Spielplatz für neues Stadtquartier am Lindenauer Hafen in Leipzig
Urbaner Lebensraum trifft Naturerlebnisraum
von: Dipl.-Ing. Sabine Christiansen
Der Lindenauer Hafen wurde zwischen 1938 und 1943 angelegt und sollte ursprünglich der End- und Umschlagpunkt des Saale-Leipzig-Kanals werden und die Messestadt in das deutsche Wasserstraßennetz einbinden. Infolge des Zweiten Weltkrieges blieben sowohl der Kanal als auch der Hafen unvollendet. Erst durch die Gewässerverbindung des Karl-Heine-Kanals mit dem Lindenauer Hafen entstand seit 2015 dieser wertvolle 17 Hektar große Stadtraum für Bewohner und Besucher.
Nach Fertigstellung der Wohngebäude entstand 2023 auf einer brach liegenden Fläche der Naturerlebnisraum als Spielplatz am nordöstlichen Rand der Bebauung und dem Waldrand. Der Spielbereich liegt an der wichtigen Rad- und Gehwegverbindung, die über die Straße "Am Hafentor" führt und an die im Südosten vorhandenen Wege anbindet.


Anlass/Bestandssituation
Das Plangebiet befindet sich im Bereich des B-Plans 359 Lindenauer Hafen-Zentraler Bereich und ist am 10.10.2013 mit der Festsetzung als öffentliche Grünfläche/Parkanlage in Kraft getreten.
Im direkten Umfeld des Lindenauer Hafens und des dort fertiggestellten neuen Stadtteils im Leipziger Westen bestand die wichtige und reizvolle Aufgabe, dieses sehr kompakte Bauquartier an die umgebende Landschaft anzubinden und vielfältige nutzbare Aufenthalts- und Spielmöglichkeiten zu schaffen. Mit der neuen öffentlichen Grünfläche "Spielbereich Hafenstraße–Süd" wird die Balance zwischen Verdichtung und Freiraum gesichert, die Umweltqualität erhalten respektive verbessert und es sind quartiersnahe Kultur-, Sport und Freiraumangebote entstanden. Die 3730 Quadratmeter große Fläche für den neuen Spielplatz wurde bis kurz vor Baubeginn der Baumaßnahme 2022 als Baustelleneinrichtung durch die Bauherren der neu entstandenen Gebäude an der Hafenstraße genutzt.
Weiterhin wurde das Projekt anteilig aus dem Bund-Länder-Programm "Wachstum und nachhaltige Erneuerung –WEP" (vorher "Stadtumbau-Aufwertung Leipzig West") gefördert.
Beteiligung
Als Format der Beteiligung wurde ein Informationsnachmittag am 30. 06 2022 gewählt. Dieser fand vor Ort mit den Anwohnerinnen und Anwohnern sowie Interessierten statt. Vorgestellt wurde ein Freiflächenentwurf mit Naturspielraum als bewusster Gegensatz zur dichten Bebauung. Bei der gut besuchten Veranstaltung gingen die Reaktionen von voller Zustimmung bis zum Wunsch, doch besser eine Tiefgarage zu bauen, auseinander. Die unterschiedlichen Wünsche und Bedürfnisse wurden vor Ort unter den Bürgerinnen und Bürgern selbst im Dialog verhandelt und durch das ausführende Amt für Stadtgrün und Gewässer sowie die Planenden moderiert. Schließlich entschied man sich mehrheitlich und demokratisch für den vorgestellten Naturerlebnisraum.
