Synergien von Akteur:innen und Ressourcen nutzen
Biodiversitätsnetzwerk in Frankfurt am Main
von: Dr. Julia Krohmer, Pia Ditscher, Dr. Christiane Frosch
Ein BestPractice-Beispiel, von dem auch andere Städte profitieren können: Städte wachsen in die Fläche und in die Höhe und verdichten sich. Um den immer knapperen Raum für Wohnen, Verkehr, Energie, Stadtgrün und soziale Infrastruktur wird konkurriert. Diese Entwicklung verschärft den Druck auf biologische Vielfalt, die gleichzeitig für klimaresiliente, gesunde und soziale Stadtlandschaften eine tragende Rolle spielt. In dieser Gemengelage wird immer deutlicher, dass einzelne Maßnahmen nicht ausreichen. Es braucht Strukturen, die Wissen, Ressourcen und Akteur:innen so zusammenführen, dass Synergien entdeckt und genutzt werden, um gemeinsam mehr zu erreichen. Ein Frankfurter "Biodiversitätsnetzwerk" zeigt seit inzwischen 20 Jahren, wie das aussehen kann.
Unter dem Dach des Vereins BioFrankfurt – dem Netzwerk für Biodiversität – arbeiten seit 2004 wissenschaftliche Einrichtungen, Verwaltung, Naturschutz und Bildungsakteure institutionell verknüpft zusammen. Sie alle eint eine gemeinsame Vision: Menschen im Rhein-Main-Gebiet verstehen, erhalten und fördern Biodiversität. Daraus leitet sich die Mission des Vereins ab: Das Netzwerk BioFrankfurt bündelt das vielfältige Engagement für Biodiversität in der Rhein-Main-Region und macht es sichtbar.
SUG-Stellenmarkt



Von der Vision zur Praxis: Warum Kooperationen tragen
BioFrankfurt bündelt heute die Expertise von dreizehn Institutionen aus Forschung, Bildung und Naturschutz sowie der kommunalen Verwaltung. Diese Breite ist kein Selbstzweck. Sie erlaubt Austausch auf Augenhöhe, von dem alle profitieren: Ein Netzwerk wie BioFrankfurt schafft eine institutionelle Klammer und reduziert Reibungsverluste, die in fragmentierten Zuständigkeiten typischerweise entstehen. Der Austausch und das Mit- und voneinander lernen stehen bei BioFrankfurt genauso im Mittelpunkt, wie konkrete Projekte, die sich an die lokale und überregionale, manchmal auch die bundesweite Öffentlichkeit richten und vielfältige Möglichkeiten bieten, Biodiversität erlebbarer zu machen, sich für sie zu engagieren oder mehr über sie zu lernen. Ein nicht zu unterschätzender Mehrwert liegt darin, dass sich in Frankfurt ein glaubwürdiges Netzwerk für die Natur formiert hat, das als Spiegel der Gesellschaft wirkt und mit gemeinsamer Zielsetzung für die biologische Vielfalt eintritt. Was bedeutet das konkret?
Erfahrbar machen: Die Aktionswoche als Schnittstelle zur Stadtgesellschaft
Im Mai, rund um den Internationalen Tag der biologischen Vielfalt, organisiert das Netzwerk seit Jahren eine Naturerlebnis-Woche, die Biodiversität nicht nur erklärt, sondern erfahrbar macht. Die "Aktionswoche biologische Vielfalt erleben" bündelt Führungen, Workshops, Exkursionen, Schulangebote und weitere niedrigschwellige, meist kostenlose Formate für Naturinteressierte aller Altersgruppen. Die Veranstaltungen werden von den Mitgliedern und weiteren Institutionen im Rhein-Main-Gebiet angeboten und umgesetzt.
Biologische Vielfalt auf den Punkt gebracht: Die Biozahl als jährlicher Fokus
Komplexe Themen brauchen Verdichtungspunkte. Bei BioFrankfurt erfüllt die "Biozahl" diese Funktion, indem sie jedes Jahr pressewirksam eine Zahl in den Mittelpunkt stellt, die Biodiversität sichtbar macht. Mal weist sie auf den Rückgang einer Art hin, mal auf die Vielfalt in unscheinbaren Lebensräumen, mal auf den Bekanntheitsgrad des Begriffs Biodiversität in der Bevölkerung. Entscheidend ist nicht das Spektakuläre, sondern die Anschlussfähigkeit. Eine einzige Zahl genügt, um eine Geschichte zu erzählen, die in Pressearbeit, Unterricht, Führungen und politischen Gesprächen wieder aufgegriffen werden kann. Die Biozahl steht damit nicht in Konkurrenz zu Monitoring und wissenschaftlichen Indikatoren, sondern schließt die Lücke zur breiten Öffentlichkeit. In der täglichen Verwaltungsroutine hilft sie, Aufmerksamkeit zu bündeln und gleiche Argumente über Institutionen hinweg zu tragen.



