Von Rasen und Wiesen, Säumen und Zäunen und temporären Brachen
Ratschläge zur Anlage und Pflege urbaner Freiräume
von: Dr.-Ing. Florian Bellin-Harder, Dr.-Ing. Frank Lorberg, Prof. Dr. Stefan Körner
Das bedeutet zum Beispiel, dass bei Neuanlagen der Boden eher nicht verbessert, sondern bewusst nährstoffarm gehalten wird, weil die Biomasse, die bei der Pflege anfällt und dann meist "Abfall" ist, minimiert werden soll. Zugleich erzeugt Nährstoffarmut eine intensivere Blüte standortangepasster Staudenbestände.
Verwendung nährstoffarmer Substrate und Einsatz wassergebundener Decken statt Vollversiegelung
Grundsätzlich produziert Nährstoffarmut durch die geringen Pflanzengrößen Artenvielfalt (Körner et al. 2024; Bellin-Harder et al. 2024; vgl. z. B. auch Di Giulio 2016). Auf nährstoffarmen wassergebundenen Decken oder auch in fugenreichem Pflaster kann durch die darauf gedeihende Vegetation außerdem Wasser besser versickern und verdunsten. Es mögen bei Starkregen temporär Pfützen entstehen, die langsam versickern, doch dürfte mittlerweile klar sein, dass Oberflächenwasser nicht sofort über die Kanalisation in die Vorfluter abgeführt werden sollte. Die sich spontan weiterentwickelnde Vegetation passt sich den Standortbedingungen einschließlich der Nutzungen an, wodurch auch Vegetationszonierungen entstehen, die zum Beispiel in Form von Pfaden zu Informationsträgern werden.
In weniger beanspruchten Randbereichen (entlang von Fassaden und anderen Weg-Hindernissen) entstehen wiederum auf mageren Substraten (auch in Fugen) mit Nullanteilen (Korngrößen von 0–32 mm) Säume.
Bei flächiger Ausbildung erinnern sie an nährstoffarme Wiesen und zählen zu den blüten- und artenreichsten sowie zunehmend bedrohten Standorten in der Kulturlandschaft. Derartige Schotterflächen haben aber nichts mit Schottergärten gemein. In unseren Anlagen, etwa dem Goethestern in Kassel, haben sie anfänglich bei der Bevölkerung für Erschrecken gesorgt, doch mit dem Austrieb der Pflanzen für langanhaltende Zufriedenheit.
Obwohl die Vegetation grundsätzlich durch Nutzung stabilisiert wird, entfällt dadurch nicht ein Mindestmaß an Pflege. Wassergebundene Decken müssen zum einen sukzessive möglichst mit dem gleichen Substrat erneuert werden, damit eine zügige Besiedelung durch bisher vorhandene Vegetation möglich ist. Zum anderen müssen Vegetationsbestände an den Rändern je nach Wüchsigkeit einmal oder manchmal auch seltener gemäht werden, wenn sie nicht vor allem bei Nässe in die Wege hängen oder verbuschen sollen, häufig mit Brom- oder Kratzbeere als Pioniere. Somit können für städtische Standorte ansprechende Vegetationsbestände entstehen, die vom gewöhnlichen Bild einer städtischen Brache abweichen und den Eindruck verwahrloster Orte vermeiden.


Diversität von Materialien und Morphologie in Einklang mit den Nutzungen statt Einförmigkeit
Um einer Gleichförmigkeit der Vegetation zusätzlich entgegenzuwirken, müsste bei Bauvorhaben von Beginn an für eine Diversität insbesondere der bewuchsfähigen Orte (Wege, Ränder, Plätze, Parkplätze, Rasen, Beete, Böschungen etc.) mit verschiedenen Oberflächenmaterialien gesorgt werden. Dies ermöglicht nicht nur die quantitative Steigerung des Grünanteils, sondern auch der ästhetisch erlebbaren und funktional sowie ökologisch wichtigen Artenvielfalt, denn es können zum Beispiel in Beeten auch robuste Zierstauden und -sträucher, wachsen, während in Wiesen Wildarten gedeihen.
Wilde Arten können aber auch zusätzlich in Beete zwischen die Stauden gesät werden, was interessante Kontraste ergeben kann. Um möglichst viel von der jeweils möglichen standörtlichen Biodiversität zu erhalten, sollte jeweils lokales Material verwendet werden. Dies minimiert zusätzlich Transportwege. Großes Potenzial steckt auch in Abrissmaterialien und Aushub (humusfreies Material aus dem B-Horizont), die aber bisher eher deponiert als recycelt und genutzt werden.