Entwurf
Mit dem Naturerlebnisraum betrat die Stadt Leipzig neue Wege der Spielplatzgestaltung im urbanen Raum. Im Vordergrund stand diesmal nicht ein Spielplatz mit reichhaltiger und abwechslungsreicher Ausstattung als Gerätespielplatz, sondern der Naturraum an sich. Die immer mehr von der Natur entfernten "Stadtkinder" sollten ausgerechnet in diesem neuen, sehr dichten urbanen Stadtquartier einen Ausgleich mit dem Naturerlebnisraum finden. Schließlich ist bekannt, dass mit zunehmender Bebauungsdichte der Freiraum für Kinder immer geringer wird. Statt sich ihre Umgebung spielerisch anzueignen, reduzieren sich die Freizeitaktivitäten mittlerweile häufig auf das häusliche Umfeld oder auf eingeschränkte und vorstrukturierte Räume. Die Planung und Gestaltung des Naturerlebnisraumes folgt damit dem mit der Freiraumstrategie des Amtes für Stadtgrün und Gewässer der Stadt Leipzig (2017) formulierten Ziel: "Spielen ist die natürliche Art und Weise von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, sich mit sich selbst und ihrer Umwelt auseinanderzusetzten: zu begreifen – in körperlicher wie geistiger Hinsicht -, zu erkennen, auszuprobieren, zu erforschen und dabei auch zu verändern." (vgl. Freiraumstrategie "Lebendige grüne Stadt am Wasser" 2017, Amt für Stadtgrün und Gewässer der Stadt Leipzig, Seite 75, abrufbar unter www.leipzig.de/freiraumstrategie planerischen Mittel wurden für diesen Naturerlebnisraum zum Spielen angewandt?
Normalerweise werden Spielplätze überwiegend im Bestand der städtischen Grünanlagen erneuert. Hier ergab sich die seltene Chance, im großen Umfang Bodenmodellierungen mit den vorhandenen Aushubmassen vorzunehmen, da es keine Bestandsbäume zu berücksichtigen gab. Gleichzeitig diente der Erdmassenausgleich dem Ressourcenschutz durch ein nachhaltiges Erdmassenmanagement. Bodenmodellierungen, durch die Hügel und Täler entstehen, regen die Phantasie der Kinder weit mehr an als jedes vorgefertigte Spielgerät. Insbesondere in Leipzig stellt die Geländemodellierung in der ansonsten flachen Leipziger Tieflandsbucht ein Alleinstellungsmerkmal dar und wird von den Kindern mit Freude genutzt.
Durch die Schaffung vielfältig nutzbarer Aufenthalts- und Spielmöglichkeiten, durch Geländemodellierung, durch die Verwendung naturnaher Gestaltelemente wie Hölzer, Steine und Findlinge sowie einer sehr abwechslungsreichen Bepflanzung mit Bäumen, Sträuchern, Stauden und Gräsern entstand ein Areal zum Entdecken und Erobern. Weiterhin bietet der Naturspielraum mit seinen vielfältigen Räumen, Tälern, Hügeln und Gebüschen Gelegenheit zum Rückzug und kontemplativen Spiel. Darüber hinaus trägt die naturnahe Gestaltung zur Schärfung des Bewusstseins für die Sensibilität unserer Umwelt bei und steht in starkem Kontrast zur angrenzenden dichten Bebauung.


Bei der Erarbeitung des Entwurfs war die Landschaftsarchitektin inspiriert von einem in Hügel eingebetteten Bachlauf mit Altarmen, welche mal Wasser führen, aber auch im Sommer trockenfallen. Der Bachlauf mit Altarmen wurde mit Fallschutzkies nachgebildet. An seinen Rändern wird er von überwiegend blau blühenden Stauden und Holzstämmen begleitet. Das Spielen in diesen bepflanzten Bereichen ist üblicherweise vom Pflegepersonal nicht gern gesehen, hier jedoch ausdrücklich erwünscht. Schließlich zieht es Kinder überall hin, wo loses Kiesmaterial liegt und Holzstämme zum Balancieren einladen. Klettern und Toben sind im zentralen Spielbereich möglich. Aufgrund der allgemeinen Erwartungshaltung an einen städtischen Spielplatz wurde zwar auf die üblichen konventionellen Spielgeräte wie Rutsche und Schaukel verzichtet, jedoch eine naturnahe Kletterkonstruktion aus Hölzern und Seilen sowie ein barrierefreies Sandspiel für das gemeinsame Spiel und zum "Austoben" des Bewegungsdranges angeboten. Die konventionellen Spielangebote wurden ohnehin auf den privaten Grundstücken aufgestellt.
