Von den Spuren der Vergangenheit – bis zu den Quellen der Zukunft
Vom "Teuffelsdreck" zur Landesgartenschau Bad Nenndorf 2026
von: Dipl.-Ing. Barbara Hutter"Das Gebiet, auf dem die Schwefelquellen Bad Nenndorfs zutage treten, wurde in früheren Zeiten aufgrund des üblen Geruchs 'Auf dem Teuffelsdreck'genannt. Seit jeher wurde das schwefelhaltige Wasser von Heilungssuchenden genutzt. 1777 ließ Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel die Quellen erstmals fassen".1)
Die Hauptbereiche des Ensembles bestehen bereits seit dem Beginn des Ausbaus der Kureinrichtungen ab 1789. Durch den "Fürstlich hessischen Garteninspector" Daniel August Schwarzkopf entstanden die ersten Anlagen. Der Hofgärtner Georg Wilhelm Homburg, der zwei Jahre für Studienzwecke in England verbrachte, ergänzte diese mit einem Park im Stil englischer Landschaftsgärten.
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Neuanlage auf freiem Gelände
Der Kurpark ist damit einer der frühesten landschaftlichen Kurparks in Deutschland und von großer Bedeutung, da der Park nicht aus der Überformung einer älteren Anlage, sondern als Neuanlage auf freiem Gelände entstanden ist.
Zu Beginn des 20. Jh. wurde das Kurparkensemble durch die Anlage der Bubikopfallee und des Erlengrunds mit seinen Teichen ergänzt und mit dem Landschaftsraum Deister verbunden. Verantwortlich hierfür war der preußische Brunnengärtner Carl Thon. Er fügte dem Kurpark einen an italienische Gärten erinnernden Sonnengarten mit Tempel hinzu und später die Liegewiese, die an der Grundstückgrenze von einem Süntelbuchengang eingefasst sind.
Viele der historischen Gebäude, Haus Kassel, das Schlösschen, das Große Badehaus sind erhalten geblieben. Andere wie die drei Staffagebauten, das Borkenhaus im Wilhelmshain (aus 1792) mit Aussicht nach Südwesten, das Knüppelhaus (aus 1805) mit Blick auf den Deister, die Wilhelmshöhe auf einem Wasserbehälter gelegen, mit dem später errichteten Birkenhaus mit Blick in den Kurpark zum Schlösschen, existierten nicht mehr. Auf dem Gipfel des Galenberges gibt es ein großes Wasserreservoir, aber sonst keinen rechten Anlass hinaufzusteigen. Unser Wettbewerbsbeitrag unter dem Motto "Spuren der Vergangenheit - Quellen der Zukunft" steht nicht ausschließlich für die historischen Wasserquellen, sondern verdeutlicht die sprudelnden Potenziale, die sich aus heutigen und auch längst vergessenen Qualitäten ergeben und mit dem Entwurf eine neue Gestalt annehmen, gleichzeitig aber die früheren gestalterischen Intentionen wahren und respektieren.
Dabei spielt der Entwurf mit der Erlebbarkeit der Geschichte eine wesentliche Rolle und bietet ergänzend auch zeitgenössische Nutzungsangebote an. Räumliche Barrieren werden aufgelöst, wichtige Grünräume miteinander verwoben, in ihren Potenzialen verstärkt und vielfältig nutzbar ausgebildet.
Im Kurpark, der in Teilen um 2014 saniert worden war, finden sich imposante Solitärbäume, Blutbuchen, Platanen, Mammutbäume. Im Rahmen der Planungen zur Landesgartenschau erfolgten weitere denkmalgerechte Sanierungen, wie die Brunnenanlage im Sonnengarten und die Wege im Kurpark.
Die in den 1970er Jahren errichtete Liegehalle am oberen Rand der Liegewiese wurde von der Stadt liebevoll saniert und bietet in Zukunft Raum für Gastronomie und verschiedene Veranstaltungen. Hangabwärts wurde ein Teich angelegt, ein Kurparkspiegel. Zusammen mit einem Wasserspielplatz im Schatten des großen Bergmammutbaumes und intensiven Staudenpflanzungen entsteht eine neue Attraktion im Kurpark. Eine großzügige Sitzstufenlandschaft eröffnet eine weitläufige Aussicht über das Wasser zur Süntelbuchenallee.
