Spektakuläre und therapeutische Parks laden zum Flanieren ein

Singapur­ wird­ älter ­–­ neue Anforderungen­ an­ Grünräume

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1) Gardens-by-the-Bay; Blick aus einem stark optisch dominierten halb-öffentlichen Freiraum. Foto: Jörg-Ulrich Forner

Singapur - diese südostasiatische Stadt ist in der westlichen Fachwelt bislang meist durch seine spektakulären Projekte bekannt, so zum Beispiel für den - dem Selfie-ranking nach - bekanntesten, 146 Meter langen Infinitypool mit Aussichtsplattform in luftiger Höhe von 200 Meter auf dem Dach des Marina Bay Sands Hotels.

Immerhin: große Hotels braucht es, bei etwa 17 Millionen jährlichen Besuchern und Touristen in der Stadt. Auch leistete sich der Stadtstaat für geschätzte über 600 Millionen Euro die 2014 eröffneten, in allen Teilen zusammen fast 100 Hektar großen Gardens by the Bay mit den 25 bis 50 Meter hohen, wasser- und sonne-sammelnden sogenannten Supertrees, einschließlich eines gigantischen 250 000 Spezies Heimat gebenden neuen Botanischen Gartens mit zwei Gewächshäusern und 1,2 Hektar großem Flower Dome. Und das in Zeiten, wo in Europa und der westlichen Welt überkommene botanische Anlagen unter Denkmalschutz gestellt oder teilweise aufgrund eines schönen alten Baumbestandes als Investoren-Filets gedacht werden, während die überhaupt noch chlorophyll-interessierte Jugend lieber in den Billigflieger steigt, um zur seltenen Blume hinzufliegen, als sie im heimischen Botanischen Garten fehlerfrei etikettiert zu betrachten.

Als Sir Thomas Stamford Raffles von der British East India Company hier am 29. Januar 1819 landete, um das kleine Fischerdörfchen als Handelsplatz zu nutzen, ahnte er noch nichts vom rasanten Wandel der nächsten 200 Jahre. Es dauerte nicht lange, da war Singapur, die Löwenstadt, so die Übersetzung aus dem Sanskrit, bereits eine hinreichend befestigte und wehrhafte Hafenanlage. Nach der Unabhängigkeitserklärung von den Briten trat Singapur 1963 der Föderation Malaysia bei, wurde dann aber bereits 1965 ein souveräner eigenständiger Staat.

Die spektakulären Projekte sind Teil der seit Jahrzehnten gelebten und staatlich finanzierten Kampagne "Garden City", wobei diese mittlerweile als eine "City in a Garden" von der jetzigen Regierung auch weiter gedacht wird.

2) Geräte laden zur Kräftigung des Bewegungsapparates und Stimulierung des Herz-Kreislauf-Systems ein. Foto: Jörg-Ulrich Forner

3) Niederschwellige Angebote wie allotment gardens für den food supply stimulieren die Betätigung im Freien. Foto: Jörg-Ulrich Forner

Dazu gehören die vielen staatlichen Incentive-Programme zur Begrünung von horizontalen Dach- und vertikalen Gebäudeflächen, die weltweit - wie auch auf dem World Green Infrastructure Congress (WGIC) im Jahre 2017 in Berlin - mit viel Beachtung vorgestellt werden. Darin hat sich die Stadt als nationales Ziel dem Singapore Sustainable Blueprint (SSB) Programm verschrieben, bei dem im Jahre 2030 durch Dachbegrünungen verschiedenster baulicher Formen angepeilte 200 Hektar grüne Nutzfläche (ohne Vertikalbegrünung) für die Bewohner zur Verfügung stehen sollen. Bestandsgebäude erhalten zur Gebäudebegrünung dabei durch das Skyrise Greenery Incentive Scheme finanzielle Unterstützung oder werben mit Zertifizierungen wie durch die NParks LEAF certification und das BCA Green Mark Scheme. Neubauten können für große Flächen das URA LUSK program für Förderung in Anspruch nehmen.

