Schlüsselbaustein für die städtische Mobilität von morgen
Wie Mobility Hubs urbane Räume neu denken
von: Niklas Hoffmann
Neue Stadtquartiere stehen vor hohen Anforderungen. In diesem Spannungsfeld gewinnen Mobility Hubs an Bedeutung: Sie bündeln Mobilitätsangebote, schaffen Räume für Begegnung und sparen Platz. Doch was genau ist ein Mobility Hub? Welche Funktionen erfüllt er und wie lässt er sich wirtschaftlich und nachhaltig gestalten? Dieser Text bietet Planer:innen Orientierung.
Was ist ein Mobility Hub – und warum brauchen wir ihn?
Ein Mobility Hub ist ein multifunktionales Gebäude, das verschiedene Mobilitätsformen und weitere Angebote räumlich und funktional miteinander verknüpft. Der Begriff ist nicht einheitlich definiert. Oft werden auch Begriffe wie Mobil- oder Mobilitätsstation verwendet. Beispiele reichen von ebenerdigen Anlagen wie Jelbi-Stationen in Berlin bis hin zu großen Umsteigeknoten wie der Shinjuku Station in Tokio.
In diesem Artikel liegt der Fokus auf mehrstöckigen Gebäuden, die neben dem klassischen ruhenden Verkehr auch zusätzliche Nutzungen umfassen. Sie stehen oft zentral im Quartier und erfüllen hohe gestalterische Ansprüche.
Mobility Hubs eignen sich besonders für autoreduzierte und autoarme Quartiere. Sie kombinieren Push- und Pull-Maßnahmen der Mobilitätswende. Als Push-Maßnahme wirkt die Verlängerung der Wege von der Haustür zum Pkw – das Autofahren wird unattraktiver. Als Pull-Maßnahme kommen die attraktiven Alternativen wie Car- und Bikesharing zu tragen, die einen Umstieg erleichtern.
Praxisbeispiele
Der Gebäudetyp eines Mobility Hub ist relativ neu und erst im letzten Jahrzehnt vermehrt in Planungen und der Umsetzung zu finden. Es gibt einige umgesetzte Beispiele, die allerdings meist nicht vollkommen multifunktional aufgebaut sind, sondern sich auf bestimmte Nutzungen und Mobilitätsangebote fokussieren. Der Übergang vom klassischen Parkhaus zum Mobility Hub ist fließend.
Ein bekanntes Beispiel ist das Parkhaus Lüders, auch "Park'n Play" genannt, im Kopenhagener Quartier Nordhavn. Im Jahr 2016 fertiggestellt, wurde es mit einem öffentlich zugänglichen Dach zum Spielen und Verweilen kombiniert. Die Fassaden sind aufwändig gestaltet und begrünt.
Andere Parkhäuser kombinieren Parken mit Gastronomie und Ladenflächen im Erdgeschoss, wie das schon 1956 fertiggestellte Parkhaus Hauptwache in Frankfurt am Main. Neuere Beispiele dafür sind die Parkhäuser Hauptbahnhof 1 & 2 im Sonnenwendviertel in Wien (2018 & 2020). Ebenfalls in Wien steht die Kulturgarage (2022), die mit dem Veranstaltungszentrum der Wiener Volkshochschulen eine kulturelle Einrichtung integriert.
Ebenfalls häufig kombiniert werden Fahrrad- und Autoparken, wie im Holzparkhaus Schwanenweg in Wendlingen (2024), das neben 350 Kfz-Stellplätzen auch 150 Fahrradabstellanlagen beherbergt. Das bisher größte Holzparkhaus Deutschlands wurde im Rahmen der IBA Stuttgart unter den Prinzipien der Klimaneutralität und Rückbaubarkeit konzipiert. Multifunktionaler ist die E-Quartiersgarage Neckarbogen in Heilbronn (2024): Hier sind neben 643 Kfz-Stellplätzen auch Sharing-Angebote (Carsharing, E-Scooter, E-Bikes, Lastenfahrräder), Fahrradabstellanlagen, eine Fahrradreparaturstation, eine Energiezentrale, Paketstationen und Schließfächer untergebracht. Ähnliche Beispiele sind das Mobilitätshaus Tabakquartier in Bremen (2020), das Parkhaus Neckarpark in Stuttgart (2021) oder die Quartiersgaragen im Lagarde-Campus in Bamberg (2025).
Zukünftige Projekte wie die Mobility Hubs in Hamburg-Oberbillwerder zeigen, wie anspruchsvolle Architektur und durchdachte Konzepte diese Gebäude zu zentralen Elementen neuer Quartiere machen können. Besonders ambitioniert ist auch das Stadtquartier Schönefeld Nord bei Berlin, wo 18 Mobility Hubs für voraussichtlich über 10.000 Menschen geplant sind.
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Nutzungskonzepte
Ein Mobility Hub ersetzt nicht nur das klassische Parkhaus, sondern erweitert es um neue Angebote wie Carsharing, Fahrradverleih und -abstellung, E-Scooter, Ladeinfrastruktur, Paketstationen, Nachbarschaftsräume und vieles mehr. Der Kreativität bei der Programmierung sind keine Grenzen gesetzt, allerdings sollten Flächenbedarfe, betriebliche Erfordernisse und die Wirtschaftlichkeit berücksichtigt werden.