Für das Wahrzeichen Bad Nenndorfs – die Süntelbuchenallee – wurde der bestmögliche Kompromiss aus Erlebbarkeit und Baumschutz gesucht. Der Weg wird außerhalb entlang der Buchen geführt, ein leicht erhöhter und mit Bedacht gesetzter Steg führt in einer Schleife in die Allee hinein. Der Weg wird mit einem Handlauf markiert, der Steg auf beiden Seiten. So soll das Erleben des sensiblen Bereiches weiterhin möglich sein, aber den Besucher:innen auch signalisieren, dass Grenzen zu achten sind und damit das große Schutzbedürfnis der alten, zauberhaften Bäume.

Galenberg - ein Gartendenkmal mit Überraschungen
Im Landschaftspark gilt es, die Qualitäten der Vergangenheit wiederzugewinnen und gleichzeitig eine zeitgenössische, unverwechselbare Erlebbarkeit zu inszenieren. Der Galenberg ist geprägt von alten Buchenbeständen, die anlässlich der Errichtung des Landschaftsparks vor über 200 Jahren alle neu gepflanzt wurden. Das geschwungene, labyrinthische Wegenetz wurde denkmalgerecht überarbeitet, reduziert, ergänzt und saniert. Neu angelegt wurden zahlreiche thematische Staudenpflanzungen, zum Beispiel Geissbärte in guter Gesellschaft, heimische Waldgräser, Farntal, Wilde Lichtung, Glockenblumen.
Neben den introvertierten Bestandswegen gibt es einen neuen, rahmenden Beltwalk aus cremefarbenem Asphalt, der viele wichtige Bereiche des Landschaftsparks miteinander verbindet und ebenfalls zum Großteil auf Bestandswegen verläuft. Er ermöglicht ein besonderes Wandererlebnis, wie man es als gestalterisches Motiv in vielen historischen Landschaftsparks erleben kann und dient einem Rückgrat gleich als Orientierungshilfe. Neu eingeschrieben wurde eine barrierearme Erschließung auf den Gipfel des Galenberges und zum Waldtempel. Der Weg wird bewusst formal anders gestaltet, um ihn vom Gartendenkmal abzusetzen. Entlang der Wege gibt es verschiedene kleine Spiel- und Erlebnisstationen, die den Aufstieg für alle Nutzenden unterhaltsam gestalten wollen.


An der höchsten Stelle des Galenberges wurde nie etwas gebaut außer des Wasserspeichers. Überliefert ist aber der Name Tempelplatz und Ideen zu pagodenartigen Formen. Für uns war klar, dass der Gipfel des Galenberges besonders zu inszenieren ist. Nun steht der kreisrunde Waldtempel, sich um den Speicher hinaufdrehend, abgehoben auf V-Stützenpaaren, aufgehoben inmitten des Buchenwaldes. Im Sommer blickt man erhaben ins Grün des Waldes. Wenn die Bäume im Herbst anfangen ihr Laubkleid abzuwerfen, eröffnen sich hingegen wieder weitreichendere Ausblicke in die angrenzende Landschaftsszenerie. Während der Gartenschau wird es besondere Veranstaltungen im Kreismittelpunkt geben.
Zurück in die Gartengeschichte geblickt, werden die drei Staffagebauten als wesentlicher Bestandteil des Landschaftsparks wiederbelebt. An den nahezu gleichen Standorten und in Anlehnung an die historischen Entwurfsabsichten sind sie neu interpretiert und wirken als besondere Attraktionen. Dazu wurden Sichtbeziehungen wo möglich freigestellt und überwucherte Pflanzflächen mit Barrierewirkung entfernt. Die Staffagen werden in Holzbauweise errichtet, sie umkreisen den Galenberg wie Satelliten.
