Selbstgemachte Abkürzungswege in öffentlichen Grünanlagen
Trampelpfade als Korrektiv der Freiraumplanung?
von: Prof. Dr. Hanns-Werner Heister
Es gibt aber zahlreiche Abweichungen davon: "Tangenten", Diagonalen, "Ringe" – von denen die "Ringstraße" in Wien wohl einer der berühmtesten ist – und vor allem kreisförmige Plätze, seltener ovale wie die Piazza Navona in Rom. Beim hier im Mittelpunkt stehenden, insgesamt dreieckigen Heidelberger Platz in Berlin ist die Rasenfläche fast kreisrund. (Abb. 1)
"Krumme Straße" in Berlin
Berlin wartet sogar mit einer "Krummen Straße" auf, von der heutigen Otto-Suhr-Allee und der Warburgzeile bis zur Wilmersdorfer Straße und dem Stuttgarter Platz. "Der Name entstand aufgrund des gekrümmten Verlaufs der Straße. Im Stadtplan von 1857 war die Krumme Straße nur von der Wallstraße bis zur Berliner Straße (Otto-Suhr-Allee) eingezeichnet. […]Ihr heutiger Verlauf von der Wilmersdorfer über die Kantstraße bis zur Otto-Suhr-Allee ist im Plan 1893 bereits gezeichnet. Zwischen 1891 und 1892 wurde ihre Verlängerung […] ebenso benannt."1 Sie ist eine der Streets with a Story2. der "Straßen mit [einer] Geschichte": "Das Relief Tod des Demonstranten, unmittelbar östlich der Deutschen Oper aus dem Jahre 1971 nimmt Bezug auf die Tötung des Studenten Benno Ohnesorg (1940-1967) durch die Polizei […]. Im Hof des Hauses Krumme Straße 663 wurde Ohnesorg bei der Demonstration am 2. Juni 1967 gegen den vom Westen hofierten autokratischen Schah von Persien erschossen. (Abb. 2)
Die Straße ist eigentlich nicht sehr eindrucksvoll krumm. Andere gerade in dieser Gegend sind noch schiefwinkliger an den Kreuzungen, etwa Leibniz-/Bismarckstraße oder gar die Weimarer Straße. Es sind aber öffentliche Straßen und keine von der Bevölkerung eigenständig ausgetretene Pfade.
Im Unterschied zur Krummen Straße sind die unregelmäßigen, in Städten meist geraden Trampelpfade in der Regel keine Streets with a Story. Mindestens ein Trampelpfad hat es aber in der Geschichte zu etwas gebracht: Der Broadway in New York City folgt dem indianischen Wecquaesgeek trail4, der der Kolonialisierung Nordamerikas durch Spanien, Niederlande, Frankreich und Großbritannien vorausgeht.


"Libertäre" Spontaneität
Trampelpfade sind, wie anfangs diese Trails, ursprünglich schmale Wege in der Wildnis. Sie können auch von Tieren gebahnt sein und von Menschen übernommen werden. Als menschliche Produkte entstehen sie schon in der Frühgeschichte der Menschheit, ob durch Wald, Savanne, Steppe oder Wüste. Sie wurden dort gebahnt, wo es noch keine Autobahnen gab, für die heute immer noch hektarweise Wald oder Agrarflächen vernichtet werden, damit für die Staus statt bloß vier dann acht oder mehr Spuren zur Verfügung stehen.
Vielbetretene Trampelpfade können im Lauf der Zeit, im folgenden Fall wohl Jahrhunderte, eine beträchtliche Breite annehmen und sich, etwa bei Hindernissen wie großen Bäumen, verzweigen. Das folgende Beispiel ist ein "Marabout-Pfad", der Pilger-Weg zum Grab eines islamischen Sufi-Heiligen, in Marokko an der Atlantikküste. (Abb. 3)
Hier gibt es einen eklatanten Unterschied zu dem berühmten Gleichnis Matthäus 7:13-14: "Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der ins Verderben führt; und viele sind es, die da hineingehen. Denn die Pforte ist eng und der Weg ist schmal, der zum Leben führt; und wenige sind es, die ihn finden." Das setzt sich unter anderem fort in der breit angelegten puritanischen Darstellung eines Lebenswegs The Pilgrim's Progress from This World to That Which Is to Come (Die Pilgerreise von dieser in die kommende Welt) von Paul Bunyan, 1678, eine allegorische Reise mit der Entscheidung zwischen Sünde und Seligkeit, in dem die "Schmale Pforte" auch eine Schlüsselrolle hat. Hier dagegen führt der breitgetretene Weg zum Heil.