526 lautet die Biozahl 2025: Eine ungeahnte Artenvielfalt wurde in Frankfurts Pflasterfugen dokumentiert
Die kleinen Pflanzen, die sich in städtischen Pflasterritzen und Mauerfugen behaupten, haben es in den letzten Jahren durch die Aktion #Krautschau (Krohmer 2025) zu erstaunlicher Bekanntheit und Beliebtheit gebracht (s. a. Stadt+Grün 02/2025, S. 43ff.). Bei der #Krautschau werden städtische Pflanzen in Pflasterfugen von Exptert:innen und Lai:innen gemeinsam bestimmt, mit Kreide markiert und benannt und als Fotos in den Social Media geteilt. Pflasterritzenpflanzen leisten in der Stadt einen wertvollen ökologischen und kulturellen Beitrag: Sie erhöhen die Biodiversität, bieten Lebensraum für Insekten und andere Kleintiere, binden Staub, fördern die Versickerung von Regenwasser, tragen zu einem kühleren Mikroklima bei und vernetzen größere Grünflächen. Allmählich verändert sich vielerorts der Blick auf diese Vegetation – und damit der Umgang mit ihr.
Vor diesem Hintergrund wurde die unscheinbare, oft als "Unkraut" abgewertete Vielfalt zur Biozahl 2025 gewählt: 526 Arten und Unterarten aus 90 Pflanzenfamilien sind bislang in Frankfurt dokumentiert – rund 40 Prozent der insgesamt rund 1400 bekannten Pflanzenarten der Stadt (Bönsel et. al. 2009 fortlaufend).
Die Zahl 526 basiert auf einer Artenliste aus einer 2013 am Senckenberg erstellten Masterarbeit (Walther 2014, im Rahmen der Biotopkartierung), ergänzt durch Beobachtungen im Rahmen der Kooperation #Krautschau x Flora Incognita (Mai 2023–Mai 2025) sowie durch zusätzliche Hinweise erfahrener Botaniker:innen. Erfasst wurden alle mindestens einmal nachgewiesenen Arten – die Liste ist damit keine klassische floristische Dauererhebung, sondern eine Momentaufnahme, die die tatsächliche Vielfalt vermutlich nur in Ausschnitten widerspiegelt.
Die Zahl von 526 dokumentierten Arten verdeutlicht eindrucksvoll, welch hohe Biodiversität selbst in stark versiegelten Stadträumen existiert. Für die Umweltbildung hat dieser Befund besonderen Wert: Unter den erfassten Arten befinden sich 267 essbare, 197 nicht heimische sowie 142 aus Gärten und Pflanzungen verwilderte Zierarten. Diese Zusammensetzung eröffnet eine Vielzahl von Ansatzpunkten, um ökologische und gesellschaftliche Entwicklungen anschaulich zu vermitteln – unmittelbar im Stadtraum und ohne die Notwendigkeit spezialisierter Lernorte. So lassen sich anhand der Pflasterfugenflora Fragen zum Klimawandel und seinen Auswirkungen auf die urbane Vegetation, zur weltweiten Verbreitung von Arten durch den Menschen, zu kulinarischen Nutzungen, zu Tier-Pflanzen-Interaktionen oder zu Anpassungsstrategien an extreme Standortbedingungen exemplarisch thematisieren. Gleichzeitig macht sie sichtbar, dass biologische Vielfalt und ästhetische Faszination auch in alltäglichen, vermeintlich lebensfeindlichen Umgebungen präsent sind – sofern wir lernen, genauer hinzuschauen.
Die #Krautschau ist nicht allein ein niedrigschwelliges Umweltbildungsformat, sondern zugleich ein kulturelles Statement. Sie adressiert grundlegende Fragen im Umgang mit spontaner Stadtnatur: Welche Formen von Vegetation akzeptieren wir im urbanen Raum – und auf Basis welcher Kriterien? Welche Ordnungsbilder und ästhetischen Leitvorstellungen prägen unsere Wahrnehmung, und wie müssen diese angesichts ökologischer Krisen hinterfragt und angepasst werden? Welche Rolle kommt urbaner Wildnis zu, auch in kleinsten Ausprägungen? Und schließlich: Welchen Wert messen wir jenem Grün bei, das bislang häufig als "wertlos" oder "störend" eingeordnet wurde?
