Das „Untere Odertal“ schafft Identität und lockt Touristen in die Stadt

Schwedt vereint Industrie- und Nationalparkstadt

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Brunnen „Mutter Erde“ im Schwedter Stadtpark. Foto: Dina Schein

Ruhig und idyllisch liegt sie da, die Uckermark, mit sanften Hügeln und weiten Feldern. Fast unwirklich erscheint es, wenn am Horizont plötzlich die Lichter von Industrieanlagen aufleuchten. Im Nordosten Brandenburgs weiß man, sie sind der Wegweiser nach Schwedt, der Stadt an der Oder, direkt an der Grenze zum Nachbarland Polen. Die Oder teilt und verbindet zugleich. Sie war schon immer die Lebensader der Region. Entlang des Flusses entwickelten sich Siedlungen, doch nur an den wenigen Querungsmöglichkeiten wuchsen diese zu Städten, Markt- und Umschlagplätzen. In Schwedt schlägt der Puls des gesamten unteren Odertals. Chemie- und Papierindustrie sowie Bioenergie halten den Motor in Gang. Daneben spielen Kultur und Freizeit eine große Rolle - ein Theater mit eigenem Ensemble sowie zahlreiche Kulturvereine und Freizeiteinrichtungen sorgen für eine hohe Lebensqualität. Das Modell der sozialistischen Stadt mit möglichst viel Wohnraum in einheitlichen Gebäuden ließ von Anfang an viel Platz für öffentliches Grün, auch mitten in der Stadt. Doch das umgebende Grün der Landschaft setzt den i-Punkt.

Das haben auch die Stadtväter erkannt und sind seit mehr als zehn Jahren starke Partner des Nationalparks Unteres Odertal, der direkt vor den Toren der Stadt liegt. Und sie haben viele Mitstreiter gefunden - Naturschützer und Touristiker, das ist selbstverständlich, doch auch die Industrie identifiziert sich mit dem Nationalpark, der eine in Mitteleuropa einmalige Landschaft schützt.

Allegorische Figur Athene von Friedrich Christian Glume im historischen Teil des Europäischen Hugenottenparks. Foto: Dina Schein

„Der Steinerne Weg“ der Hugenotten im Europäischen Hugenottenpark erzählt die Geschichte der Flucht und des Ankommens der Hugenotten. Fotos: Soweit nichts anderes angegeben, Stadt Schwedt/Oder

Schwedter Uferpromenade.

Blütenpracht der Zierobstgehölze in den öffentlichen Grünanlagen, im Hintergrund eines der mehrgeschossigen Häuser aus der Wachstumszeit der 1960er und 1970er Jahre.

Die einstige Skepsis, ob ein so hoher Schutzcharakter der wirtschaftlichen Entwicklung schaden könne, ist verflogen. Im Jahr 2008 bewarb sich Schwedt beim Nationalpark, um den Titel "Nationalparkstadt" und trägt ihn seitdem stolz als Zeichen der einvernehmlichen Zusammenarbeit. Seit dem Herbst 2013 zeigt sie diesen Titel jedem, der nach Schwedt kommt - auf den Ortseingangsschildern.

Doch das Bekenntnis reicht über einen Titel hinaus. Die Stadt und große Industriebetriebe wie die PCK Raffinerie GmbH sind Mitglied im Förderverein für den Nationalpark und unterstützen ihn wirkungsvoll. Die Verkehrsgesellschaft UVG betreibt mit ihren Bussen eine Nationalparklinie mit Fahrradanhängern, um die nachhaltige Mobilität in der Region und im Nationalpark voran zu treiben. Initiativen wie die "Tour de Natur", unterstützt vom Einkaufspark der Stadt und der lokalen Zeitung, bewegen jährlich mehrere tausend Einheimische und Gäste mit dem Fahrrad durch die geschützte Flusslandschaft. Die individuellen Eindrücke gepaart mit fachkundiger Begleitung stiften auch in der Bevölkerung eine starke Identifikation mit dem "eigenen" Nationalpark vor der Haustür.

Der Nationalparkgedanke ist überall in der Stadt angekommen. Die Aufgabe der Zukunft ist, diesen weiter fest zu verankern und in den Alltag der Bürgerinnen und Bürger zu integrieren. Wie schafft man dies besser, als das Thema immer wieder aufzugreifen und mit allen Sinnen erlebbar zu machen?

Die vom städtischen Hafen zur Flaniermeile umgestaltete Uferpromenade an der Alten Oder ist heute der Treffpunkt schlechthin für Schwedter jeden Alters. Hier sitzt man, schlendert, fährt Rad, trifft sich, schleckt ein Eis und schaut dabei den großen und kleinen Schiffen zu, die vorbei fahren - alles direkt vor der Kulisse des Nationalparks, der am gegenüberliegenden Ufer beginnt.

Dabei ist Schwedt auch selbst sehr grün - das Klischee der grauen Industriestadt stimmt schon lange nicht mehr. Und man geht einfallsreich mit den Grünanlagen um. Regionalität wird hoch gehalten. Bürger bestimmen mit, wie die Uferpromenade aussehen soll - nämlich so naturnah wie möglich. Und aus dem Stadtpark mit einem ehemaligen Friedhof wurde ein Skulpturenpark mit unzähligen steinernen und bronzenen Plastiken Schwedter und regionaler Künstler mit den beiden Hauptelementen der "Erdkugel" und dem Brunnen "Mutter Erde", die die Empfindlichkeit und die Schutzbedürftigkeit des Lebensraumes verdeutlichen. Aus dem ehemaligen Schlosspark ist in Ermangelung des Schlosses der Europäische Hugenottenpark entstanden.