"Wunschwege"
Das Englische kennt eine freundlichere Bezeichnung als "Trampelpfade", nämlich Desire Paths, mit "Sehnsuchts"- oder "Begehrens"-Pfade etwas zu emphatisch, mit "Wunschwege" wohl angemessen übersetzt.5 Sie folgen der Linie des geringsten Widerstands, entweder als kürzeste oder bequemste Verbindung zwischen zwei Orten. Der Schriftsteller James Matthew Barrie (1860-1937), Schöpfer des Peter Pan, nannte diese Pfade "Wege, die sich selbst erschaffen"6. Das entspricht einem verbreiteten Fetisch-Denken, demzufolge Dinge selbständig handeln, als ob sie Personen wären, und verfehlt gerade die Pointe der Trampelpfade. Auch diese Wege machen sich so wenig selber, wie das Geld auf der Bank arbeitet. Hergestellt werden sie vielmehr von Menschen zu Fuß, seltener auch auf dem Rad, zumal "Querfeldeinrad" oder "Mountainbike", oder, hierzulande inzwischen erheblich seltener, von Viehtreiber:- oder Schmuggler:innen.
Etwas ungemütlich und sehr steil wirkt der folgende Trampelpfad direkt neben einer Treppe. Die ist für Joggende unbequem. Sie lassen im Zweifelsfall ihre Biorhythmen lieber durch taktfeste Töne als durch trittfeste Treppen stören, die das Kontinuum der Fortbewegung segmentieren. Für Fahrräder ist die Diagonale abwärts – aufwärts nicht so sehr – ebenfalls angenehmer als die Treppe, die Federung, Gesäß und Bandscheiben strapaziert. Für Kinderwagen und Ähnliches taugt diese Abkürzung freilich nicht. (Abb. 4)



Ambivalenz zwischen Partizipationund Destruktion
Die selbstbestimmten Wegebauarbeiten7 stehen in einem Spannungsverhältnis zwischen konstruktiver und destruktiver Tätigkeit der "Menschen draußen im Land", wie es distanzierend im Politik-Jargon heißt, respektive in der Stadt und zumal in den Grünflächen. Das Anlegen von Zeit und Anstrengung sparenden Trampelpfaden verbessert einerseits das Wegenetz für die Zu-Fuß-Bewegung, stört, devastiert oder zerstört aber andererseits vorher intaktes Grün. Schon 15 Durchgänge genügen, um einen deutlich eingeschnittenen Pfad zu erzeugen.8 Die Erweiterung geht rasch. Gemäß dem "Bandwaggon-Effekt" laufen alle hinterher und machen es nach. Das verwandelt mit Erosion und Verdichtung zugleich Grünflächen zurück in sekundäre Ruderalflächen. Eine Chance haben allenfalls sehr trittfeste Pflanzen, die aber nicht immer in der Nähe und zur Hand oder bei Fuß sind.