Ergänzungen der bestehenden bau- und genehmigungsrechtlichen Regelungen des Parks & Trees Act (Chapter 216) von 2006 wurden in jüngster Vergangenheit erlassen, um den gestiegenen Anforderungen an die Verkehrssicherheit unter anderem für Baumpflanzungen auf Dächern Rechnung zu tragen.¹

Nun jedoch werden weitere beachtenswerte Wege durch die örtlichen Behörden eingeschlagen, die Singapur für die Zukunft und die anstehenden Herausforderungen wie Nachverdichtung auf 722,5 Quadratkilometern begrenztem Inselland, Klimawandel und demografische Veränderungsprozesse resilienter aufstellen sollen.

Dienten bislang nur wenige der gut ausgebauten Dachgärten der Nutzung durch ältere, teils auch kranke Bewohner, so wird seit kurzem mit den Instrumenten "Community-in-Bloom-program" oder "Horticulture-Therapy-program" ein neuer Fokus auf Dachgärten, aber auch wieder auf bodenbündige Freiflächen für die therapeutische Gesundheitsvorsorge gelegt. Dadurch sollen insbesondere Angebote für die ältere und auch alternde Bevölkerung, und Anreize zur Eigenversorgung mit Nahrungsmitteln durch "food sustainability" geschaffen werden. Ganz explizit wird hier auch die Diagnose "Demenz" als ein Grund benannt, umschlossene begrünte Dachflächen als Aufenthaltsräume vermehrt auszuweisen.²

Die Bevölkerung altert hier ähnlich schnell wie auch in anderen westlichen Industrienationen: so nahm der Anteil der über 65-Jährigen allein vom Jahr 2017 zum Jahr 2018 um 6,0 Prozent auf nun 547 900 Einwohner zu, während der Anteil der unter 20-Jährigen hingegen um 1,0 Prozent auf nun 817 600 junge Menschen abnahm.³

Laut Report der Vereinten Nationen wird sich die Durchschnittslebenserwartung der Singaporeans von aktuell 83,30 Jahren (2018) auf 87,49 Jahre im Jahr 2050 erhöhen.4

4) In eine öffentliche Grünanlage integrierte Kombination von therapeutischem Garten und workout-zone. Foto: Jörg-Ulrich Forner

5) Die Formensprache der Freiraumintarsien ist der Funktionalität als Kontaktplattform oftmals untergeordnet. Foto: Jörg-Ulrich Forner

Gleichzeitig geht man in der Stadtverwaltung bei einer aktuellen Bevölkerungsdichte von 7804 Einwohner pro Quadratkilometern von einem jährlichen Bevölkerungswachstum von circa 0,5 Prozent aus: bei gezählten 5638700 Einwohnern im Jahre 2018 sind dies also dann über 6,6 Millionen Einwohner im Jahr 2050. Die Landmasse hat sich in den letzten Jahren nur schrittweise und minimal auf nun 722,5 Quadratkilometern erhöht.5

Hinzu kommen aus den westlichen Industrienationen hinlänglich bekannte gesundheitliche Probleme wie (frühkindlicher, juveniler, adoleszenter sowie seniler) Bewegungsmangel, Fehlernährung durch Kopie westlicher Ernährungsmuster, Lärm- und Lichtverschmutzung und lokal hohe Feinstaubkonzentrationen (158 µg Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft im Ein-Stunden-Mittel6), wobei auch die strikte Reglementierung von Pkw-Zulassungen mit Verbrennungsmotor in dem Inselstaat hier nur geringe Linderung erwarten lässt (2018 ca. 318 000 Fahrzeuge mit weniger als 160 Kubikzentimeter Motorleistung (Category A cars) und circa 296 000 Fahrzeuge mit > 1600 Kubikzentimeter Motorleistung (Category B cars)), solange der aktuelle Fahrzeugbestand auf circa eine Million Fahrzeuge beibehalten und nicht primär auf E-Antriebe und alternative Mobilitätskonzepte gesetzt wird.7