Im Kontext von Biodiversitätsverlust und der notwendigen sozial-ökologischen Transformation urbaner Räume erhält die #Krautschau damit besondere Aktualität. Die unscheinbaren Pflanzen im Grau der Stadt fungieren als Impulsgeber, um Wahrnehmungshorizonte zu erweitern, etablierte Routinen zu hinterfragen und die Stadtgesellschaft für die Relevanz selbst kleinster Lebensräume zu sensibilisieren. Indem die Biozahl 2025 diese Vielfalt sichtbar macht, trägt sie dazu bei, Aufmerksamkeit auf ein Thema zu lenken, das weit über Pflasterfugen hinausweist – hin zur grundsätzlichen Frage, wie wir Stadt als Lebensraum verstehen und gestalten wollen.
So wird deutlich: Die winzigen Pflanzen im Grau der Stadt tragen dazu bei, unseren Blick auf das große Ganze zu verändern. Und die Biozahl 2025 schafft dafür den notwendigen Aufmerksamkeitsmoment – in Verwaltung, Fachpraxis und Stadtgesellschaft gleichermaßen.


Die Stadtgesellschaft einbinden – und gute Ideen unterstützen
Biodiversitätsschutz braucht Engagement – und Engagement braucht Mittel zur Umsetzung. Der Ideenwettbewerb, den BioFrankfurt 2025/2026 gemeinsam mit städtischen und zivilgesellschaftlichen Partnern ausrichtet, adressiert genau diese Schnittstelle. Er lädt Bürger:innen, Schulklassen, Vereine und Initiativen ein, Vorschläge zu machen, die die Biodiversität im Frankfurter Stadtgebiet modellhaft fördern und zugleich die Stadtgesellschaft mitdenken. Gefordert sind keine Großprojekte, sondern realistische, gut verortete Ideen, die Wirkung entfalten können. Eine fachkundige Jury, besetzt unter anderem aus den Mitgliedsinstitutionen des Netzwerks, bewertet alle Einreichungen zweistufig. Preisgelder in Höhe von insgesamt 30.000 Euro schaffen Umsetzungsspielräume für die Gewinnerprojekte. Die Erfahrung aus dem ersten Durchgang zeigt, dass aus einem solchen Wettbewerb belastbare Projekte hervorgehen können, die nachahmenswert sind: vom Tiny Forest, der im Kleinmaßstab Waldentwicklung demonstriert, bis zur Nektar-Bar für Nachtschwärmer, die auf das oft übersehene Nachtökosystem aufmerksam macht. So fungiert der Wettbewerb als Labor der Stadt, das neue Allianzen ausprobiert, ohne die Standards der Grünflächenpflege aus dem Blick zu verlieren. Für die Verwaltung bietet er die Gelegenheit, Beteiligung und Fachlichkeit zu verbinden und so gemeinsam mit der Bevölkerung einen Mehrwert für die gesamte Kommune zu schaffen.
Über den Stadtrand hinaus: UrbanWild als Wissens- und Vernetzungsplattform zu Stadtwildnis-Projekten in ganz Deutschland
Ein inhaltlicher Fokus von BioFrankfurt ist urbane Wildnis. Denn: Wilde Stadtnatur ist hip – und noch dazu eine wichtige Ergänzung zum gepflegten Stadtgrün. Hier finden Arten Rückzugsräume, die anderswo verschwinden. Mit dem im Bundesprogramm Biologische Vielfalt geförderten Kommunikationsprojekt "UrbanWild – Deutschlands wilde Städte" entsteht seit April 2024 eine Plattform, die bundesweit urbane Wildnisflächen, Projekte und Initiativen sichtbar macht. Konkret werden beispielsweise Flächen in ganz Deutschland vorgestellt, die sich dynamischer und mit weniger menschlichen Eingriffen entwickeln dürfen. Es geht um Brachen, Säume, Ruderalflächen, aufgeweitete Rasen, Waldinseln und Auenreste, die als Mosaik lebendiger Stadtnatur funktionieren. "UrbanWild" bereitet solche Projekte als Steckbriefe auf, führt Interviews mit Expert:innen aus Forschung und Praxis im In- und Ausland, vernetzt Akteur:innen und lädt Kommunen sowie Organisationen zum Mitmachen sowie zum Austausch ein. Das ist mehr als Öffentlichkeitsarbeit: Die Plattform erleichtert den Erfahrungsaustausch über Pflegekonzepte, Zielbilder und Akzeptanzarbeit. Sie macht Best-Practice-Beispiele sowie Herausforderungen sichtbar, aus denen andere Kommunen und Organisationen lernen können. Für Planer:innen und Grünflächenämter eröffnet dies die Möglichkeit, jenseits der eigenen Stadt nach gut begründeten Argumenten und Referenzfällen zu suchen. "UrbanWild" schließt damit die Lücke, die zwischen lokalen Pilotflächen und einer breit geteilten Praxis oft klafft. Gleichzeitig nimmt "UrbanWild" die interessierte Öffentlichkeit mit, indem Informationen rund um wilde Stadtnatur in Text, Bild, Video und Umweltbildungsmaterialien niederschwellig aufbereitet werden. Inhaltlich schließt das "UrbanWild" an das Projekt "Städte wagen Wildnis" an, in dem Frankfurt, Hannover und Dessau-Roßlau von 2016 bis 2021 mehr Wildnis in der Stadt wagten – und von BioFrankfurt durch Kommunikationsarbeit begleitet wurden.