Gemeinsam mit einer abwechslungsreichen Geländemorphologie (Hügel, Böschungen, Hanglagen, Bruchkanten oder Trockenmauern, Vertiefungen) ergibt sich so ganz nebenbei ein Beitrag zur Erhaltung der lokalen Eigenart. Neben Unterschieden der Licht und Wasserversorgung wird außerdem die Fauna (z. B. Wildbienen) gefördert, die offenbleibende oder leichter offen zu haltenden Stellen besiedelt.
Anlage und Unterhaltung von Vegetation
Wie gelegentlich für die Vegetation der Ränder ist generell für die bodennahe Krautschicht ein regelmäßiger Schnitt unerlässlich, um Gebüsch- und Waldentwicklung kontrollieren zu können. Dieser lässt sich nach vier Mahdrhythmen unterscheiden, die jeweils verschiedene Pflanzengruppen begünstigen (ausführlich Bellin-Harder et al. 2024).
Rasen und Wiesen
Rasen erreichen ähnliche Oberflächentemperaturen wie gepflasterte Flächen und trocknen leicht aus, weil sie nur flach verwurzelt sind. Außerdem verursachen sie einen hohen Energieaufwand und Lärm bei der Pflege. Für Wiesen, deren Pflanzen bis zu einem Meter tief oder sogar mehr wurzeln und deshalb auch besser transpirieren (vgl. Ellenberg 1996: 790), sind nur zwei Schnitte nötig. Sie beschatten auch schon den Boden. Wo nicht gelagert und gespielt wird und die Flächengröße den Einsatz von Mähgeräten zulässt, sollten sie bevorzugt werden.
Für temporäre Veranstaltungen können sie auch zeitlich angepasst kurz vorher gemäht werden, sofern diese mit den Aufwuchs-Zyklen abgestimmt werden können. Relevant für die Artenzahlen bei Pflanzen und Insekten ist, dass klassischerweise der erste Schnitt im Jahr frühestens Ende Mai stattfindet. Danach erfolgt der zweite Schnitt bei Wiesen Ende August. Diese Schnitttermine stammen aus der Futterproduktion, bei der es auf den Eiweißgehalt ankommt.
Auf unseren eher mageren Substraten und ohne landwirtschaftliches Interesse ist ein späterer erster Schnitt im August möglich, wenn alles abgeblüht ist. Es kommt dann zu einer Nachblüte bis zum ersten Frost. Danach erfolgt ein Sauberkeitsschnitt erst im Frühjahr, um Samen für Vögel und Winterquartiere für Insekten zu erhalten. Wenn Geophyten in der Fläche sind, welche wiederum als frühe Nahrung für Wildbienen relevant sind, erfolgt der Schnitt bereits im November zusammen mit der Laubaufnahme.
Zur Nährstoffverringerung und Steigerung der Artenzahlen ist die Abfuhr des Schnittgutes prinzipiell nötig (Umstellung auf aufnahmefähige Geräte und eine Entsorgung oder eigene Kompostierung). Ist Rasen wegen intensiver Nutzung unumgänglich, lässt sich noch ein Blumen- oder Kräuterrasen entwickeln, dessen Schnittgut ebenfalls abtransportiert werden muss, um die Bildung von Grasfilz zu vermeiden. Wird der Schnitt ausschließlich nach Aufwuchshöhe durchgeführt statt nach Termin, haben mehr Arten Entwicklungschancen.



Säume entlang von Gebäuden, Mauern, Gehölzen (Hecken), und Zäunen
In Kombination mit anderen Strukturen, wie fugenreichem Pflaster, wassergebundenen Decken, Bäumen und Sträuchern, sind Säume zentral für die Durchgrünung dicht bebauter Bereiche. Wenn sie aus Kraut- und Staudenbeständen bestehen, sind sie auch nicht so attraktiv als Hundeklos, denn Hunde bevorzugen kurzen Rasen. Allerdings soll nicht verschwiegen werden, dass derartige Bestände durch ihre erhöhte Oberflächenrauigkeit Abfälle (Papier, Folien usw.) "einfangen" können, weshalb deren Entfernung vor der Mahd notwendig ist, um erhöhte Entsorgungskosten zu vermeiden.
Die Säume können auch, wenn die Fassaden und Mauern dafür geeignet sind, zur Anlage bodengebundener Wandbegrünungen dienen (s. u.). Versehen mit zusätzlichen einzelnen Sträuchern oder gar Bäumen, ergibt sich eine sehr diverse und damit artenreiche Struktur auf engstem Raum, welche die Aufenthaltsqualität gestalterisch und kleinklimatisch sowie für Tiere erhöht.