Die jährlichen Todesfälle durch Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems haben sich seit Beginn der statistischen Aufzeichnungen im Jahr 1969 von absolut 2733 auf im Jahr 2017 6541 fast verdreifacht. Hormonell bedingte und Ernährungs- oder Stoffwechsel-Erkrankungen wie zum Beispiel Diabetes mit Todesfolge haben sich im gleichen Zeitraum von 184 auf 321 fast verdoppelt. Auch Erkrankungen der Atemwege wie Pneumonie zeigen mit einer Steigerung von mehr als 600 Prozent von 655 auf 4212 letale Fälle sehr deutlich, dass Singapur auch hier dringend präventiv werden muss.8

Immerhin wurden laut staatlichem Zensus im Jahr 2017 vom nationalen BIP von ungefähr 447 Milliarden Singapur-Dollar circa 9,5 Milliarden S$ für die Forschung vorgesehen, davon circa 1,25 Milliarden S$ an staatlichen Institutionen.9

Dabei wurde an öffentlichen Forschungseinrichtungen für Forschung in biomedizinischen und verwandten Forschungsfeldern seit 1999 von bescheidenen 3,6 Millionen S$ bis zum Jahr 2016 eine beachtliche Steigerung auf 447 Millionen S$ vollzogen. Die Privatwirtschaft finanzierte 2017 Forschungsvorhaben und -investitionen im Ingenieur- und Technologiesektor von fast 5 Milliarden S$, wobei die Naturwissenschaften zusätzliche 500 Millionen S$, die Agrar- und Ernährungswissenschaften circa 250 Millionen S$ und die biomedizinischen und verwandten Forschungsfelder circa 560 Millionen S$ an Geldern akquirieren konnten.10

Nachweislich steigt auch die Erwartungshaltung an Lebens- und Lebensraumqualität proportional mit dem Anstieg der Prokopf-Einkommen, das 2017 in Singapur bei 79 697 S$ (per capita GDP (Gross Domestic Product)) lag.11

Singapur hat die Zeichen der Zeit erkannt und reagiert integrativ und multicodiert. Unter dem Motto "Refresh and Renew at our Therapeutic Garden" werden daher seit 2016 im zentralen Stadtgebiet neue therapeutische Gärten angelegt oder in vorhandene Grünanlagen integriert. Das Park-Connector-Network ist ein zum großen Teil radial aus dem historischen Zentrum ausstrahlendes System mit aktuell fünf Schleifen (Central Urban Loop, Eastern Coastal Loop, Northern Explorer Loop, North Eastern Riverine Loop, Western Adventure Loop), das nahezu alle wichtigen öffentlichen Grünanlagen fahrrad- und fußgängerfreundlich miteinander verbindet, und so die einzelnen Angebote sinnvoll ergänzt. Alle Facilities, Fahrzeiten und Entfernungen sind neben den hier üblichen, durch die Parks and Trees Regulations (Cap. 216, Rg 1) vorgeschriebenen do's and don'ts per App und online jederzeit mit zeitnaher Aktualisierung gelistet verfügbar.¹²

6) Auf regulär gestalteten Stadtplätzen sollen mittelfristig weitere kleine therapeutic garden units entstehen. Foto: Jörg-Ulrich Forner

7) Im Eingangsbereich der community gardening zone im HortPark liegt auch ein neuer Kinderspielplatz. Foto: Jörg-Ulrich Forner

8) Die Duft- und Medizinalpflanzen im Therapeutic Garden im Bishan-Ang Mo Kio Park sind alle in ihrer Anwendung und Wirkungsweise erläutert. Foto: National Parks Board Singapore

10) Die Spielplatzanlage im Bishan-Ang Mo Kio Park liegt zentral und nahe an den highrisers-Wohngebäuden. Foto: Jörg-Ulrich Forner

HortPark

Der erste Therapeutische Garten Singapurs wurde im HortPark bereits am 14. Mai 2016 eröffnet. Die Gestaltung bietet eine der Erholung dienende Ruhezone sowie eine zur körperlichen Aktivität einladende Bewegungszone an. Die Ruhezone verfügt über großzügige Schattenbereiche, von denen aus über nahe Wind- und Wasserspiele die verschiedenen Sinne angeregt werden. Von hier aus kann der Blick in eine abwechslungsreiche Landschaft schweifen oder lassen sich die üppigen Blüten- und Blattpflanzen unmittelbar am Sitzplatz betrachten. Hier findet man Ruhe in der sonst so turbulenten Innenstadt.