Am Südhang des Galenberges steht auf halber Höhe das Knüppelhaus. Der Pavillon ist im Grundriss als Kreisausschnitt angelegt, mit überkragendem Dach und einer offenen Fassadenstruktur aus Holzlatten in Analogie zu einem Holzstapel aus "Knüppeln", die Wand des Baukörpers wölbt sich nach außen. Das Knüppelhaus steht über einer großen Wiese mit blaublühenden Wechselflorwellen, der Blick schweift weit hinüber auf den Deister.
Richtung Kurpark steht das neue Birkenhaus auf der Wilhelmshöhe. Auch dieses wird zeitgemäß interpretiert und mit Blick auf das Schlösschen im Kurpark platziert. Zur Betonung des Aussichtspunktes erinnert der Pavillon an ein fernrohrartiges Kaleidoskop, eine dreieckige Form mit Spitzdach. Die thematische Pflanzung Birkenhain wird ins Innere des Birkenhauses fortgesetzt.
Am Übergang zwischen Wald und Wiese, am Panoramaweg gelegen, wartet das neue Borkenhaus, als dritter Staffagebau auf die Spaziergänger:innen. Durch einen schmalen Eintritt geht es in den zylindrischen Holzbau, kreisrunde Öffnungen in Kinderhöhe können beklettert werden, weiter oben dienen sie als Nistkästen für Vögel. Für die Fassadenschalung wird eine mehrlagige Holzschalung vorgesehen, die das Material Borke neu interpretiert. Der Standort des ehemaligen Wilhelmshains musste etwas verschoben werden, aber auch so eröffnet sich ein spektakulärer Blick ins Offene.
Alt und Neu verwoben
Der leicht schwingende Panoramaweg inszeniert unterschiedliche Blickrichtungen und verwebt Kurpark, Landschaftspark und Wiesenpark gestalterisch zu einem zusammenhängenden Erlebnisraum. Er beginnt im Kurpark, leitet weiter hangaufwärts zur Liegehalle, führt am Teich entlang und weiter durch den Landschaftspark und kommt am Borkenhaus hinaus auf die offene Wiesen- und Feldflur. Der Wiesenpark thematisiert die landschaftliche Offenheit und ist somit auch Pendant zum dicht bewaldeten Landschaftspark. Besondere Ausblicke werden zu wegebegleitenden Plätzen mit langgestreckten Bänken eröffnet.
Dem Panoramaweg folgend trifft man auf die historische Bubikopfallee (Kugelahorne aus der Parkerweiterung Anfang des 20. Jhdts.), hangabwärts führt die Allee bis zur neuen Brücke über die B65 und weiter in den Erlengrund.
Hangaufwärts liegen die Erlebniswiese und das Erlebniswäldchen. Das Wäldchen war eine pragmatische Ersatzpflanzung mit sehr homogener Pflanzdichte und Wuchshöhe. Auf schmalen Wegen geht es nun hinein in das dichte Wäldchen, zu verborgenen Lichtungen, auf denen verschiedene Naturerlebnisse thematisiert werden. Es gibt einen Spiegelsaal, ein Waldwohnzimmer, ein Zilpzalpnest. Auf die nebenliegende Wiese wurden drei weitere Kabinette, das Zukunftswäldchen, die Reptilienburg und die Insektenoase gesetzt.
Und wem das noch nicht genug Erlebnis ist, der kann auf der Anhöhe der Wiese auch noch heiraten, ein für die Gartenschau eigens errichtetes Hochzeitszelt macht's möglich.
Der Panoramaweg führt sicher durch das Wäldchen und erreicht den Haupteingang mit großem Gartenschau-Parkplatz. Hier sollte der Spaziergang aber nicht enden, denn der Panoramaweg schwingt sich auf einer barrierefreien Wegeschleife hinauf zur Buchenallee. Farbenfrohe Wiesenfelder mit landschaftlichen Blühaspekten (Fettwiesen) an den Hängen entlang der Wege untermalen das Wechselspiel von sportlicher Dynamik (Spiel- und Sportschlange, Trampoline, Beachvolleyball, DiscGolf, Boule) und naturnaher Erholung – ein Freiraum mit generationsübergreifendem Angebot für angrenzende und zukünftige Stadtteile und Besucher:innen. Lichte Klimabaumgruppen spenden den Sport- und Aufenthaltsbereichen Schatten und unterstreichen mit ihrem wechselnden jahreszeitlichen Farbspektrum die Belebtheit dieses neuen Ortes.