Im Zuge langfristig unvermeidlicher Nährstoffakkumulation (je nach Eintrag und Exposition zwischen zehn und 20 Jahre) in urbanen Freiräumen durch Hundekot, Laub, Müll und Luftstickstoff steht irgendwann auch auf den zunächst mageren Substraten die Entscheidung an, sich zwischen einem zweiten Schnitt oder der Entfernung des inzwischen humosen Boden-Horizontes zu entscheiden. Es wird in jedem Fall zu einer Veränderung der Artenzusammensetzung kommen und sich im Fall von Bodenabtrag die Frage geeigneter Entsorgung und eines Neueintrags von Saatgut stellen.
Nährstoffanreicherung tritt überdies schneller in absonnigen Lagen ein, wo dann im Verlauf von Jahrzehnten nitrophile Säume unter anderem mit Brennnessel entstehen können. Toleriert man sie punktuell, profitieren davon etwa zahlreiche Prachtfalter des Siedlungsraums. Auch hier können noch blühende Wildarten oder Zierstauden ergänzt werden.
Temporäre Brachen
Die Vegetation der Säume und Hochstaudenfluren bietet sich auch für wenig genutzte Flächen an. Zur Erhaltung der Diversität würde am besten eine Annäherung an den erwähnten Schnitt von mageren Wiesen erfolgen, also bei uns an der Universität im August in den Semesterferien und im Winterhalbjahr. Wichtig ist, dass die Maßnahmen auf einer Fläche immer regelmäßig und beim gleichen physiologischen Entwicklungsstand der Vegetation durchgeführt werden. Bei einer selteneren oder unregelmäßigen Mahd kommt es zur Dominanz einzelner Arten wie Beifuß und zu Gehölzaufwuchs. Letzterer wird ausgegraben oder in einzelnen Fällen zu Sträuchern oder Bäumen herangezogen.
Begrünung von Dächern, Wänden, Mauern und Zäunen
Übliche Orte für eine zusätzliche Begrünung sind vor allem Dächer. Extensive Begrünungen sind zwar technisch ausgereift, leisten aber für die Artenvielfalt gemessen am Aufwand relativ wenig und tragen auch kaum zur Kühlung im Freiraum bei, weil der Effekt vor allem oberhalb der Dächer wirksam wird. Gleichwohl spielen sie eine Rolle, zum Beispiel in Höfen oder bei der Verzögerung von Wasserabflüssen nach Starkregenereignissen.
Für den thermischen Komfort in den Freiräumen werden dagegen Wandbegrünungen wichtiger. Wo möglich, sollten daher in Süd- und Ostlagen die Säume an Gebäuden mit selbstklimmenden oder an Drähten oder Gerüsten gezogenen Pflanzen ergänzt werden.
Die konkrete Pflanzenauswahl ist dabei sehr wichtig. Problematische Arten wie Efeu sind nur an unversehrten Mauern zu empfehlen.
Allerdings gibt es auch große Widerstände gegen Fassadenbegrünungen, weil die Angst vor Kontrollverlust, Brandgefahr und erhöhtem Pflegeaufwand groß ist. Wilder Wein wächst zum Beispiel zwar tatsächlich sehr stark, mittlerweile existieren aber auch schwachwüchsige, schmal oder breitwachsende Sorten.
Gerade die schwachwachsenden Formen sind hervorragend für die Begrünung von Mauern und die vielen uniformen Stahlmattenzäune geeignet. Bei Zaunbegrünungen muss man bedenken, dass Efeu oder Feldrose nicht von allein in diesen wachsen, sondern eingeflochten werden müssen. Die Zäune können sich dann quasi in schmale formstabile Hecken verwandeln, ohne dass man sie zweimal im Jahr schneiden muss.
Technisch aufwändige Lösungen der Fassadenbegrünung, wie Living Walls oder vorgehängte oder -gestellte Trogsysteme, können zwar üppig bepflanzt werden und suggerieren umfassende technische Beherrschbarkeit. Sie erzeugen aber einen hohen Ressourceneisatz und sind störanfällig, also letztlich wenig nachhaltig.



Bäume
Laubbäume sind die wichtigste Option der Kleinklima-Regulation. Ihre zahlreichen weiteren Vorzüge (Schattenwirkung, jahreszeitlich variierende Gestaltaspekte, vielfältige Habitate) müssen hier nicht weiter ausgeführt werden. Bei Quartiersentwicklungen müssten allerdings die Baumstandorte unbedingt von Anfang an in ausreichendem Umfang mitbedacht werden, was erneut für prinzipiell vegetationsfähige Substrate und eine wohl überlegte Freiraumzonierung mit möglichst durchgehenden Vegetationsstreifen und vor allem für gut überlegte unterirdische Leitungstrassen spricht.