Mobility Hubs sind damit nicht nur Orte des Umstiegs, sondern auch Orte der Begegnung. Sie können als soziale Infrastruktur wirken, Aufenthaltsqualität schaffen und zur Belebung des öffentlichen Raums beitragen. Die Programmierung hängt daher eng mit der Verortung im Quartier und dem Nutzungskonzept der angrenzenden Bebauung zusammen.
Das Erdgeschoss spielt eine zentrale Rolle. Während Parkplätze auch in oberen Etagen untergebracht werden können, sollten alternative Mobilitätsangebote gut sichtbar und direkt von der Straße zugänglich sein. Zusätzliche Nutzungen wie Cafés, Werkstätten oder Veranstaltungsräume bringen Leben ins Quartier. Auch Funktionen wie Logistik, Ver- und Entsorgung oder Sanitäranlagen gehören idealerweise ins Erdgeschoss.
Ein Nachbarschaftsraum kann verschiedene Angebote bündeln – etwa Infostelen, Community-Boards, Reparaturstationen, Mobilitätsabstellflächen und Paketstationen.
In großen Erdgeschosszonen steht oft überraschend viel Fläche zur Verfügung – bei mittleren bis großen Mobility Hubs meist 1500 bis 3000 Quadratmeter. So lassen sich neben Erschließung und Technik auch ein Nachbarschaftsraum, Cafés, Läden, Logistikflächen, Müllbereiche und Carsharing-Stellplätze integrieren. Bei mehreren Mobility Hubs im Quartier ist es wichtig, die wirtschaftliche Tragfähigkeit und Attraktivität für Mieter zu beachten.
Auch in den oberen Geschossen sind vielfältige Nutzungen möglich: Cafés, Co-Working-Spaces, Veranstaltungsräume oder kleine Nahversorgungsangebote. Eine gute Sichtbarkeit, Beleuchtung, Gestaltung und Zugänglichkeit fördern die Nutzung und Akzeptanz. Allerdings steigen die Baukosten durch zusätzliche Anforderungen an Brand- und Lärmschutz. Frühzeitig sollte man auch die Energieversorgung im Quartier mitdenken, denn Energiezentralen können in Mobility Hubs untergebracht werden, benötigen jedoch viel Fläche und sind kostspielig.


Bauweise, Materialien & Begrünung: Nachhaltigkeit mitdenken
Die Bauweise eines Mobility Hubs beeinflusst seine Nutzbarkeit und Wirtschaftlichkeit. Eine Vollgeschossbauweise stellt, je nach Größe des Gebäudes, eine bestmögliche Nutzung des Erdgeschosses sicher. Auch ein Split-Level ist möglich, schränkt jedoch den Grundriss etwas ein.
Offene Fassaden – etwa mit Lamellen, Lochblech oder Bauprofilglas – sorgen in den Parkbereichen für Belüftung und Transparenz. In Wohnquartieren erfordern sie jedoch zusätzliche Lärmschutzmaßnahmen. Entsprechend sollte bei der Verortung auf einen angemessenen Abstand geachtet werden. Eine geschlossene Fassade sollte vermieden werden, da sonst aufwändige Belüftungsanlagen in den Parkbereichen notwendig sind oder durch den Versatz der Fassade für die Belüftung mehr Grundfläche verloren geht.
Begrünte Fassaden und Dächer verbessern das Mikroklima, reduzieren Hitzeinseln, speichern Regenwasser und steigern die Aufenthaltsqualität. Besonders wirtschaftlich ist eine bodengebundene Bepflanzung, etwa mit Wein. Auch Pflanzkästen mit automatischer Bewässerung finden Anwendung in der Praxis, sind aber entsprechend aufwändig.
Nachhaltige Baustoffe und Konzepte für Rückbaubarkeit oder Recycling sind essenziell, um die CO2-Bilanz zu verbessern. Aus diesem Grund wird vermehrt Holz als Baustoff genutzt.
Auch Konzepte zur Nachnutzung traditioneller Parkhäuser werden vermehrt erprobt. Beispielsweise in der Neuen Gröningerstraße in Hamburg, wo eine neu gegründete Genossenschaft aus einem Parkhausblock eine Wohn- und Arbeitslandschaft entwickelt. Auch in anderen, wenig genutzten, innerstädtischen Parkhäusern der vergangenen Jahrzehnte sind Betreiber auf der Suche nach alternativen Nutzungskonzepten. Lager- und Logistikflächen lassen sich verhältnismäßig leicht unterbringen.