Bad Nenndorf hat zusammen mit der Landesgartenschau weitere wichtige Sanierungen auf die Agenda gesetzt. Neben den Parkanlagen wurden auch die Bahnhofstraße von Grund auf saniert und die Buchenallee erneuert. An der Buchenallee entstand ein großer Wohnmobilstellplatz, der für Wohnmobilist:innen keine Wünsche offen lässt. Die neue Fuß- und Radwegbrücke über die B65 verbindet nun die Bubikopfallee mit dem Erlengrund und weiter in den Deister.
Das Gartenschaujahr eröffnet mit zahlreichen Themengärten im Kurpark, im Sonnengarten und im Wiesenpark. Wechselflor begleitet die Wege im Kurpark und den Panoramaweg mit ganz verschiedenen Themen: dem Schmuckteppich am Kurhaus, der Fuchsien- und Begonien-Show, Mocca und Café au lait, der Fleur d'Amour, dem Dalienhang und vielem anderem mehr. Die Esplanade ist für die großen Veranstaltungen und Konzerte vorbereitet, kleine Bühnen und Events verteilen sich auf das gesamte Gelände, den Tanzplatz, den Waldtempel, den Lesegarten, das Labyrinth. Es wird vielfältige Gastronomieangebote im gesamten Gelände geben und die Blumenhalle öffnet ihre Tore im Kurpark.
Projektdaten
Ideen- und Realisierungswettbewerb 1. Preis 2023
Entwurfsverfasser: hutterreimann Landschaftsarchitektur GmbH, Berlin
Ort: Bad Nenndorf, Niedersachsen
Auftraggeber: Stadt Bad Nenndorf und Landesgartenschau Bad Nenndorf gGmbH
Planung: 9/2023-4/2026
Bauzeit: 8/2024-4/2026
Fläche Freianlagen: ca. 38 Hektar
Landesgartenschau: 29.04.2026 – 18.10.2026
Beteiligte Planer
- Generalplanung und Freianlagen: hutterreimann Landschaftsarchitektur GmbH, Berlin
- Bauüberwachung Freianlagen: RB+P Landschaftsarchitektur, Bauermann Otto Ludwigs Part mbB, Kassel
- Staudenflächen und Wechselflor: Christian Meyer, Berlin
- Pflegekalender: Büro für Garten- und Landschaftsplanung, Klaus-Peter Hackenberg, Berlin
- Architekturen und Ingenieurbauwerke (Waldtempel, Staffagen, Sanitärgebäude): Sauerzapfe Architekten GmbH, Berlin
- Tragwerksplanung: ifb frohloff staffa kühl ecker, Beratende Ingenieure PartG mbB, Berlin
- Verkehrsplanung (Bahnhofstraße, Buchenallee, Wohnmobilstellplatz): ZECH-CON Beratende Ingenieure GmbH, Berlin
- Wassertechnik: ifw Ingenieurbüro für Wassertechnik, Jürgen Fiedler, Kleinmachnow
- Elektrotechnik: DS-Lichtkonzept, Planungsbüro f. Beleuchtungstechnik / Lichtdesign, Elektrotechnik, Innenarchitekten und Elektroingenieure D. Schlangen, Potsdam
- Umweltbaubegleitung: ALAND Landschafts- und Umweltplanung, Engwer & Stegemann Landschaftsarchitekten PartGmbB, Hannover
- Sicherheits- und Gesundheitskoordination: SiGeKo Paderborn e.K., Jörg Niggemeier
Anmerkungen
1 Historischer Gartenspaziergang, Kurpark Bad Nenndorf in alten Ansichten, Hrsg.: Initiativgruppe "Spurensuche" der Schaumburger Landschaft e.V., Autoren: Henning Dormann, Klaus Vohn-Fortagne