Der Terminus "Wunschpfad" wurde mit einer etwas anderen Spannweite der Bedeutungen zu einer Metapher: für Anarchismus, intuitives Design, individuelle Kreativität und "Schwarmintelligenz". Beim Software-Design dient der Effekt der Nachahmung und des Breittretens der Überwindung von Schranken in der Software.9
Im realen Leben zeigen die "Wunschpfade" Defizite des Wegenetzes und der Stadtplanung an. Sie können genutzt werden, um die offiziellen Wege zu optimieren, vor allem für künftige Planungen. Statt sie zu blockieren, können sie auch akzeptiert und etwa gepflastert werden.10 Der folgende, wohl als Trampelpfad entstandene schmale Weg ist offiziell per Straßenschild als Fuß- und Fahrradweg anerkannt, wird aber auch als Reiter:innenweg benutzt. (Abb. 5)
Wie staatliche Instanzen bei der Anlage von Wegen, so ist auch die private "Schwarmintelligenz" fehlbar. Im folgenden Fall wird der krumme Knick in impliziter Selbstkritik berichtigt durch eine gerade Gabelung. (Abb. 6)



Berlin-Wilmersdorf, Heidelberger Platz
Der dreieckige Heidelberger Platz ist rund 8000 Quadratmeter klein.11 Er wurde 1892 als "Schmuckplatz" angelegt, eine Restfläche zwischen Mecklenburgischer, Aßmannshauser / Hanauer und Johannisberger Straße, und bildet den nördlichen Abschluss des Rheingauviertels. An der Nordostseite des Platzes befindet sich der S- und U-Bahnhof Heidelberger Platz, überdies eine Bushaltestelle. Der U-Bahnhof wurde 1913 erbaut12 und ist wegen seiner prunkvollen Architektur eine Sehenswürdigkeit.
Den oft dringenden Wunsch, noch die S- oder U-Bahn oder den Bus zu erreichen, erfüllen die schmalen, aber doch brutalen Diagonalen durch die runde Grünfläche des Heidelberger Platzes. Sie sind nicht schnurgerade, sondern durch die Bodenbeschaffenheit zu Ablenkungen gezwungen (s.o. Abb. 1). Diese Grünfläche liegt einige Treppenstufen unterhalb des Straßenniveaus. Sie wird sowieso kaum genutzt. Denn sie ist zu laut zum ruhigen Liegen oder zu klein zum bewegten Ball- oder Frisbee-Spielen, da sie direkt neben einer vielbefahrenen Straße liegt, die von ihr nur durch ein oft schütteres Gebüsch und einen Gehweg abgegrenzt ist. Hinter ein paar Bäumen und Büschen, weg von der Straße, gibt es zum Fußballspielen einen kleinen, geschützten Käfig am Rand des Platzes.13 Die runde Grünfläche des Heidelberger Platzes ist verkehrstechnisch gut erschlossen. (Abb. 7)
Selbst unter einer winterlichen Schneedecke bleibt der Pfad eine Richtschnur, umgeben von zahlreichen ungeordneten Trittspuren. (Abb. 8)
Der Trampelpfad franst oft aus, wie ansatzweise gezeigt. Zusätzliche Abkürzungen Richtung Johannisberger Straße, hier jedoch meist eher scheinbare, sind derart breitgetreten, dass eine unbewachsene, wie erwähnt sekundäre Ruderalfläche entsteht. Die Zeitersparnis ist so gering, dass hier fast ein gewisser Vandalismus waltet. (Abb. 9)



Reguläre und irreguläre krumme Wege in barocken Schlossparks
In barocken Schlossparks und ihren Überarbeitungen in Richtung Englischer Garten gibt es im Prinzip auch offizielle Diagonalen. Das gilt ebenso für den meines Erachtens nicht besonders übersichtlich gegliederten Park Sanssouci. Dort entstanden aber auch mindestens zwei Trampelpfade: in einem im Kontrast zur peniblen sonstigen Parkpflege ziemlich verwilderten Wäldchen am Rand des Parks, das von einer Straße begrenzt wird. Jenseits von dieser steht die Windmühle, die heute zu den Attraktionen, aber nicht mehr zum eigentlichen Park gehört. Die Pfade haben etwas Archaisches, weil sie keine Abkürzungen zwischen Wegen sind, sondern das Wäldchen überhaupt erst besser begehbar machen. (Abb. 10)