Allerdings erschweren bei Parkhäusern unter anderem die niedrigere Deckenhöhe, fehlender natürlicher Lichteinfall und Anforderungen an den Brandschutz eine Nachnutzung der Parkdecks. Bei der Planung von Mobility Hubs macht eine in diesem Sinne vorausschauende Konzeption wirtschaftlich kaum Sinn. Die höheren Baukosten stünden nicht im Verhältnis zu einer potenziellen Nachnutzung, etwa durch Büroflächen, gewerbliche, kulturelle oder soziale Nutzungen. Alternativ ist eine einfache Rückbaubarkeit und modulares Bauen empfehlenswert. Eine sortenreine Trennung der Baustoffe ermöglicht Recycling, reduziert die Klimabilanz und schont Ressourcen.


Betreibermodelle: Wer übernimmt die Verantwortung?
Die fehlende Praxiserfahrung macht den Betrieb komplex. Während er bei Parkhäusern relativ einfach zu handhaben ist, verkompliziert die Multifunktionalität von Mobility Hubs den Betrieb. Zudem sind die Anforderungen an die Mobility Hubs und die Rahmenbedingungen unterschiedlich. Betreibermodelle müssen individuell angepasst werden.
Ein Betreibermodell legt fest, welche Akteure die Hubs betreiben und welche Rechts-, Organisations- und Kooperationsformen dafür gewählt werden. Kommunen können den Betrieb selber übernehmen ("Make"), Leistungen einkaufen ("Buy") oder kooperativ organisieren ("Cooperate"). Jedes der Modelle hat Vor- und Nachteile, die von den finanziellen Risiken und der gewünschten Einflussnahme abhängen.
Ein kommunaler Betrieb macht meist nur dann Sinn, wenn es ein öffentliches Unternehmen gibt, das entweder bereits Kenntnisse mit dem Betrieb ähnlicher Anlagen oder von Mobilitätsangeboten hat. Oft sind dies Stadtwerke, städtische Entwicklungsgesellschaften oder Verkehrsunternehmen. Leistungen einzukaufen bietet sich dann an, wenn der Betrieb mindestens kostendeckend möglich ist, das Risiko minimiert werden und eine Einflussnahme sichergestellt werden kann (z. B. über Erbpacht- oder städtebauliche Verträge). Ein Kooperationsmodell ist vertraglich komplex. In Frage kommen Inhaber-, Konzessions-, Erwerber- oder Leasingmodelle.
Die oft noch entscheidendere Frage bei den Betreibermodellen ist, welcher Akteur das finanzielle Risiko des Betriebs übernimmt, wer das Grundstück und Gebäude besitzt und was nach Ablauf des Lebenszyklus von rund 40 bis 50 Jahren mit dem Gebäude passieren soll. Hier kommt zudem die Gewinnerwartung der Mobility Hubs ins Spiel und der Anspruch auf Mitsprache und Gestaltungshoheit der öffentlichen Hand.


Wirtschaftlichkeit & Investitionsperspektive
Die Wirtschaftlichkeit eines Mobility Hubs lässt sich im frühen Planungsstadium nur grob abschätzen. Einnahmen entstehen durch Parkraumbewirtschaftung, Vermietung, Verpachtung oder Fördermittel. Demgegenüber stehen Baukosten, Betriebskosten, Instandhaltung und Rücklagen für spätere Umnutzungen. Wesentliche Unsicherheitsfaktoren sind oftmals die architektonische Ausgestaltung, Grundstückspreise, mögliche negative Voraussetzungen der Baufelder sowie die Preis- und Marktentwicklung.
Trotz dieser Unsicherheiten bieten Mobility Hubs langfristig Investitionspotenzial – insbesondere, wenn sie als Teil einer integrierten Stadtentwicklung gedacht werden. Größere Hubs sind dabei wirtschaftlich attraktiver, da sie mehr vermietbare Fläche bieten und diese effizienter nutzen. Ein wesentlicher Treiber der Wirtschaftlichkeit ist die Vermietung von Stellplätzen, insbesondere für Kurzzeitparkende und Besucher. Hiermit kann in hoch frequentierten Lagen ein Plus erwirtschaftet sowie Bau und Betrieb eines Mobility Hubs gedeckt werden. Fällt dieser Anteil zu gering aus oder ist das Nutzungspotenzial zu gering, sind multifunktionale Mobility Hubs meist nicht kostendeckend zu betreiben.
Eine Lösung, die Buro Happold in dem Quartier neues Gartenfeld in Berlin konzipiert und begleitet hat, ist die Vergabe an eine Quartiersgesellschaft. Hier wurden Leistungen der Wärme- und Energieversorgung sowie zur Bereitstellung von Mobilitätsangeboten gemeinsam ausgeschrieben und von einem Konsortium privater Unternehmen übernommen. Solche Portfoliobetrachtungen erhöhen die Attraktivität für Investoren. Je mehr Mobility Hubs betrieben werden, desto effizienter ist auch der Betrieb.
Fazit
Mobility Hubs sind mehr als ein planerisches Konzept – sie sind Werkzeuge für die Transformation unserer Städte. Ihre Umsetzung erfordert interdisziplinäre Planung, flexible Nutzungskonzepte, nachhaltige Bauweisen und tragfähige Betreibermodelle. Wenn all diese Elemente ineinandergreifen, können Mobility Hubs zu Impulsgebern für lebenswerte, grüne und zukunftsfähige Städte werden.
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