Da die Leipziger Spielplätze nach Stadtratsbeschluss generell für alle Generationen nutzbar sein sollen, wurden die Ausstattungsgegenstände, die Kletterkonstruktion und die Sitzgelegenheiten so gewählt, dass sie keiner bestimmten Altersgruppe ausschließlich zuordenbar sind. Sitzstämme, Bänke mit Rückenlehne sowie Bruchsteine, geeignet für Sport und Gymnastik, bieten für jedes Alter ein Angebot.
Der Hauptweg, der gleichzeitig für die Pflegefahrzeuge den Spielplatz erschließt, zieht sich von Nord nach Süd, so dass es zwei barrierefreie Zugänge gibt. Auf eine Einfassung der wassergebundenen Decke wurde verzichtet, damit die Pflanzungen beidseits des Weges sich je nach Nutzungsintensität ausbreiten können und der Weg natürliche Ränder aufweist. Ein Wendeplatz für Pflegefahrzeuge wurde als Schotterrasen hergestellt.
Für das freie Spiel im Grünen dient eine kleine Rasenfläche mit Kurzgras und eine künstlerische Installation, die "Wassermarke" von Diplom-Künstler Jan Viecenz aus Halle, verleiht dem Naturerlebnisraum eine künstlerische Note und eigene Identität.
Eingerahmt wird der Spielbereich von Silberlinden als Straßenbäume, die einen grünen Übergang zur gegenüberliegenden Bebauung bilden. Insgesamt wurden 43 Bäume, 140 Stammbüsche, 725 Sträucher, 5100 Bodendecker und 2100 Stauden gepflanzt. Die Pflanzenauswahl berücksichtigt eine breite Palette von insektenfreundlichen Gehölzen und Stauden, Zukunftsbäume und Gehölze als auch die erforderliche Robustheit und die Anforderungen bezüglich der Giftigkeit von Pflanzen auf Spielplätzen.
Es entstand eine Vielfalt spannender Raumeindrücke, da sich die einzelnen Naturräume, unterstützt durch dichte und lockere Gehölzstrukturen und Wiesenflächen, verengen und erweitern, sich öffnen und schließen. Dieses wird vom Relief unterstrichen und damit eine reizvolle Unüberschaubarkeit erreicht.
Die Abgrenzung des Naturerlebnisraumes zur Straße erfolgte einerseits über die Bodenmodellierungen, eine dichte Bepflanzung sowie über eine Pfosten-Seil-Konstruktion, um die geforderte Barrierewirkung zu schaffen.
Eröffnung:
30. März 2023
Preis:
Das Amt für Stadtgrün und Gewässer wurde im Rahmen des sächsischen Landeswettbewerbes "Gärten in der Stadt" 2023 in der Kategorie "Freianlagen an öffentlichen Einrichtungen – Grünflächen/Parkanlagen/Spielplätze" mit dem 1. Preis für den "Naturerlebnisraum Hafenstraße am Lindenauer Hafen" ausgezeichnet. Mit der Auslobung des Wettbewerbs würdigt der Freistaat Sachsen ästhetisch ansprechende und zweckmäßige Projekte der Grüngestaltung, die gelungene Alternativen zu versiegelten Freiräumen aufzeigen.
Bauherr:
Stadt Leipzig, Dezernat Umwelt, Klima, Ordnung und Sport, Amt für Stadtgrün und Gewässer
Landschaftsarchitektin:
Anke Grundmann Landschaftsarchitekten
Künstlerische Skulptur:
Diplom Künstler Jan Viecenz
Ausführende Firmen:
Müller, Garten-, Landschaft- und Sportplatzbau GmbH
Förderung/Kosten/Zeiten:
Bund-Länder-Programm "Wachstum und nachhaltige Erneuerung –WEP" (vorher "Stadtumbau-Aufwertung Leipzig West")
Projektkosten:
460.000 Euro
Bausumme:
380.000 Euro
Planungszeit:
Dezember 2020–Dezember 2021
Bauzeit:
September 2022–Juni 2023
