Verzahnung als Prinzip: Von der Ansprache zum Handeln
Die vier Bausteine ergeben ein rundes Gesamtbild: Die Aktionswoche zeigt Vielfalt und macht sie erlebbar, die Biozahl hält ein fokussiertes Thema über das Jahr hinweg präsent, der Ideenwettbewerb fördert ziviles Engagement, und UrbanWild sichert, dass lokale Erfahrungen in ein größeres Wissensnetz eingespeist werden – und gleichzeitig die Öffentlichkeit ansprechend informiert wird. Hinzu kommt der regelmäßige Austausch der Netzwerkpartner – im Rahmen von Vorstandssitzungen, Mitgliederversammlungen und auf den Veranstaltungen der jeweiligen Institutionen. In der Folge entstehen robuste Allianzen zwischen Wissenschaft, Verwaltung, Praxis und Stadtgesellschaft, die in der Summe resilienter sind als singuläre Projekte.

Was andere Städte mitnehmen können: Übertragbarkeit ohne Blaupause
Frankfurt liefert mit seinem Biodiversitätsnetzwerk kein starres Rezept, aber ein methodisches Raster, das zum Nachmachen anregt: Die wiederkehrenden Formate etwa bieten einen Rahmen, den andere Städte in ihre eigenen Verwaltungslogiken und Landschaftsbilder übersetzen können. Entscheidend ist, klein anzufangen und die Lerneffekte systematisch zu sichern. Eine Aktionswoche, die an bestehende Bildungs- und Kulturangebote andockt, eine jährliche Zahl, die zur lokalen Debatte taugt, ein kompakter Wettbewerb mit fachlicher Patenschaft und eine digitale Dokumentation der Flächen – daraus entsteht eine belastbare Kette, die sich mit der Zeit verstärkt. Die Frage nach Personalressourcen ist dabei integraler Bestandteil – und wird im Beispiel Frankfurt zum einen über Mitgliedsbeiträge, zum anderen über Drittmittelprojekte gesichert. Wir alle wissen: Inmitten der Biodiversitätskrise sind nicht zuletzt unsere Städte gefragt, heute die nötigen Schritte zu unternehmen, um morgen eine lebenswerte Zukunft zu ermöglichen. Und dabei ist klar: Gemeinsam kommt man besser voran.
Hintergrundinformationen
Dem Verein BioFrankfurt – Das Netzwerk für Biodiversität e. V. gehören derzeit 13 Institutionen an. Die Mitglieder sind lokal und international agierende Organisationen verschiedener Größenordnungen und mit unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunkten. Dazu zählen unter anderem die Zoologische Gesellschaft Frankfurt von 1858 e. V., das Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum sowie der Deutsche Olympische Sportbund. Akademisch vertreten ist das Netzwerk durch die Goethe-Universität Frankfurt und die Hochschule Geisenheim University. Die Stadt Frankfurt ist mit dem Umweltamt, dem Zoo sowie dem Palmengarten mit dem Botanischen Garten vertreten. Hinzu kommen die von Opel Hessische Zoostiftung mit dem Opel-Zoo in Kronberg und die NGO Tropica Verde e. V. Auf regionaler Ebene setzen sich die Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz e. V., die Vogelkundliche Beobachtungsstation Untermain e. V. und das MainÄppelHaus Lohrberg Streuobstwiesenzentrum e. V. für den Erhalt der biologischen Vielfalt vor unserer Haustür ein.
Links und Informationen:
https://biofrankfurt.de/
https://www.ideen-biodiversitaet-frankfurt.de
https://wilde-staedte.de/
https://floraincognita.de/
Literatur
Bönsel, D., Brunken, U., Gregor, T., Malten, A., Ottich, I. & G. Zizka (2009 fortlaufend): Flora von Frankfurt am Main. URL: http://www.flora-frankfurt.de. - Senckenberg Forschungsinstitut, Frankfurt/Main
Krohmer, Julia (2025): Urbane Vielfalt zum Niederknien. Die #Krautschau: Umweltbildungsformat für mehr Naturverständnis – Stadt + Grün (2): 43–47.
Walther, Franziska (2014) Flora und Vegetation von Pflasterfugen in Frankfurt am Main. 101 S. + LVII S. + elektron. Anhang; Masterarbeit, Goethe-Universität Frankfurt am Main.