Der Therapeutic Garten@HortPark stellt dabei seit Programmstart in 2016 den Prototyp für ein ganzes Netzwerk an therapeutischen Gärten in der Stadt dar, das seitdem auch in die öffentlichen Freiräume integriert wird. Durch die Auswertung von best-practice-Beispielen und die Berücksichtigung von bewährten und im asiatischen Kulturkreis anerkannten Gestaltungsprinzipien, die nachweislich menschliches Wohlbefinden verbessern können, wurden tradierte Gestaltungselemente und nutzerfreundliche Anwendungen miteinander vereint, um den Bedürfnissen älterer Menschen, auch solchen, die unter Demenz oder Alterseinsamkeit leiden, gerecht zu werden.

Bishan-Ang Mo Kio Park

Der Therapeutische Garten im Bishan-Ang Mo Kio Park wurde zum 19. September 2017 in der Nähe der Teichgärten eröffnet. Er ist so gestaltet, dass die Interaktion mit der landschaftlichen Vielfalt der Pflanzen in vier großen, separat erfahrbaren Zonen Duft, Biodiversität, Genuss- und Medizinalpflanzen sowie Farb- und Textur-Pflanzen leicht fällt.

Der Bishan-Ang Mo Kio Park ist als einer der größten Parks der Stadt ein beliebtes Tagesziel für Familien, (s. a. Stadt+Grün 08/2012 "Singapurs Bishan-Park", S. 9ff.)

Entsprechend des PUB-Programms "Active, Beautiful and Clean Waters (ABC)" wurde der frühere Betonentwässerungskanal vor wenigen Jahren zurückgebaut und das Gelände entlang des Flusses Kallang auf etwa drei Kilometer Länge renaturiert und die Auenbereiche artgerecht bepflanzt. Der Park zieht alle Bevölkerungsschichten Singapurs, nicht nur aus der unmittelbaren Nachbarschaft durch einzigartige Wasserläufe, üppiges Grün und die Teichgärten an, die hier eine Freizeit- und Erholungsstätte im verdichteten Großstadtdschungel vorfinden.

Nicht nur an den freien Tagen tummeln sich hier auf den sanft gewellten Wiesen und grünen Uferzonen Familien und Freunde, um ein Picknick im Freien zu genießen und sich an der wiedergewonnenen Schönheit und Ruhe ausstrahlenden Wasserflächen zu erfreuen.

Viele Naturfreunde schätzen den circa 62 Hektar großen Park für seine große Vielfalt an Pflanzen und Tieren, die hier ihren Lebensraum finden. Die Erschließung entlang des schwammartigen Wasserspeichers ist für Lauf- und Fahrradfreunde gut ausgebaut und auch bei Starkregen und erhöhten Pegelständen weiterhin sicher nutzbar. Der inklusive Spielplatz der River Plains ist barrierefrei für bewegungseingeschränkte Kinder und deren Begleitungen nach westlichem Standard ausgeführt. Dazu zählen auch Drehkarrussels und Schaukeln, die von Kindern mit ihrem Rollstuhl genutzt werden können, um mit anderen Kindern gemeinsam zu spielen und Freude zu haben.

Tiong Bahru Park

Dieser Therapeutische Garten wurde am 19. September 2017 für die Öffentlichkeit freigegeben. Hier werden wie auch im Bishan-Ang Mo Kio Park die vier großen Bereiche Duft, Biodiversität, Genuss- und Medizinalpflanzen sowie Farb- und Textur-Pflanzen separat erfahrbar gemacht und inszeniert.