Vom Alten für das Neue lernen
Vor allem die Ränder von Plätzen und entlang von Gebäudekanten könnten in sehr vielen Stadtquartieren entsiegelt und mit struktur- und artenreicher Vegetation ergänzt werden. Wichtig ist auch im Hinblick auf den Wasserhaushalt und die Vegetationsfähigkeit der Freiräume die Oberflächengestaltung. Derartige Ränder fanden sich früher in vielen Dörfern und Städten, bevor Asphalt massenhaft zur Anwendung kam. Eine differenzierte Materialverwendung für Wege unterschiedlicher Beanspruchung und möglichst geringe Versiegelung fand sich ursprünglich auch in den für ihre Lebensqualität beliebten gründerzeitlichen Quartieren.
Prinzipiell sollte bei Verschleiß und kleineren Materialschäden im Interesse der Nachhaltigkeit immer auf die Erneuerung des Bestehenden statt auf Neubau gesetzt werden. Wenn sich aber durch die Abnutzung von Asphaltdecken die Möglichkeit einer Entsiegelung anbietet, sollte von einem vollständigen Materialersatz abgesehen werden, denn der tragfähige Unterbau von Pflaster- und Asphaltdecken eignet sich sehr gut dafür, auch eine wassergebundene Deckschicht einzubauen. Diese kann zusätzlich unmittelbar durch eine Einsaat begrünt werden.

Resümee zur Grünplanung und -pflege in der Stadt
Letztendlich reduziert sich bei dem geschilderten Ansatz die Pflege der Vegetation im Grundsatz auf einfach durchzuführende Schnittmaßnahmen. Man sollte die Entwicklung stets beobachten (Monitoring), vor allem in Zeiten des Klimawandels, weil sie sich durch die natürliche Sukzession immer wieder verändert. Darauf kann dann selektiv oder mit veränderten Eingriffszyklen reagiert werden.
Man kann einfache Pflegeregeln aufstellen, sollte diese aber nicht schematisch, sondern dem Entwicklungsstand angepasst befolgen. Müssen aber Schnitttermine fest vorgegeben werden, weil etwa eine Wiesenmahd durch Firmen erledigt wird, dann ist das in seinen Auswirkungen immer noch weniger schlimm als die Mulchmahd, die nicht nur den lebenden Pflanzenbestand abdeckt, sondern auch den Müll anreichert.
Ein derartiger Ansatz ist, das dürfte deutlich geworden sein, zunächst funktional ausgerichtet und weder künstlerisch, wie häufig in der Pflanzenverwendung, noch ausschließlich naturschützerisch orientiert. Und dennoch wird versucht, ästhetische Interessen und solche des Artenschutzes auch im Sinne des qualitativen Naturerlebens zu berücksichtigen und entsprechende Kompromisse einzugehen.
Dabei werden städtische Freiräume weder mit Gartensituationen verwechselt, sodass intensiv zu pflegende Vegetationsbestände angelegt werden, letztlich also Beete, noch mit landschaftlichen Räumen (selbst wenn innerhalb der politischen Grenzen von Städten häufig Wälder oder Kulturlandschaftsteile enthalten sind). Schließlich geht es darum, den Naturcharakter der Stadt standort- und nutzungsbezogen vielfältig zu entwickeln und nicht Landschaft nachzuahmen.
Literatur
- Bellin-Harder, F.; Körner, S.; Lorberg, F. 2024: Hinweise zu Entwicklung und Pflege verschiedener Hochschulstandorte der Universität Kassel auf Basis von Erhebungen zur Flora und Fauna. In: F. Bellin-Harder (Hrsg.): Landschaft und Vegetation. S. 797–832. Bielefeld.
- Di Giulio, M. 2016: Förderung der Biodiversität im Siedlungsgebiet. Bern.
- Ellenberg, H. 1996: Vegetation Mitteleuropas mit den Alpen. Stuttgart.
- Körner, S.; Bellin-Harder, F.; Harrer, M. 2024: Die Wildbienenfauna auf dem Universitätscampus Kassel: Bedeutung dynamisch entwickelter Freiflächen für urbane Wildbienenvielfalt. Philippia 19/1: 19–30. Kassel
Anmerkung
Die bezeichneten Orte auf dem Campus des Holländischen Platzes, Uni Kassel, lassen sich auf einer veröffentlichten Karte des Fachgebiets zuordnen: stadtundgruen.de/q/
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