Im Park von Versailles erscheint eine hierin Sanssouci vergleichbare, aber anders begründete Spannung zwischen geplanten und ungeplant entstehenden Wegen. Ein Plan von etwa 1666 zeigt mehrere Größenordnungen von Wegen und Pfaden mit abnehmender Regularität. Die Mittelachse hat (unten im Bild) zwei vertikalachsensymmetrisch ausstrahlende, genau gleich lange Diagonalen. Diese sind in der Spiegelung (im Bild nach oben) um die horizontale Mittelachse bereits erheblich schmaler und nicht gleich lang. Abgesehen von den im Prinzip quadratischen und tendenziell um die Mittelachse symmetrisch angelegten Beeten ist damit die strenge und starre, sozusagen "absolutistische" Ordnung etwas aufgeweicht. (Abb. 11)
Auch im genuin barocken Schlosspark und absolutistischen Zeremoniell gibt es krumme Wege. Das abschließende Bild zeigt eine Kavalkade, den zeremoniellen Einzug mit einer großen Reiterschar. Die rote, sechsspännige Kutsche rechts im Bild dürfte die des Königs sein. Die Kavalkade nimmt aber zum einen nicht den geraden Weg direkt in der Verlängerung der Mittelachse des Parks, sondern einen der zahlreichen unbefestigten Nebenwege. Zum andern bewegt sich die doppelreihige Reiterkolonne – die nicht vollständig ordentlich und regelmäßig ist – vor der Kutsche gerade nicht auf dem kürzesten Weg, sondern schlangenförmig, geradezu in einer im Manierismus beliebten linea serpentina oder figura serpentinata (wie z.B. bei der antiken Laokoon-Gruppe) zwischen denin Doppelreihen angetretenen Soldaten. Wie wir es von einigen vorausgehenden Abbildungen her bereits kennen, nicht zuletzt auf dem Berliner Heidelberger Platz, ist das Gelände vor dem Schlosspark, der durch Mauern begrenzt ist, auf allen Seiten von diagonalen oder krummen, breitgetretenen, -gerittenen und -gefahrenen Trampelpfaden durchzogen. (Abb. 12)
Anmerkungen
1 https://t1p.de/jt5nr (berlingeschichte.de), Abruf 21.4.25. S. auch Berliner Bezirkslexikon, Charlottenburg-Wilmersdorf, www.berlingeschichte.de/ Lexikon, Edition Luisenstadt, 2005. Stand: 7.10.2009.
2 Eric A Willats: Streets with a Story. The Book of Islington, 1986, Islington Local History Education Trust. Digital edition (revised, with additions April 2021.
3 https://t1p.de/jt5nr (berlingeschichte.de), Abruf 21.4.25.
4 https://en.wikipedia.org/wiki/Desire_path, 8.6.2025; vgl. https://en.wikipedia.org/wiki/Wecquaesgeek, 12.8.2025 sowie Doris Darlington Cohen: Weckquaesgeek,Typoskript, 15 S. "The Weckquaesgeek"
5 Es ist also wie bei einem der Pilgerpfade zu denjenigen "Marabouts, deren Ursprung nicht nachweisbar ist", mit dem Namen Sidi Qadi al-Hadscha ("der die Bedürfnisse – des Suchenden – erfüllt"). https://de.wikipedia.org/wiki/Marabout, 7. Juni 2025, Abruf 29.8.25.
6 Zit. n. https://de.wikipedia.org/wiki/Desire_path, 28.4.2025.
7 Sie können "auch als eine Form des sozialen Protests verstanden werden, um sich gegen dominierende urbane Designs zu widersetzen.[...] Sie dienen als Ausdruck des Wunsches, gehört zu werden und Einfluss auf die Gestaltung des öffentlichen Raums zu nehmen." (Ebenda)
8 S. ebenda.
9 Vgl. https://en.wikipedia.org/wiki/Desire_path, 8.6.2025.
10 Ausf. ebd. "In Finland, planners are known to visit parks immediately after the first snowfall, when the existing paths are not visible. […] The naturally chosen desire paths, marked by footprints, can then be used to guide the routing of new purpose-built paths."
11 Lageplan https://t1p.de/uid4f und https://t1p.de/f2pi6 (S-Bahn Berlin)
13 Sogar an eine weitere Sportart ist gedacht, nördlich der S-Bahn: "Am Heidelberger Platz laufen mehrere Autobahnen zusammen. Ein Wege-Labyrinth leitet die Menschen zwischen und über die Straßen. Unter Pfeilern der A 100 liegt der Skatepark – vor Regen geschützt, aber auch staubig und stickig. [… Rudolstädter Straße 24] 900qm."
14 https://t1p.de/f2pi6 (Heidelberger Platz pdf).
15 Hier wie bei den Abbildungen 4 und 6 danke ich Alf Trojan für die Überlassung der Aufnahmen.