Damit verknüpft wurden Kleingartenbereiche (allotment gardens), die seit einer erfolgreichen Pilotphase im HortPark auch hier ab circa 19 S$ pro Jahr von Einzelpersonen oder Gruppen gepachtet werden können. Die Einheiten lassen sich individuell zusammenstellen und anpassen. So ist die kleinste Mieteinheit zum Beispiel ein erhöhtes Pflanzbeet von 2,5 x 1 Meter. Allein in den Jurong Lake Gardens West konnten 300 neue Parzellen im November 2018 vergeben werden. In diesem Jahr sollen in zehn weiteren Parkanlagen mehr als 1000 Kleingartenflächen dieses Typs auf der Insel zur Verfügung stehen.

Die im Mai 2005 gestartete und erstmals im Mayfair Park Estate durchgeführte Community-Gartenbewegung "Community in Bloom" (CIB) zielt darauf ab, einen identitätsstiftenden Gemeinschaftsgeist zu fördern, und junge und ältere Einwohner zusammenzubringen, um Singapur zu einem großen Garten zu machen.

Der Weg über eine gemeinsame Küche ist hier nur einer von vielen. Ältere Quartierbewohner zeigen Kindern und Jugendlichen hier, wie beispielsweise die Tamarindenfrucht (Tamarindus indica), eine wichtige Küchenpflanze in Indien und Südostasien als saisonales Gemüse angebaut, geerntet und für süß-saure Würze zubereitet wird.

9) Auf der Parcoursrunde im Bishan-Ang Mo Kio Park sind in Regelintervallen viele activity zones eingerichtet. Foto: Jörg-Ulrich Forner

11) Der neue Therapeutic Garden im Tiong Bahru Park grenzt direkt an eine activity zone, in der durch einen niederschwelligen Geräteparcours eine gesundheitsfördernde Bewegung angeboten wird. Foto: National Parks Board Singapore

12) Uferbereich im Choa Chu Kang Park bietet direkte Naturerfahrung für den gesundheitlichen Ausgleich. Foto: Jörg-Ulrich Forner

Choa Chu Kang Park

Der seit dem 7. Juli 2018 nutzbare therapeutische Garten ist der jüngste Gartenbereich im nordwestlichen Choa Chu Kang Park, wo bereits der Community-In-Bloom Garden und ein Allotment Garden, beide als Gemeinschaftsanlagen verschiedenste gärtnerisch-sinnliche Erfahrungen durch grüne Tätigkeiten im Quartier anbieten. Hier wurde großer Wert auf die Ausstattung mit sinnlichen Elementen gelegt, die zur Erholung, Rekreation und Stressabbau dienen. Dieser Gartenteil enthält auch eine Sektion mit Duftpflanzen und Einrichtungen, wo in Eigenanbau Nutzpflanzen gezogen werden können. Barrierefreiheit und murmelnde Wasserquellen sollen gleichfalls das Wohlbefinden aller steigern.

Die Integration von jungen interessierten Bewohnern mit zum Teil hilfebedürftigen Älteren gelingt hier durch das gebende und nehmende Miteinander bei geistig-körperlicher Tätigkeit unter freiem Himmel. Auch Personen mit der Indikation Demenz, Alzheimer oder Parkinson in diversen Stadien finden hier würdevolle Teilhabe und seelisch-organisch lebenswichtige Betätigungsfelder zu Stabilisierung oder Stärkung der kognitiven und (fein-)motorischen Fähigkeiten.¹³ Der Mischung von allen Altersgruppen dient auch ein kleiner Skatepark und viele Mehrgenerationensportgeräte.

