionier der Wurzeluntersuchungen war der US-amerikanische Botaniker John Ernest Weaver. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erforschte er systematisch das Wurzelverhalten zahlreicher Präriearten.³ Für den mitteleuropäischen Raum schufen die österreichische Pflanzenphysiologin Lore Kutschera und der Botaniker sowie Vegetationsökologe Ernst Lichtenegger mit ihren Wurzelatlanten eine weltweit einzigartige Datengrundlage, indem sie über Jahrzehnte hinweg die Wurzelsysteme unterschiedlichster Pflanzenarten freilegten und dabei unterschiedliche Wurzelstrategien detailliert dokumentierten.4

Die Zeichnungen offenbaren eindrucksvoll die Vielfalt unterirdischer Strukturen. Pfahlwurzeln (Polwurzel) erschließen tiefe Bodenschichten und ermöglichen Arten wie zum Beispiel dem Flachblatt-Mannstreu (Eryngium planum) oder dem Hain-Salbei (Salvia nemorosa) den Zugang zu Wasserreserven, die in tieferen Bodenschichten anderen Pflanzenarten während einer Trockenperiode nicht zur Verfügung stehen. Feinmaschige Faserwurzelsysteme durchziehen die obersten Bodenschichten und sichern eine schnelle Aufnahme von Niederschlägen, wenn diese kurz und heftig fallen und bilden zusammen mit einem zweiten, tiefer liegenden Wurzelsystem ein perfektes Duo (z. B. Zistrosen-Arten, Cistus).

Selbst kleinwüchsige Arten überraschen in den Wurzelstudien mit enormen Wurzeltiefen. So wurde bei der punktierten Prachtscharte (Liatris punctata) eine Wurzellänge von bis zu 4,5 Metern gemessen – das Neunfache ihrer oberirdischen Höhe von gerade einmal 50 Zentimetern.5 Dabei handelt es sich nur um ein Beispiel dafür, dass ein Großteil der eigentlichen Biomasse im Boden liegt. Wahre Resilienzkünstler sind zudem in der Lage nach Trockenheit oder Störung wieder aus dem Stock und/oder den Wurzeln auszutreiben (#Löwenzahn).

Trockenheitsverträglich vs. reale Standortbedingungen

Ein Blick auf die Wurzelsysteme verrät, dass die Trockenheitsverträglichkeit mehrerer Arten nicht einfach pauschalisiert werden kann. Sie entfaltet sich nur dann, wenn der Standort ausreichend durchwurzelbar ist. Tiefwurzelnde Gräser etwa bleiben machtlos, wenn der Boden durch eine verdichtete Schicht blockiert wird. Die Bodentiefe und -struktur sind also ebenso entscheidend wie die genetische Veranlagung einer Art. Es müssen auch nicht immer tiefgründige Böden sein, die gute Bedingungen bieten. Auch mineralische Substrate können durch ihre lockere Struktur ein hohes Wurzelvolumen zulassen und sorgen gleichzeitig für einen ausgeglichenen Gasaustausch.

Besonders deutlich wird diese Problematik auf Extensivdächern mit dünnerem Substrataufbau. Viele als trockenheitsresistent geltende Arten, etwa aus Präriegesellschaften, können unter diesen Bedingungen nicht ihr volles Potenzial entfalten, weil ihre Anpassung auf tiefe Durchwurzelung angewiesen ist. Stattdessen behaupten sich Arten, die alternative Strategien entwickelt haben: silbrig behaarte Blätter, ledrige Texturen oder wasserspeichernde Gewebe. Hier zeigt sich, dass es kein pauschales "trockenheitsresistent" gibt, sondern nur ein "angepasst" an spezifische Standortbedingungen.

Fazit

Farben, Blühzeiten und Strukturen sind wichtig, aber sie stehen auf wackligen Füßen (Pardon, Wurzeln), wenn die Standortansprüche im Wurzelbereich ignoriert werden. Die Beschäftigung mit dem Unsichtbaren mag komplex erscheinen, doch sie schafft Pflanzungen, die sowohl ökologisch belastbar als auch gestalterisch überzeugend sind. In Zeiten zunehmender Wetterextreme ist dies kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Erst das Verständnis für Wurzelarchitektur und Standortanpassung ermöglicht eine sichere Pflanzenauswahl, die langfristig funktioniert.

"Back to the Roots" ist damit mehr als ein Titel: Es ist eine Einladung, die Pflanzplanung von den Wurzeln her zu denken, auch wenn die dafür zur Verfügung stehende Literatur nur spärlich zur Verfügung steht. Wurzeln sind nicht nur das physische Rückgrat einer Pflanze, sondern stehen auch für die Anpassungsfähigkeit, die Pflanzen über Jahrtausende hervorgebracht haben. Erst wenn diese Grundlagen ernst genommen werden, entfaltet sich das volle Potenzial auch oberirdisch und aus Planung wird nachhaltige Gestaltung.

¹ Anders als in der botanischen Definition fasst die FLL unter Stauden auch Ziergräser, Bambus, Farne, Halbsträucher, Sumpf- und Wasserpflanzen sowie mehrjährige oder verholzende Gewürzkräuter.

² Inzwischen auch ein strapaziertes Schlagwort.

³ Weaver, J. E. (1915): A study of the root-systems of prairie plants of southeastern Washington. In: The Plant World, 18 (9), S. 227–248.

4 Kutschera, L.; Lichtenegger, E., (1992): Wurzelatlas mitteleuropaeischer Gruenlandpflanzen, Band 2/1: Pteridophyta und Dicotyledoneae. Teil 1, Morphologie, Anatomie, Ökologie, Verbreitung, Soziologie, Wirtschaft. Stuttgart, Jena, New York: Gustav Fischer Verlag.

5 Weaver, J., E. (1958): Classification of Root Systems of Forbs of Grassland and a Consideration of Their Significance. In: in: Ecology, 39 (3), S. 393–401.

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M. Sc. Dominic Wachs
Autor

Freiberuflicher Pflanzplaner, Doktorand TU Berlin

Technische Universität Berlin

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