Kristina Vagt

Politik durch die Blume - Gartenbauausstellungen in Hamburg und Erfurt im Kalten Krieg (1950–1974)

Kristina Vagt: Politik durch die Blume - Gartenbauausstellungen in Hamburg und Erfurt im Kalten Krieg (1950–1974)

Gartenbauausstellungen in Hamburg und Erfurt im Kalten Krieg (1950-1974). Forum Zeitgeschichte Band 24. Hg. von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. 320 Seiten, ISBN 978-3-86218-050-9. Dölling und Galitz Verlag GmbH, München, Hamburg 2013

Der Kalte Krieg im Garten? "Sag es durch die Blume" ist eine Redensart, wenn eine Wahrheit verblümt, also höflich umschrieben, zum Ausdruck gebracht werden soll. Neu ist jedoch, dass durch die Blume auch Politik gemacht worden ist, mehr noch, dass Blumen auch für den Kalten Krieg instrumentalisiert wurden. Das zeigt Kristina Vagt am Vergleich der Internationalen Gartenbauausstellungen von 1953, 1963 und 1973 in der Stadt Hamburg mit der seit 1961 jährlich veranstalteten iga Erfurt, der "Ersten Internationalen Gartenbauausstellung der sozialistischen Länder in Erfurt", die ein wichtiges Aushängeschild für die DDR war.

Die Wahl des Themas überrascht zunächst, da Gartenschauen auf den ersten Blick ein eher unpolitisches Gepräge zu haben scheinen. Doch nutzten im Kalten Krieg sowohl die Bundesrepublik als auch die DDR internationale Messen und Wirtschaftsausstellungen - so auch Gartenbauausstellungen - um sich jeweils vom anderen deutschen Staat abzugrenzen und sich als das bessere System zu präsentieren. Beispielsweise wurde bei der Eröffnung der IGA 1953 in Hamburg von Bürgermeister Max Brauer deren Bedeutung für die Westintegration betont. Noch deutlicher wird die politische Vereinnahmung bei der iga'61 in Erfurt. Denn diese wurde ausdrücklich als Gegenentwurf zu den westlichen Gartenschauen konzipiert, als Systemschau, mit welcher "die Überlegenheit des Sozialistischen Gartenbaus" der Welt vorgeführt werden sollte.

Der Ansatz der Autorin ist umfassend und vielschichtig. Neben den Fachinhalten der Schauen, wie Gartenbautechnik, Garten- und Landschaftsgestaltung, werden Gelände und Architektur, Sonderausstellungen und Veranstaltungsprogramme beschrieben und eingeordnet. Ebenso wird auf Präsentationstechniken, Inszenierungsformen und gestalterische Mittel eingegangen.

Dabei wird deutlich, dass sich die Veranstalter im Osten bereits in der Frühphase deutscher Teilung begannen, gegenüber früheren Gartenschauen und denen in den westlichen Ländern abzugrenzen.

Das rote Werbeplakat für die iga 1953 in Hamburg. Abb.: Dölling und Galitz Verlag

So schrieb Georg Bela Pniower schon 1950 von einer "deutlichen Abkehr" vom repräsentativen Feuerwerk früherer Ausstellungen. "Man wendet sich nicht mehr an den Geldbeutel effekthungriger Sehleute, sondern spricht zu den werktätigen Menschen in Lehr- und Leistungsschauen". Hingegen seien "die westdeutschen Gartenschauen ... Reklameschauen, auf der die Aussteller ihre wirtschaftlichen Interessen verfolgten, die ostdeutschen würden die Besucher in den Lehrschauen über fachliche Inhalte vorbildlich aufklären." Dieser Argumentationslinie blieben alle folgenden DDR-Ausstellungen treu.

Inhaltlich entwickelten sich die Gartenschauen vor allem in den sechziger Jahren immer weiter auseinander. Ein inhaltlicher Schwerpunkt im Osten war die Agrarpolitik. So versuchten die sozialistischen Staaten, die gemeinsame Agrarpolitik der EWG abzuwerten. Gleichzeitig wurde in der DDR die Kollektivierung von Landwirtschafts- und Gartenbaubetrieben vollzogen, während auf den Gartenbauausstellungen der durch Bodenreform und genossenschaftliche Arbeitsweise bedingte Wandel im Gartenbau angepriesen wurde.

In der Bundesrepublik dagegen waren die Gartenbauausstellungen weniger Leistungsschauen der Agrarindustrie, sondern zunächst ein städtebauliches Mittel für den Wiederaufbau. Es wurden andere Aspekte der Freiraumnutzung und -gestaltung thematisiert; beispielsweise war die Frage der Freizeitgestaltung fester Bestandteil westlicher Gartenschauen. Vor allem auf der IGA Hamburg 1973 waren massenkompatible Freizeitangebote ein Ausstellungsschwerpunkt - ostdeutsche Planer und Gartenarchitekten lehnten dagegen die Verwendung gartenkünstlerischer Elemente und die Integration von Attraktionen wie Fernsehtürme und Seilbahnen ab.

Wie weit die politische Abgrenzung gegenüber dem Westen vollzogen wurde, verdeutlicht ein Zitat von Gerda Gollwitzer, die bei ihrem Besuch der iga in Erfurt 1961 betroffen von einer "erschütternden Demonstration des Risses, der sich heute durch die Welt zieht" schrieb.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass Kristina Vagt in diesem ausgezeichneten Buch sehr anschaulich aufzeigt, dass und inwieweit in Zeiten des Kalten Krieges versucht wurde, selbst Gartenbauausstellungen für die Demonstration politischer Weltanschauungen zu instrumentalisieren. Sie eröffnet damit nicht nur eine neue und spannende Sichtweise auf das Thema Gartenschauen, sondern beleuchtet auch ein besonderes Stück deutsch/deutscher Geschichte.

Das sehr lesenswerte und sehr gut recherchierte Buch hat 320 Seiten und ist mit 66, überwiegend schwarz/weißen Abbildungen gut bebildert.

Martin Baumann

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 11/2013 .

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