Dieser Park erinnert dabei nicht nur durch den chinesischen Familiennamen Chu in vielem auch noch an die frühen Kampong-Dörfer und Fruchtplantagen, die von vielen chinesischen Einwanderern entlang des Sungei Berih früher bevölkert waren. Im weiteren Verlauf des Flusses gelangen Besucher zum ersten Asean Heritage Park, der aus dem 2003 gegründeten Nature Park hervorgegangen ist. Seit Bestehen des Sungei Buloh Parkes konnten die Flächen auf über 202 Hektar an Mangrovensümpfen, Feuchtgebieten, Seen und Urwaldteilen als für die Stadteinwohner direkt erlebbares Naturschutzgebiet arrondiert werden.

Die hier genannten Beispiele stehen für viele der miteinander verbundenen Grünräume, bei denen auch nachbarschaftliche Akteure ehrenamtlich online und per App zumeist kostenfreie Führungen, Events und Workshops anbieten. So wie die Healing Garden Tour im Botanischen Garten von Singapur, bei der mit den vor Ort gepflanzten, oft endemischen Arten medizinisch-botanisches Anwenderwissen zur Kultivierung, Zubereitung und Applikationsbereichen direkt an die interessierte Bevölkerung zur Wahrung der Tradition und kulturellen Identität weitergegeben wird.

Viele der Therapeutischen Gärten erfahren ein synchrones Monitoring durch ortsansässige Hochschulen und qualifizierte Dienstleister zur sukzessiven Evaluation und Ableitung von geeigneten Prinzipien und Handlungsempfehlungen für zukünftige Projekte in der Stadt.

Ein ähnlich integrativer therapeutischer Planungsansatz in der Freiraumentwicklung und gesellschaftlichen Daseinsvorsorge ist bislang in deutschen Kommunen nur rudimentär erkennbar. Randomisierte Studien (RCT) mit Goldstandard über die therapeutische Wirksamkeit von Gartentherapie lassen sich in Deutschland nicht finden. Das Gros der (wenigen) medizinischen Forschungen in diesem Bereich ist in den USA und Südkorea erarbeitet worden. Da hierzulande wissenschaftliche Grundlagen fehlen, sind auch kassenleistungsanerkannte Freianlagen mit Therapiepotenzial bis hin zu "grünen Krankenzimmern" in der Planung und Ausführung seltene Exoten.

So zeigten Expertenvorträge auf dem "Garten und Medizin"-Kongress 2017 in Berlin klar auf, dass eine nicht nur medizinisch indizierte Notwendigkeit besteht, die therapeutische Wirkung und Anwendbarkeit von Gärten an deutschen Kliniken und anderen Formen von Heilstätten bei der Therapie von speziellen Krankheitsbildern als auch zur Gesundheitsprophylaxe zu erforschen.14

Auch die unmittelbare Wirkung auf das seelische Befinden, zum Beispiel bei der ärztlichen Konsultation oder einer persönlichen Diagnosemitteilung in grünen Ruhezonen ist bislang noch nicht spezifisch erforscht worden.

Internationale Untersuchungen adressieren aber nicht nur die Dringlichkeit, sondern auch weitere Forschungsdesiderate zur Interaktion von Körper und gebauter beziehungsweise grüner Umwelt klar und deutlich.15 Neben den biotisch-physischen Faktoren ist schließlich auch der gestalterische Aspekt von Therapeutischen Gärten in seinem mentalen Wirkungsgrad auf die dortigen Akteure nicht zu unterschätzen. Die auf dem ANFA 2018-Kongress zum Thema "Shared Behavioral Outcomes" am Jonas Salk-Institut im kalifornischen La Jolla bei San Diego vom 20.-22. September 2018 vorgestellten Forschungsergebnisse belegen auch hier die Hinwendung zu einem verstärkten Interesse von Forschungsaktivitäten in den wissenschaftlich führenden Industrienationen an der Erforschung der Rahmenbedingungen und Faktoren für gesunde urbane Lebenswelten. Eines der größten Denkmodelldefizite in der modernen (freiraum-) architektonischen Gestaltung scheint nach ersten aktuellen Erkenntnissen von neurowissenschaftlichen und zerebral-orientierten Forschungsansätzen die Vernachlässigung der natürlichen Multisensorik in der Wahrnehmung der Umwelt sowie die Dominanz der visuellen Bewertung zum Nachteil der akustisch-taktilen Wahrnehmungskanäle zu sein.16

Genau hier setzen die Therapeutischen Gärten von Singapur als ein Planungsbaustein neben anderen grünen Programminitiativen an, um eine gesundheitsförderliche, nachhaltige und lebenswerte biophilic city zu entwickeln.