Auch das Theater und seine Freilichtbühne liegen direkt am Ufer der Alten Oder und spielen somit vor einer natürlichen Kulisse. Mit der Parkanlage um das Theater streckte man seine Fühler auf die andere Seite des unteren Odertals aus und so umrahmen heute zwei ehemals historische Parkanlagen in ihrer nun natürlicheren Gestaltung den Nationalpark Unteres Odertal in der Mitte des Flusstales.

In diesem Sommer feiert Schwedt sein 750-jähriges Bestehen und der Nationalpark Unteres Odertal seinen 20. Geburtstag. Anlässlich dieser Ehrentage wird die Fußgängerzone der Stadt zur "Nationalparkgasse". Die Pflanzungen lehnen sich - anders als beim typischen Sommerflor - an die natürlich vorkommende Vegetation an. Alle Akteure, die im Nationalpark aktiv sind, vom Anglerverein bis zur Naturwacht, stellen sich vor und machen die "Nationalparkgasse" zu einer Ruheoase im Stadtfest-Getümmel, in der die ganze Familie spielerisch und interaktiv etwas zur Natur vor Ort erfährt.

Auch die Einzelhändler und Dienstleister der Einkaufsstraße können das Thema Nationalpark aufgreifen und kommerziell umsetzen: ein Stück "Wildnis" auf dem Kopf vom ansässigen Friseur, ein Ferngläser-Test für den Blick in die Natur beim Optiker, Experimente mit dem vielseitigen Stoff Wasser und die Versicherung in der Straße informiert über das Thema "Gefahren für Menschen an Flüssen" und "wie versichere ich mich richtig gegen Hochwasser?"

Die Nationalparkgasse ist ein Projekt, das der Tourismusverein Nationalpark Unteres Odertal, der seine Geschäftsstelle mit der Tourist-Information in eben dieser Fußgängerzone hat, als Anlass nehmen möchte, um in den kommenden Jahren einzelne Elemente aufzugreifen und zu dauerhaften Gestaltungselementen der Schwedter Innenstadt zu machen. Die Nationalparkstadt wird so formal und inhaltlich in der Innenstadt sichtbar.

Und die Touristiker haben weitere Ideen. Warum soll der Städter raus in die Natur, wenn die Natur häufig auf dem Weg in die Städte ist? In der Nationalparkstadt erobert sich die Natur einzelne Nischen. Von Pflanzen im Gemäuer alter Gebäude bis zu Unterschlupfen geschützter Tierarten kann man in Schwedt vieles entdecken, was eigentlich in die grüne Umgebung gehört.

Einen Perspektivwechsel möchte der Tourismusverein Nationalpark Unteres Odertal ab dem nächsten Jahr unter dem Motto "Ein Stück Wildnis in der Stadt" wagen. Hierzu werden Touren angeboten, die zu den Punkten in der Stadt führen, wo die Natur eine neue Heimat gefunden hat. Schwedt hat beispielsweise ein eigenes Storchenpaar, das zuverlässig jedes Jahr Nachwuchs großzieht. Vom Kirchturm der evangelischen Kirche, der im Sommer täglich für Besucher geöffnet ist, kann man direkt ins Nest schauen und den Blick in die weite des Nationalparks schweifen lassen.

Blick in die Fußgängerzone über den Spielplatz und das Wasserspiel hinweg.

In der Berliner Straße sind viele Häuser aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg erhalten geblieben.

Die vielen kleinen Höhepunkte Schwedts, die Kultur- und Freizeiteinrichtungen und die zentrale Lage am Nationalpark sind ideal als Ausgangspunkt oder zur Rast für Touristen. Doch nur gemeinsam mit dem Nationalpark und der Region reicht die Anziehungskraft der am Ende des Zweiten Weltkriegs zu 80 Prozent zerstörten ehemaligen Residenzstadt der Schwedter Markgrafen für Urlauber. Die Nationalparkstadt Schwedt/Oder, so der offizielle Titel, unterstützt deshalb den Tourismusverein Nationalpark Unteres Odertal bei der Entwicklung des Nationalparktourismus und profitiert davon. Nachhaltiger Tourismus ist das gemeinsame Ziel. Dass die Uckermark zur Nachhaltigsten Reiseregion Deutschlands gewählt wurde, ist auch den touristischen Partnern des Nationalparks zu verdanken, die sich dieser regionalen sozial- und umweltfreundlichen Urlaubsform verschrieben haben.

Die Stadt und alle ihre Mitstreiter empfinden sich erst am Anfang eines gemeinsamen Weges. Den Nationalparktourismus weiterzuentwickeln, den Nationalpark weiter im Leben der Bürger zu verankern und die Identifikation mit dem Nationalpark stärker im Stadtbild sichtbar zu machen, sind die großen Herausforderungen, denen alle bereit sind, sich zu stellen. In Schwedt stellen Industrie- und Nationalparkstadt keinen Spagat dar.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 08/2015 .

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