Anmerkungen

¹ sso.agc.gov.sg/Act/PTA2005; Abrufdatum 29.11.2018; vgl. auch National Parks Board 2013: A Concise Guide to safe Practices for Rooftop Greenery, Singapore; National Parks Board 2013: A Concise Guide to Safe Practices for Vertical Greenery, Singapore; vgl. auch https:// www.nparks.gov.sg/gardens-parks-and-nature

² vgl. Ling, Lok Yan 2017: Growing Singapore's Green Canopy in The Sky, In: Jahrbuch Bauwerksbegrünung, yearbook - Greening of Buildings 2017, Hrsg. Selbstverlag Fachvereinigung Bauwerksbegrünung e. V. (FBB), Saarbrücken, S. 75; vgl. auch Ansel 2012: Dachgärten auf medizinischen Einrichtungen, In: Stadt+Grün, Patzer Verlag, Berlin/Hannover, S.22ff.

³ vgl. Department of Statistics Singapore, www.singstat.gov.sg; Abrufdatum 29.11.2018). Der Bevölkerungsanteil an männlichen Einwohnern ist hier mit 959 Individuen auf 1000 weibliche Einwohner nicht so bedeutsam wie beispielsweise in China oder Indien (vgl. ebd.).

4 vgl. www.un.org/en/development/desa/ population/ Abruf 29.11.2018.

5 vgl. Department of Statistics Singapore, www.singstat.gov.sg; Abrufdatum 29.11.2018. Die Masterpläne Urban Redevelopment Authority's Master Plan 2008 und Singapore Land Authority 2010 Singapore Island Profile sehen jedoch neue Landerweiterungsprojekte vor (vgl. www.singstat.gov.sg/-/media/files/publications/cop2010/census_2010_release3/map2.pdf).

6 vgl. www.tablebuilder.singstat.gov.sg publicfacing/createDataTable.action?refId=14589.

7 www.tablebuilder.singstat.gov.sg/publicfacing/createDataTable.action.

8 www.tablebuilder.singstat.gov.sg/publicfacing/createDataTable.action.

9 www.tablebuilder.singstat.gov.sg/publicfacing/createDataTable.action; www.tablebuilder.singstat.gov.sg/publicfacing/ createDataTable.action?refId=14593.

10 www.tablebuilder.singstat.gov.sg/publicfacing/createDataTable.action.

¹¹ www.singstat.gov.sg/find-data/search-by-theme/economy/national-accounts/latest-data.

¹² vgl. www.nparks.gov.sg/gardens-parks-and-nature/park-connector-network.

¹³ vgl. www.nparks.gov.sg/gardens-parks-and-nature/parks-and-nature-reserves/choa-chu-kang-park.

14 vgl. BMEL 2018: Tagungsband Kongress: Garten und Medizin, 31.Mai und 1.Juni 2017 in Berlin, Eigendruck, Bonn.

15 vgl. Programm: 'Health Equity: New Urban Agenda and Sustainable Development Goals' auf der 14th International Conference on Urban Health (ICUH) in Coimbra, Portugal der International Society for Urban Health (ISUH) unter dem Motto 'Making Cities Healthier Worldwide' vom 26-29. September 2017.

16 vgl. Salk Institute for Biological Studies, www.salk.edu; siehe auch ANFA The Academy of Neuroscience for Architecture, www.anfarch.org.; vgl. auch Programm d. Internationalen Kongresses "Urban Sport & Health" am 19. und 20.11.2018 in Berlin.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Stadt+Grün 03/2019 .

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